The Displaced – Kinder auf der Flucht

– Hana (12) aus Syrien in einem Flüchtlingslager im Libanon –

Think of them, moving silently within the mass migrations and terrified departures, the families running away at night, the human displacements on an unfathomable scale.
(…)
See them struggling along, year after year after year, carrying the burden of ensuring our future upon their small backs.

(Jake Silverstein, „The Displaced“)

Heute, in diesem Moment, sind 30 Millionen Kinder auf der Flucht. Sie vermissen ihre Betten, ihre Spielsachen, ihre Schule, ihr Leben. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Irak, Eritrea, Libyen, Nigeria, Honduras, El Salvador, Myanmar, Bangladesch….. Gemeinsam haben sie nur eine stumme und gesichtslose Wanderung über surreale Landkarten, von denen sie nichts wissen, gejagt von Machthabern, denen sie nichts getan haben, und zum Ziel haben sie Länder, die ihnen fremd sind.

Im letzten November startete Jake Silverstein für die New York Times eine phantastische Serie, in denen er eben diesen namenlosen Kindern eine Stimme gab, indem die NYT einige von ihnen exemplarisch begleitete. Die Serie heißt „The Displaced“ und beschreibt das Leben von Chuol aus dem Sudan, Oleg aus der Ukraine und Hana aus Syrien.

ChuolOlegHana

Hana lebt heute in einem Flüchtlingslager im Libanon und ihre Geschichte möchte ich Ihnen hier etwas verkürzt wiedergeben.

Hana Abdullah ist zwölf, kommt aus der syrischen Stadt Mabrouka und lebt jetzt mit ihrer Familie in einem improvisierten Zelt in einem Flüchtlingslager in Libanons Bekaa Ebene. Sie verließ ihre Heimat vor über drei Jahren, als sie neun war. Drei Jahre sind eine lange Zeit, aber nicht lange genug, um nicht ihre Lieblingspuppe zu vermissen, die sie zurücklassen musste, die Betten mit richtigen Matratzen, ihre Schränke voller persönlicher Sachen, so alltägliche Dinge wie Handtücher….

„Those who are not killed wind up displaced, surviving in camps and bombed-out villages, where by their mere presence they contribute to the continuance of humankind. Less obvious than the biological fact of this is the psychological one. If there were no children, would the adults of a refugee camp have the will to endure?“

Hanas Schwester, Haifa, ist erst fünf, sie kann sich an kein anderes Leben erinnern. Hanas Vater weiß nicht, was schlimmer zu ertragen ist: die Tochter, die konstant unter all dem leidet, was sie verloren hat, oder die Tochter, die die Verluste bereits als normal empfindet und gar kein anderes Leben kennt. Denn sie hatten einmal ein anderes Leben, auch wenn die Erinnerungen von Jahr zu Jahr schemenhafter und weniger greifbar werden.
Es gibt Tage, an denen alles unerträglich ist. „Es wäre besser gewesen, zuhause zu sterben als hier“, hat Hana ihrer Mutter einmal entgegen gebrüllt. „Warum hast du uns hierher gebracht?“ An den besseren Tagen nimmt die Routine überhand, man funktioniert, auch die Kinder.

Hanas Tag beginnt meistens morgens um vier, wenn sie sich für die Arbeit fertigmacht und darauf wartet, auf die Felder gefahren zu werden.

Hana wartetDie UN hat 14$ für jeden Flüchtling im Monat – sogar den kleineren Kindern ist bereits klar, dass davon niemand überleben kann, vor allem nicht im Libanon, wo die Preise durch die politischen Entwicklungen immer weiter steigen. Also arbeiten die Frauen und Kinder auf den Feldern, denn für die Väter ist es schwierig, Jobs zu finden. Die Vorarbeiter können Frauen und Kinder besser herumkommandieren und stellen daher kaum Männer ein.

Im Moment werden Gurken geerntet. Anfang der Saison musste sie Mandeln ernten, danach Pflaumen. Es ist harte Arbeit, vor allem wenn die libanesische Vorarbeiterin immer Yalla, yalla, yalla! ruft, sobald Hana müde und damit langsamer wird. Manche Mädchen werden ohnmächtig und werden dann in einen Van getragen und weggefahren, aber Gott sei Dank noch nie Hana.

Hana ist eine Trägerin, sie läuft den ganzen Tag die Reihen der Gurkenfelder auf und ab und hält bei jedem erntenden Kind, dessen Eimer voll ist. Der Eimer wird dann in Hanas Korb entladen, der, wennHana Feld
er voll ist, über zehn Kilo wiegt. Hana entlädt sie dann bei Suraiya, die am Rand des Feldes sitzt und die Gurken sortiert. Vor und zurück, stundenlang. Früh am Morgen, wenn es noch fast dunkel und kühl ist, fällt der Weg noch leicht,doch bereits am Vormittag tut Hanas ganzer Rücken weh und sie ist schweißgebadet. Vom Gurkenfeld aus kann Hana die Berge sehen, die den Libanon von Syrien trennen und was es sie gekostet hat, sie zu überqueren.

Everyone at the settlement had known that kind of terror. “Please don’t tell me your story,” Hana would say to her friends, “because if you do, it will make me think of what happened to me.”

Zur Mittagszeit werden sie zurück ins Lager gefahren Hana Bus
und Hana schlingt ein Pita-Brot und ein paar Kartoffeln hinunter, ehe sie zu dem Zelt sprintet, in dem der Unterricht stattfindet. Ein Lehrer von Save the Children hat vor ein paar Monaten hier angefangen und Hana liebt den Unterricht, aber die Mittagspause dauert nur ein paar Stunden, ehe der Truck sie wieder zurück zu den Gurkenfeldern fährt. Wie die meisten anderen Kinder hier ist auch Hana durch ihre Flucht in ihrer Ausbildung weit zurückgefallen. Ihr Vater macht sich kaum Illusionen, was die Zukunft seiner Töchter angeht. „Ja, sie ist klug“, sagt er über Hana, „aber was nützt ihr das hier?“ Er deutet auf die rudimentären Unterkünfte der Siedlung und seine Bewohner. „Es ist eine verlorene Generation.“

Lager

Hana träumt davon, einmal Ärztin zu werden, doch wenn ihre Familie noch ein paar Jahre hier im Lager bleibt (und wohin sollten sie gehen) ist die Wahrscheinlichkeit sehr viel größer, dass sie mit 15 oder 16 hier heiraten und hier vielleicht sogar ihre Kinder großziehen wird.

„Her childhood was in a desperate, losing race with the war: Which would be finished first?“

Wie so viele Flüchtlingskinder befindet sich Hana in einer Art Zwischenwelt zwischen Hoffen, dass sie irgendwann einmal wieder nach Hause gehen und sich zumindest einen Teil von dem, was sie verloren hat, zurückerobern kann, und der Gewissheit, dass trotz ihrer Jugend so vieles in ihrem Leben schon für immer verloren ist.

Hana ist eines von vielen Kindern im Libanon, heimatlos, verloren, mit einer Art provisorischer Kindheit, die keine ist. Hana hat keine Wahl, aber wir. Zu Beginn des Syrienkrieges haben wir die Massenflucht in Syriens Nachbarländer (vor allem Libanon und Jordanien) ignoriert, weil die Flüchtlinge ja „so weit weg“ waren. Was geht uns das an? Durch die katastrophalen Zustände in diesen syrischen Nachbarländern, durch unsere fehlende Unterstützung aber ist es erst so weit gekommen, dass Flüchtlinge die immer längeren und immer gefährlicheren Fluchtwege nach Europa auf sich nehmen, und jetzt, da wir Flüchtlinge im eignen Land haben, ist genau das unser Argument, Kinder wie Hana weiter zu ignorieren. Selbstverständlich brauchen auch die Flüchtlinge, die es nach Europa geschafft haben, unsere Hilfe, aber es werden immer mehr, wenn wir nicht anfangen, da zu helfen, wo das Problem beginnt: im Nahen Osten.

Hana kann nicht von 14$ im Monat leben deshalb spenden Sie bitte an die UN Flüchtlingshilfe, damit die syrischen Flüchtlinge in den Nachbarländern (ohne lebensgefährliche Flucht nach Europa) versorgt werden können, wo auch ihre Chancen größer sind, nach Kriegsende je wieder in ihre Heimat zurück zu kommen. Weggesehen haben wir lange genug.

* * *

Die New York Times hat über die flüchtenden Kinder auch ihren ersten Virtual Reality Film gemacht, den Sie hier sehen können.

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