Frau ja, sexy nein?

Geht das überhaupt? Darf man das als Frau? Oder wird man da gleich aussortiert in die „Unbrauchbar“-Box oder (noch schlimmer) die „Nicht-zuzuordnen“-Box?

Ich weiß nicht genau, wann das angefangen hat, aber eines Tages waren im Fitness-Center plötzlich alle Cardio- oder Aerobic-Kurse Striptease- oder Pole-Dancing-Kurse. Auf MTV waren  alle Sängerinnen halbnackt, sogar die, die wirklich singen konnten (man denke an Christina Aguileras Mutation von Jeannie in a Bottle zu „Dirrty“, in dem eine höchstens 45kg schwere Christina sich mehr nackt als angezogen in einem Boxring räkelt, wobei die Choreographie daraus besteht, im Stehen, Knien, Sitzen und Liegen die Beine zu spreizen). Zitat AdeleIn den Musikvideos von Männern wälzten sich Frauen unerklärlicherweise im Schlamm. Die sogenannten „Lad Mags“ kamen auf den Markt, Magazine wie Maxim oder FHM, die nicht wirklich Pornoheftchen sind, aber irgendwie doch, und bei denen es plötzlich okay war, sie in der U-Bahn zu lesen. Celebrities zogen sich  für den Playboy aus und bezeichneten es als „Ehre“. Frauenzeitschriften schossen aus dem Boden, die zu gleichen Teilen aus Diät-Tipps, Kochrezepten und Make-Up-Werbung bestehen. Wenn Mütter (teilweise sehr viel älter als ich) sich bei Elternabenden bückten, waren die dünnen Stoffstreifen eines Tangas zu sehen (meist Spitze, neonpink), auch zwölfjährige Freundinnen meiner Tochter trugen so etwas. Frauen nannten sich selbst plötzlich „Chicks“ und trugen T-Shirts, auf denen „Pussy“ oder „Zicke“ oder „Tussi“ oder „Slut“ steht. Eine Epidemie der Schönheits-OPs schwappte über das Land; was früher nur Freaks wie Anna Nichole Smith machen ließen, wurde Alltag in den Vororten, jeder war gebotoxt, jeder hatte seine Brüste machen lassen. Vor dreißig Jahren hatten Frauen noch ihre BHs verbrannt (nicht wirklich, das ist ein Medien-Mythos und gehört mittlerweile zu den vielen Unwahrheiten über den Feminismus, die verbreitet werden) und nur eine Generation später brauchten wir sowieso keine BHs mehr, weil Silikon von alleine steht.

Das sei nicht das Ende des Feminismus, wird mir immer wieder gesagt, es sei dessen Höhepunkt, der Beweis dafür, wie weit wir gekommen sind. Wow! Ich bin stolz auf uns. Wir sind endlich nicht mehr auf Männer angewiesen, die uns zum Objekt machen, wir können es jetzt selbst.

RW Lyrics

Wir leben in einer Zeit, in der Frauen sich zunehmend darüber definieren, wie viel sexuelle Anziehungskraft sie (ihrer Meinung nach) haben, und diese sexuelle Anziehungskraft wiederum wird definiert von der Film-, Pop- und Pornoindustrie, den Medien, der Werbung. Paris Hilton war eine der ersten Ikonen des neuen Sexismus, jedes neue Sextape erhöhte ihren Marktwert. Wann haben Sie zuletzt ein Foto von Miley Cyrus gesehen, auf dem sie nicht ihre Zunge lasziv herausstreckt und/oder halbnackt ist? Nuttig und emanzipiert sind keine Synonyme, auch wenn uns Frauen wie Christine Hefner, Tochter von Hugh und CEO des Playboy-Imperiums, das einzureden versuchen. Sie erklärt immer wieder, das Bunny-Logo stünde für Emanzipation, sexuelle Eigenverantwortlichkeit, Spaß an der eigenen Sexualität – und das Lächerliche daran ist nicht, dass sie uns diesen Mist erzählt, sondern dass wir ihn glauben.

Playmate, BunnyWenn Frauen sich in der Mansion ihres Vaters als halbnackte Hasen verkleiden und sich um die Gunst eines 90jährigen streiten hat das nichts mit sexueller Befreiung oder Emanzipation zu tun, es bedeutet nur, dass Hefner besser bezahlt als Burger King und dass diese Frauen Geld brauchen. – Und es heißt, dass wir uns Gedanken darüber machen müssen, warum wir in einer Gesellschaft leben, in der ein Playboy-Bunny ein besseres Image hat als eine Fast-Food-Verkäuferin.

Jeden Tag verwechseln Frauen sexuelle Macht mit Macht. Von Männern begehrt zu werden macht uns nicht mächtig oder stark, im Gegenteil: uns dieses Begehren so sehr zu wünschen, uns so zu verbiegen, um es zu bekommen, macht uns schwächer und schwächer. Wann waren Sie zum letzten Mal in einem Strip-Club: die Männer haben gut bezahlte Jobs, tragen Hugo-Boss-Anzüge, treffen sich mit ihren wohlhabenden Freunden, trinken teuren Whiskey, haben deutsche Autos vor dem Club geparkt und ihre Designer-Aktentaschen stehen neben dem Tisch auf dem halbnackte Frauen, meist mit Schulden, meist ohne höheren Bildungsabschluss, meist isoliert von ihren Familien, auf Kommando genau das machen, wofür die Männer ihnen Dollarnoten in den Slip stecken – wer hat hier die Macht? – Und die Vororte sind nur ein anderer Schauplatz für dasselbe Drama: die Hugo-Boss-Anzüge kommen nach Hause zu ihren Frauen, die sich anders definieren als die Stripperinnen, aber nicht weniger sexistisch, sie tragen keine Strapse und sie tanzen nicht, aber sie begeben sich in andere geschlechtsspezifische Abhängigkeiten, wollen ebenso gefallen, bestätigt werden, strecken den Männern nicht ihre Brüste sondern ihre Kinder, ihr poliertes Kristall, ihr selbst gekochtes Essen, ihre Hingabe und Aufopferung entgegen.

Adele Rolling StoneUnd dann kam Adele. Vor 3 Monaten ging bei ihrem Rolling Stone Cover eine La-Ola-Welle durch die Gesellschaft wegen dieses „mutigen“ Titelbildes.

Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn es als „mutig“ angesehen wird, eine Frau auf dem Cover eines Magazins abzubilden, die nicht versucht, sexy zu sein? Was sagt es über uns aus, dass uns das sofort auffällt, wir es sofort als ungewöhnlich und erwähnenswert empfinden? Dabei ist das Bild fast langweilig, Adele ist weder geschminkt noch auf irgendeine andere Weise provokant, sie ist einfach nur eine Sängerin, die nicht ihre Brüste in die Kamera hält.

pirelli_2016Im Januar legte Annie Leibovitz nach mit dem Pirelli-Kalender 2016 völlig ohne nackte Frauen. Ihre Bilder sind alles andere als gewagt, manchmal sogar fast altbacken und pseudo-intellektuell, aber auch hier ertönt kollektiver Beifall, weil Falten, Speckröllchen und Patti Smith anscheinend einfach per sé feministisch sind. Die Avantgarde kommt heutzutage eben ein bisschen spießig daher….

Wir sind so begeistert, weil das, was wir sehen,  von unseren Erwartungen abweicht. Sobald Frauen irgendwo als Charaktere dargestellt und nicht auf ihren Körper reduziert werden, schreien wir Hurra. Wir sind an die absolute Notwendigkeit von „Sexiness“ für erfolgreiche Frauen gewöhnt und akzeptieren sie nicht nur, sondern reden uns ein, dass wir sie wollen, dass wir das für uns machen. Jede Frau, die sich morgens schminkt, sich die Brüste vergrößern ließ oder wasserstoffblond gefärbt ist, behauptet, das nicht für Männer, sondern nur für sich selbst zu tun. „Mir ist egal, was andere denken, ich mache das für mich.“ Klar.

Wir reden uns vielleicht ein, dass dieses zur-Schau-stellen weiblicher Körper eine Art Zurückeroberung ist, ein Zeichen der Stärke, aber das ist es nicht, wir nutzen nur einfach ein schlechtes System zu unseren Gunsten, weil wir uns nicht trauen, es zu verändern.

Adele TIMEWenn eine Frau in der Öffentlichkeit steht, werden ganz andere Anforderungen an ihr Leben und an ihr Aussehen gestellt als bei einem Mann. Niemanden interessiert, wie Bill Gates oder Tom Hanks aussehen, was sie für Väter sind, wieviel Sex sie haben….. Sie sind Helden für das, was sie tun, vollkommen losgelöst von ihrer Persönlichkeit. Mel Gibson drehte, lange nachdem bekannt wurde, was für ein antisemitischer, homophober, sexistischer Einzeller er ist, noch Filme für Millionengagen. Aber für Frauen gelten andere Regeln, Frauen können nicht „einfach nur“ erfolgreich auf ihrem Gebiet sein. Wir wollen wissen, ob Sheryl Sandberg eine gute Mutter ist, wir wollen wissen, wie schnell Kim Kardashian nach dem Baby wieder abnimmt, wir wollen wissen, ob Heidi Klum nun tatsächlich magersüchtig ist? Für Frauen gilt: Wenn sie sich der Öffentlichkeit preisgeben (vor allem, wenn sie es nackt tun), gehören sie auch eben dieser Öffentlichkeit, der sie sich preisgegeben haben.

Es reicht nicht, einfach nur singen zu können, das konnte Miley Cyrus schon immer. Ihr Marktwert ging durch die Decke, als sie sich auszog. Und das ist das Mutige an Adele: nicht dieses blödsinnige Rolling-Stone-Bademantel-Bild, sondern ihr Leben und ihre Karriere. Sie gehört zu den erfolgreichsten Musikerinnen aller Zeiten und das hat sie einzig und allein ihrem Talent als Singer/Songwriterin zu verdanken.

Adele CoverMit dieser „Frauen sind von der Venus und Männer vom Mars“-Theorie lassen wir uns einreden, dass wir biologische Differenzen haben, dass Geschlechtermerkmale tatsächlich reale Manifestationen haben und nicht nur gesellschaftlich konstruiert wurden. Wir sind nicht von der Venus und Männer sind nicht vom Mars. Wir sind gleich. Wir werden nur nicht gleich behandelt und vor allem: Wir selbst behandeln uns nicht gleich.

Und das tun wir uns selbst an, es macht langsam wirklich keinen Sinn mehr, den Männern die Schuld daran zu geben.

Ich weiß, diejenigen unter ihnen, die gerade einen Cardigan mit sorgfältig farblich darauf abgestimmtem Loop-Schal tragen, sich noch keiner Schamlippenstraffung unterzogen haben und ihren zehnjährigen Töchtern auch keine Shirts mit sexuellen Botschaften anziehen, lehnen sich jetzt selbstzufrieden zurück, aber Vorsicht: neben diesen Auswüchsen ist unser eigentliches Verbrechen, dass wir unser Leben damit verbringen, für Männer zu performen. Jeden Tag. Auf vollkommen unterschiedliche Arten, ob wir nun Pole-Dancing-Kurse belegen und uns in Leder-Dessous quetschen, oder ob wir Zara-Blüschen tragen und auf Elternabenden lächeln.

Adele BallsyDen Großteil unseres Lebens bestehen wir darauf, uns durch die Augen von Männern zu sehen; erst die unseres Vaters und später durch die der Männer, die wir bewundern, begehren, lieben. Wir brauchen für das, was wir tun, ja, mehr noch, für das, was wir sind, ihre Rechtfertigung, ihren Segen, ihre Bestätigung, als würde unser eigener Blick, unser eigenes Urteil nicht genügen. Wir halten uns nicht für vertrauenswürdig, legen nicht Zeugnis ab, nicht einmal für unser eigenes Leben, als würde die Wahrheit den Männern allein gehören. Es wird Zeit, sie sich zurückzuholen.

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