ISIS, Brüssel und die Grauzone

“Daily life in Molenbeek works well — but that’s maybe what has fooled us: that in ordinary life, there are no difficulties. And next to that, there are people living in the shadow. And we have left them living in the shadow. We didn’t ask ourselves the right questions.”

(Françoise Schepmans, Bürgermeisterin von Molenbeek/Belgien)

Wir haben gewusst, dass es wieder passieren wird, dass es wieder passieren muss, dennoch teilt die Welt den Schmerz um Brüssel und seine Opfer.

France-BelgiumDie Presse wendet sich bereits wieder den „wichtigen“ Dingen zu, nicht dem Warum (das könnte weh tun), sondern dem Wer und Wie. Es gibt sogar erste Vermutungen, die Anschläge könnten eine Reaktion auf die Festnahme von Salah Abdesalam sein, dem einzigen überlebenden Attentäter der Anschläge in Paris, doch eine Serie von Explosionen wie in Brüssel ist sehr viel länger geplant und kann nicht in wenigen Tagen vorbereitet werden.

Es spricht jedoch einiges dafür, dass Abdesalam und sein engeres Netzwerk an der Planung der Brüssel-Attentate maßgeblich beteiligt waren, und das würde nicht nur bedeuten, dass zum ersten Mal eine Zelle in Europa zwei Anschläge in Folge planen und umsetzen konnte, ehe sie gefasst wurde, es bedeutet vor allem eines: unsere Art von „Kampf gegen den Terror“ funktioniert nicht.

Maelbeek explosion
Ja, Obama will nicht wieder in einen Nah-Ost-Krieg verwickelt werden, ja, Europa erst recht nicht, also klang die vorsichtige, halb-militärische Strategie, durch Luftangriffe besetzte Territorien in Syrien und im Irak zurückzuerobern, gar nicht so schlecht. Alles, was darüber hinausginge, würde Bodentruppen erfordern (also eigene, nicht nur die kurdischen). Und es hat auch funktioniert, mittlerweile hat ISIS im Nahen Osten fast ein Drittel seiner besetzten Gebiete wieder verloren. Doch leider hindert das ISIS nicht daran, Europäer zu töten. Seit den Anschlägen in Paris reden sich Europa und die USA ein, die gemeinsame Anti-IS-Koalition würde mit dem Problem schon fertig werden. Irgendwie. Irgendwann. Bloß keine Bodentruppen!

Aber welchen Preis zahlen wir für Vorsicht und Diplomatie? Diese Strategie setzt die Annahme voraus, dass ISIS im Nahen Osten laaaangsam geschlagen werden kann, ehe sie es geschafft hat, die amerikanische und europäische Gesellschaft zu unterwandern. Wie realistisch ist das? Während Obama und seine Alliierten in Europa abwarten und weitere militärische Schritte schon aus (Wahl)politischen Gründen nicht in Frage kommen, grassiert die Radikalisierung, bei uns und im Nahen Osten. Die zunehmende Verzweiflung in der Region des „Kalifates“ sorgt dafür, dass moderate Muslime sich immer häufiger radikalen Gruppierungen anschließen, anstatt aus moralischen Gründen zu hungern und zu leiden. Amerika wendet sich Trump zu, einem Präsidentschaftskandidaten mit praktisch nicht-existenter Asylpolitik. In Europa haben rechte Parteien den größten Zulauf seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Anhängerzahl derer, die für den EU-Ausstieg Großbritanniens sind, wächst stetig weiter….. Wird die Vermeidung eines Militärschlages gegen ISIS nicht langsam gefährlicher als die Durchführung?

Sorry for BrusselsJahrelang haben wir uns eingeredet, dass sich das „Problem Naher Osten“ von selbst löst. Da geht es um Öl, ganz klar, es geht ja irgendwie immer um Öl, und irgendwie ließ sich bisher ja auch immer jeder Konflikt (früher oder später) wieder beilegen. Aber was derzeit im Nahen Osten passiert ist ein Präzedenzfall, mit nichts bisherigem vergleichbar, nicht auf den Faktor Öl reduzierbar. Es geht ISIS nicht um Öl, sondern um etwas, das für Europäer nicht nachvollziehbar (und deshalb umso horrender) ist: den Dschihad. Sunnitische Macht. Bekehrung der Ungläubigen. Zerstörung der Feinde. Allein die Terminologie ist für westliche Ohren kaum verständlich, aber das macht ihre Inhalte nicht weniger real.

ISIS will uns verändern. Nicht mehr und nicht weniger. Die Welt der Radikalen ist aufgeteilt in Schwarz und Weiß, in Ungläubige (das sind Sie) und Gläubige, in Feinde und Anhänger. Neu ist ISIS‘ Konzept der Grauzone. Zu der gehören nämlich Muslime, die in Europa oder den USA leben, sich in der dortigen Gesellschaft integriert haben und ein islamisches Leben führen, das sich mit den Dogmen von ISIS und seinen wahhabitischen Ursprüngen nicht mehr deckt. Diese Grauzone muss weg, denn dass schwarz-weiße Welten einfacher zu begreifen sind, das weiß nicht nur ISIS. Diese westlichen Muslime müssen daher entweder bekehrt werden (sich also der wahhabitischen Interpretation des Islam und dem Kalifat anschließen), seated next tooder sie werden gewissermaßen zur Bekehrung gezwungen, indem eben die westlichen Gesellschaften, in die sie sich integriert haben, sie aus ihrer Mitte abdrängen und isolieren und somit der radikale Islam der einzige Ausweg zu sein scheint. Diese Isolation von der westlichen Gesellschaft will ISIS mit seinen Anschläge erreichen, es soll Misstrauen und Angst gegenüber allen Muslimen entstehen, zwischen Islam und ISIS soll im Westen keinerlei Unterschied mehr gemacht werden. Je mehr Ausgrenzung und Hass die Muslime in ihrer westlichen Wahlheimat erfahren, desto willigere Rekruten werden sie für den Dschihad, so die Strategie von ISIS. Klingt weit hergeholt, funktioniert aber weit besser als alle unsere bisherigen Gegenstrategien.
Frankreich, Brüssel (und vielleicht sollten sogar die Vorkommnisse an Sylvester in Köln hier mitgerechnet werden) waren alle verheerend, aber aus terroristischer Sicht mit relativ wenig Opfern, dennoch haben bereits sie allein dazu geführt, dass sich Europas Einstellung gegenüber Flüchtlingen aus dem Nahen Osten um 180 Grad gewendet hat. Der Ruf nach geschlossenen Grenzen, strengen Kontrollen und unmenschlichen Verfahren ist innerhalb weniger Monate nach Blumensträußen am Bahnsteig ankommender Flüchtlingszüge salonfähig geworden. Welchen Einfluss hätte dann wohl ein zweiter 9/11 auf das kollektive europäische Gewissen?InsideWir müssen uns klar machen, dass der sogenannte „IS“ weder für den Islam steht, noch einen tatsächlichen Staat repräsentiert (weswegen wir uns hier auf dem Blog auch weigern, den Terminus „IS“ zu benutzen).

Convert IslamBei Anschlägen in Europa kommen die Attentäter meist aus dieser isolierten, mobilisierten und rekrutierten Grauzone der jeweiligen Länder heraus und könnten von syrischen Flüchtlingen gar nicht weiter entfernt sein.
Belgien hat 11 Millionen Einwohner, etwa 6-8% davon sind Muslime. Dennoch stellt Belgien zusammen mit Frankreich rund ein Viertel der muslimischen Europäer, die sich im Nahen Osten ISIS angeschlossen haben. Beide Länder haben viele Immigranten, die unter ärmeren Verhältnissen leben, weniger gebildet sind und sich jenseits der Leitkultur fühlen.

Connection

In beiden Ländern haben rechte Parteien eine große Anhängerschaft. Das Zwei-Sprachen-System in Belgien (flämisch und französisch) macht es Immigranten noch schwerer, sich zu integrieren, weil eigentlich zwei Fremdsprachen erlernt werden müssten. Das ist der Boden, auf dem Terror wächst, nicht irgendwo im Nahen Osten, sondern mitten in Europa.

Die zentrale Figur der belgischen Islamisten, Fouad Belkacem, wurde sogar in Belgien geboren. Er ist ein 33-jähriger Prediger, der die Gruppe Sharia4Belgium gegründet hat und dessen Eltern Marokkaner sind. Für die Gruppe rekrutierte er auch Jejoen Bontinck, das zweite Gesicht der belgischen Radikalen, der ebenfalls in Belgien geboren wurde und zum ersten Mal von sich reden machte, als er in der Tanzshow „Move like Michael Jackson“ auftrat und versicherte, wie sehr er an den amerikanischen Traum (also den, berühmt zu werden) glaubte. Der New Yorker hat ein phantastisches Portrait über ihn gemacht, das sie hier lesen können. Spätestens jetzt sollten sich alle darüber im Klaren sein, dass europäischer Terrorismus nichts mit syrischen Flüchtlingen zu tun hat.
Die Botschaft der Anschläge von Belgien ist klar und deutlich: Wir können euch immer noch überall treffen, wo wir wollen. – Die Frage ist nur: Wieso lassen wir das zu?

IslamicWarum konnte Tora-Bora, der Rückzugsort von Al-Qaida in Afghanistan nicht toleriert werden, ar-Raqqa aber schon? Die Angst, frühere Fehler zu wiederholen, darf nicht zu absoluter Handlungsunfähigkeit führen. Diplomatische Lösungen zu präferieren ist zwar in, aber Diplomatie setzt Dialog voraus, und ISIS ist nicht nur gesichtslos sondern auch wortlos. Und während ISIS schweigt tun wir genau das, was wir tun sollen: misstrauen, ausgrenzen, rechts wählen.

Vielleicht vergehen Wochen bis zum nächsten Anschlag, vielleicht sogar Monate. In der Zwischenzeit sind wir aber nicht sicher, nicht ohne Verluste, denn jeden Tag, jede Stunde, verlieren wir an Integrität.

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