Nawal El Saadawi

NawalIch war 13 oder 14, als ich zum ersten Mal Woman at Point Zero von Nawal el Saadawi las, und es hat meine Sicht auf die Welt und auf Frauen insbesondere nachhaltig geprägt. Es ist die Biographie der Hure Firdaus, die ihren Freier ersticht und im Gefängnis, während sie auf ihre Hinrichtung wartet, ihre Geschichte erzählt..

Vor drei Monaten feierte Nawal El Saadawi ihren 74. Geburtstag und sie hat bis heute weder an Kampfgeist noch an Bedeutung verloren.

I am becoming more radical with age,“ sagt sie dem “Guardian” in einem Interview, „I have noticed that writers, when they are old, become milder. But for me it is the opposite. Age makes me more angry.“

Und das will etwas heißen, denn wütend ist sie schon eine lange Zeit. Als sie sechs war, kam die Daya, eine Hebamme, nachts in ihr Zimmer und beschnitt sie mit einer Rasierklinge. Es sei der Wille Gottes, erklärte ihr die Hebamme und ließ sie allein in einer Blutlache zurück. In ihrem Buch Daughter of Isis beschreibt sie, wie sie sich noch Monate später fragte, ob die Hebamme wohl eines Nachts wiederkommen würde, wie viele andere Teile von ihr Gott wohl nicht gefielen und die deswegen auch noch abgeschnitten werden müssten.

Sie wuchs in der ägyptischen Mittelklasse auf und sollte eine sog. Child Bride sein (es war damals vollkommen normal in Ägypten, Mädchen mit 10 oder 11 zu verheiraten und durch die zunehmend schlechte wirtschaftliche Lage des Landes kommt das auch heutzutage wieder häufiger vor), weigerte sich aber, indem sie ihre Zähne schwarz anmalte und heißen Kaffee über die Anwärter schüttete. Später studierte sie Medizin und heiratete noch während dem Studium ihren ersten Mann, Ahmed Helmi, mit dem sie eine Tochter hat. Es folgten ein Anwalt und ein Schriftsteller, Sherif Hetata, mit dem sie noch einen Sohn bekam, aber alle drei Ehen gingen in die Brüche.

Nawal braucht Freiräume, die ihr weder die Männer noch Ägypten geben konnten. Als Ärztin hat sie die sozialen Missstände des Landes kennengelernt. Nach der Veröffentlichung ihrer Studie über die sexuelle Sozialisation der ägyptischen Frau erhält sie in ihrem eigenen Land Publikationsverbot  und ist gezwungen, ihre zahlreichen Bücher im Libanon verlegen zu lassen.

1981 wird sie für ihre feministischen und systemkritischen Äußerungen unter Präsident Anwar as-Sadat verhaftet, jedoch einige Monate später nach dem Amtsantritt von Husni Mubarak wieder freigelassen.  Die Zeit im Gefängnis nutzt sie, um ihre Memoiren From the Women‘s Prison zu schreiben, auf mehreren Rollen Toilettenpapier schreibt sie mit einem Augenbrauenstift, den eine Mitgefangene in ihre Zelle schmuggeln konnte. In den 90ern wollte man ihr die Staatsbürgerschaft entziehen, daraufhin verließ sie Ägypten und lebte drei Jahre lang in Atlanta im Exil.

7162dbe2-0561-40cd-9ada-0adba7e9911dAls Simone de Beauvoir der arabischen Welt wird sie bezeichnet, über 50 Bücher von ihr oder über sie sind erschienen, die „Entschleierung der Köpfe“ ist das Thema ihres Lebens. Sie kämpft ihr Leben lang schon an vielen Fronten, doch ihr Hauptgegner war immer der islamische Fundamentalismus. Generationen von Frauen in der arabischen Welt haben ihre Bücher gelesen (oft heimlich eingeschmuggelt, Studentinnen haben Wort für Wort  abgeschrieben, um ihre Texte weitergeben zu können) und sicher haben die Bücher auch ihre Leben verändert.

Die feministische Bewegung im arabischen Raum definiert sich nicht über unsere Vorstellung von Feminismus, dort heißt sie tahrir, das bedeutet Befreiung. Es ist ein anderer Feminismus als im Westen, das hat Nawal immer wieder betont, auch wenn Frauen aus dem Westen immer wieder versuchen, ihre Form der Frauenbewegung zu exportieren und dem Nahen Osten aufzuzwingen. In den arabischen Ländern ist es vor allem auch ein Kampf gegen die Allmacht der Religion, den Nawal in ihren Büchern immer wieder aufgreift. In ihrem Stück God resigns in the Summit Meeting wird Gott zum Beispiel von jüdischen, muslimischen und christlichen Propheten verhört und dankt schließlich ab.

Gott hat sie aufgegeben, aber sie ist noch da, immer noch kraftvoll, immer noch brillant, immer noch zornig. Und ihre Bücher sind es auch.

 

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The Hidden Face of Eve: Women in the Arab World (Taschenbuch)


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