Jemen – Nadia al-Sakkaf

– Ein Interview mit der früheren Informationsministerin Jemens im Exil –

Sie werde einmal eine Brücke sein, prophezeite ihr Vater ihr einmal, als sie noch ein kleines Kind war.

Abdulaziz_Al-Saqqaf_By_Carlos_LatuffDer Gründer der Yemen Times, Abdulaziz al-Sakkaf, der 1999 einem Attentat zum Opfer fiel, hoffte immer auf Großes, sowohl für sein Land als auch für seine Tochter. Mit 28 Jahren übernahm sie den Posten der Chefredakteurin und entließ im ersten Jahr die Hälfte aller Angestellten, die mit einer so jungen (und vor allem weiblichen!) Chefin nicht zurechtkamen. Die frei gewordenen Stellen besetzte sie mit Frauen oder liberalen Männern (einer davon ihr eigener Ehemann, der keinerlei Probleme hatte, für sie zu arbeiten) und machte, allen Unkenrufen zum Trotz, die Yemen Times noch erfolgreicher als je zuvor; gewann allein im ersten Jahr als Chefredakteurin drei journalistische Auszeichnungen. Zehn Jahre später wird sie zur ersten weiblichen Informationsministerin Jemens, mit dem Rückenwind des Arabischen Frühlings hofft sie auf die Chance, ihr Land nachhaltig zu verändern. Doch dann kam der Krieg und Nadia und ihre Familie schaffen es gerade noch, den Rebellen zu entkommen und das Land zu verlassen. Seit einem Jahr lebt sie mit ihrer Familie in England, weitgehend inkognito, studiert Politikwissenschaften, hat Sehnsucht nach ihrer Heimat und Angst vor dem, was sie vorfindet, sollte sie jemals zurückkehren können. In ihrem Exil in Reading nahm sie sich die Zeit für ein Gespräch. Das Interview im englischen Original können Sie hier nachlesen.

1990 gründete Ihr Vater die „Yemen Times„, Jemens erste unabhängige, englischsprachige Zeitung. Nach seinem Tod wurden Sie Chefredakteurin. Wie groß war der Widerstand  gegen eine Frau in einer so mächtigen Position?
Mein Vater starb 1999, dann übernahm mein ältester Bruder Walid das Ruder bis 2005, bis ich schließlich Chefredakteurin wurde. Innerhalb der Zeitung waren viele gegen mich, manche hinter vorgehaltener Hand, manche ganz offen. Nadia al-Sakkaf, Chefredaktør på Yemen Times.Sie konnten sich nicht vorstellen, dass eine Frau – und noch dazu so eine junge – dazu imstande war, einem Unternehmen vorzustehen. Viele dachten auch, sie hätten mehr Rechte an der Spitze der Zeitung zu stehen als ich, obwohl wir uns das angesehen und uns gut überlegt hatten, wer die Lücke füllen könnte, doch es gab niemanden. Viele wollten einfach keine Frau als Vorgesetzte und taten ihren Unmut erst kund, als sie sahen, wie ernst ich das Geschäft nahm.
Außerhalb der Zeitung glaubten viele, dass ich das Familiengeschäft ruinieren würde – natürlich bewies ich ihnen das Gegenteil.

Auf der  “Women in the World”-Konferenz  2014 sagten Sie Jon Stewart in einem Interview, dass Sie zwar einräumten, dass dem Arabischen Frühling ein kalter Winter folgte, Sie aber dennoch der Ansicht seien, Frauen in Ihrem Land hätten unleugbar Fortschritte gemacht. Von welchen Fortschritten sprachen Sie damals genau?
Für jemenitische Frauen war es vor 2011 vollkommen unvorstellbar, sich am öffentlichen Leben oder an politischen Debatten zu beteiligen. Da aber viele Oppositionsparteien beweisen wollten, dass ihr Verlangen nach einem Regimewechsel von hunderttausenden Jemeniten (Männern und Frauen) geteilt wird, wurden die Frauen buchstäblich in Bussen von ihren Häusern abgeholt und zu den Protesten in den Straßen gefahren, man drückte ihnen  Plakate und Fahnen in die Hand. Dasselbe tat die Regimepartei, die ihre Legitimität verteidigen wollte. Plötzlich spielten Frauen eine wichtige Rolle und wurden sogar dazu ermutigt, auf die Straße zu gehen und ihre Ansichten laut kundzutun. Sie begannen, gewisse Schlachtrufe zu lernen, die mit Freiheit, Menschenrechten, Staatsbürgerschaft, Gleichheit, Gerechtigkeit etc. zu tun hatten.
Q2013-Al-SakkafAuch wenn ihnen die Teilnahme an diesen Protesten natürlich noch nicht wirklich Macht verlieh, wurden sie dadurch doch an die Politik herangeführt und waren von diesen Erfahrungen fasziniert. Sie begannen, Zugang zu sozialen Medien und politischen Debatten zu bekommen, was ihre politische Bildung sehr positiv beeinflusste. Diese Entwicklungen können nicht mehr rückgängig gemacht werden und hätten, wenn man sie ihrer natürlichen Evolution überlassen hätte, Jahre gebraucht um erreicht werden zu können.

Nach über zehn Jahren als Chefredakteurin der „Yemen Times“ gaben Sie Ihre Position auf um Jemens erste weibliche Informationsministerin zu werden. Ist Ihnen die Entscheidung schwer gefallen und was versprachen Sie sich von der neuen Aufgabe?
Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens und bis heute gibt es Tage, an denen ich sie bereue. Es stellte sich heraus, dass es die Diskriminierung auch auf höchster Ebene gibt. Die Politik ist eine Männerwelt und selbst wenn man sich und seine Fähigkeiten unter Beweis stellt, gibt es da immer diese „Männerclubs“ und Netzwerke, zu denen Frauen keinen Zugang haben. Und dann ist da natürlich noch die generelle Einstellung der Männer, dass Frauen ihnen unterlegen sind und keine politischen Entscheidungen treffen können.  Im öffentlichen Sektor gab es sehr viel Korruption und fehlende Professionalität. Es hätte wirklich drastischer Maßnahmen bedurft, um das zu beheben, und ich befürchtete, Jemen sei noch nicht bereit für einen Technokraten, und damit sollte ich recht behalten. Aber es war eine unglaublich interessante Erfahrung, eine Offenbarung, ich habe so viel gelernt, aber es hat auch mein Leben mehr in Gefahr gebracht als die Position als Chefredakteurin.

Letztes Jahr waren Sie gezwungen aus dem Jemen zu fliehen, als Huthi-Rebellen Sie töten wollten. Wie lief Ihre Flucht ab?
Ich konnte dank meiner Freunde bei der UN fliehen, die mir und meinen zwei kleinen Kindern halfen in die allerletzte Maschine zu kommen, die UN-Mitarbeiter evakuierte.  Mein Mann war zu der Zeit wegen einer Konferenz in Kairo und ich hatte keine Ahnung, ob ich ihn jemals wiedersehen würde. Die Plätze in diesem Flugzeug retteten mein Leben und ich musste  die ganze Zeit verschleiert sein, so dass niemand mich erkennen würde. Stundenlang wartete ich mit meinen Kindern die Pass-Kontrollen ab, ehe wir endlich an Bord gehen konnten. Als ich meinen Pass dem Mann am Kontrollpunkt übergab, starrte er ihn an und fragte: „Sind Sie die Informationsministerin?“ Ich sagte ja und tausend verschiedene Szenarien, was für Konsequenzen meine Identität wohl haben würde schossen mir durch den Kopf, natürlich auch, dass sie mich zurückschicken und unter Arrest stellen würden. Aber wie durch ein Wunder hatte er Verständnis. Er arbeitete für das frühere Regime und zu der Zeit hatten die Konflikte zwischen Salehs Leuten und den Huthis gerade erst begonnen. Die Männer im Sicherheitsdienst des früheren Regimes waren viel besser ausgebildet und informierter als die Rebellen, obwohl letztere das Sagen hatten, was natürlich zu Groll führte.
Er sagte mir, ich solle meinen Pass (und die meiner Kinder) behalten und hier stehenbleiben bis zur letzten Minute, so dass wir quasi als letzte Passagiere zusteigen und die Huthis keine Zeit hatten, lange über die Situation nachzudenken. Unser Glück war dann, dass der Huthi-Rebell, der sich schließlich meinen Pass ansah, ein sehr junger Mann Anfang zwanzig war, der gar nicht wirklich wusste, wer ich war. Ich gab ihm unsere Pässe, er warf nur einen kurzen Blick darauf, gab sie mir wieder und wir gingen rasch Richtung Flugzeug. Der erste Offizier, der uns geholfen hatte lief uns hinterher und flüsterte mir zu, zu rennen und ins Flugzeug zu steigen, denn der Huthi-Mann hatte nun doch Zweifel bekommen und nach seinem Vorgesetzten gerufen. Die Huthis haben eine sehr lange Befehlskette und als sie endlich wussten, wer ich wirklich war, hatte das Flugzeug bereits abgehoben. Überwältigt vor Erleichterung riss ich mir den Schleier vom Gesicht, umarmte meine Kinder und wir feierten unsere gelungene Flucht. Wir haben unser Zuhause an die Huthis verloren, unsere Autos, unsere Erinnerungsstücke und alles, was wir je im Jemen besaßen, aber wir haben einander und wir sind am Leben und in Sicherheit und das können Millionen Jemeniten nicht sagen, die jetzt gerade in sehr schwierigen und traurigen Umständen leben müssen.

Eine andere sehr bekannte jemenitische Feministin ist die Nobelpreisträgerin Tawakkol Karman, auch sie musste letztes Jahr fliehen nachdem Huthi-Rebellen ihr Zuhause überfallen hatten. Sind Sie noch in Kontakt mit anderen Jemeniten im Exil?
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Ich habe Kontakt mit Tawakkol und vielen anderen, eines Tages werden wir zurückkehren und beim Aufbau unseres Landes helfen.

Sicher werden Sie nie die Nacht des 20. Januar 2015 vergessen, als die Rebellen die Hauptstadt Sana’a einnahmen. Anstatt sich zu verstecken loggten Sie sich in Ihrem Twitter-Account ein und hielten die Welt die Nacht hindurch auf dem Laufenden. Ihr erster Tweet lautete:  “It’s a coup. The presidential palace has been attacked.” Hatten Sie keine Angst?
Ich denke es war das Adrenalin und auch das Verantwortungsgefühl als Informationsministerin. Ich dachte, wenn ich nicht sage was passiert und die Leute nicht informiere, wer dann? Ich hatte Angst, aber es fühlte sich auch so an, als hätte etwas größeres die Kontrolle übernommen und würde mich für mehrere Stunden antreiben. Wenn ich jetzt an diese Nacht zurück denke, frage ich mich „Was habe ich mir dabei gedacht?!“

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Mittlerweile leben Sie in Reading/England mit Ihrer Familie und machen Ihren PhD in Politikwissenschaften. Ich bin sicher, Sie sind die einzige ehemalige Ministerin in Ihrer Klasse. War es schwierig, sich an dieses neue Leben zu gewöhnen? War es schwierig für Ihre Familie?
Die meisten Leute kennen meinen Background nicht, über den ich ohne guten Grund nicht spreche. Ich habe mich als Ministerin nicht anders gefühlt als jetzt, ich war immer sehr bodenständig und mir war auch klar, dass ich dieses Amt nur vorübergehend für zwei Jahre ausübe und dann zurückkehre in mein altes Leben als Chefredakteurin. Ich hatte die Vision, mit anderen Gleichgesinnten im Kabinett  daran zu arbeiten, die Wirtschaft des Landes zu retten und es wieder auf den richtigen Weg für die Zukunft zu führen. Wie sich herausstellte, war meine Position noch viel vorübergehender als ich gedacht hatte. Aber nicht einmal als ich Ministerin war habe ich mir den Luxus, der mit der Position einhergeht, gegönnt, ich habe jeden Tag hart gearbeitet, um eine Veränderung zu erreichen. Für meine Familie blieb damals kaum Zeit und tatsächlich ist unser jetziges, weit weniger aufregendes Leben, sehr viel besser für meine Kinder und meine Familie, die jetzt sehr viel mehr von mir haben.

Nachdem der Iran jahrzehntelang von den Vereinigten Staaten dämonisiert wurde, entstieg er der internationalen Isolation nun durch den Nuklearwaffen-Deal. Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach die Rolle, die der Iran im Jemen-Krieg spielt?
Es beweist, dass das, was im Jemen passiert, außerhalb unserer Kontrolle ist und es einen weit größeren Rahmen gibt, den wir sehen und verstehen müssen. Wenn wir uns die Vergangenheit ansehen und uns mehr mit der Geschichte des Landes befassen würden, wäre das, was heute im Jemen passiert, sehr viel nachvollziehbarer. Aber unglücklicherweise haben die Machthaber im Jemen ein sehr kurzes Gedächtnis.

Viele Menschen mit denen ich spreche glauben, es koste den Jemen Jahrzehnte (wenn überhaupt) um aus den Trümmern des Krieges wieder aufzuerstehen. Was denken Sie und können Sie sich vorstellen, in den Jemen zurückzukehren?
Traurigerweise würde ich diesen Menschen zustimmen, es wird Jahrzehnte dauern, zwei wenn wir Glück haben. Der Schaden ist nicht nur physisch und materiell, nicht nur der Verlust von Leben und Infrastruktur. Es ist der Verlust der sozialen Textur und des Vertrauens eines Landes in die eigene Identität und die Regierung. Das ist sehr gefährlich, denn wir hatten ja gerade erst begonnen, über einen zivilisierten Staat zu verhandeln, und jetzt steht wieder jeder allein da, sogar das Stammessystem ist fehlgeschlagen.

Der Konflikt in Ihrem Land wurde und wird von der Presse marginalisiert wegen des größeren Konfliktes in Syrien. Wenn Sie eine Abgeordnete im Europäischen Parlament wären, was würden Sie an der Art und Weise, wie Europa die Flüchtlingskrise handhabt (oder nicht handhabt) ändern?
Ich würde versuchen, ihnen die Notlage meines Volkes bewusst zu machen und den verborgenen Krieg, den sie allem Anschein nach nicht erkennen. Es geht nicht nur um die Huthi-Rebellen und ihre Gräueltaten – und selbst die werden im Westen kaum wahrgenommen – es geht auch um die wahllosen Luftangriffe und das vollkommene Fehlen jeglicher Rechenschaftspflicht. Es geht um die Doppelmoral internationaler Organisationen und um Länder, die lieber mit der momentanen Regierung verhandeln als mit einer legitimierten, weil sie sich nur für ihren eigenen Vorteil und ihren sogenannten „Krieg gegen den Terror“ interessieren. Sie weigern sich zu verstehen, dass das Anerkennen der momentanen Machthaber, obwohl  sie undemokratisch und in terroristische  Verbrechen verwickelt sind, weitere Machtergreifungen und weiteres Blutvergießen unterstützt.

alsakkafLassen Sie uns mit der Millionen-Frage aufhören: was ist die Lösung für den Krieg im Jemen?
Die liegt eigentlich direkt vor uns, aber sie kann leider nicht von außen kommen. Nur die Jemeniten können diesen Krieg stoppen und Jemen wieder sicher machen.  Aber wir haben noch nicht genug Blut vergossen und folgen blind machthungrigen, selbstsüchtigen Führern, denen nur ihr eigenes Wohl am Herzen liegt. Die Jemeniten müssen aufwachen und realisieren, was sie da tatsächlich tun, ihre Waffen niederlegen und anfangen, zusammenzuarbeiten, um die Trümmer zu beseitigen und ein neues Land aufzubauen.  Wir tragen so viel Vergangenheit mit uns herum, so viel Uneinigkeit und Trauer, und das ist es, was uns davon abhält. Unser Blick ist auf die Vergangenheit gerichtet, deswegen können wir unseren Fokus noch nicht auf die Zukunft setzen.

*  *  *

Ihr Vater sollte recht behalten, Nadia war in der Tat eine Brücke, über die viele jemenitische junge Frauen in ein neues Leben gingen, ein Rollenvorbild für Frauen, dass man gebildet, erfolgreich und politisch aktiv sein kann und trotzdem verheiratet, eine Mutter und religiös.  Wer ein wenig Zeit hat, dem empfehle ich dringend, sich ihren TED TALK „See Yemen through my eyes“ anzusehen, in dem sie schon 2011 versuchte, uns auf ihre ganz besondere Art ein Land näher zu bringen, dessen Besonderheit und Leid von der Welt viel zu oft ignoriert wurde, weil wir immer mit wichtigerem beschäftigt zu sein scheinen.  Und selbst jetzt, wo das Land kurz vor dem Kollaps steht, sehen wir (und die Weltpresse) in die andere Richtung, weil es uns ja (noch) nicht betrifft. Haben wir diesen Fehler nicht schon einmal gemacht? Kommt Ihnen das nicht bekannt vor?

 

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