Kennen Sie eigentlich … Helene Stöcker?

Zitat Helene StöckerVor zwei Wochen war der 73. Todestag von Helene Stöcker.
Hmm? Wer?
Jedes Land hat seine großen Vorzeige-Feministinnen; Amerika hat Gloria Steinem, Kanada hat seine „Famous Five“ Frankreich hat Simone de Beauvoir, Österreich hat Barbara Wally, Deutschland hat Alice Schwarzer…, aber Deutschland hat eben auch Helene Stöcker.

Helene Stöcker ProfilDass heute kaum noch jemand ihren Namen kennt, ist schwer nachvollziehbar, wenn man bedenkt, wie aktuell ihre Themen immer noch sind:

  • Öffnung aller Berufe für Frauen
  • Anerkennung homosexueller Paare
  • volle Gleichstellung unehelicher Kinder
  • Erziehungsgeld
  • aktive und verantwortungsbewusste Väter

Ach ja, und nebenbei war sie noch Pazifistin und verlangte ein Ende aller Kriege.

Die 1869 geborene Elberfelderin stammte aus gutem, calvinistischem Hause. Ihr Vater hatte ein „Posamentiergeschäft“ (ähnlich wie Kafkas Vater in Prag), fühlte sich aber eigentlich zum Missionar berufen und bescherte Helene eine von starker Frömmigkeit geprägte Kindheit mit strengen Gebetszeiten. Mit 21 Jahren geht sie nach Berlin, um eine Ausbildung zur Lehrerin zu machen, und trifft dort erstmals Minna Cauer und andere Frauenrechtlerinnen. Bereits 1893 verfasst Helene ihre erste Publikation, den Aufsatz „Die moderne Frau“, den sie mit einem Satz beginnt, der sie selbst mehr als alles andere charakterisiert:

„Was Sie auch sagen mögen, ich weiß es ganz genau –: die moderne Frau ist etwas, das noch nicht in dieses Jahrhundert hineingehört – für die es noch keinen Namen und – keinen Mann gibt, keine Stellung in der Gesellschaft; denn ihrem ganzen, innersten Wesen nach gehört sie in ein Zeitalter der Zukunft – kurz, sie hat sich auf jeden Fall verfrüht.“

„Verfrüht“ hat Helene sich auf jeden Fall und für ihre Ansicht, dass die absolute Unabhängigkeit der Frau von ihrem Mann Voraussetzung ist für eine glückliche Beziehung, gibt es definitiv weder Verständnis noch einen passenden Mann. Freiheit will Helene, guten Sex, tiefe Liebe, eine erfüllende Karriere, absolute Selbstbestimmung – und natürlich alles gleichzeitig. Selbst bei ihren Mitstreiterinnen eckte sie mit dem Wunsch nach sexueller Befreiung oft an, und Helene hielt diese ihrerseits allesamt für prüde, asexuell oder frigide und hielt mit dieser Einschätzung auch nicht hinter dem Berg.

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Als 1896 in Berlin endlich Frauen als Gasthörerinnen an der Universität zugelassen werden, schreibt Helene sich natürlich sofort ein und studiert Nationalökonomie, deutsche Literatur und Philosophie. Sie ist bald besessen von Friedrich Nietzsche und seinen Theorien und wird in ihrem ersten eigenen Werk „Philosophie der Neuen Ethik“, in dem sie nicht Ehe, sondern ausschließlich Liebe als Legitimation für Sex ansieht, stark von ihm beeinflusst.
1904 wird sie Mitbegründerin des Bund für Mutterschutz, sie engagiert sich für Sexualaufklärung, freien Zugang zu Verhütungsmitteln, Abschaffung des § 218 (Abtreibung) und § 175 (Homosexualität). Das Organ des neugegründeten Vereins ist Helenes Magazin „Die Neue Generation“, dessen Herausgeberin sie bis zur Machtergreifung der Nazis ist.
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Als sie im November 1929 ihren 60. Geburtstag feiert, ist Helene auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Über 400 Zeitschriften im In- und Ausland würdigen ihre Arbeit, die renommierte Vossische Zeitung fordert in ihren Glückwünschen sogar den Friedensnobelpreis für sie. Doch der Zweite Weltkrieg ändert alles. Der Nationalsozialismus ist ihr unbegreiflich, die Kriegsbegeisterung der Deutschen ein Rätsel, der Krieg selbst ein nicht zu überwindendes Trauma. Die Nazis haben ihr Reichszugehörigkeit und Doktorwürde aberkannt, ihr ganzes Geld beschlagnahmt und ihre Publikationen auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt. Nach dem Reichstagsbrand flüchtet Helene mit 63 Jahren über die Tschechoslowakei, die Schweiz, England, Schweden, Russland und Japan in die USA, wo sie ein einsames Leben führt.

An einen Freund schrieb sie 1937 aus dem Exil:

„Das ist eine furchtbare Erfahrung: die Machtlosigkeit der Menschlichkeit, die Ohnmacht des Geistes, die lächerliche Schwäche der Güte.“

Am 24. Februar 1943 starb sie verarmt und isoliert in New York, und obwohl sie selbst heute weitestgehend vergessen ist, ihre Ideen sind es nicht.

 

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