Die Blogger-Epidemie oder
„Und jetzt alle: Wir sind ja so kreativ!“

“Find a purpose to serve, not a lifestyle to live.”

(Criss Jami, „Venus in Arms“)

Jaja, ich höre Sie schon: „Was regt sie sich denn jetzt wieder auf? Kann doch jeder bloggen, was er will, schadet doch keinem.“ – Doch. Tut es. Denn dass das Private politisch ist, gilt besonders dann, wenn das Private 2-3-mal wöchentlich auf Instagram gepostet wird! Wer also regelmäßig Lifestyle-Blogs besucht und beim Scrollen begeistert „ohhh“ und „mhhh“ ruft, der sollte hier nicht weiterlesen, denn jetzt kommt ein Rant.

blogging-insideIn allen Bereichen der Medienlandschaft sind Frauen nach wie vor hoffnungslos unterrepräsentiert – außer: bei den sogenannten Lifestyle-Blogs. Toll, wenigstens etwas, denkt man da – bis man die Blogs gesehen hat. Denn in top-modernem Design und mit qualitativ hochwertigen Bildern tun sie im Grunde nur das, was Good Housekeeping oder Martha Stewart schon vor Generationen taten: sie weisen Frauen ihren uralten Platz als Erzieherinnen, Köchinnen, Heimgestalterinnen zu. Sie simulieren, dass Frauen sich für nichts anderes interessieren als Kissenbezüge, Tortenrezepte, Beistelltischchen oder Basteln für Erwachsene (DIY nennt sich das dann). Und wenn man sich die Follower-Zahlen mancher Blogs ansieht, dann scheint das auch zu stimmen. Eine Art Beste-Hausfrau-Wettbewerb ist da online im Gange und sämtliche Bloggerinnen hecheln eifrig dem Titel hinterher. Das eigene Heim muss permanent verbessert, verschönert, repräsentierbarer gemacht werden – dass es dabei auch immer austauschbarer wird (weil alle denselben Trends folgen, dieselben Stühle kaufen und sich dieselben Vasen auf die Kommoden stellen), scheint niemandem aufzufallen.

startedablog3191Völlig unbeeindruckt vom Weltgeschehen, während 60 Millionen Menschen auf der Flucht (nicht nur ohne Heim, sondern ohne Heimat) vor Krieg und Hunger sind, wird vollkommen ernsthaft über Dinge wie „Monochromismus vs. Opulenz“ diskutiert. Als hätte das irgendeine Bedeutung, als gäbe es tatsächlich nichts Wichtigeres, als den Namen des Tisches, auf dem Sie abends Ihr Weinglas abstellen. Es hat aber keine Bedeutung. Nicht, wenn Sie ihm keine geben.

Bei jedem Blog geht es um ein zentrales Thema: das Ego der Bloggerin. Eine Art „Sieh die Welt durch meine Augen“-Mentalität, bei der sich mir immer die Frage aufdrängt: Warum sollte ich?????

Nothing to sayHinter jedem kunstvoll arrangierten Kirschblütenzweig, jedem Beitrag über norwegische Tassen, Makramees oder Cupcakes drängt sich die Identität der Bloggerin in den Vordergrund (fairerweise muss gesagt werden, dass es generell nicht viel Hintergründiges in diesen Blogs gibt). Die Annahme, dass alles, was die eigene Person betrifft (vom heute gebackenen Kuchen bis zum geplanten Gartenumbau in 6 Wochen, von der neuen Wohnzimmereinrichtung bis zum gestrigen Flohmarkt-Schnäppchen) interessant ist, scheint weit verbreitet. Voyeurismus mit Interesse zu verwechseln, kann aber fatal sein.

Stellen wir uns doch alle mal eine einfache Frage: Warum sollten sich fremde Leute für meinen Schuhschrank interessieren?

Nicht einmal ICH interessiere mich für meinen Schuhschrank! Werden fremde Leute meinen Schuhschrank anklicken? Sicher. Werden sie ihn liken oder seltsame Emoticons hinterlassen? Möglich. Ist das Interesse? Keinesfalls.

Welcome to my blogDenn leider ist Kreativsein schwer; wenn es jeder wäre würde dem ja nicht ein dermaßen großer Wert beigemessen. Menschen wie Isabelle McAllister, die den Mut haben, jenseits des skandinavisch-weißen-minimalistischen-Einheitsbreis eigene Ideen gegen alle Trends und Geschmacksregeln umzusetzen, sind selten, bei 90% der Bloggerinnen sieht es zuhause nahezu identisch aus. Alle wollen so kreativ und individuell sein, dass sie gar nicht merken, dass ihre „Individualität“ absolut durchgepaust, abgeschaut, kopiert, trendkonform und deckungsgleich mit jeder anderen Individualität ist. Die meisten von uns wollen sich nämlich gar nicht abheben oder anders sein, wir wollen sein wie die anderen, haben gar nicht den Mut, herauszustechen, außer dadurch, unter den gleichen die Gleichste zu sein.

Dabei sind nicht nur die Inhalte der Blogs identisch (fast alle haben eine Kategorie, in der sie Bilder aus anderen Wohnungen zeigen, eine für Food und Rezepte, eine für Kinder, eine für wie auch immer geartete Lebensweisheiten….), sondern auch das Blogdesign, die Typographien, die Fotos, ja, sogar die Formulierungen. Pflicht sind Termini wie „easy-peasy“, „superlecker“, „superschön“, „superleicht“, „yeah“, „reduziert“, „harmonisch“, „klare Linien“….. Und natürlich mein absoluter Lieblingssatz: „Ich kombiniere gerne modernes Design mit alten Erbstücken oder Flohmarktfunden.“ Nee, echt jetzt?? Das habe ich ja noch nie gehört!

BlogWandLässt sich die Ähnlichkeit vielleicht durch die inzestuösen Verlinkungen untereinander erklären? Im Kampf um Follower wollen nämlich alle Bloggerinnen möglichst auch bei den Blogs der anderen mit erwähnt werden, weswegen man sich gegenseitig „interviewed“ (also identische belanglose Fragen identisch belanglos beantwortet) und sich daraufhin gegenseitig versichert, wie sehr man sich bewundert (obwohl man sich in der realen Welt natürlich nie getroffen hat, was aber der Bewunderung meistens sogar zuträglich ist).

In den Blogs mischt sich nahtlos zutiefst Persönliches (Fotos vom eigenen Bett, vom Schreibtisch der Kinder, von der selbst gebastelten Weihnachtsdeko im Wohnzimmer oder von besagtem Schuhregal im Flur) mit vollkommen fremdem (reine Repostings von Dingen, die die Bloggerin selbst nur auf Pinterest, Instagram oder in einer Zeitschrift gesehen hat). Da es einem ohnehin so vorkommt, als hätte man jedes Bild schon hundertfach gesehen, stört das weiter niemanden.

Eine der bekanntesten Lifestyle-Bloggerinnen in Deutschland ist sicher Stefanie Luxat (ohhhmhhh.de) (Lieblingswort: „Knüller!“). Die ehemalige Brigitte-Redakteurin schickt 2-3-mal wöchentlich die Puppenküche ihrer Tochter, das Umstyling ihres Wohnzimmers oder die Tischdeko ihrer Geburtstagsparty in die Welt. Who cares? fragen Sie? Erschreckenderweise nehmen über 20.000 Follower am Leben der stylishen Hamburgerin teil. Auch ihre Heirat oder ihre Schwangerschaften sind Blogthema. Als Motivation nennt sie im „About“ dieselben Gründe wie ihre zahlreichen Kolleginnen auch: sie wollen alle inspirieren und/oder gute Laune verbreiten, denn, so Luxat, „alles andere gibt es ja schon“. (Ähm, ja, Luxats Blogkonzept aus einer Mischung aus Rezepten, Shopverlinkungen und privater Prahlerei ist natürlich völlig neu).

Im Gegensatz zu den meisten Bloggerinnen kann sie immerhin von ihrem Blog leben; fraglich ist nur, ob das positiv ist. Obwohl sie natürlich (ebenfalls wie alle anderen) im Impressum die absolute Unverkäuflichkeit ihrer Meinung betont, ist ihr Blog eine Art Dauerwerbesendung. Das sind andere auch, aber Luxat kriegt wenigstens Kohle dafür; so wurde auch ihre lang angekündigte Wohnzimmer-Renovierung von Firmen „unterstützt“, die natürlich nur ganz nebenbei in ihrem Blog Erwähnung finden. IKEA tritt gerne zwei Sofas ab, wenn Luxat dafür 20.000 Followern erzählt, wie super sie darauf mit ihrem Mann kuscheln kann….

Simplified-Blogging90% der Lifestyle-Bloggerinnen verdienen allerdings niemals einen Cent mit ihrem Blog, also wofür all die Arbeit? Für ein paar Likes und bewundernde Kommentare? Für Bestätigung in einer Form, die sie in ihren unaufgeräumteren Real-Lifes nicht bekommen? Und wie ist es wohl für die Kinder, in diesen Schöner-Wohnen-Kulissen aufzuwachsen? „Nein, Emma, räum‘ die Legos weg, Mama muss dein Zimmer heute noch posten!

Lifestyle-Blogs an sich sind wie QVC gucken: eine Verkaufsveranstaltung, auf der wenig subtil mit Sympathien gespielt wird. Spätestens seit „Joy“ wissen wir alle, dass man ein Produkt 18mal gesehen haben muss, ehe man es kaufen will. Ist das am Ende die Erklärung dafür, dass jede Buchstabentasse, jedes Rautenmuster-Kissen, jeder Kupfer-Kerzenständer hundertfach „ge-repostet“ wird? Neue Infos über das Produkt (das die Bloggerinnen oft selbst gar nicht haben und deren Qualität sie also in keiner Weise beurteilen können) gibt es hierbei natürlich nicht, aber die pseudo-vertrauliche Art, mit der die Blogs geführt werden, vermitteln (wie bei Homeshopping-Sendern zum Verkäufer) das Gefühl einer persönlichen Bindung zur Bloggerin und „wenn Steffi sagt, dass man jetzt einen Marmortisch im Wohnzimmer braucht, dann….“

Von Verlagen und Herstellern werden die Bloggerinnen oft auch als preiswerte Werbeschafe eingesetzt. Auf der Leipziger Buchmesse gab es z.B. eine eigene Veranstaltung zum Thema Blog – natürlich ohne Blogger, die Erwachsenen blieben lieber unter sich –  aber: Verlage mit Lifestyle-Büchern überlassen Bloggern gerne mal ein heißbegehrtes Belegexemplar (immerhin satte 14,95€ wert), wenn diese es dann auf ihren Blogs in den Himmel loben (vollkommen objektiv natürlich, man ist ja nicht käuflich). Billigere Werbung ist schwer zu bekommen. Und damit wären wir beim Realismus der Lifestyle-Blogs (oder besser gesagt: beim nicht vorhandenen Realismus). Wo ist die Grenze zwischen aufhübschen und lügen? Denn mit Wahrheit hat das, was die Damen da posten, nicht viel zu tun. Schon im Stil der Fotografien (warum zeige ich auf einem Wohnblog nie ein ganzes Zimmer, sondern immer nur die Tischecke mit Kaffeetasse und Blumenvase?) wird deutlich, dass die Kunst im Weglassen liegt. Großzügig werden alle unerwünschten Bereiche der Wohnung und des Lebens verschwiegen. Wut, Depressionen, Selbstzweifel, Zukunftsangst oder (schlimmer noch) altmodische Gardinen gibt es in der Bloggerwelt nicht. Der Blog ist eine Inszenierung dessen, was die Bloggerin gerne wäre, mehr aber auch nicht; und es ähnelt so verdammt genau dem, was alle anderen bloggen, weil wir alle gerne dasselbe wären.

Luxat hat auch hierfür ein perfektes Beispiel geliefert: vor einigen Wochen postete sie auf ihrem Facebook-Account ohhh… mhhh… Der Food- und Designblog ein Foto von sich selbst bei den Vorbereitungen eines Beitrags über das neu eingerichtete Kinderzimmer einer Freundin mit folgender Bildunterschrift: Petra LustigPetra Lustig (moi) hochschwanger bei der Arbeit. Dafür dann Morgen aufm Blog: eins meiner Lieblingskinderzimmer mit schönen DIY-Ideen und tollen Bestelladressen.

Daneben  ein Emoticon, das aussieht wie eine explodierte Eistüte und bei dem ich nicht weiß, was sie mir damit sagen will, aber das weiß ich ehrlich gesagt bei den meisten anderen Dingen, die sie schreibt, auch nicht. Natürlich Bestelladressen, denn nichts „inspiriert“ andere Menschen so sehr oder macht ihnen so gute Laune wie Bestelladressen, ist klar….. Interessant an dem Bild ist für mich aber nicht Luxat, sondern die rechte Bildhälfte, denn auf dieses Bett wurde alles geschmissen, was in einem echten Kinderzimmer nun mal so herumliegt, aber auf den Blogfotos natürlich nichts zu suchen hat (normal kann ja jeder). Hier geht es um Lifestyle, also um Perfektion – oder zumindest die Illusion davon, Bildbearbeitung und Bildausschnitt sei Dank!

Im Beitrag selbst sah das später natürlich ganz anders aus…

Holly-Zimmer-3-OhhhMhhh

Der Mythos einer neuen Superwoman wird hier geboren, aber sie definiert sich nicht über Erfolg oder Stärke, sondern über die Erfüllung aller Tussi-Klischees. Über nichts freut frau sich anscheinend mehr, als über Tipps, wo es momentan günstige Schuhe gibt, mauve-farbene Kinderkleidung, die richtigen Pflanzen (ja, es gibt richtige und falsche Pflanzen, der Trend geht zu viel Grün in der Wohnung, das heißt aber nicht, dass sie jetzt einfach Omas alte Yucca-Palme zu sich ins Wohnzimmer stellen können!) oder einen schicken Wickeltisch. Wir sind eben doch nichts anderes als Nestbauerinnen und darin aber offensichtlich so schlecht, dass wir meinen, Rat und Führung der Bloggergemeinde zu brauchen.  Denn wer könnte uns sonst sagen (immer und immer wieder), dass pudrige Farben in sind, dass man im Altbau wohnen und in irgendeiner Ecke eine nackte Glühbirne an einem neonfarbenen Kabel von der Decke baumeln muss?

Aber, werden Sie jetzt sagen, es wird ja keiner gezwungen, das zu lesen. Stimmt, aber diese selbsternannten Lifestyle-Gurus mit zu viel Zeit und der Unfähigkeit, das und dass zu unterscheiden, sind überall. 70 Millionen Bilder werden täglich allein auf Instagram (bitte lesen Sie hierzu unbedingt den hervorragenden Artikel der Welt mit dem Titel Instagram macht uns alle zu Psychopathen) hochgeladen und dann auf allen sozialen Medien wieder und wieder geteilt, es gibt kein Entkommen.

Aus gutem Grund werden die Medien als vierte (publikative) Gewalt neben Exekutive, Legislative und Judikative bezeichnet, denn mit jedem Post, jedem Tweet, jedem Foto auf Instagram gestalten wir die Rezeption dessen, was als Ideal gilt. Im Klartext heißt das: es kann eben nicht jeder posten was er will, denn wir haben Verantwortung!

Denn je mehr wir unser Leben weichzeichnen und perfektionieren (und diese gefilterte Version von uns selbst dann im Internet als alltäglich und normal verkaufen), desto größer wird der Druck auf jene, denen eine Differenzierung zwischen der virtuellen Pseudo-Wirklichkeit der Interior-Blogs und der echten Realität schwerfällt. Was haben die nur alle für tolle Wohnungen und tolle Freunde und tolle Männer und tolle Kinder und tolles Essen…. Und wie glücklich, erfüllt und entspannt sie alle sind! Immer frische Blumen neben einem Cappuccino mit perfektem Milchschaum, immer die dekorative Designertasche im ansonsten nahezu leeren Flur, nirgends dreckige Schuhe, Katzenhaare oder Bügelwäsche. Mit etwaigen Problemen wird nur kokettiert; wenn sie überhaupt angesprochen werden, dann nur, um sich damit zu brüsten, wie lässig man mit ihnen umgeht. Pures Glück, eingefangen mit professionellen Kameras. Selektive Lebenswirklichkeiten, virtuelle Arroganz.

TasseLassen Sie sich nicht blenden. Sie interessieren sich nicht für die Wohnungen dieser Bloggerinnen und noch weniger interessieren die sich für die Ihre. Im schlimmsten Fall sollen Sie etwas kaufen, im besten Fall den Narzissmus der Bloggerin mit Ihren Likes und Kommentaren bedienen und in der großen Grauzone dazwischen sind diese Blogs gnadenlose Zeitfresser, eine Zelebrierung der Oberflächlichkeit.

„Du bist sowieso nicht die Zielgruppe!“, sagen mir lifestylebloggende Freundinnen immer und winken resigniert ab, sie kennen ja meine hoffnungslose Wohnung (keine Blätterdrucke oder schlauen Sprüche gerahmt an der Wand, kein Altbau, viel zu bunte Wände, namenlose Stühle, viel zu volle Regale, keine Blumenvasen, keine Geschenkpapiersammlung, keine skandinavischen Kissen……. kurz: ein Schöner-Wohnen-Albtraum). Und diese Freundinnen haben recht: ich bin nicht die Zielgruppe. Seien Sie es auch nicht.

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Ein Kommentar

  • Sue

    … wir SIND wieder wer…. ach HAM´ wir´s nich schön?…. Wann hat das angefangen? Und wann hört das endlich auf? So bald wohl nicht, wenn ich dies hier lese. Ein weiteres erschreckendes Beispiel ist die auf Frauen zugeschnittene, aktuelle Produktwerbung.
    PS. Ich wundere mich jetzt auch nicht mehr, warum der 8. März hierzulande so wenig Beachtung findet, wenn so erschreckend viele mit Wohn-Exhibitionismus und dessen Nachahmung beschäftigt sind.

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