Fucking Like a Feminist und andere Dinge, die wir von Betty Dodson lernen können

Betty DodsonBetty Dodson ist ein Sex-Coach – wenn ich Ihnen jetzt sage, dass sie 1929 in Kansas geboren ist, können Sie sich vielleicht bereits denken, dass ihr Leben und ihre gewählte Karriere nicht ganz einfach waren.

Sie ging (natürlich) an den vermutlich einzigen Ort der Welt, an dem man auch schon vor 60 Jahren als Sextherapeutin sehr erfolgreich tätig sein konnte: nach New York. Schon sehr früh war Betty klar, dass viele Faktoren zur Befreiung der Frau beitragen, aber die wichtigsten sind die wirtschaftliche und die sexuelle Befreiung.

Ohne diese beiden ist jede andere Form der Freiheit unmöglich. Geld und Sex. – Und noch immer richten Frauen ihren Blick für beides auf Männer; sehen noch immer die Ehe als den einfachsten Weg, beides zu bekommen.

„We become wives and mothers who are financially dependent and sexually owned“, bringt Betty es auf den Punkt.

Was die wirtschaftliche Front betrifft…..
Opinion…..ist es zwar so, dass Frauen theoretisch mittlerweile jedem Beruf nachgehen können, den Männer auch ausüben, sie bekommen dafür aber weit weniger bezahlt und die politischen Strukturen erschweren Frauen mit Kindern immer noch, nach der Erziehungszeit in ihren Beruf zurückzukehren. Erst kürzlich veröffentlichte die New York Times eine aktuelle Studie, dass in von Männern dominierten Berufssparten die Gehälter sinken, sobald Frauen in diese Bereiche vordringen.
Fehlende Betreuungsmöglichkeiten und der Druck der Gesellschaft zwingen Frauen dann oft dazu, nur wenige Stunden in Teilzeit zu arbeiten, weit unter ihren Qualifikationen und ohne Aussicht auf Aufstiegsmöglichkeiten. Mit einer erfüllenden Karriere hat das meist nichts zu tun, sie füllen damit nur ein wenig die Familienkasse auf und bleiben so in einer totalen finanziellen Abhängigkeit, die oft dazu führt, dass Frauen ihre Männer nicht verlassen können, weil sie keine Möglichkeit sehen, sich und ihre Kinder eigenständig zu ernähren.
No woman
An der sexuellen Front……
…….sieht es noch schlimmer aus: Wir haben noch nicht einmal überall das Recht auf Abtreibung, von allem anderen (und mit allem anderen meine ich, offen über unsere sexuellen Wünsche sprechen zu können) ganz zu schweigen.
Als Betty Dodson damals in New York City Fuß fasste, lag der Schwerpunkt der feministischen Bewegung auf der Anprangerung von Vergewaltigung, Inzest, Missbrauch und der Gewalt gegen Frauen. Das waren und sind bedeutende Themen und die diesbezüglichen Gesetzesänderungen zum Schutz der Frau sind fast ausschließlich den Leistungen der Feministinnen der ersten Welle zu verdanken, doch seit dieser Zeit hat die feministische Bewegung es versäumt, sich neu zu definieren, was meiner Meinung nach der Grund dafür ist, dass sie während der letzten zwei Generationen nicht nur kaum Fortschritte, sondern auf vielen Gebieten sogar Rückschritte gemacht hat.
Betty ist etwas, das wir heute noch so dringend brauchen wie vor 50 Jahren: eine Pro-Sex-Feministin, die der Ansicht ist, dass es überfällig ist, den Sex vor der Gewalt zu retten und ihn wieder als positive Kraft zu sehen. – Aber wir sind ja Frauen, d. h. wir sind (zumindest in der Theorie) kritikfähig, also sollte die Behebung unserer Fehler doch gar kein so großes Problem sein, oder?
still walkSehen wir uns doch einfach mal an, was in Sachen Feminismus schiefgelaufen ist:
Der erste große Rückschlag für die Bewegung wurde eingeleitet durch Kate Milletts Buch „Sexual Politics“, in dem sie mit ihrer Analyse von Henry Millers Texten den Begriff „Sexismus“ prägte und Männern generell die Schuld an allen Problemen der Frauen zuschrieb. (Einen Versuch war es wert….) – Und geben wir es zu, die Opferrolle haben wir lange Jahre geübt und gelebt, wir beherrschen sie in- und auswendig, also war es nicht schwer, uns dazu zu bringen, mit Schmollmund bockig die Unterlippe vorzuschieben und Daddy, dem Ehemann oder Freund die Verantwortung für so ziemlich alles, was uns an unserem Leben nicht gefällt, zu geben.
In den 80ern begannen wir dann den Kampf gegen die Pornographie. Wer genau auf die Idee kam, dass das die dringlichste Front im Feminismus wäre, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen (und diejenige wird sich wohl auch nicht freiwillig melden), aber WAP (Women Against Pornography) wurde zu einer breit unterstützten, sehr gut finanzierten Organisation. Anstatt uns der Frage zu widmen, wie wir selbst ein erfülltes Sexleben haben, wie wir unsere eigene sexuelle Befreiung vorantreiben, wollten wir lieber Männern verbieten, sich zu Pornos einen runterzuholen. – Wir wissen, wie man Prioritäten setzt!

Male Ego DodsonBetty Dodson sehnte sich bereits damals wonach viele Feministinnen sich heute auch sehnen: nach einem Feminismus, der für etwas ist, anstatt ständig nur gegen etwas.
Und nun ist das neue Jahrtausend schon sechzehn Jahre alt und wir sind keinen Schritt weiter. Wir sind die dritte Welle des Feminismus, wir sind die, die aus den beiden ersten gelernt haben müssten, wir sind die Frauen, auf die wir so lange gewartet haben. Es wäre an uns, den Worten Feminismus und Sex eine neue Bedeutung zu geben, eine positive, unzensierte, opferfreie, weltoffene, männerliebende, frauenliebende, starke Bedeutung. – Also, theoretisch, meine ich. Praktisch ist das nämlich gar nicht so einfach. Praktisch hätte es geradezu dramatische Konsequenzen.

Es hieße nämlich, wir müssten aufhören, Sex zu benutzen (um uns beliebter zu machen, um Bestätigung zu bekommen, um unser Selbstbewusstsein zu stärken, um einen Mann zu bekommen und zu halten….) und damit selbst negativ zu belegen.
Man stelle sich vor, wir könnten Sex nicht mehr als Mittel zum Zweck einsetzen, das würde ja bedeuten:

  • nicht mehr mit fünfzehn unsere Jungfräulichkeit anbieten, nur damit der coolste Junge unserer Schule nicht das Interesse verliert;
  • nicht mehr mit 18 in unserer ersten festen Beziehung regelmäßig Orgasmen vortäuschen, um unsere Freund nicht zu verletzen,
  • nicht mit 25 nach einer wirklich üblen Trennung einfach nach zu vielen Cocktails mit einem Typen, der das Wort „Fehler“ praktisch auf die Stirn tätowiert hat, nach Hause gehen, nur um uns zu beweisen, dass wir es können;
  • nicht mit 35 unseren Ehemännern Sex bewusst vorenthalten um sie nach einem Streit zu bestrafen oder Blow Jobs anbieten, wenn sie den Valentinstag nicht vergessen (wie die Fleißbildchen, die meine Tochter in der Schule bekommt).

Ist das überhaupt durchführbar? Funktioniert weibliches Leben ohne die Waffe Sex? 

Denn genau das ist Sex, wenn wir ehrlich sind: eine Waffe, ein Mittel zum Zweck. In einem Szenario, in dem eine Gruppe bewaffneter Räuber einen Diamantenladen überfällt, steht Sex nicht für die Diamanten, sondern für die Waffe. Sex ist nicht das, was wir unbedingt wollen, Sex ist nur die Waffe, die wir benutzen, um zu bekommen, was wir unbedingt wollen. – Selbstverständlich (ich vermute mal, das ist Ihnen schon das eine andere Mal aufgefallen) ist das bei Männern genau umgekehrt, Männer nutzen fast alles andere, was ihnen zur Verfügung steht (was nochmal genau?), um an Sex zu kommen.

Also woran liegt das?
Es geht ständig um Sex, die Werbung, die Medien, die Musikindustrie, die Filmindustrie etc. werden von Sex dominiert, Carrie Bradshaw konnte in jeder Folge von gefühlten achtzehn Staffeln Sex & the City über nichts anderes sprechen, wir hecheln hinter Clooney und Depp her….. – aber vor die Wahl gestellt, ob wir lieber eine neue Designer-Handtasche oder Sex kriegen, würden die meisten Frauen die Handtasche wählen (nein, das habe ich mir nicht ausgedacht, darüber gibt es auch eine Studie).

Gut, man muss zu unserer Verteidigung einräumen, dass Sex für die Männer meist besser ist als für uns, weil sie so gut wie immer zu dem unbedeutenden Detail kommen, das man Orgasmus nennt. –

Und wehe jemand von Ihnen wagt es, jetzt den geisteskranken „Ach, Sex ohne Orgasmus kann doch auch ganz schön sein, ich muss nicht immer kommen“-Satz zu sagen! Das ist auf derselben Stufe, als würden sie sagen „Ach, Essen ohne runterzuschlucken ist doch auch schön, ich muss Essen nicht immer schlucken!“ – Doch, das müssen Sie, weil das der verdammte Sinn von Essen ist, so wie es der Sinn von Sex ist, zum Orgasmus zu kommen! Haben wir das jetzt ein für allemal geklärt? Danke.

Why dont you tell meEs wäre natürlich einfach, hier gleich wieder den Männern die Schuld für alles zugeben, doch ich hoffe, Sie können sich noch daran erinnern, dass wir bereits in früheren Blogs geklärt haben, dass feministische Frauen selbst dafür verantwortlich sind, sexuelle Erfüllung zu erfahren.
Im Klartext heißt das: werden Sie besser im Bett.
Frauen machen Nähkurse, Fotokurse, Yogakurse, Kochkurse….. Warum um alles in der Welt keine Sexkurse, wenn wir uns doch wohl einig sind, dass Sex für unser generelles Wohlbefinden weit wichtiger ist als der Sonnengruß oder die Doppelbelichtung? Und nein, Sie sind nicht automatisch gut im Bett oder einfach zufällig unglaublich „talentiert“ (ein Irrglauben, dem Männer seit Jahrtausenden aufsitzen und dem wir nicht auch verfallen sollten). Sie haben gelernt, wie man Auto fährt, wie man Computer benutzt oder wie man spanische Verben konjugiert und glauben Sie mir, sie sollten auch lernen, wie man sich selbst befriedigt, wie man seinen Körper so gut kennen kann, dass fast alles mit ihm möglich ist, wie man seinem Partner kommunizieren kann, was man will, wie man sich beim Sex frei und unbefangen fühlen kann, selbstsicher und „schamlos“ im besten Sinne des Wortes. Und ja, diese Kurse sind immer noch genau so schlimm wie in den 70ern: nackte Menschen sitzen in einem Kreis und der Coach (also Betty) sagt ihnen, wie man kommt (besser, schneller, höher, weiter…). Wen das (verständlicherweise) abschreckt oder wer in nächster Zeit nicht nach New York kommt, für den habe ich good news: seit Betty mit ihrer Geschäftspartnerin Carlin Ross zusammenarbeitet, gibt es auf ihrer Homepage nicht nur die Möglichkeit, Betty für private Workshops zu buchen, sondern es gibt auch Videos zu allen möglichen Themen und die Möglichkeit, Betty Fragen zu stellen.

Individual RomanticSex sollte nicht die Waffe sein, sondern der Diamant, und Sie müssen ihn dazu machen.
Betty Dodson ist das, was man eine Pro-Sex-Feministin nennt (und hat sich damit in den 80ern bewusst von den traditionelleren Anhängern der Bewegung distanziert, weil sie die Richtung, die die Bewegung einschlug, antisexuell und überpolitisiert fand) und sie hat ihr Leben damit verbracht, Frauen zu verdeutlichen, wie wichtig es ist, mit sich und seiner Sexualität nicht nur im Reinen zu sein (noch immer gehen ganze Generationen von Frauen durch die Welt und sagen Sätze wie „Sex wird überbewertet“ oder „ich habe das noch nie gebraucht“ einfach weil sie Sex so, wie er sein sollte, nie erlebt haben), sondern sie zu genießen.

Ja, Sex wird oft überbewertet, aber er wird auch oft unterschätzt. Und was Sie brauchen sind natürlich nicht die zehn Minuten am Samstagabend nach den Nachrichten in der einen, seit 15 Jahren bewährten Stellung, was Sie brauchen ist eine Form von Sex, die Sie glücklich macht und bei der Sie auch selbst für dieses Glück verantwortlich sind, mal mit und mal ohne Mann, aber immer ohne Zurückhaltung, Vortäuschung, Scheu, Angst oder Scham.
Ich höre ständig Frauen sagen, dass sie nach einem anstrengenden Tag einen Drink brauchen oder Schokolade oder ein heißes Bad oder sie sich mit neuen Schuhen belohnen müssen. Seltsamerweise scheint es ganz aus unserer Wahrnehmung verschwunden zu sein, uns mit einem Orgasmus zu belohnen, zu entspannen, zu erden. Sex ist anscheinend nicht Teil unserer Goodie-Werteskala, er ist zu einem Leistungskonzept geworden, zu etwas, das theoretisch gut für uns wäre, zu einem Punkt auf der To-do-Liste (wie Kohlehydrate vermeiden und Sit-ups machen), bei dem, wie bei so vielem anderen, auch der bittere Nachgeschmack bleibt, dass wir das besser, konsequenter, engagierter hätten machen können.
Ich höre auch ständig Frauen an den seltsamsten Dingen herummäkeln (Jeans, an denen ein winziger Faden gezogen ist, eine Jacke, aus der sich ein mikroskopisch kleiner Fleck nicht mehr auswaschen lässt, Freunde, die eine taktlose Bemerkung gemacht haben), die aber seit Jahren kommentar- und klaglos ein katastrophales (soll heißen langweiliges, unregelmäßiges, weitgehend orgasmusfreies) Sexleben führen und dagegen nicht nur nichts tun, sondern das als „normal“ hinnehmen.
Tun Sie sich und ihrem Partner einen Gefallen und lernen Sie guten Sex. So wie sie gelernt haben, guten Hackbraten (wie komme ich auf Hackbraten?) zu machen; holen Sie das Thema aus der Tabu-Ecke, lassen Sie sich von diesen blödsinnigen Artikeln in Frauenzeitschriften nicht verunsichern, vergessen Sie Fifty Shades of Grey, glauben Sie nicht, dass alle anderen besseren Sex haben, alle anderen lügen nur besser als Sie.

Sex hat tatsächlich mal Spaß gemacht (also, ursprünglich, damals, ehe die Dampfmaschine erfunden wurde), und ja, er hat uns Frauen immer schon geholfen, zu bekommen, was wir wollen, aber manchmal, hin und wieder, war er auch genau das, was wir wollten. Machen Sie Ihren Sex wieder zu dem, was Sie wollen. Wer sonst, wenn nicht Sie?

 

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