„Du bist so hübsch“ und andere Dinge, die wir zu unseren Töchtern nicht sagen sollten

Zitat YoungIch habe zwei Töchter und sie sind (wie Ihre vermutlich auch) einfach anbetungswürdig schön, süß, niedlich, hübsch… und welche Adjektive wir sonst noch bei Mädchen benutzen, doch das würde ich ihnen nie sagen. Ja, Sie haben richtig gehört. Meine Töchter sollen in einem Umfeld aufwachsen, in dem sie so lange wie möglich von Diäten, Push-up-BHs, gefärbten Haaren, hohen Schuhen, Faltencremes, Botox oder Anti-Zellulite-Creme-Werbungen verschont bleiben. Unter all diesen Dingen leiden wir Erwachsene schon genug, und seltsamerweise glauben wir, das Mantra, das die nächste Frauengeneration vor ihren Selbstzweifeln retten wird, sei, unseren Töchtern ständig zu sagen, wie hübsch sie sind, doch das genaue Gegenteil ist der Fall: damit stärken wir nicht ihr Selbstvertrauen, sondern ihren Fokus auf ihr Aussehen. Je öfter Ihre Tochter von Ihnen bestätigt bekommt, wie hübsch sie ist, desto häufiger wird sie diese Bestätigung auch als Erwachsene suchen. Den Druck, einem Ideal entsprechen zu müssen, bereits ins Kinderzimmer zu bringen, macht das Leben unserer Töchter nur schwerer. Stattdessen sollten wir unseren Mädchen vielmehr vermitteln, dass es keine Rolle spielt, wie sie aussehen, dann besteht auch kein Grund, es zu thematisieren, denn je mehr wir das tun (selbst auf positive Art und Weise), umso mehr wird ein Schwerpunkt darauf gelegt. Und wollen Sie wirklich Ihre Töchter mit dem Bedürfnis, von anderen schön gefunden zu werden, hinaus in eine Welt schicken, deren Definition von „schön“ nie eingeschränkter und enger war als im Moment? Ich will, dass meine Töchter wissen, dass es egal ist, was ich (oder Sie, oder irgendjemand sonst) über ihr Aussehen denken.

Töchter zu erziehen ist tricky; im Vergleich zu meinem Sohn sind sie eine Herausforderung, an der ich das Gefühl habe, täglich zu scheitern. Mein Sohn wächst in einer Gesellschaft auf, in der ihm an jeder Ecke zugerufen zu werden scheint, dass er als junger weißer Mann die Welt regieren kann: alles ist möglich, think big, erfüll dir deinen Traum, greif nach den Sternen…. Meine Töchter wachsen nicht in dieser Realität auf, ich muss sie für sie erschaffen.

Richard Weissbourd, Psychologe in Harvard und Leiter des Making Caring Common“-Projektes, überprüfte im Rahmen einer Studie, inwieweit Vorurteile die Erziehung beeinflussen. Er kam zu dem erschreckenden Ergebnis, dass die schwerwiegendsten Vorurteile das Geschlecht betreffen, und war schockiert darüber, wie „geschlechtslastig“ die Wahrnehmung unserer Kinder ihrer Umgebung ist, also wie gezielt feminin und maskulin sie von uns erzogen werden.

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Für seine Studie interviewte er hunderte Teenager und die Zahlen sprechen für sich: 23% der Mädchen und 40% der Jungen haben mehr Vertrauen in männliche politische Führer, während nur 8% der Mädchen und 4% der Jungen weibliche bevorzugen würden. 35% aller Befragten hätten später lieber einen männlichen Vorgesetzten, nur 23% der Befragten einen weiblichen (sowohl die Jungen wie auch die Mädchen). Dagegen scheinen sich aber sowohl Jungen wie auch Mädchen darüber einig zu sein, dass Frauen besser Kinder erziehen können. Wer seine ganze Studie sehen will, kann das hier tun.

Bias can be a powerful — and invisible — barrier to teen girls’ leadership,” sagt Weissbourd und hat damit natürlich Recht. Unmerklich beeinflussen wir täglich durch tausend scheinbare Banalitäten die Art und Weise, wie unsere Töchter uns (und sich selbst) sehen und wie unsere Söhne Frauen definieren. Theoretisch an Gleichberechtigung zu glauben ist keine Hilfe, wenn wir praktisch täglich etwas anderes vorleben.

Hier ist eine kurze Checkliste, worauf man als Elternteil achten kann/sollte:

1. Die eigene Vorbildfunktion überprüfen
Haben Sie klare Vorstellungen, was weiblich und männlich ist? Ist Ihre Tochter im Ballett und Ihr Sohn spielt Fußball? Spielt Ihre Tochter mit einem Puppenwagen und Ihr Sohn mit einem Traktor? Kümmert sich in Ihrer Familie die Mutter um Haushalt und Kindererziehung während der Vater der Brötchenverdiener ist und die handwerklichen Sachen erledigt? Sagen Sie ihrem Kind oft, dass der Papa ja soo schwer für die Familie arbeitet, während es sie meist auf einer Bank am Spielplatz mit anderen Müttern Kaffeetrinken sieht? Wer sitzt bei Familienausflügen mit dem Auto hinterm Steuer? Wer bezahlt im Restaurant? Und haben Sie sich je überlegt, wie all diese Dinge unbewusst von Kindern interpretiert und abgespeichert werden?

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2. Das eigene Zuhause zur geschlechtsneutralen Zone erklären
Durch Werbung, Medien (und in nicht unbeträchtlichem Maße durch eine Menge Blödmänner auf der Welt) lässt es sich selbstverständlich nicht vermeiden, dass Kinder früh mit Geschlechterklischees konfrontiert werden. Umso wichtiger ist, dass sie im familiären Umfeld nicht-existent sind. Mädchenzimmer müssen nicht rosa sein, brauchen keine Puppenküche, Bilder von Elfen, Feen oder  Prinzessinnen und Gerüchten zufolge soll man sogar ohne Disney-Filme überleben können. Nicht jeder Junge muss, sobald er aufrecht sitzen kann, einen Werkzeuggürtel umgeschnallt bekommen, mit Autos spielen und Star Wars anschauen. Wir glauben, dass die Kinder sich das selbst ausgesucht haben, aber in Wahrheit ist es so, dass wir Jungen und Mädchen vollkommen unterschiedliche (und leider geschlechtsspezifische) Auswahlmöglichkeiten geben. Wenn Kinder wirklich frei wählen könnten (und vor allem auch das Gefühl haben, dass ihre Wahl rückhaltlos akzeptiert wird und nicht der Vater die Augen verdreht, wenn der Sohn lackierte Fußnägel hat und Kochen lernen will oder für die Mutter keine Welt zusammenbricht, wenn ihre Prinzessin lieber in den Schachclub eintritt als Häkeln zu lernen), dann wären wir oft überrascht über die Entscheidungen, die unsere Kinder treffen, wenn sie nicht befürchten müssten, unsere geschlechtsabhängigen Erwartungen nicht zu erfüllen.

3. Seinen Kindern helfen, stereotype Rollenverständnisse aufzubrechen
Es mag sein, dass Sie (sei es, weil Sie von Ihrer Mutter ebenso geschlechtsspezifisch erzogen wurden wie sie wiederum zuvor von ihrer Großmutter oder weil es tatsächlich Ihrem Naturell entspricht) klischeetechnisch das volle Programm für Frauen fahren. Sie wissen schon: Tischdeko-Bücher, Blumenarrangements, „Schöner Wohnen“ auf dem Couchtisch, Designer-Handtaschen an der Garderobe, keine Kohlehydrate am Abend, Coffee to go, „Ach du, ich bin am Abend zur Zeit immer so platt, aber sonst gerne mal wieder ein Mädelsabend“…. Jedem das Seine. Aber vermitteln Sie Ihrer Tochter bitte nicht, dass das von der Natur so vorgesehen oder „normal“ (und in der Konsequenz also alles andere „unnormal“) wäre. Erwähnen Sie Frauen, die andere Lebensentwürfe, Neigungen, Karrieren, Interessen oder Lebensmittelpunkte haben als Sie immer positiv, um ihrer Tochter zu vermitteln, dass es eine große Bandbreite an erfüllten Frauenleben gibt und nicht nur das in der Familie vorgelebte das einzig Wahre ist. Denken Sie an alles, was Sie an Ihrem Mann so stört: wenn er nicht kochen kann, zu Wutausbrüchen neigt, unkommunikativ ist…. – dann liegt das in aller Regel daran, dass er von seiner Mutter so erzogen wurde. Machen Sie es bei Ihrem Sohn anders. Fordern Sie ein, dass er sich im Haushalt beteiligt, angeblich „weibliche“ Pflichten übernimmt, bringen Sie ihm Stricken und Kochen bei, ermutigen Sie ihn, über seine Gefühle zu sprechen und seine Schwestern mit Respekt zu behandeln. Ihr Mann wird das vielleicht nicht zu schätzen wissen, die zukünftige Frau Ihres Sohnes aber auf jeden Fall.

4. Kein „Jungs sind eben so“ oder ähnliches

Selbst bei Pädagogen habe ich oft miterlebt, wie vorurteilsbeladen ihre Erziehungsmethoden von Mädchen und Jungen sind. Als mein Sohn im Kindergarten war, und jeden Tag irgendwelche blaue Flecken von Prügeleien mit anderen Jungs, Bissspuren oder sogar einmal eine Platzwunde am Kopf mit nach Hause brachte, weil er und zwei seiner Freunde sich mit Kastanien beworfen hatten, beschränke sich der Kommentar der Erzieher meist auf ein „Jungs sind einfach wild“ oder ähnliches. Als meine Tochter in den Kindergarten kam, dauerte es keine 2 Wochen, bis ich zu einem Elterngespräch geladen wurde und mir die früher so gleichgültige Erzieherin meines Sohnes nun mit bitterernster Miene riet, mit meiner Tochter ein ernstes Wörtchen zu reden, weil sie ein anderes Mädchen geschubst hatte. Als wir an diesem Tag den Kindergarten verließen, beugte sie sich sogar noch einmal zu ihr herunter, strich ihr übers Haar und meinte konspirativ „Du willst doch nicht so ein wilder Junge sein wie dein Bruder!“

Von Mädchen wird mehr Mitarbeit im Haushalt, besseres Benehmen, adretteres Aussehen, höflicheres Auftreten, Nachgeben bei Auseinandersetzungen und generelle Zurückhaltung erwartet. Mädchen sind immer gleich ungezogen, wo Jungs einfach lächelnd „echte Jungs“ genannt werden. Damit tun Sie keinem Geschlecht einen Gefallen.

5. Selbstbewusstsein und Führungsfähigkeiten bei Mädchen bewusst fördern
Es reicht nicht, dass Sie Ihrer Tochter nie verboten haben, in Baggy-Hosen rumzulaufen, Football oder Schlagzeug zu spielen, Karate zu machen oder den Leistungskurs Physik zu nehmen – haben Sie sie je bewusst dazu ermutigt? Die Zeiten, in denen wir nur Söhnen erlaubt haben, auf weiterführende Schulen zu gehen, sind zwar Gott sei Dank vorbei, aber nach wie vor legen Eltern weniger Wert auf die akademische Ausbildung ihrer Töchter, frei nach dem Motto „Sie wird ja sowieso heiraten und ist dann versorgt“. Ein Studium „lohnt sich ja nicht“ wenn man bedenkt, dass sie nach ein paar Jahren im Beruf ohnehin schwanger wird und ihn dann aufgibt, so die Ansicht vieler. Es ist aber eben deswegen wichtig, Töchtern zu vermitteln, dass sie in allen Bereichen ihres Lebens eine freie Wahl haben. Sie müssen nicht heiraten, sie müssen nicht dünn sein, sie müssen keine Kinder bekommen, sie müssen keine Kostümchen tragen, sie müssen keine halben Tage auf Pinterest verbringen, sie müssen nicht „brav“ sein, sie müssen nicht hübsch sein. Sie haben das Zeug dazu, alles zu tun, was unsere Söhne auch tun können, sie wissen es nur nicht – deswegen ist es wichtig, dass wir es unseren Töchtern UND unseren Söhnen sagen, damit beide Geschlechter in dem Wissen aufwachsen, dass es keinen wertigen Unterschied zwischen ihnen gibt.

No-Gos:

  • „Das ist eine wichtige Entscheidung, da müssen wir den Papa fragen.“
  • „Kannst du das bitte schnell für deinen Bruder aufwischen, Mädchen können das doch viel besser!“
  • „Nein, die Mama isst nicht mit, ich will noch ein bisschen abnehmen, um im Urlaub in meinem Bikini schick auszusehen.“
  • „Nicht weinen, du bist doch ein tapferer Junge, du willst doch nicht weinen wie ein Mädchen!“
  • „Mach bitte dein Kleid nicht schmutzig!“
  • „Gib den Bohrer lieber deinem Bruder, lass ihn das machen, ehe noch was passiert!“
  • „Du bist wunderhübsch, du wirst später mal allen Jungs den Kopf verdrehen!“
  • „Musst du dich so zurechtmachen? So wird sich nie ein Junge für dich interessieren.“
  • „Kurze Haare? Dann denken doch alle du bist ein Junge!“ (oder bei den Jungs „Lange Haare? Dann halten dich doch alle für ein Mädchen!“)
  • „Trag doch nicht immer nur Jeans, du bist doch ein Mädchen!“
  • „Nein, die Raketenstation von Lego City ist doch für Jungs, willst du nicht lieber das Prinzessinnenschloss von Lego Friends, das ist für Mädchen!“


Jedes Jahr feiert der Kindergarten meiner Kinder ein „Oktoberfest“, bei dem die Kinder Sachen anziehen, die Nicht-Bayern als „Tracht“ definieren. Meine kleine Tochter wollte dieses Jahr in den alten Lederhosen ihres großen Bruders gehen, weil sie kein Dirndl-Fan ist. Als ich sie mittags abholte, erzählte sie mir, wie alle Jungs sie ausgelacht hatten. „Die sagten dauernd Mädchen tragen doch Dirndl! Bist du etwa ein Junge? zu mir“, berichtete sie wütend. Ich seufzte über ihren Schmerz. Eine feministische Mutter zu sein ist oft hart, und weil es manchmal sogar fast unmöglich ist, fragte ich:„Willst du morgen mal dein Dirndl anziehen?“ Doch eine feministische Tochter zu sein ist manchmal vielleicht einfacher als befürchtet, denn sie meinte empört: „Was? Auf keinen Fall. Ich ziehe morgen wieder die Lederhosen an, jetzt erst recht!“ Und so war es am nächsten Tag auch. Und natürlich habe ich nicht vergessen, ihr zu sagen, wie stolz ich auf sie bin.

Ich wünsche meinen Töchtern, dass sie viele Dinge werden, und wenn „schön“ darunter ist, dann soll es mir recht sein, aber sie werden selbst definieren, welche Art der Schönheit die ihre ist, niemand sonst.

Und was den Kindergarten betrifft: die sind Kummer von uns gewöhnt, mein Sohn ist mit vier auch mal als Prinzessin mit blutigem, abgenagtem Arm zu einer Halloweenparty gegangen…….

 


 

Your Daughter’s Bedroom: Insights for Raising Confident Women (Gebundene Ausgabe)


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