Jemen – Stell dir vor es ist Krieg und keiner berichtet darüber

– Ein Interview mit Professor Dr. Barbara Wally –

Vom Jemen wollen wir nichts wissen. Im Nahen Osten gibt es weiß Gott genug Konflikte und Blut, unsere Mitgefühlskapazitäten sind erschöpft, noch mehr Krieg ertragen wir nicht. Also tun wir, was am einfachsten ist: Das ärmste Land der arabischen Region, das immer schon die schlechteste Lobby hatte, einfach ignorieren. Und die Medien machen es uns denkbar einfach, denn eine Berichterstattung über die Gräuel, die sich dort ereignen, ist praktisch nicht vorhanden.

Where isWir sprechen heute mit der Jemen-Expertin Barbara Wally, die bis zum Ausbruch des Krieges Ende März 2015 ihre Zeit zwischen Sana‘a und Salzburg aufteilte und mit einem Jemeniten verheiratet ist. Seit mehreren Monaten kann sie nach einem Besuch in ihrer österreichischen Heimat nicht mehr im Jemen einreisen, mit ihrer Familie dort nur via Skype kommunizieren. Aus ihrem unfreiwilligen Salzburger Exil hat sie mir ein Interview gegeben.

Frau Wally, Sie haben Ihren Mann seit März letzten Jahres nicht mehr gesehen. Wie geht es Ihrer Familie und wie regelmäßig können Sie telefonieren oder skypen?
Da der Jemen von der Außenwelt abgeschnitten ist, kann alKhadher nicht hinaus und ich nicht hinein. Wir behelfen uns mit E-Mail und Skype. Allerdings war die Verbindung zeitweise so schlecht, dass wir letzten Sommer drei Wochen ohne Kontakt waren. Und auch jetzt gelingt es uns nur selten, uns per Videokamera zu sehen. Haben wir einmal ein verschwommenes oder eingefrorenes Bild von einander, dann fällt der Ton aus. Also entweder sehen oder sprechen. Aber immerhin schaffen wir täglich abends mindestens eine Stunde der Kommunikation mit chatten.

Sana’a, die Hauptstadt des Jemen, war bisher vor allem bekannt für ihre über tausend Jahre alte Zuckerbäcker-Altstadt, die zum Weltkulturerbe der Unesco gehört. Wieviel ist vom Sana’a, wie Sie es vor Jahren bei ihrer ersten Reise in den Jemen gesehen haben, noch übrig?
Jemen Panoramico
Im alten Sana’a, das viertausend historische Häuser umfasst, steht noch das Meiste, das einmalige architektonische Ensemble ist weitgehend erhalten, aber in den Vierteln rund um das historische Zentrum und vor allem in den Vorstädten der 3-Millionen-Stadt, wo es auch militärische Anlagen gibt, ist die Zerstörung umfassend. Auch die Gebäude, die derzeit noch stehen, sind durch die zigtausendfachen Erschütterungen der Bombenabwürfe einsturzgefährdet und in einigen Vierteln gibt es keine Fensterscheiben mehr. In der traditionellen Bauweise der mehrgeschossigen Stadthäuser besteht das Erdgeschoss aus Stein und die Obergeschosse oft aus Ziegeln. Innen sind die Wände und die Decken aus Lehm. Wenn so ein Haus getroffen wird, werden die Bewohner verschüttet. Oft fliegen die Saudis einen zweiten Angriff, wenn Helfer gerade dabei sind, die Verschütteten auszugraben, in der Hoffnung noch Lebende zu finden.

Die Militärintervention „Decisive Storm“ begann am 26. März 2015 unter einer von Saudi-Arabien angeführten Militärallianz, der auch Ägypten, Bahrain, Katar, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate, Jordanien, Marokko, Sudan und der Senegal angehören. Logistisch unterstützt wird die Intervention durch die USA, Frankreich und Großbritannien. Das klingt eigentlich nach einem Weltkrieg. Wieso erreichen uns dennoch kaum Nachrichten über die Kämpfe im Jemen?
Weil die Kriegführenden – und hier besonders Saudi-Arabien, die Emirate, die USA und Großbritannien – völlig andere Ziele verfolgen, als sie vorgeblich zur Wiederherstellung der „Legitimität“ im Jemen anstreben. Es sind dies zudem jene Länder, welche die globale Öffentlichkeit am effizientesten zu manipulieren in der Lage sind. Es besteht kein Interesse, die wahren Ziele an die große Glocke zu hängen, sondern man versucht, Informationen zu unterdrücken oder hinter einem Religionskrieg zu vernebeln. Es geht in Wirklichkeit knallhart um die Dominanz im enger werdenden Verteilungskampf um das Öl und vor allem auch um die Transportwege des Öls, d.h. um Pipelines. Saudi-Arabien und Satelliten wollen sich vom persischen Golf als Transportweg unabhängig machen, um sich für einen Krieg für den Iran freizuspielen. Sie brauchen daher Pipelines auf dem Landweg ans Mittelmeer und an das Arabische Meer. Die nördliche Route muss durch Syrien führen und die südliche durch den Jemen. Beide Länder haben den Transit einer solchen Pipeline bisher abgelehnt, weil sie die Souveränität des jeweiligen Landes sehr beeinträchtigen würde. Spätestens seit der Ukraine weiß man, dass Pipelines Kriege auslösen können.

Es gibt immer wieder (zweifelhafte) Berichte über iranische Waffenlieferungen an die Houthis. Welche Rolle spielt der Iran Ihrer Meinung nach in diesem Konflikt?
Bisher konnten keine Waffenlieferungen aus dem Iran an die Houthis nachgewiesen werden. Die ersten Behauptungen, der Iran rüste die Houthis auf, kamen 2012 aus Israel, das einen Militärstützpunkt in der Nähe des Bab al-Mandab betreibt und mit Saudi-Arabien in der Region gegen den Iran zusammenarbeitet. Saudi-Arabien hat bisher keine internationalen unparteiischen Beobachter im Krieg gegen den Jemen zugelassen, daher können solche Behauptungen, von denen es schon mehrere gab, nicht bewiesen werden. Es ist auch nicht anzunehmen, dass die Houthis Nachschub benötigen, weil sie ja über die Arsenale der früheren Regierung Saleh verfügen. Saudi-Arabien hat monatelang unter dem Vorwand, Waffenlieferungen an die Houthis zu unterbinden, sämtliche Häfen und Flughäfen entweder zerstört oder blockiert und die jemenitische Bevölkerung so einer Hungersnot und medizinischen Unterversorgung ausgeliefert. Man muss sich auch vorstellen, dass Sanaa seit mehr als einem halben Jahr ohne Strom ist, dass Wasser knapp ist, Benzin und Diesel nur sporadisch zu Wucherpreisen zu haben ist und auch Kochgas verknappt wurde. Zur Begründung des Belagerungszustandes gegen die Bevölkerung wird dann die Verhinderung von Waffenlieferungen an die Houthis angeführt. Die Aushungerung der Bevölkerung hat bisher 2,5 Mio. Menschen innerhalb des Landes vertrieben.
Es gilt allerdings als sicher, dass Houthi-Kämpfer ihre militärische Ausbildung schon seit längerem unter Anleitung der Hisbollah im Jemen und anderen Ländern erhielten. Die Houthis haben ja schon sechs Kriege in den Jahren 2004-2009 gegen die jemenitische Regierung gewonnen. Das Training durch die Hisbollah betrifft sowohl rein militärische Aktivitäten wie auch strategische und nachrichtendienstliche.
Decisive Storm coalition

Als die Revolution 2011 auch im Jemen ankam hofften viele auf Modernisierung, Umschwung, sozialen Wandel, nachdem Ex-Präsident Saleh zuvor 30 Jahre lang um sich herum ein Netzwerk von korrupten Führern aufgebaut hatte. Was waren Ihre Erwartungen an den Arabischen Frühling im Jemen und wodurch kippte in dieser Zeit, in der so viel möglich schien, die Stimmung?
Ich habe den Jemeniten damals gewünscht, dass eine 30-jährige Periode der Erstarrung zu Ende gehen sollte, dass es mehr Freiheit und Entwicklungsmöglichkeiten geben solle, dass die Angst vor den polizeistaatlichen Übergriffen beendet werden könne, dass die bisher unterdrückten Houthis im Norden und die Südländer gleiche Chancen bekämen, dass die Jugend Hoffnung auf eine bessere Zukunft hätte. Es ist nicht die Stimmung gekippt, sondern die alten Mächtigen, die sich alle Ressourcen angeeignet hatten, wollten nichts von ihrem Besitz und ihrer Macht hergeben und haben versucht sich neu zu arrangieren, was ihnen aber bisher nicht gelungen ist.

Die Lage im Land ist katastrophal. Laut UN-Angaben wurden seit März 2015 über 6000 Menschen getötet, über die Hälfte davon waren Zivilisten. 80% der Bevölkerung sind laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR auf Hilfslieferungen angewiesen, darunter auch die 2,3 Millionen Binnenflüchtlinge, und ein Ende des Bürgerkrieges ist nicht in Sicht. Es wird oft davon gesprochen, dass es in diesem Krieg keine „Guten“ gibt, also auf welchen Ausgang sollen wir hoffen?
Natürlich gibt es die „Guten“, das ist die Zivilbevölkerung, die ein Recht auf ein besseres Leben hat und nun systematisch zum Opfer des innerjemenitischen Machtkampfes und der regionalen Verteilungskämpfe gemacht wird. Die Jemeniten fühlen sich von aller Welt verlassen, weil sie diesem Horror ausgesetzt werden und niemand hilft. In Europa fängt jetzt langsam ein Umdenken an, aber nicht aus Mitgefühl und Solidarität, sondern weil man rechnet, wie viele zusätzliche Flüchtlinge aus dem Jemen „hereindrängen“ werden. Bei den Waffenlieferungen an Saudi-Arabien hat man das aber nicht bedacht.

Baby Zainab hat einen Bombenangriff nicht überlebt, ihr Vater verabschiedet sich von ihr

Baby Zainab hat einen Bombenangriff nicht überlebt, ihr Vater verabschiedet sich von ihr

Ich denke vor allem an die Kinder – der Jemen ist ein Land der Kinder – mehr als 50% der Bevölkerung ist noch nicht erwachsen. Wie werden sich die Traumata auf die Kinder auswirken? Wir wissen vom 2. Weltkrieg, dass sich Traumatisierungen bis in die dritte Generation auswirken. Die Jemeniten sind – waren – das gastfreundlichste und hilfsbereiteste Volk, das ich kenne, mit starken Familienverbänden und Gemeinschaftssinn – nur so können sie es derzeit schaffen, unter Bedingungen zu überleben, unter denen Europäer zugrunde gingen.

Auch in Syrien und im Irak kämpfen Schiiten gegen Sunniten, ein Novum im Bürgerkrieg im Jemen ist der Einsatz zahlreicher Söldner als Bodentruppen durch die Vereinigten Arabischen Emirate. Das amerikanische Söldnerunternehmen Blackwater plant nach schweren Verlusten einen Rückzug aus dem Jemen, nachdem auch der Blackwater-Befehlshaber Nicholas Butros in der Lahij-Provinz im Südosten des Landes, bei einem Raketenangriff ums Leben gekommen ist. Inwieweit beeinflusst es Ihrer Meinung nach einen Krieg, wenn man bezahlte Stellvertreter für sich kämpfen lässt?
Das saudische und das emiratische Heer sind einem Bodenkrieg mit Jemeniten, vor allem mit Houthis nicht gewachsen, nicht einmal mit vielfach überlegenem Kriegsgerät. Nicht nur physisch nicht gewachsen, sondern auch hinsichtlich der Motivation, denn der Krieg der Houthis ist so etwas wie ein Freiheitskrieg. Aber der blutige Konflikt im Jemen ist ja in erster Linie ein Stellvertreterkrieg, den Saudi-Arabien gegen den Iran um die Vormacht im Mittleren Osten führt. In zweiter Linie ist er ein Ölkrieg und soll Saudi-Arabien die Kontrolle über die globale Ölindustrie und die Verteilungswege sichern. Die USA und Großbritannien sind dabei ganz auf der Seite Saudi-Arabiens.
ConfusedWenn Sie die Lage im mittleren Osten beobachten, werden sie Kriegsherde immer dort finden, wo entweder Ölproduktionsanlagen sind, oder existierende oder geplante Pipelines. Der sogenannte IS wird dazu eingesetzt, diese Gebiete so zu veröden und zu entvölkern, dass sie nicht mehr durch staatliche Kontrolle und Verteidigung geschützt werden können. Es geht also nicht um nationale Ziele, sondern um globale wirtschaftliche und Machtziele, die religiös oder auf andere Weise verbrämt werden. Da ist es nur logisch, dass Söldner eingesetzt werden, deren Aufgabe ja in der Hauptsache darin besteht, Staaten zu destabilisieren, zum Scheitern zu bringen und die Gebiete der Willkür der globalen Player auszuliefern, zu denen naturgemäß auch die Ölfirmen gehören. Am liebsten ist es diesen Playern natürlich, wenn sich die Bevölkerung gegenseitig ausrottet, und dazu hetzt man sie mit religiösen Parolen gegeneinander auf, wie man sowohl in Syrien, in Libyen wie auch im Jemen beobachten kann. Noch ist dieser sogenannte Bürgerkrieg nicht weit gediehen, aber je größer die Not wird, und je mehr medial gehetzt wird, desto mehr steigt die Bereitschaft, sich auf sektiererische Aufwiegelung und einfache Feindbilder einzulassen.

Schulkinder zwischen Hoffnung und Trauma. Neue Chancen bietet UNICEF

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Wie sieht der Alltag in Aden aus? Gibt es genügend Lebensmittel, kann Ihr Mann arbeiten, können seine Kinder in die Schule gehen, sind medizinische Einrichtungen noch geöffnet? Wieviel Normalität ist im Kriegsalltag bereits verlorengegangen?
Die Lage dort ist vollkommen anders als in Sanaa. Aden wurde am 15. Juli von der saudischen Koalition „befreit“, sollte also schon seit 7 Monaten in einem Friedenszustand sein. Dies ist nicht der Fall, denn die Lage ist für die Bewohner extrem unsicher. Durch den Ruin der Wirtschaft – die Infrastruktur wurde fast völlig durch Bombenangriffe zerstört-, haben sehr viele Menschen ihre Arbeit verloren.
Gleichzeitig gibt es eine galoppierende Inflation und für Mangelwaren (Lebensmittel, Transportmittel, medizinische Artikel) entwickelte sich ein Schwarzmarkt mit Wucherpreisen. Dies hat zu einer drastischen Erhöhung der Kriminalität geführt. Gleichzeitig haben die Besatzungskräfte die Bildung von jemenitischen Sicherheitskräften aus der Widerstandsbewegung sabotiert, sodass es in der Stadt keine lokalen Schutz- und Wachorgane gibt. Diese Lage haben Al-Qaida und IS ausgenützt, um sich unter den Augen (und mit dem Wohlwollen?) der Besatzer auszubreiten und Terrorakte zu verüben. Fast täglich gibt es solche Terrorakte, zumeist an Offizieren oder Vertretern der Exilregierung mit Autobomben oder Selbstmordattentätern. Dennoch funktionieren die Schulen und die Universitäten und zumindest teilweise auch die Krankenhäuser. Der älteste Sohn meines Mannes wird dieser Tage in Volkswirtschaft graduiert und die Familie feiert. Chancen auf Arbeit hat er aber wohl in nächster Zeit nicht.

Die aussichtslose Lage im Land führt zu einer Hinwendung zu ISIS und anderen extremistischen Gruppierungen, besonders bei jungen Jemeniten. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Weder Al-Qaida noch Daesch, wie IS in den arabischen Ländern genannt wird, erfreuen sich großer Beliebtheit, ja sie werden von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt und gefürchtet. Man erinnere sich nur an den brutalen Al-Qaida-Überfall auf das Krankenhaus in Sanaa, bei dem Al-Qaida-Leute Handgranaten auf Patienten warfen, und die vielen Attentate in Moscheen! Al-Qaida hat aber, nach den zahlreichen US-Drohnenattacken der letzten Jahre, die auch weiter anhalten, Zulauf erhalten, weil diese Art des Mordens, der auch viele Unbeteiligte zum Opfer gefallen sind, großen Volkszorn ausgelöst hat. Wenn Al-Qaida und Daesch in Kriegszeiten Zulauf haben, so ist dies vorwiegend auf die Armut zurückzuführen. Die vielen jungen Männer haben die Pflicht, zum Familienerhalt beizutragen und Al-Qaida und Daesch sind derzeit ziemlich die einzigen „Arbeitgeber“, wenn auch bei weitem nicht soviel verdient werden kann, wie oft versprochen wurde. Mit Religion hat dies nichts zu tun. Al-Qaida agiert im Jemen eher wie eine Mafia und verübt auch Morde auf Bestellung. Die Stärke von Daesch, das im Jemen mit Al-Qaida konkurriert, ist schwer einzuschätzen.

Abdullah (12) dokumentiert seinen Schulweg im zertrümmerten Aden

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Unabhängig vom Ausgang des Krieges, glauben Sie, der Jemen kann sich von dieser Zerstörung je wieder erholen?
Inschallah! Ich hoffe es sehr. Aber je länger dieser Wahnsinnskrieg dauert (am 26. März wird es ein Jahr), desto mehr schwindet die Hoffnung, dass die Menschen ihr Land wieder so bewohnen und mit Leben erfüllen können, wie es einmal war. Am Schlimmsten ist die Armut, die existentielle Not, die Hoffnungslosigkeit, der Verlust von Familienangehörigen.

Vielen Dank Frau Wally, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen haben!

Am Donnerstag werden wir das Thema Jemen mit einem Interview mit Nadia al-Sakkaf, der früheren Informationsministerin Jemens, die letztes Jahr ins Exil nach London fliehen musste, vertiefen.

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