Freuds Weibchen und andere Dinge, die wir nicht sind

“No woman gets an orgasm from shining the kitchen floor.”

(Betty Friedan)

Was kann man schon sagen über Sigismund Schlomo Freud? Begründer der Psychoanalyse. Der Papa. Traumdeutung. Ödipus-Komplex. Penisneid. Das vor allem. Schöpfer so großartiger Zitate wie „Der Kastrationsschreck beim Anblick des weiblichen Genitals bleibt wahrscheinlich keinem männlichen Wesen erspart“. Freud eben.

Über Jahrzehnte war die Psychologie von ihm dominiert, wer kein Freudianer war, der war ein Anti-Freudianer, aber definieren musste man sich über ihn.

Und dann kam aus dem Nichts (naja, eigentlich aus einem ziemlich luxuriösen New Yorker 11-Zimmer Grand View-Haus direkt am Hudson River) Bettye Goldstein Friedan.

Hm, wer?

Sie mag nicht so berühmt sein wie unser Schlomo, aber unterschätzen Sie bitte nicht ihre Relevanz.

Bettye Goldstein wurde 1921 in Illinois geboren, Tochter russischer Einwanderer, ihr Vater Harry war Juwelier, ihre Mutter Miriam Redakteurin bei einer lokalen Zeitung. Betty trennte sich von dem „prätentiösen e“ in ihrem Vornamen und studierte Psychologie am Smith College, wo sie 1942 summa cum laude abschloss und dann als freischaffende Journalistin arbeitete. 1947 heiratete sie den Theaterproduzenten Carl Friedan und bekam 1949 ihr erstes Kind, 1953 ihr zweites und blieb eine Dekade bei ihren Kindern zuhause. Die Familie Friedan war mehr als gut situiert, Carl arbeitete mittlerweile in der Werbebranche, war ein echter „Mad Man“ seiner Zeit, sie hatten ihr wundervolles Haus mit Blick über den Fluss, Hausangestellte…. Betty war also weiß, gebildet, wohlhabend, privilegiert…. Ein besseres Leben konnte man damals nicht haben – es sei denn, man war ein Mann.

1957 führte sie eine Studie bei zweihundert früheren Klassenkameradinnen aus dem Smith College durch und fand heraus, dass die meisten von ihnen an „dem Problem, das keinen Namen hat“ litten (sie gab ihm später einen Namen, den Weiblichkeitswahn). Statt in ihren sicheren, ehelichen Vorort-Schlaraffenländern sorgenfrei und glücklich zu sein, waren die meisten depressiv, gelangweilt, verunsichert.

1960 veröffentlichte sie in der Zeitschrift Good Housekeeping (ausgerechnet!) ihren legendären ArtikelWomen Are People Too!“  und bekam unglaublich positives Feedback. Zehntausende Leserinnen erkannten sich in dem Artikel, in dem Betty das Martyrium der modernen Frauen beschrieb, die zu ihren Ärzten gehen und ihre Symptome als Erschöpfung, Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit, Launenhaftigkeit, Appetitlosigkeit, Unlust etc. beschreiben und diese Ärzte ihnen Medikamente verschreiben oder Therapien, um sich in ihre „feminine Rolle einzufinden“. Diese Frauen brauchten oft Jahrzehnte, um sich einzugestehen, dass das Problem weit tiefer geht. Nicht das Finden der femininen Rolle ist das Problem, sondern das Hintersichlassen eben dieser Rolle, das Hören auf diese innere Stimme, die ihnen sagt, dass ihnen mehr zustünde vom Leben. Das berühmteste Zitat aus ihrem Artikel ist wohl das folgende: „Who knows what women can be when they finally are free to become themselves? Who knows what womens’ intelligence will contribute when it can be nourished without denying love? Who knows what sons and daughters will become, when their mothers’ fulfillment makes girls so sure they want to feminine that they no longer have to look like Marilyn Monroe to prove it, and makes boys so unafraid  of women they don’t have to worry about their masculinity? Who knows of the possibilities of love, when men and women share not only children, home, and garden, not only the fulfillment of their biological role, but the separate, human knowledge of separate human beings?”

BFriedan1963 schrieb sie dann ihr legendäres Buch „The Feminine Mystique“ („Der Weiblichkeitswahn“) über das Problem, das bis dato keinen Namen hatte, und dem sie hiermit einen gab. Sie wurde über Nacht zur Berühmtheit und zur Mutter des Second Wave Feminism. Das Buch ist vieles, eine sehr emotionale Aufarbeitung ihres eigenen Lebens, der Ruf nach Gleichstellung zwischen Männern und Frauen bei Arbeit und Familie, eine Abhandlung darüber, wie es sich anfühlt, eine Hausfrau in den 60ern zu sein (Betty beschreibt ihre Lebensumstände für ihre Verhältnisse ungewöhnlich graphisch als „komfortables Konzentrationslager“), aber es ist auch und vor allem eine Abrechnung mit Freud.

Sie hinterfragt im Buch nicht die Effektivität der Freudschen (oder anti-Freudschen) Psychoanalyse, doch sie wagt es, aus ihrer eigenen Erfahrung als Frau heraus die Freudsche Theorie der Weiblichkeit zu hinterfragen; ganz besonders das Konzept des Penisneids, das Freud prägte, und die seine Erklärung für (fast) alles war, was mit Frauen „nicht stimmte“. Sie räumt ein, dass er ein sehr aufmerksamer und akkurater Beobachter des menschlichen Verhaltens war, doch bei der  Interpretation seiner Beobachtungen war er ein Gefangener seiner eigenen Kultur und Erziehung. Seine Ansichten waren nicht nur ein Produkt des viktorianischen Europas, sondern auch seiner jüdischen Kultur, in der Männer noch als Teil ihrer täglichen Gebete jeden Tag Gott dankten, dass sie nicht als Frauen geboren wurden.

Über-IchEin anders Zitat zum Thema Kastration (Freud sprach offensichtlich sehr gerne darüber) sagt eigentlich schon alles aus über sein Frauenbild: „The discovery of her castration is a turning-point in the life of the girl. She is wounded in her self-love by the unfavorable comparison with the boy, who is so much better equipped.“ – Hm, dem ist nicht wirklich viel hinzuzufügen, oder? Der Penisneid erklärt für Freud so ziemlich jedes Problem, das er je mit Frauen hatte: Frauen fühlen sich in ihren eigenen Augen und den Augen der Männer minderwertig – weil sie es sind (laut Freud), da sie ja keinen Penis haben: Das führt dazu, dass sie sich den Penis ihres Ehemannes wünschen – ein Wunsch der nie wirklich erfüllt werden kann ehe die Frau nicht einen Sohn empfängt und durch die Geburt ihres Sohnes auch einen Penis besitzt, der ihre Fixierung von dem ihres Ehemannes endlich löst, weil sie nun ihr männliches Leben durch ihren Sohn führen kann. Sie ist also im Grunde nur ein homme manque, ein unvollständiger Mann. – Da hat unser Schlomo doch mal `ne Ansage gemacht, oder? Ich meine, er hat natürlich recht: wenn man hundert Frauen befragt, was sie sich von einer guten Fee wünschen würden, sagen ja bekanntlich 99,9% davon nicht etwa eine Birkin Bag, dünnere Oberschenkel, ein Haus an der Cote d’Azur oder fünf Millionen Dollar auf einem Schweizer Konto, sondern „einen Penis bitte!“ Nein, lachen Sie nicht, das läuft ja alles vollkommen unbewusst ab, vertrauen Sie Schlomo einfach, Sie wollen einen Penis, Sie sind sich dessen nur nicht bewusst.
Sammlung von liebevollen, oft besorgten BriefenAm aussagekräftigsten über sein Frauenbild sind die sog. Brautbriefe, seine vierjährige  Korrespondenz mit Martha Bernays während ihrer Verlobungszeit 1882 bis 1886, die sie in Hamburg und er in Wien verbrachte, und während derer sie sich fast täglich schrieben. Er nannte sie in diesen Briefen immer sein Weibchen, Püppchen, süßes Kindchen; Martha nannte ihn „der Papa“. Es ist eine detaillierte, liebevolle, manchmal leidenschaftliche Konversation zwischen einem armen, hart um Anerkennung arbeitenden Freud und einer blitzgescheiten Martha, aber sie ist zu keinem Zeitpunkt gleichberechtigt. Freud sah Frauen als seltsame, durchaus interessante, aber Männern in jedem Fall untergeordnete Spezies an, dem Schutz und der Führung seinesgleichen bedürfend. Martha war für ihn tatsächlich eine Art Püppchen, amüsant aber vollkommen abhängig von ihm, seinen Wünschen und Bedürfnissen und immer darauf wartend, dass er ihr Aufmerksamkeit schenkte. In seinen Augen war es das Schicksal von Frauen, Männer um deren Position in der Welt zu beneiden und er erwartete vollkommene Identifikation mit ihm, um sie an seiner Welt teilhaben zu lassen. Der Emanzipationsbewegung steht er mehr als kritisch gegenüber und macht das auch Martha gegenüber immer wieder klar: „I will let you rule the house as you wish, and you will reward me with your sweet love and by rising above all those weaknesses for which women are so often despised.“

Sogar Freuds Biograph, Ernest Jones, räumt ein, dass Freud selbst für seine Epoche übertrieben züchtig, puritanisch und moralistisch war. In seinem persönlichen Leben hatte er kein großes Interesse an Sex. Nach neunhundert passionierten (und sehr theoretischen) Liebesbriefen an Martha war der Großteil seiner Leidenschaft verbrannt, während ihrer Ehe zeigte er kein großes Interesse mehr an ihr.

Dennoch war es dieser Mann, der als erster und lange Zeit als einziger die Art und Weise geprägt hat, wie Frausein definiert und interpretiert wurde und an dieser Last haben wir noch heute zu tragen.

Natürlich war Betty Friedan nicht die erste Frau, die mit Freud abrechnete. Fairnesshalber muss man darauf hinweisen, dass große Teile des “Weiblichkeitswahns” aus Simone de BeauvoirsDas andere Geschlecht” übernommen sind, das Betty sehr bewunderte. Besonders ihre Grundthese, dass Frauen nicht biologisch veranlagt sind, häuslich und unterwürfig zu sein, sondern uns das nur von Psychologen, Soziologen, Lehrern, Werbeleuten und den Medien generell vorgebetet und als Entschuldigung für die faktische Ungleichheit genutzt wird, kommt einem sehr bekannt vor. Aber sie schrieb es auf eine Art, mit der Frauen sich sehr viel leichter identifizieren konnten als mit Simone de Beauvoirs intellektuellen Abhandlungen. Betty schrieb aus einer „Ich bin eine von euch“-Perspektive, während Simone de Beauvoir eine Hälfte eines berühmten, französischen Existenzialistenpaares war, das sich merkwürdig kleidete, unverheiratet war, für viele unverständliche Thesen aufstellte und offen fremdging. Betty hingegen bot Identifikationspotential, war eine Hausfrau und Mutter wie ihre Leserinnen, sprach vielen aus der Seele, besonders über die beschriebene weibliche Identitätslosigkeit. Fast jede Frau konnte nachempfinden, wenn Betty beschrieb, dass Frauen nur als „Tom’s wife or Mary’s mother“ wahrgenommen werden. Das Fehlen dieses eigenen Lebens, dieser individuellen Identität führt dazu, dass sich Frauen hinter ihren Männern verstecken und ihre Kinder zu sehr verwöhnen. Betty lebte immerhin in einer Zeit, in der selbst gebildete Frauen wie sie selbst heiraten mussten. Das Äußerste, was eine Radcliffe Absolventin erwarten konnte, war, einen Harvard-Absolventen zu heiraten, Betty war das durchaus klar:  „Ein Jahrhundert früher hatten die Frauen um die höhere Bildung gekämpft. Jetzt besuchten die Mädchen ein College, um sich einen Mann zu angeln.

Trotz allen Erfolges brachte Betty das Buch und die damit verbundene Berühmtheit auch Probleme. Ihre Kinder wurden in der Schule geschnitten, sie und ihr Mann wurden von Freunden nicht mehr eingeladen, auf der Straße wich man tuschelnd vor ihr zurück – sie war für viele Frauen zu bedrohlich geworden.

Womans basicSie zog sich immer weiter in die feministische Szene zurück. 1966 gründete sie mit dreihundert Gleichgesinnten NOW (National Organziation for Women) und wurde ihre erste Präsidentin. NOW kämpfte vor allem dafür, dass Frauen nicht länger zwischen Beruf und Familie wählen müssen, sie forderten bezahlten Mutterschaftsurlaub, Betreuungsplätze, legale Abtreibungen. Heute ist NOW die größte feministische Organisation der Vereinigten Staaten, mit mehr als 550.000 Mitgliedern (übrigens von Anfang an Männer und Frauen).

1971 gründete sie mit Bella Abzug, Gloria Steinem und Shirley Chisholm zusammen NWPC (National Women’s Political Caucus) unter dem Motto „Make policy, not coffee“. In den 80ern machte sie sich große Sorgen über die Stagnation der Bewegung, sah eine große Gefahr für Rückschritte, mit den kurzen Röcken und den hohen Absätzen und der 1986 veröffentlichten Harvard-Studie, die implizierte, dass Frauen über 30 wahrscheinlicher von einem terroristischen Anschlag getötet werden als geheiratet zu werden und damit Frauen weiterhin unter Druck setzten, sich Ehemänner zu suchen. Sie war auch schockiert über die Explosion an Selbsthilfebüchern zur Ehemannsuche. Leider musste sie sogarThe Rules noch erleben, ehe sie 2006 an ihrem 85. Geburtstag in ihrem Haus in Washington, D.C. starb.

Sie war alles andere als zufrieden mit den Fortschritten, die wir gemacht haben, aber (anders als unser Schlomo) verstand sie die Frauen und wusste, wie schwer es ist, politische Thesen im eigenen Leben umzusetzen: „Es war einfacher für mich, die Frauenbewegung ins Leben zu rufen, die nötig war, um die Gesellschaft zu verändern, als mein persönliches Leben zu ändern.“

 

Der Weiblichkeitswahn oder Die Mystifizierung der Frau (Gebundene Ausgabe)


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