Marie Kondō und die Entrümpelung des Lebens

Marie Kondo

Stauraum ist das Unwort des Jahrzehnts. Wir brauchen ihn, alle, ständig, immer mehr davon. Wir haben Kinder, Hobbys, Ideen, Projekte, Pläne…. und alles braucht so unheimlich viel Platz! Wohin damit? Marie Kondos Antwort darauf ist so grausam wie deutlich: weg!

Marie Kondo BeyonceDie dreißigjährige Japanerin, die mit ihrem neuen Buch wieder die New York Times Bestsellerliste anführt, war schon immer eine Ordnungsfanatikerin. In der Schule bat sie die Lehrerin, in der Pause im Klassenzimmer bleiben zu dürfen, um die Regale aufzuräumen. Auch zuhause nahm sie ihrer Mutter die Organisation des Haushaltes früh aus der Hand, weil diese einfach die von Marie erschaffene KonMari-Methode nicht verstand. Doch die Bücher der zierlichen Soziologin sind viel mehr als Aufräumratgeber, Marie fordert so viel mehr als nur einen ordentlichen Schrank oder ein ordentliches Zimmer: was sie uns geben möchte, ist ein ordentliches Leben. – Das ist doch mal was Neues, oder?

Das ist wohl auch der Grund dafür, warum sich ihre Bücher mehr als fünf Millionen  Mal verkauft haben und in über 40 Sprachen übersetzt wurden (sogar ins Mongolische, weil selbst die Nomaden in der mongolischen Steppe wissen wollen, wie sie ihr Leben in ihrer Jurte glücklicher machen können). Denn darum geht es ihr: nicht um einen minimalistischeren Style in der Wohnung, mehr Effizienz am Arbeitsplatz oder ähnliches. Es geht ihr ums Glücklichsein, und Glück geht uns alle an.

Ihre Bücher unterscheiden sich auch von anderen vorwurfsvollen Nörgelbüchern, wir wollen nicht zurechtgewiesen werden, wir zahlen nicht gerne 20€ dafür, dass Fremde uns sagen, was wir alles falsch machen, das bekommen wir zuhause umsonst. Marie weiß, dass Entrümpelung, also das Loslassen von Dingen, eine zutiefst emotionale und intime Angelegenheit ist. Aufräumen ist ein Dialog mit sich selbst, den man aushalten können muss. In Japan ist Ordentlichkeit keine Tugend, sondern eine Lebensphilosophie, und tatsächlich sind einige ihrer Tipps fast spirituell. Wer z.B. seinen Kleiderschrank ausmisten will, der sollte ihn komplett leerräumen und den gesamten Inhalt auf dem Boden verteilen. Dann sollte man jedes Kleidungsstück einzeln in die Hand nehmen und sich nicht etwa fragen „Brauche ich das noch?“ oder „Wann habe ich das zuletzt getragen?“, denn unser Gehirn wird bei den meisten Dingen einen Grund finden, sie aufzuheben, wenn man ihm die Gelegenheit gibt. Stattdessen sollte man sich die ganz emotionale Frage stellen „Does ist spark joy?“ also „Macht mir dieses Kleidungsstück Freude?“

Keep only

Freude ist ein zentrales Wort für Marie, denn um glücklich zu sein, müssen wir umgeben sein von Dingen, die uns Freude machen – das bedeutet in seiner Konsequenz, dass alles raus muss, was uns keine Freude macht. Also auch wenn sie die Bluse bei Tante Juttas Silberner Hochzeit im April vielleicht noch einmal anziehen wollten, wenn Sie Ihnen keine Freude macht, muss sie weg!

Nachdem dann ausgemistet wurde, werden die geliebten Sachen völlig neu zusammengefaltet. Marie faltet alles (und ich meine wirklich alles) so, dass es stehen kann, was erst einmal seltsam klingt, den Platz im Schrank aber tatsächlich verdoppelt und dafür sorgt, dass man alle seine Shirts. Hosen und Pullover gleichzeitig sehen kann. Ganz unten im Beitrag gibt es ein Video dazu.

Als ihr erstes Buch 2010 in Japan veröffentlicht wurde, verkaufte es sich nicht schlecht. Sie hatte damals bereits ihre eigene Consulting-Firma gegründet und kam zu Kunden nach Hause, um ihnen bei der Entrümpelung ihres Lebens zu helfen. Die Idee zum Buch kam von den Kunden selbst, weil es eine mehrmonatige Warteliste gab, wenn man sie buchen wollte. Als 2011 das Erdbeben und der Tsunami kamen, explodierten die Verkaufszahlen.

“The Japanese people suddenly had to ask themselves what was important in their lives. What was the true value of sentimental items? What was the meaning of the items they’d lost? What was the meaning of life?”

Loslassen war plötzlich etwas, was man beherrschen musste. Und genau das ist das zentrale Thema ihrer Bücher: eine Art Entdinglichung der Welt, das Aufbrechen von Abhängigkeiten. Kein „Ohne das Kuscheltier kann die kleine Emma nicht einschlafen“ oder „Ohne Wimperntusche kann ich nicht aus dem Haus“ oder „Ohne Kaffee werde ich nicht wach…..“ etc. Wir brauchen sehr wenig auf der Welt (40 Millionen Flüchtlinge, die alles verloren haben, sollten uns das jeden Tag klar machen) und noch weniger Dinge. Dinge haben ausgedient in Maries Welt. Sie ist ein Bücherwurm, hat sich aber selbst abgespeckt auf 30 Bücher in ihrer Wohnung, den Rest hat sie auf ihrem E-Book-Reader. Bücher sollte man nach dem Lesen verschenken (das beinhaltet ihre eigenen), denn man wird in den seltensten Fällen ein Buch mehrmals lesen und wenn doch, dann sollte man es auf seinem E-Book-Reader speichern. Auch dass man ein Buch noch nicht gelesen hat, ist kein Argument, es aufzuheben, denn dann wird man es aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht tun. Sie besitzt weder DVDs noch CDs (alles auf MP3 oder externen Festplatten gespeichert), Zeitungen und Zeitschriften aufzuheben ist sowieso ein No-Go, was immer man später nochmal lesen will, findet man im Netz. Sie lässt Dinge gehen. Und das ist eine Überwindung, sicher, aber meistens eine, die sich auszahlt.

Während ich diesen Beitrag geschrieben und meinen Freundinnen von dem Thema erzählt habe, kam ganz oft eine Reaktion: „Wenn ich nur noch Dinge im Kleiderschrank haben dürfte, die mir Freude machen, müsste ich nackt rumlaufen!“ oder „Wenn nur noch Sachen in meiner Wohnung stehen, die mich glücklich machen, dann wäre sie leer!“ – Ist das das Problem unserer Zeit auf den Punkt gebracht? All die vielen Dinge, die wir besitzen wollen, obwohl wir sie nicht lieben können, und dann auf der anderen Seite die wenigen Dinge, die wir wirklich lieben und einfach nicht besitzen können, weil keines davon sich falten oder in ein Regal stellen ließe?

Wenn wir uns ansehen, in welche Richtung unsere Welt sich gerade dreht, dann wird es in einer nicht mehr allzu fernen Zukunft nur noch zwei wirkliche Luxusgüter geben: Platz und Zeit. Marie Kondo versucht, uns beides zu verschaffen.


 

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Ein Kommentar

  • Danke für den tollen Beitrag. Ordnung ist wirklich das halbe Leben. Es ist so wichtig, Platz für Neues in seinem Leben zu schaffen. Man sollte sein Leben generell in regelmäßigen Abständen entrümpeln.

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