Der World Maker aus Beirut –
Ein Interview mit Ibrahim Nehme

Zitat Ibrahim NehmeBeirut kennen die meisten von uns nur aus Spionagefilmen oder Serien wie “Homeland”. CIA- oder MI6-Agenten rennen durch das Hamra-Viertel in Beirut und werden verfolgt von Hisbollah-Trucks, auf deren Ladeflächen dunkelhäutige und grimmig dreinschauende Kämpfer mit Maschinengewehren im Anschlag sitzen. Libanesen geben in Filmen und Serien dieser Art immer nur die Bösewichte. Wir müssen uns um Carrie Mathison und Konsorten aber keine Sorgen machen, denn das Beirut, durch das sie in der zweiten Staffel von Homeland so panisch hetzt, existiert gar nicht. Im echten Hamra sitzen Studenten und Familien bei Starbucks, gehen einkaufen, joggen, schauen genauso konzentriert auf ihre Smartphones wie wir. Und mitten unter ihnen, heutzutage meistens hektisch von Termin zu Termin hetzend, ist Ibrahim Nehme, der Gründer und Herausgeber des panarabischen Independent-Magazins „The Outpost“, und versucht verzweifelt, das Bild seiner Stadt, seines Landes, seiner Region, seiner ganzen Kultur ins rechte Licht zu rücken.

Er hat, wie die meisten Libanesen seiner Generation, mehr Krieg hinter sich als Frieden: hineingeboren in den Bürgerkrieg von 1975, der bis in die frühen 90er Jahre dauerte, gefolgt von den Unruhen nach der Ermordung des Libanesischen Präsidenten Rafik al-Hariri 2005, und jetzt die Flüchtlingskrise. Dass zum Sterben nicht viel gehört im Libanon, dass man nur einmal zur falschen Zeit am falschen Ort sein muss, ein bisschen zu nah an der nächsten Autobombe, mit diesem Bewusstsein ist er aufgewachsen. Ein World Maker ein Weltenmacher, will er sein, nicht über Unbeweglichkeit lamentieren, sondern bewegen; nicht hinnehmen, sondern verändern. Erschöpfend sei das, aber absolut alternativlos, gibt er in unserem Interview zu, von dem ich Teile im englischen Original belassen werde, weil in der Übersetzung sein ganz besonderer Ton, der auch für das Magazin typisch ist, verloren gehen würde. Mittlerweile ist „The Outpost“, das zweimal jährlich erscheint, mehrfach ausgezeichnet und es geht darin vor allem um Möglichkeiten.

Jill: I love the titles of your issued like The Possibility of Moving Forward, The Possibility of Living Here, The Possibility of Rewriting Our Story, The Possibility of Warming Our Hearts….. Do you ever get the feeling that Lebanon is running out of possibilities?
Ibrahim: You will never run out of possibilities. Possibilities abound even in the darkest hour.

Outpost PIC

Er arbeitet meistens vom Café Dar mitten in Beirut aus, das einen schönen Garten hat und nicht weit von seiner Wohnung entfernt ist, da er kein Büro hat. Seinen täglichen Kaffeekonsum dort sieht er als Mietzahlung, die immer noch günstiger ist als die Anmietung tatsächlicher Büroräume.

Ibrahim_OutpostDas Magazin ist ein Luxusprodukt, mit Liebe und Sinn für Stil gemacht, schönes Papier, schöne Sprache, schönes Design, ein haptischer Genuss. Glossy, würden die Amerikaner es nennen, weshalb es im Zeitschriftenhandel auch neben Magazinen wie Harper’s Bazaar oder Vogue liegt. Der Nahe Osten zwischen Mode und Diät-Tipps, ohne Blut, fast ohne Krieg, beinahe harmlos auf den ersten Blick. Aber nur auf den ersten. Denn gerade der narrative Journalismus von Ibrahim und seinen Mitarbeitern ist es, der das Magazin so besonders macht. Es sind die Menschen im arabischen Raum, die nicht dem Homeland-Stereotyp entsprechen, die ihn am meisten interessieren. Eine Frau in Dubai, die ihr Geld mit Pole Dancing verdient. Eine Organisation in Ramallah, die mit jungen Palästinenserinnen Tanztherapie macht, um ihnen bei der Überwindung ihrer Traumata zu helfen. Eine Tramfahrt durch Jerusalem. Dabei ist The Outpost nicht etwa ignorant, sondern sich auf jeder Seite der Situation im Nahen Osten durchaus bewusst, setzt aber den Fokus dennoch ganz gezielt auf die Menschen, die sich weigern, sich in den Strudel der Verzweiflung ziehen zu lassen.

Jill: You are trying to work on positive things in a country that brims with negativity. Last December I did an interview with Farah Salka from the MCCs in Beirut and she told me in her opinion Lebanon is as close to a failed state as you can possibly get. Did you ever think of leaving Beirut and living in Europe or the US where you’d have a much wider range of possibilities for publishing your magazines?
Ibrahim: Yes I have, but before starting the magazine, before realizing the possibility of actually staying and doing something that could impact this place in a positive way.

Da sind wir wieder bei den Möglichkeiten, ein Wort, das Ibrahim oft benutzt. Im Sommer 2010, nach seinem Business-Studium an der University of Beirut, wollte er raus aus Beirut, weit weg. Doch dann kam eben wieder die eine Sache, der Ibrahim nicht widerstehen kann: eine Möglichkeit. Nämlich die der Revolution.

Jill: I talk to a lot of people in the Middle East who are incredibly disappointed with the Arab Spring. Do you still remember what you did when you heard about Mohamed Bouazizi setting himself on fire? Did you expect it to have such an impact on the Arab world and did you have hopes for a different outcome?
Ibrahim: It was a period of great hope and expectations. I remember watching the news unfolding in disbelief – it was really like a wave of light was washing over the Arab world and inspiring everyone.

„The Outpost“ erscheint in englischer Sprache, und das nicht ohne Grund: Ibrahim ist nicht nur der Ansicht, dass die arabische Sprache immer weiter aus der Medienkultur verdrängt werden wird, er sieht sein Magazin auch nicht ausschließlich an arabische Leser gerichtet. Vor allem der Blickwinkel der Menschen, die den Nahen Osten nur aus den Nachrichten kennen, soll korrigiert werden. Außerdem ist die englische Sprache auch ein Schutzmechanismus gegen die Zensur der libanesischen Behörden, die die Macht der sanften Revolution, die Ibrahim versucht, durchaus erkennen.

Er ist kein Aktivist, kein Umstürzler, kein Radikaler, der Veränderung über Nacht fordert, aber er weigert sich, eine Veränderung im Nahen Osten als unmöglich zu definieren, das Wort unmöglich gibt es für Ibrahim nämlich nicht. Mit wachsendem Erfolg des Magazins wird er zu einer Art Vorzeige-Moslem im Westen. So wie Ibrahim sollte er sein, der Nahe Osten, dann könnten wir mit ihm leben: intelligent, kreativ, sanft, warmherzig, friedliebend, kommunikativ. Und dass viele Menschen in der arabischen Welt eben genau so sind, das versucht er mit jeder Ausgabe zu beweisen.

Jill: I am not going to ask where you see “The Outpost” in five years because I hope and believe that it will be the main mirror of political and cultural change in the Middle East, but where do you see your country in five years?
Ibrahim: Thank you. I really don’t know. It’s really hard to predict the future when you can’t even predict the present, given what’s going on around us in Syria, Palestine, the wider region, and even the world at large. The world is definitely changing; I just hope that this wave of hyper-violence will give way to peace and harmony between all people living in this region. Because, really, it’s about time!

print
Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.