Diala Brisly – Kunst als Waffe

In Syrien wird Kunst mehr und mehr zum Luxusgut, dabei war das Land einmal ein Mekka für arabisch-stämmige Künstler. Mittlerweile haben die meisten Künstler das Land längst verlassen, unter ihnen die Malerin Diala Brisly.

Berühmt wurde sie im Juli 2013, als sie den Hungerstreik der inhaftierten Frauen im Adra-Gefängnis in Damaskus mit einer Zeichnung unterstützte.

Die Leute benutzten es als Profilbild bei Facebook“, erzählt sie später der BBC, „es half, den Protest bekannter zu machen. Ich glaube daran, dass Frauen eine besondere Rolle in der Revolution haben, die Leute sprechen nur nicht darüber.“

Am Anfang des syrischen Widerstands war sie noch bei den Protesten dabei, druckte und verteilte Poster, wurde festgenommen, verprügelt, konnte fliehen. Aber Geschichten wie die von Ibrāhīm Qāšūš haben ihr Angst gemacht, haben sie vorsichtiger werden lassen. Ibrāhīm Qāšūš  war ein Feuerwehrmann und Musiker aus Hama, der Protestlieder gegen das Assad-Regime geschrieben hat, das bekannteste unter ihnen „Yalla, irhal ya Baschar“, was übersetzt so viel heißt wie „Es ist Zeit zu gehen, Baschar“. Im Juli 2011 wurde ihm die Kehle durchgeschnitten, die Stimmbänder entfernt und er wurde in den Orontes geworfen.

Refugees are in the middle of nowhere. In their tents it’s like they are in an air balloon, but it doesn’t take them anywhere – it’s not for travelling anywhere. It’s just a long-term temporary situation.

Doch in Dialas Leben ereigneten sich noch viel größere Dramen. Ihre Mutter verschwand mit ihrer großen Liebe nach Kuwait, ihr Vater baute sich ebenfalls mit einer anderen Frau ein neues Leben auf, damit war Diala gezwungen, die Mutterrolle für die drei jüngeren Geschwister zu übernehmen. Damals begann sie zu Malen.

2013 floh sie schließlich aus Syrien, zuerst für eineinhalb Jahre nach Istanbul, heute lebt sie in Beirut, wo sie erfuhr, dass ihre Mutter, die eine Anhängerin der Baath-Partei ist, ihren Bruder denunziert hatte, weil der sich geweigert hatte, zum Militär zu gehen. Er wurde verhaftet, schaffte es zwar zu fliehen, wurde jedoch von einer Landmine getroffen. Diala, immer die „Kümmererin“ der Familie, hatte zu diesem Zeitpunkt schon organisiert, dass ein Freund von der Freien Syrischen Armee ihn über die Grenze in die Türkei bringen würde, doch sie kam zu spät. Der Verlust ihres Bruders war traumatisch für Diala. Bis heute fühlt sie sich verantwortlich.

In Syrien ist Diala bis heute eine Berühmtheit, vor allem bei Kindern. In einer Welt ohne Farbe, ohne Bilder jenseits der Zerstörung, die sie täglich erleben, ist für viele Kinder Dialas Magazin „Zaiton & Zaitonah“ der einzige Lichtblick. Früher wurde es in Saraqeb gedruckt, doch die Druckerpresse wurde zerstört und nun wird es in Aleppo gedruckt, obwohl jeder, der bei der Produktion und Verteilung hilft, ein großes Risiko eingeht.

The main purpose is to remind kids about being a human being and keep them away from being a fighter. I think this magazine really gives them hope. 

ein Cover der Zeitschrift Zaiton & Zaitonah

Früher half sie dabei, Feldlazarette der Opposition auszustatten, Geld zu sammeln und Medikamente zu schmuggeln, doch es wurde schwieriger und schwieriger. „Ich kann das nicht mehr machen. So viele Menschen werden festgenommen, manche sogar umgebracht.“ Heute arbeitet sie mit syrischen Flüchtlingskindern in den Lagern rund um Beirut. Sie macht Workshops mit Kindern, hilft ihnen dabei, ihre Traumata künstlerisch zu verarbeiten, bringt Farbe in die Zeltstädte, indem sie die provisorischen Zeltplanen bunt bemalt.

People don’t like to see dead people or explosions. They can’t see it any more. Even me – I can’t see it any more. Art is a better solution. You can put philosophy in a painting.

Dabei hat sie nur eine Regel: je einfacher die Bilder sind, desto leichter finden die Kinder Zugang dazu und desto mehr werden sie ermutigt, selbst zu malen.

Momentan sind mehr als zweieinhalb Millionen syrische Kinder nicht in der Schule. Im Sommer 2014 traf Diala schließlich eine Frau, die versuchte, eine Schule für Flüchtlingskinder in Arsal, einer kleinen Stadt nahe der syrischen Grenze, zu bauen, das brachte sie auf die Idee, zu helfen.

“Educating young Syrians who are living in diaspora is vital for the country’s future. It’s really hard to have a full generation out of school. They will be the future.”

In manchen Lagern gibt es “Schulen”, doch das sind provisorische Zelte, schlecht bis gar nicht ausgestattet. Viele Kinder sind gezwungen, Feldarbeit zu leisten, um die Hilfsrationen der UN aufzustocken, und können daher selbst diesen rudimentären Unterricht selten besuchen (wie in unserem Beitrag über Hana). Psychologische Betreuung für die Kinder ist so gut wie nirgends vorhanden.

“I remember when we were still in Syria – a girl came to play the guitar for some kids, and when she went to take the guitar out, one of them started yelling and crying. He thought it was a weapon. It took hours to convince him that it was just an instrument. There are so many things for them to deal with.”

Die Gelder, die der UN für den Libanon zur Verfügung stehen, reichen nicht einmal für Versorgung mit Lebensmitteln, von Bildung für die Kinder ganz zu schweigen. Und dabei sprechen wir über den Ist-Zustand, der schlimmer werden wird, je mehr Flüchtlinge über die Grenze ins Beqaa-Tal kommen. Und sie werden kommen, da ist Diala sicher:

Do you expect people to just stay there and die? You are not just dying once, you are dying all the time.

Nächsten Monat wird es hier bei uns auf dem Blog ein ausführliches Interview mit Diala geben. Momentan arbeiten wir daran, ein gemeinsames Projekt (Zeltschule e.V.) zur Errichtung einer neuen Zeltschule im Libanon zu realisieren, so dass Sie alle die Möglichkeit haben werden, Diala und ihre Arbeit zu unterstützen. Mehr dazu in Kürze hier auf unserem Blog.

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