Shatila – Slum-Tourismus und Flüchtlingssafari im Libanon

Vor über 30 Jahren wurde das palästinensische Flüchtlingslager Shatila im Herzen von Beirut über Nacht berühmt wegen des Massakers libanesisch-christlicher Milizen, bei dem mehrere tausend Palästinenser ums Leben kamen, unter ihnen viele Frauen und Kinder. 1949 gebaut für ursprünglich nur dreitausend Menschen, führen dort jetzt etwa zwanzigtausend Schutzsuchende ein mehr als bescheidenes Leben. Shatila war bereits „voll“, bevor die große Welle aus Syrien kam. Strom gibt es nur ab und zu, das säuerliche Wasser aus den alten Leitungen kann man nicht trinken. Weil es sich mitten in Beirut nicht flächig vergrößern konnte, ist Shatila im Lauf der Jahre in die Höhe gewachsen, die fragilen Bauten scheinen den  instabilen Zustand des Staates widerzuspiegeln.

ShatilaÜber eine halbe Million Palästinenser lebten bei Kriegsausbruch in Syrien und führten dort ein gutes, gleichberechtigtes Leben mit den Einheimischen. Nach ihrer Flucht in den Libanon hat sich das schlagartig geändert. Den palästinensischen Flüchtlingen ist es z.B. verboten, Eigentum im Libanon zu erwerben. Es gibt auch Gesetze, die ihnen die Ausübung von über 70 Berufen  verbieten, was im Grunde bedeutet, dass sie sich niemals außerhalb der Lager selbst versorgen können. Wer im Lager ist (im Libanon gibt es zwölf palästinensische Flüchtlingslager), dem ist vollkommen klar, dass er hier bleiben wird, dass er keinerlei Perspektive hat.

Die palästinensischen Lager im Libanon sind selbstverwaltet, d.h. die libanesische Regierung fühlt sich in keiner Weise für sie zuständig. Palästinensische Flüchtlinge haben keinerlei staatsbürgerliche Rechte und nur sehr eingeschränkte Freiheiten. Auch mit ihrer medizinischen Versorgung oder Ausbildung will der Staat nichts zu tun haben. Theoretisch sollte sich das UN-Hilfswerk UNRWA darum kümmern, doch es bekommt immer weniger Geld zur Verfügung gestellt. Immer öfter sterben palästinensische Flüchtlinge, weil sie in den Gesundheitszentren nicht rechtzeitig  behandelt werden und sie die Kosten einer Behandlung in einer libanesischen Klinik nicht aufbringen können. Auch Lebensmittel bekommen die palästinensischen Lager nur von UNRWA, dem Internationalen Roten Kreuz und… – der Hisbollah. Ja, richtig gelesen. Die Hisbollah führt seit Jahren ein ganzes Netzwerk sehr straff organisierter Charity-Einrichtungen, die das Image der islamischen Bewegung aufpolieren sollen. Ihre Spendenlieferungen bezeichnen sie als „Geschenk des islamischen Widerstands“. In den Lagern entwickelte sich das im Lauf der Jahre mit der wachsenden Involvierung der Hisbollah im Syrienkrieg zum immer größeren Problem: Während Hisbollah-Geschosse in Syrien auch Palästinenser treffen, sähen  viele palästinensische Flüchtlinge im Libanon es als Verrat an den Landsleuten an, wenn sie im Libanon Hisbollah-Hilfslieferungen annähmen.

shatila_mapWas Shatila von anderen palästinensischen Lagern im Libanon unterscheidet, ist das „Guest House“, das zum Jugendzentrum im Lager gehört. Theoretisch soll es für freiwillige Helfer zur Verfügung stehen, praktisch wohnen dort aber Touristen, die für 15$ pro Nacht einmal die Erfahrung „Leben wie im Flüchtlingslager“ machen wollen, damit sie zuhause etwas zu erzählen haben.

Two friends, they used to come [to visit CYC], and they said ‚Why don’t you establish a guesthouse, and the guesthouse can make an income for the centre and those [guests] can try a night in Shatila, because everybody hears Shatila is dangerous, dirty, not safe, this and that. So let them have an experience and try it“, rechtfertigt der CYC Direktor Abu Moujahed in einem Interview.

Leid als Touristenattraktion, Flüchtlinge beobachten wie sonst die Pinguine im Zoo. „Kulturellen Austausch“ nennt Moujahed das, wenn Slum-Touristen aus dem Westen durch die Lager gehen und Flüchtlinge fotografieren und nach zwei Nächten in dem vergleichsweise luxuriösen Guest House mit 16 Betten verteilt auf 5 Zimmer glauben, sie wüssten jetzt, wie es ist, in Shatila zu leben. Einem Palästinenser hat es immerhin zu einem Job verholfen, denn er fährt die Gäste mit einem alten Toyota (Taxifahren gehört zu den Berufen, die für Palästinenser verboten sind) ins Camp. Gott sei Dank ist das Gästehaus in Shatila noch weitestgehend unbekannt (bislang hat es nur zwischen 40-80 Gäste im Jahr, liegt also weit unterhalb seiner Kapazitäten), doch Armut-Safaris sind groß im Kommen, auf der ganzen Welt. Mittlerweile werden in Rio Bustouren durch die Slums öfter gebucht als die zum Zuckerhut. Und wenn man dabei ein mitfühlendes Gesicht macht und Schokoriegel an die Kinder verteilt, hat man auch gar kein schlechtes Gefühl mehr. Im eigenen Land wollen wir sie zwar nicht haben oder sehen, aber in freier Wildbahn würden wir die Spezies Flüchtling gerne beobachten und vor allem für Facebook fotografieren.

In Shatila selbst wird die Lage für die Flüchtlinge in der Zwischenzeit immer aussichtsloser. Der Libanon war eine lange Zeit nahezu das einzige Zufluchtsland für Palästinenser: Jordanien verweigert ihnen die Einreise, der Irak ist wegen ISIS keine Option und immer wieder berichten Flüchtlinge, dass sie auch an der türkischen Grenze abgewiesen werden. Das Volk, das niemand haben will. Mittlerweile sind auch die Grenzen des Libanons dicht, Palästinensern ist die Einreise nur erlaubt, wenn sie nachweisen können, dass sie auf der Durchreise in ein Drittland sind und sich nicht länger als acht Stunden auf libanesischem Boden aufhalten werden. Das führt dazu, dass immer mehr Illegale heimlich über die Grenze kommen und sich dann (zusätzlich zu allen anderen Problemen) auch noch vor den Behörden verstecken müssen. Die Palästinenser, die schon vor Jahren in den Libanon geflohen sind, müssen jetzt monatlich ihre Aufenthaltserlaubnis erneuern lassen, was umgerechnet etwa 33$ kostet und für die große Mehrheit der Flüchtlinge unerschwinglich ist. Auch diese müssen illegal im Land bleiben und haben als solche nicht einmal mehr Zugang zu den (ohnehin schon zu knappen) Hilfslieferungen der UNRWA.

Shatila Camp, Beirut, Lebanon, 2010

Shatila Camp, Beirut, Lebanon, 2010

Zwei Drittel der Bewohner von Shatila sind unter 40, d.h. ein großer Teil ist im Lager geboren und aufgewachsen, kennt gar kein Leben in der „normalen Welt“, hat keinerlei Bezug zu einem Begriff namens „Heimat“, der in all seiner Fremdheit sehr oft in den Lagern fällt. Auch das ist neue Realität im Flüchtlingszeitalter und zugleich Zukunftsprognose für die syrischen Flüchtlinge: das „Eines-Tages-wieder-nach-Hause-gehen-können„, wovon alle Flüchtlinge träumen, wird in unserer sich verändernden Welt immer unmöglicher. Zerstörung 2.0 ist nicht mehr temporär, auch syrische Kinder, die jetzt in den libanesischen Lagern geboren werden, werden vermutlich ihre ganze Kindheit und Jugend dort verbringen, werden in Notunterkünften zu Erwachsenen und haben keine Chance, dort auf ein normales Leben vorbereitet zu werden. Zeltstädte, die ursprünglich als vorübergehende Unterkünfte für wenige Wochen nach Naturkatastrophen oder ähnlichem gedacht waren, werden jetzt für ganze Generationen von Menschen zur Kulisse ihres Lebens, Menschen die als Flüchtlinge keinen Zugang zu Bildung oder medizinischer Versorgung haben, und was das in seiner Gesamtheit bedeutet, ist uns allen vermutlich noch gar nicht wirklich klar.  Orte wie Shatila eignen sich jedenfalls nicht als Heimats-Surrogat für ein entwurzeltes und desillusioniertes Volk wie die Palästinenser.

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