Krieg und Krokodile im Sudan

“Even if you die in the water,
it’s better to be killed by snakes or crocodiles than by soldiers.”

(Nyakier, Southsudan Woman)

Erst 2011, also vor fünf Jahren ist der Südsudan als jüngstes Land der Welt entstanden und bereits seit 2013 tobt, praktisch außerhalb des internationalen Radars, dort ein blutiger Bürgerkrieg.

Wer kämpft gegen wen?
Im Südsudan gibt es über 200 ethnische Gruppierungen, es bekämpfen sich vor allem die Dinka (mit etwa 3 Millionen die größte Gruppe) und die Nuer (mit etwa 900.000 die zweitgrößte Gruppe). Die Dinka unterstützen Staatspräsident Salva Kiir Mayardit, die Nuer unterstützen Riek Machar, den ehemaligen Vizepräsidenten.
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Und warum?
Wegen Öl. Der Südsudan ist reich an Erdölvorkommen, die zu den größten der Welt gezählt werden, und wer die Kontrolle über das Land hat, hat auch die Kontrolle über seine Schätze.

Wieso hat sich der Südsudan vom Norden abgespaltet?
Der Süden wurde jahrzehntelang vom Norden diktatorisch mitregiert. Mit nur wenigen Unterbrechungen litt der Süden fast 40 Jahre unter einem Bürgerkrieg, länger als jedes andere afrikanische Land. Es ging hierbei einerseits um einen Kampf der Kulturen, da der Norden arabisch-islamistisch ist und der Süden afrikanisch-christlich, andererseits spielte auch in diesem Sezessionskrieg bereits das Öl eine große Rolle, da im Süden die reichen Erdölvorkommen sind, der Norden jedoch die Öl-Pipelines hat. Die Abspaltung wurde international unterstützt und war mit der Hoffnung auf Frieden in der Region verbunden.
Halbmond

Wie viele Opfer gab es bisher?
Bislang rechnet man mit ca. 50.000 zivilen Opfern, genaue Zahlen kennt allerdings niemand. Über zweieinhalb Millionen Südsudanesen sind auf der Flucht. Ein Großteil der Todesopfer resultiert nicht aus Gefechten, sondern aus der „höheren Sterblichkeitsrate während des Krieges“, was einfach heißen soll, dass tausende von Menschen verhungern oder an Krankheiten sterben, die heilbar wären, wenn die medizinische Versorgung im Land funktionieren würde.

Dramatisch ist außerdem die Zahl der Massenvergewaltigung an Frauen und Kindern, die im Südsudan dokumentiert wurden.

“This is one of the most horrendous human rights situations in the world, with massive use of rape as an instrument of terror and weapon of war, yet it has been more or less off the international radar,” sagt Zeid Ra’ad al-Hussein, UN-Kommissar für Menschenrechte.

Mit der Regierung verbündete Truppen sollen sogar statt Sold eine Art Generalerlaubnis bekommen haben, sich Frauen zu “nehmen”, wann und wo immer sie wollen. In Unity State allein wurden im Zeitraum von April bis September 2015 mehr als 1300 Vergewaltigungen dokumentiert. Es gibt Berichte über Frauen, die entführt und von den Soldaten in ihren Barracken als Sexsklaven behalten und täglich mehrmals vergewaltigt wurden. Frauen, die Widerstand leisten, werden erschossen. Einmal wurde auch beobachtet, dass Soldaten eine Auseinandersetzung hatten, weil einer von ihnen ein sechsjähriges Mädchen vergewaltigen wollte. Ein anderer Soldat erschoss das Mädchen schließlich. Der UN-Bericht ist voller Abscheulichkeiten, die auf beiden Seiten begangen wurden, legt jedoch auch klar dar, dass die Regierungsseite eindeutig für den Großteil der Verbrechen verantwortlich ist.

Was macht die UN?
Nicht viel.

Cartoon Sudan Genocide

Was macht Amerika?
Obama lässt sich angeblich täglich über die Vorkommnisse im Sudan updaten, was für eine afrikanische Region sehr ungewöhnlich ist, doch die USA sind der wichtigste internationale Partner des Südsudan und sehen sich in einer besonderen Verantwortung für das Land, denn ohne die Initiative der Vereinigten Staaten hätte es den Staat Südsudan niemals gegeben. Denkbar wären weitere Sanktionen gegen Mitglieder beider Kriegsparteien, als Gerücht steht außerdem im Raum, dass Kiir und Machar entmachtet werden könnten und der Südsudan wegen der Unfähigkeit, sich selbst zu regieren, als Protektorat unter die Obhut der Vereinten Nationen gestellt.

Was machen die Krokodile?
Der Journalist Nicholas Kristof besuchte Unity State im Südsudan und sprach dort mit Frauen, die täglich in panischer Angst davor leben, dass Soldaten sie und ihre Töchter überfallen und missbrauchen. Wenn sie in der Nähe Soldaten hören, so berichteten sie Kristof, gingen sie in die Sümpfe und tauchten unter, so dass nur ihre Nasen aus dem Wasser herausragten und hofften, zwischen dem Schilf nicht gesehen zu werden. In den Sümpfen im Südsudan gibt es giftige Schlangen (wie Kobras und Vipern) und jede Menge Krokodile, doch die Soldaten ihrer eigenen Regierung fürchten die Frauen weit mehr als wilde Tiere. “Even if you die in the water, it’s better to be killed by snakes or crocodiles than by soldiers”, hört Kristof von den Frauen immer wieder und das ist das Erschreckendste an der Situation der Menschen dort: Massenvergewaltigungen gab es bereits in anderen Ländern (im Bangladesch-Krieg wurden mehr als 400.000 Frauen vergewaltigt), aber dies ist ein brandneuer Staat, ein Staat, den die erste Welt aus der Wiege gehoben hat und den man jetzt nicht sich selbst überlassen darf. Die UN muss aufhören, sich so lange vor drastischen Aktionen zu scheuen, bis sie sich selbst überholt haben und zu spät kommen. Wenn Frauen und Kinder sich in Krokodil-Sümpfen verstecken, weil sie sich dort sicherer fühlen, als in ihrem Zuhause, muss etwas geschehen.

„We can’t stop every atrocity, and I’m not even sure we can stop this one. But when people are being singled out because of their ethnicity and killed, raped, mutilated and starved, when a government that we helped put in place is regarded by citizens as more dangerous than hungry crocodiles, then surely we can try a little harder.“ (Nicholas Kristof)

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