Marina Keegan und das Gegenteil der Einsamkeit

Einige von uns wissen genau, was sie wollen,
und sie sind auf dem Weg dorthin.- Euch sage ich:
Herzlichen Glückwunsch, aber ihr kotzt mich an! 

(Marina Keegan)

Heute ist der vierte Todestag von Marina Keegan. Die kennen Sie nicht? Marina Keegan wäre eine berühmte Schriftstellerin, Journalistin, Gesellschaftskritikerin geworden. Wäre. Doch sie starb mit 22 Jahren, 5 Tage nach ihrem Studienabschluss in Yale. Sie können sie also nicht kennen. Aber weil Ihnen wirklich etwas Wichtiges entginge, möchte ich Sie Ihnen hier gerne vorstellen.

marina-keegan-mckay

Marina Keegan war so, wie wir alle gerne wären, und weil wir es nicht schaffen, hoffen wir, unsere Töchter werden so: brillant, beliebt, sportlich, zielstrebig, engagiert, selbstbewusst, ausgeglichen, uneitel, nachdenklich, politisch, lebenslustig….. Eine Einserstudentin in Yale, Studienpräsidentin, Chefredakteurin der Yale Daily News, Abschlussrednerin ihres Jahrgangs, magna cum laude. In den Semesterferien machte sie ein Praktikum beim legendären „New Yorker“ und bekam sofort einen Job angeboten. Eine Überfliegerin.

keegan-big

Ein Multitalent mit großer Zukunft. Es ist verführerisch sich vorzustellen, was Frauen wie sie für einen Unterschied machen können in der Welt. Tatsächlich jedoch hatte Marina gar keine Zukunft, denn 5 Tage nach ihrem Abschluss in Yale fuhr sie mit ihrem Freund zum 55. Geburtstag ihres Vaters nach Cape Cod. Marina war Beifahrerin, sie hatten beide nichts getrunken, ihr Freund fuhr auch nicht zu schnell, sie waren beide angeschnallt. Dennoch starb sie in dieser Nacht, denn ihr Freund schlief am Steuer ein und der Wagen verunglückte. Ihr Freund überstand den Unfall unverletzt, doch weil Marinas Sitzlehne in Liegeposition war, griff ihr Gurt nicht richtig und sie war sofort tot.

Ihre Mutter Tracy durchsuchte selbst das Autowrack nach dem Laptop ihrer Tochter, der zwar vollkommen kaputt war, doch die Festplatte ließ sich glücklicherweise retten – und mit ihr Marinas Kurzgeschichten.

Sie erschienen post-mortem, editiert von ihrer einstigen Professorin Anne Fadiman, unter dem Titel „The Opposite of Loneliness“.

We cant we mustEinige der Geschichten sind absolut großartig, bei anderen hat man das Gefühl, dass Marina sie so noch nicht hätte veröffentlichen wollen, doch allesamt sind mehr als lesenswert. Wie schon in ihrer Abschlussrede in Yale ist auch in ihnen dieselbe Energie und derselbe Drang zur rückhaltlosen Selbstreflexion zu spüren, denn neben ihren vielen andere Talenten ist dies in meinen Augen ihr größtes: sie hatte keine Angst vor der Wahrheit über sich selbst, und ist das nicht absolut phänomenal?

Sie hinterfragt sich und andere ständig, der Mittelpunkt ihres Lebens ist die schonungslose Suche nach Authentizität und Sinn.

Sie schreibt darüber, dass ihr einmal 100$ von einem Hedge Fonds bezahlt wurden, um eine der Rekrutierungsveranstaltungen zu besuchen.

“I got this uneasy feeling that the man in the beautiful suit was going to take my Hopes and Dreams back to some lab to figure out the best way to crush them.”

Leidenschaftslose Menschen machten ihr Angst, ebenso bequeme Entscheidungen, Mittelwege, Kompromisse. Sie war eine junge Frau, die sich in Frage stellte, alles in Frage stellte, jeden Tag. Und keine flüchtigen Antworten zuließ  – weder bei sich selbst noch bei anderen.

“Standing outside a freshman dorm, I couldn’t find a single student aspiring to be a banker, but at commencement this May, there’s a 50 percent chance I’ll be sitting next to one. This strikes me as incredibly sad.”

Gegen Banker gibt es natürlich absolut nichts einzuwenden (was würde aus unseren Bausparverträgen und Dispokrediten, wenn es keine gäbe?) und das wusste sicher auch Marina, dennoch ist es beängstigend, wie groß der Teil der Entscheidungen in unserem Leben ist, die wir aus Kalkül und Pragmatismus treffen: finanzielle Gründe, Prestigegründe, Angst, Eitelkeit, Gewohnheit, Trägheit, Bequemlichkeit, Gruppenzwang….

MarinaWe’re so young. We’re so young. We have so much time,” schrieb sie in ihrem letzten Artikel für die Yale Daily News, doch wie sich herausstellte ist sogar so pure Lebensfreude wie Marinas zerbrechlich wie Glas. Ihre frenetische Suche nach Sinn und Erfüllung, nach Bedeutung und Essenz im Leben, ist ein grundlegendes Bedürfnis, das viel zu viele von uns betäubt haben. Nicht zu genau hinsehen, wenn man an einem Spiegel vorbeigeht, sich selbst nicht zu viele Fragen stellen, nicht zu genau nachdenken, ob man denn zufrieden ist mit dem, was man aus seinem Leben gemacht oder was das Leben aus einem selbst gemacht hat.

Anne Fadiman, Marinas Yale-Professorin und Lektorin ihres Erzählbandes, sagt über Marina:

“Every aspect of her life was a way of answering that question: how do you find meaning in your life?” 

Marinas Buch war wochenlang auf der New York Times Bestsellerliste, „Das Gegenteil der Einsamkeit“ wurde in mehrere Sprachen übersetzt, mit ihrem Unfalltod auf fragwürdige Weise getrieben. Doch lassen sie sich davon nicht blenden, das Beeindruckende an Marina war nicht ihr Tod, sondern die Art, wie sie versuchte, ihr Leben zu leben und andere aufrüttelte, es ebenfalls bewusster zu führen, mehr von sich zu fordern, es sich nicht zu leicht zu machen, nicht zu übersättigen.

Ich selbst bin kein Fan von Kurzgeschichten, doch Marinas sind mehr als inspirierend und verdienen es, gelesen zu werden.

Marinas Professorin ist der Ansicht, dass Marinas Bitte an uns die Folgende wäre:

„Please pay attention to my ideas. Don’t read this book just because I’m dead.” 

 

Das Gegenteil von Einsamkeit (Taschenbuch)


Neu ab: EUR 5,90 Auf Lager
gebraucht ab: EUR 0,47 Auf Lager

print
Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.