Rotkäppchen und der Wolf – Hillary und die Frauen

Zitat Hillary Rotkäppchen

Hendrik Hertzberg schrieb nach Hillary Clintons Niederlage gegen Obama einmal im New Yorker, dass sie über immenses politisches Talent verfüge, aber “Barack Obama is a phenomenon that comes along once in a lifetime. Unfortunately for Hillary, it’s her lifetime.”
bernie-overtakes-hillaryIn New Hampshire konnte man kurz den Eindruck gewinnen, sie würde eine bestimmte Erfahrung gerade zum zweiten Mal in ihrem Leben machen, wenn es nicht so absolut lächerlich wäre, Bernie Sanders als Phänomen zu bezeichnen.

New Hampshire ist kein Drama, sondern ein Rückschlag, von dem sie sich erholen wird; das Traurige ist nicht der Wahlausgang selbst, sondern auf welche Art und Weise sie verloren hat: durch die Frauen. 64% der Frauen unter 45 Jahren in New Hampshire wählten Bernie Sanders. Bei Frauen über 45 Jahren lag wiederum Hillary um neun Prozentpunkte vorn.

Wieso wählen junge Frauen einen alten Mann? Einen selbst erklärten Sozialisten noch dazu? In Amerika?  Bernie (schon allein der Name ist nicht wirklich Präsidentenmaterial, hinzu kommt, dass der inoffizielle Slogan seiner Kampagne „Feel the Bern!“ ist) ist 72(!), was bedeutet, dass er genau im richtigen Alter für die Bewerbung um das Papstamt wäre, aber wollen wir, dass der nette Opi die freie Welt führt?

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Sich die Gründe für sein positives Feedback unter jungen Wählern zu erklären ist nicht schwer: seine Wahlveranstaltungen sind geradezu elektrisierend – wenn man keine zu großen Erwartungen an Realismus hat. Wenn er absolute Schulgeldfreiheit für alle Colleges und Universitäten fordert, schreien die Zuhörer im Saal ihm ihre eigenen Studienkredite entgegen: (“Over 200,000, Columbia University graduate school!”) Als Obama jahrelang versuchte, seine Gesundheitsreform durch den Kongress zu bringen, wurde er verspottet, doch Bernie braucht nur „Medicare für alle!“ in irgendein Mikrofon zu schreien und schon flippt die Masse aus. Großes Kino. Da wird Geschichte geschrieben. Wie das alles (nur ungefähr, keine Details bitte!) finanziert werden soll, mit solchen Nebensächlichkeiten hält Bernie sich nicht auf. Das Leben ist schließlich kurz (vor allem sein noch verbleibendes).

Sanders political speechAber genau da liegt Hillarys Schwäche: Obwohl sie den Großteil ihres Lebens mit zwei absoluten Naturtalenten der politischen Bühne verbrachte, Bill Clinton und Barrack Obama, hat sie die Kunst der Verführung von einem Podium aus nicht erlernt. Es ist faszinierend und besorgniserregend zugleich, wieviel Zeit sie auf ein bestimmtes Thema verschwendet, wie genau sie ihre Ansichten erklärt, wie wichtig es ist, dass alle Zuhörer im Saal verstehen, warum sie etwas vorhat und wie genau sie es finanzieren und umsetzen will – und dabei bodenlose Langweile bei ihren Zuhörern riskiert. Ist es da ein Wunder, dass die meisten lieber dem schreienden Sozialisten zuhören, der eine Menge Geld verspricht?

Während sich ältere Frauen davon nicht einlullen lassen und die historische Möglichkeit der ersten Präsidentin vor Augen haben, spielen für jüngere Frauen, die in einer Welt, die sie weitestgehend als bereits gleichgestellt empfinden, solche Überlegungen viel weniger eine Rolle. Führende Feministinnen waren geschockt über diese Entwicklung. Madeleine Albright brachte es auf den Punkt mit ihrem Statement: “There’s a special place in hell for women who don’t help each other!” und Gloria Steinem, die ebenfalls Hillary unterstützt, setzte noch eins drauf und wandte sich direkt an die Frauen von New Hampshire, die für Sanders gestimmt hatten: “Shame on you!”

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Im Netz hat das ganze mittlerweile zu einem mittleren Shitstorm geführt. Junge Frauen wollen sich nicht vorwerfen lassen, keine Feministinnen zu sein, nur weil sie sich weigern, ihre politischen Entscheidungen vom Geschlecht des Kandidaten abhängig zu machen.  Sie vergessen dabei, dass wir nur zwei Generationen von einer Zeit entfernt sind, in der Frauen keine Kredite aufnehmen konnten, Job-Ausschreibungen strickt in männlich und weiblich unterteilt waren und an Universitäten nur einen verschwindend geringen Anteil der Studenten stellten; eine weibliche Präsidentin schien damals unmöglicher zu realisieren als die Mondlandung.

Hillarys Kandidatur ist eine große Sache für den Feminismus (wie auch 1972 die Kandidatur von Shirley Chisholm), ihre Präsidentschaft wird es noch mehr sein. Und die Bernie-Wählerinnen von New Hampshire sollten eines nicht vergessen: wenn es euch nicht so vorkommt, als würden wir dringend eine weibliche Präsidentin brauchen, wenn ihr das Gefühl habt, dass Frauen den Männern längst gleichgestellt sind, dann liegt das daran, dass Frauen wie Hillary die Welt bereits für euch verändert haben.

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