DIY-(Welten)MACHERIN: Diala Brisly

“Don’t expect things from others. Do them yourself.”

(Diala Brisly)

Heute starten wir mit einer ganz neuen Reihe hier bei uns auf dem Blog, nämlich mit unseren DIY-(Welten)Macherinnen. Wir wollen hier Frauen vorstellen, die mit einer Idee die Welt verändern, jeden Tag, auf kleine und große Weise, mit viel Geld oder wenig, in unserer Nähe oder am anderen Ende der Welt. Gemeinsam haben diese Frauen nur den Wunsch nach Veränderung, nach Verbesserung.

Den Auftakt macht eine ebenso besondere Frau, die wir Ihnen schon einmal in einem Beitrag vorgestellt haben. Letzte Woche waren Diala und ich zufällig zur selben Zeit in Italien, für Diala war es die erste Reise  nach Europa (Visa sind äußerst schwierig zu bekommen) zum Komikazen- Kunstfestival in Rimini, um ihre Kunst und ihre Flüchtlingsprojekte im Libanon vorzustellen.

Diala, früher warst du Teil der syrischen Protestbewegung, wurdest verhaftet, geschlagen, konntest entkommen….. Geschichten wie die von Ibrāhīm Qāšūš schockierten viele. Erzähl uns von dem Moment, an dem du beschlossen hast, aus Syrien zu fliehen.

Ich habe Medizin und andere notwendige Ausstattung für Feldlazarette über die Grenze geschmuggelt und zuletzt mit Kollegen gearbeitet, deren Namen ich nicht kannte. Wir sind überein gekommen, dass es besser ist, anonym zu bleiben, falls einer von uns verhaftet wird, damit er unter Folter die Namen der anderen nicht preisgeben kann. Bei jedem Trip über die Grenze habe ich mir geschworen, das ist das letzte Mal. 2015 wurde ich dann bei einer Kontrolle angehalten und durchsucht. Die Medikamente waren unter meinem Sitz im Auto versteckt. Ich hatte großes Glück, dass die Soldaten nicht zu genau hingesehen haben. Aber diese Durchsuchung war der längste Moment meines Lebens. Einige Tage später bin ich in die Türkei geflohen. Ich war für sechzehn Monate in Istanbul, hatte aber das Gefühl, dort nichts sinnvolles tun zu können, es gab dort kein Netzwerk von Aktivisten, so ging ich weiter nach Beirut und hatte sofort das Gefühl, dass hier alle Fäden zusammenlaufen.

Diala BrislyEines deiner letzten Projekte war, mit Flüchtlingskindern den Eingang des UN-Büros in Beirut zu bemalen. Als Thema hast du „What would you take with you if you had to leave in a hurry?’ gewählt – fast alle dieser Kinder mussten von heute auf Morgen ihr zuhause verlassen. Was haben sie gemalt?

Ich habe Erwachsene und Kinder malen lassen und die Ergebnisse waren erstaunlich. Kinder malen sehr symbolhaft, sie haben viele Herzen, Sonnen und ihre Familie gemalt, alles, was sie mit Liebe und Optimismus verbinden. Die Erwachsenen waren sehr viel konkreter. Überraschenderweise haben fast alle Schlüssel gemalt (als Zeichen dafür, dass sie nach Hause zurückkehren wollen) und Fotoalben.

Woran arbeitest du aktuell?

Ich versuche gerade, ein neues Projekt zu starten, und hoffe auf deine Hilfe. Ich versuche, Kontakt zwischen syrischen Kindern und Kindern aus aller Welt herzustellen. Es soll in Richtung Brieffreundschaft gehen, aber da uns die Sprachbarriere trennt, soll es eher eine „Bildfreundschaft“ werden. Meine syrischen Flüchtlingskinder malen Bilder mit Informationen über sich und ihr Leben und schicken sie an eine Schule im Ausland. Die Kinder der dortigen Schule tun dann dasselbe und schicken es an uns. Es soll den Kindern hier helfen, sich weniger allein und isoliert zu fühlen und den Kindern in anderen Teilen der Welt, zu verstehen, wie das Leben in einem Flüchtlingslager aussieht. Ließe sich das nicht einbinden, in unser gemeinsames Zeltschulen-Projekt?

 DB syrianvoices

Ich werde es unserer Schule auf jeden Fall vorschlagen, das klingt toll. Was glaubst du, ist generell  für unser Projekt, eine Zeltschule in der Bekaa-Ebene bauen zu wollen, am allerwichtigsten?

Sie sehnen sich nach Bildung, sie wollen unbedingt eine Schule, die Hoffnung auf einen Ausweg, eine Verbesserung. Wichtig ist die interaktive Ausbildung (in den rudimentären Zelten, in denen jetzt manchmal Unterricht stattfindet, können sie nur zuhören), haben keine Stifte, kein Papier. Sie brauchen dringend mehr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. Und als Künstlerin würde ich natürlich auch sagen, sie brauchen dringend Kunst als Ventil für die grauenhaften Erlebnisse, die sie verarbeiten müssen. Wasserfarben und Buntstifte können hier Wunder vollbringen.

Du malst mit syrischen Flüchtlingskindern um ihnen bei der Verarbeitung ihrer Traumata zu helfen. Kannst du uns mehr über die Situation erzählen, in der diese Kinder in den Camps leben müssen?

Die Situation ist furchtbar. Und besonders schlimm ist es für die größeren Kinder, die sich an ihr altes Leben in Syrien erinnern können. Sie können nicht aufhören, Vergleiche zu ziehen, sie vermissen ihre Schule, ihre Freunde…..  Sie erkennen ihr Leben nicht wieder, müssen arbeiten, haben Angehörige verloren….. Den älteren Kindern bringe ich manchmal bei, kleine Filme zu machen. Ich lehre sie Animationszeichnen, jedenfalls die Basics, und sie malen dann ihr Leben, ihr altes und ihr neues. Danach machen wir daraus einen kleinen  Animationsfilm. Die kreative Arbeit hilft vielen der Kinder bei der Traumabewältigung.

In deinem Geldbeutel trägst du seit Jahren das Bild deines Bruders mit dir herum und versuchst immer noch, einen Sinn in seinem Tod durch eine Landmine zu finden. Er wurde vom Assad-Regime verhaftet und wollte fliehen, als er auf die Mine trat. Inwieweit hat sein Tod deine Kunst und dein Leben beeinflusst?

Boy BrislyEin Teil von mir ist damals mit ihm gestorben. Ich fühlte mich so schuldig, dachte, ich könnte Syrien nicht verlassen, jetzt, wo er für das Land gestorben war. Das erste Bild, das ich nach seinem Tod malte, war dieses, erinnerst du dich?

Es ist mein Sinnbild dafür, dass wir alle Verluste erleben und alle lernen müssen, das Beste daraus zu machen. Ich habe einen Weg gefunden, mir zu vergeben, sonst hätte ich nicht überlebt.

Darüber spreche ich auch viel mit den Kindern: Ich kann ihre Situation nicht verändern, ich kann sie nicht aus ihrer Lage befreien, das Leben hier ist nicht voller Blumen und Schmetterlinge, aber wir können Blumen und Schmetterlinge malen, wir können unsere Situation hier ein Stück weit verbessern.  Es ist so schwierig, mit Kunst etwas zu schaffen, das wirklich einen Unterschied macht, und auf diesem Weg versuche ich es.

Du sagtest einmal, dass du dir nie vorstellen könntest, Kinder zu haben, aus Angst vor einem weiteren so profunden Verlust wie dem deines Bruders. Ich glaube, dass sich das mittlerweile geändert hat, oder? Vielleicht auch durch die Arbeit mit den Kindern? Ist sie auch therapeutisch für dich?

Diala-Brisly8Ich kann mir mittlerweile vorstellen, Kinder zu haben, ich träume manchmal davon, aber ich erlaube mir nicht zu viele Träume aus Angst vor der Enttäuschung, wenn sie am Ende nicht Wirklichkeit werden. Ich weiß nicht, ob Kinder realisierbar sind, in dem Leben, das ich lebe, aber ich tröste mich damit, dass ich hunderte Kinder in den Camps habe. Sie halten mich manchmal für eine von ihnen, wenn sie nach Hause gehen, wollen sie mich am liebsten mitnehmen. Das tut mir sehr gut.

Deine Mutter ist eine Unterstützerin des Assad-Regimes, sie hat damals deinen Bruder verraten und war auch nicht auf seiner Beerdigung. Hast du wieder Kontakt zu ihr?

Ich habe keinen Kontakt zu ihr, sie ist immer noch eine Loyalistin, ich habe meinen Namen geändert und nie zurückgesehen. Vielleicht bedeutet biologische Mutterschaft deshalb für mich nicht dasselbe wie für andere Frauen, weil meine eigene Mutter eine Fremde ist.

Du lebst jetzt schon seit einiger Zeit im lauten, schmutzigen, instabilen, wunderschönen, sich jeden Tag verändernden Beirut. Wie ist dein Alltag im größten Schmelztiegel des Nahen Ostens?

Das Leben ist hart, selbst für die Libanesen, besonders nach den Wahlen. Niemand ist überrascht, aber alle sind frustriert, es gibt nur noch wenige, die wirklich eine Veränderung für möglich halten. Für die Syrer ist es noch schlimmer, sie sind oft Diskriminierung ausgesetzt. Wo ich früher lebte waren regelmäßig ausländerfeindliche Graffitis an den Wänden, wenn ich Taxi fahre und der Fahrer an meinem Akzent hört, dass ich aus Syrien komme, höre ich manchmal „Wirklich? Sie sehen gar nicht aus wie eine Syrerin!“ – Wie soll eine Syrerin bitte aussehen? Jetzt habe ich das Glück, in einer sehr gemischten Nachbarschaft zu wohnen, hier leben Libanesen, Syrer, Algerier und einige andere Nationalitäten friedlich zusammen.

Wie präsent ist die Hisbollah in deinem Alltag?

Sehr präsent, ich bin oft unterwegs in den Süden und da haben sie ihre Checkpoints. Aber unglaublicherweise hilft es sehr, wenn man eine Frau ist, einige kennen mich mittlerweile schon und lassen mich selbst dann passieren, wenn ich meinen Pass vergessen habe. Es ist traurig und im Westen vielleicht schwer nachvollziehbar, aber ich glaube tatsächlich, dass viele Hisbollah-Soldaten nur einfache Männer sind, die versuchen, den Lebensunterhalt für ihre Familien zu verdienen und die glauben, das, was sie da tun, sei richtig und gut für ihr Land.

DialaKannst du dir vorstellen, nach dem Krieg nach Hause zurückzukehren oder ist Syrien mit zu vielen schmerzvollen Erinnerungen behaftet?

Wir alle wollen nach dem Krieg wieder zurück, aber im Moment sehen wir keine Lösung, kein nahes Ende des Konflikts. Aber ich versuche, es so positiv wie möglich zu sehen. Wir haben hier eine Menge gelernt, wozu wir sonst nie die Möglichkeit gehabt hätten. Diese grauenhafte Situation, in der wir leben, bringt dir so viel bei über Politik, über Aktivismus, über das Leben selbst. Unser Land wird zerstört, aber mit ihm eben auch das System, und dann haben wir die Chance, ein neues System aufzubauen.

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