Facebook’s „Motherhood Challenge“ und andere Spiele für frustrierte Exhibitionisten

Zitat MotherhoodIrgendjemand bei Facebook hat wohl entschieden, dass es noch nicht genügend Babyfotos in den sozialen Netzwerken gibt und deswegen für die Auferstehung des unkaputtbaren Mutterschafts-Fetischs gesorgt. Er ist einfach nicht kleinzukriegen, wie Chucky die Mörderpuppe  poppt er immer wieder auf gerade wenn man denkt, man hätte ihn endgültig vernichtet; logikresistent, generationsübergreifend, sinnfrei.

Lost My MindNachdem wir unfreiwillig mit ansehen mussten, wie sich so ziemlich jeder Mensch, den wir kennen, mit Eiswasser überschüttet hat (für den guten Zweck natürlich, ein Video auf Facebook posten ist ja viiiiiiel besser als Geld zu spenden) geht es jetzt ans Eingemachte: Es muss mit drei Fotos der Beweis erbracht werden, dass man eine gute Mutter ist, nein, mehr noch, dass man eine glückliche Mutter ist. Denn nichts weniger erwartet die Gesellschaft. Es reicht nicht, dass Sie drei Monate nach der perfekten Wickelkommode gesucht haben, selbst gebastelte Mobiles übers Kinderbett hängen, Ihr Kind biologisch ernähren, ihm außer zum Schlafen für alles einen Fahrradhelm aufsetzen und ihm nur ökologisches Holzspielzeug kaufen, Sie müssen dabei glücklich sein! – Ach ja, und dann drei weitere Frauen nominieren und ihnen damit dasselbe antun.

Mommy skillsDabei wissen wir alle, dass Muttersein nicht achtzehn Jahre high macht. Die Droge Kind bringt brutale Abstürze und Down-Phasen mit sich; und ständig den Mythos der über alles stehenden Erfüllung der Mutterschaft weiterzupflegen, hilft da leider keineswegs. Über das Phänomen Regretting Motherhood haben wir hier auf dem Blog schon gesprochen, dabei geht das Problem oft noch viel weiter: 2010 setzte Torry Hanson, eine Krankenschwester aus Shelbyville/Tennessee, ihren siebenjährigen Adoptivsohn Artyom in ein Flugzeug nach Russland mit einem Brief an die russischen Behörden in seiner Tasche, in dem sie diese bittet, ihn zurückzunehmen. Der Fall ging um die Welt, zeitweise setzte Russland sogar sämtliche Adoptionsverfahren ins Ausland aus, eine Welle des Hasses schlug Torry Hanson entgegen (die sich schließlich damit rechtfertigte, der Junge habe psychische Probleme, die bei der Adoption verheimlicht wurden); doch Tatsache ist doch, dass wir mit einem Schulterzucken hinnehmen, wenn Männer jegliche Verantwortung für ihr Kind ablehnen, aber absolut fassungslos sind, wenn das Frauen tun. Wo ist bloß der „Mutterinstinkt“ dieser Frau?

Realizing CrapZwei Jahre früher wurde im Bundesstaat Nebraska ein Gesetz erlassen, das das Aussetzen von Kindern legalisierte. Das Gesetz war eine Reaktion auf eine ständig wachsende Zahl von Säuglingsmorden durch verzweifelte Mütter, die sich einfach nicht in der Lage sahen, sich um das Kind zu kümmern. Durch die neue Regelung sollte es überall im Staat die Möglichkeit geben, das Baby ohne Angst vor einer Strafverfolgung abzugeben. Das Gesetz hatte nur einen großen Fehler: es war keine Altersbegrenzung für die Kinder festgelegt. Bereits während der ersten Wochen nach Inkrafttreten der neuen Gesetzgebung begannen Eltern, ihre Kinder abzugeben – wohlgemerkt: Kinder, nicht Babys. Nach nur einem halben Jahr wurden bereits 36 Kinder abgegeben, von denen 22 über 12 Jahre alt waren. Ein Vater gab sogar seine gesamte Familie ab, Mütter aus anderen Staaten fuhren hunderte von Kilometern, um ihr Kind straffrei in Nebraska aussetzen zu dürfen.

Nebraska erkannte seinen Fehler und ratifizierte das Gesetz, fügte eine Altersbeschränkung ein und verbot das Abgeben von Kindern aus anderen Staaten. Der 21. November 2008 war der letzte Tag, an dem das Gesetz in seiner alten Fassung noch gültig war, weswegen eine Mutter aus Yolo County/Kalifornien 1200 Meilen mit dem Wagen zurücklegte, um ihren vierzehnjährigen Sohn abzugeben…..

Motherhood showerMutterschaft ist also definitiv eine Challenge, aber keine, die sich mit ein paar fotogeshoppten Selfies auf Facebook gewinnen lässt, unter die die Freunde „Oooh wie süß! xxxx“ schreiben oder (schlimmer noch) eins dieser grauenhaften Emoticons, die Herzen kotzen oder Sternchen schwitzen setzen.

Unsere Gesellschaft scheint absolut unfähig, die Realität einer glücklichen Frau ohne Kinder zu akzeptieren. – Und ich spreche hier nicht von den Frauen, die keine Kinder bekommen können (die waren übrigens die ersten, die gegen diese neuerliche Facebook-Challenge auf die Barrikaden gingen), sondern von den Frauen, die keine Kinder bekommen wollen. Die gibt es nämlich. Und wir müssen aufhören, sie schon ab dem Teenager-Alter zu bedrängen und ihnen einzureden, dass Kinder der größte Wunsch jeder Frau sind (oder sein müssen) und es keine größere Erfüllung gibt. Die Wahrheit ist nämlich: den allergrößten Teil unseres Frauenlebens versuchen wir, nicht schwanger zu werden!

Mother NatureFacebook ist nicht gerade bekannt für seine intellektuellen Nutzer und wir wissen alle, dass ein Großteil der Leute, die am meisten posten, keinerlei Filter, Geschmack oder Feingefühl für die Unterscheidung dessen hat, was privat ist und was für die Allgemeinheit bestimmt ist. Genau deswegen gibt es ja diese unzählige Flut an Babyfotos, Kätzchenfotos, Essensfotos, schlauen Sprüchen und sonstigem Mist, der niemanden interessiert. Wer so dumm ist, sich Eiswasser über den Kopf zu kippen, nur weil er in der virtuellen Welt dazu „herausgefordert“ wurde, der verdient es nicht anders. Aber sollen wir da wirklich unsere Kinder mit hineinziehen?

Flic Everett schreibt in einem wunderbaren Artikel im Guardian über die Challenge:

„It’s unclear whether the challenge in question is to prove what a great mother you are, or merely to challenge your friends to prove that they are too,“

Die Mutterschaft ist kein exklusiver Club, dem man unbedingt beitreten muss um dazuzugehören. Wir sind nicht mehr zwölf. Mutterschaft ist manchmal überwältigend schön und manchmal einfach nur schrecklich, ganz genau so wie die Nicht-Mutterschaft, aber auf keinen Fall  ist sie ein Wettbewerb, ein Spiel in den sozialen Medien, ein Mittel zur Profilierung. Am Ende des Tages entscheidet nämlich nicht Facebook, was für eine Mutter Sie waren, sondern Ihre Kinder.

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