To Stay is To Fight (Teil 1)

Über Ibrahim Nehme und sein außergewöhnliches pan-arabisches Magazin „The Outpost“ haben wir bereits berichtet.

Ibrahim-NehmeDas europäische Magazin, das dem Konzept des Outpost und seinem narrativen Journalismus noch am nächsten kommt, ist „Berlin Quarterly“. Es ist also kaum verwunderlich, dass Ibrahim eben von diesem Magazin gebeten wurde,  „a brief history of Lebanon in general and Beirut in particular“  zu schreiben – nichts leichter als das.  Eine (etwas gekürzte) Übersetzung von Ibrahims wunderschönem Essay über die Stadt, die in Zeiten der Flüchtlingskrise immer relevanter wird, gibt es hier bei uns, das Original kann hier bei The Towner nachgelesen werden.

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To Stay is To Fight – (Ibrahim Nehme)

Ich teile mir ein Taxi von West-Beirut in östlicher Richtung und es bewegt sich kaum. Seit fast einer Stunde stecken wir fest. Umm Kulthum läuft im Radio während Wafiq, unser Fahrer im Rentenalter, der verhüllten Frau vorjammert, die neben mir auf dem Rücksitz sitzt. Selbst für eine Stadt, die für ihre Staus berühmt ist, ist der heutige Verkehr extrem. Außerhalb unseres Wagens ertönt ein Hupkonzert. Hupen ist die gängige Kommunikation hier, besonders unter den Taxifahrern, die alles und jeden anhupen, was ihnen unter die Augen kommt. Wafiq nimmt einen langen Zug von seiner Zigarette ehe er wieder auf die Hupe schlägt so fest er kann, als würde das allein das Patt auflösen, bevor er sich weiter beschwert. Die verhüllte Frau stimmt ihm zu. Ich bin nicht in der Stimmung, mich daran zu beteiligen, deswegen setze ich meine Kopfhörer auf, drehe verstohlen die Lautstärke auf null für den unwahrscheinlichen Fall, dass es unterhaltsam werden könnte. Beirutern liegt es im Blut, sich zu beschweren.

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Später höre ich durch meinen tonlosen Kopfhörer, dass Wafiq den Kanal gewechselt hat, wir hören Nachrichten. Wir erfahren, dass downtown – früher das pulsierende Herz der Stadt, der Mittelpunkt der Teilung zwischen dem vornehmlich muslimischen Westen und christlichen Osten während des Bürgerkriegs – gesperrt ist, weil Parlamentsmitglieder ihre Büros verlassen haben um ihre Solidarität mit den Familien libanesischer Soldaten, die von Daesh (oder dem „Islamischen Staat“) entführt wurden, zu zeigen. Die Familien kampieren im Riadh Solh Square vor dem Grand Serail und protestieren gegen die Untätigkeit der Regierung bei diesem Thema. Die City wird den ganzen Nachmittag lahmgelegt sein.

Mideast Lebanon TrashDowntown Beirut war in den letzten Jahren die Bühne vieler Proteste. Zahlreiche Fraktionen haben es für politische Effekthascherei zum Stillstand gebracht. Auch die Hisbollah- Unterstützer haben sich im Winter 2006 den Riadh Solh Square ausgesucht, um mit ihren Fahnen, Zelten und Campingkochern die damals US-gestützte Regierung zum Rücktritt zu zwingen. Auch in weniger dramatischen Situationen haben hier ganz unterschiedliche Gruppen ihre Forderungen geäußert und das Augenmerk der Öffentlichkeit auf ihre Anliegen gelenkt. Beamte, die höhere Löhne und bessere Sozialleistungen fordern, füllen hier regelmäßig die Straßen, ebenso wie Taxifahrer oder Familien, deren Söhne in syrischen Gefängnissen sitzen; Aktivisten, die das sektiererische System beenden wollen und Frauen, die Schutz vor häuslicher Gewalt suchen; unterschiedliche Minderheiten verlangen soziale Gleichstellung, wutentbrannte Journalisten protestieren gegen die fortwährenden Einschränkungen der Pressefreiheit ….

Da sich der Verkehrs-Kollaps nicht auflöst, steige ich aus dem Taxi aus und gehe zu Fuß weiter. Ich bin auf dem Weg nach Mar Mikhael, einem Viertel nördlich von Downtown, das sich in den letzten Jahren zu einer gigantischen Kneipengegend entwickelt hat.

Beiruting

Ich treffe mich hier mit Roy Dib, einem Künstler und Kunstkritiker, dessen letzter Kurzfilm Mondial 2010 den Teddy Award auf der Berlinale gewann. Ich komme viel zu spät – was nicht ungewöhnlich ist in einer Stadt, in der Pünktlichkeit ohnehin nicht ernst genommen wird – aber heute kann ich dem Verkehr die Schuld geben. Roy und ich schnappen uns ein Almaza Bier und setzen uns auf dem Bürgersteig in eine der unzähligen Bars. Wir sprechen über die Sackgasse, in der sich unser Land befindet, die zeitgenössische Kunstszene in Beirut, Umm Kulthum und Dibs eigene Videoarbeit.

TeddyIn seinem Film fährt ein homosexuelles Paar von Beirut nach Ramallah, Palästina, eine Reise, die nur im fiktiven Universum von Dibs Film möglich ist. Die Beziehungen zwischen Israel und dem Libanon gehen zurück auf die Boykotterklärung von 1955, die den Libanesen jegliche Interaktion mit Israelis (als „Staatsfeinde“) verbietet. Reisen in israelische oder palästinensische Gebiete sind unmöglich. Wenn man das bedenkt ist es nicht überraschend, dass der Film als radikal angesehen wurde, da er zwei mehr als sensible Themen in unserem Land anspricht: Israel und Homosexualität. Dibs Film kann in keinem Kino im Libanon gezeigt werden – bislang hat er ihn nur bei privaten Veranstaltungen oder in Kunstzentren vorgeführt – wo keine Genehmigung erforderlich ist. Nach § 534, der sexuelle Beziehungen, die „wider die Natur“ sind, verbietet und der immer wieder benutzt wird, um Homosexuelle zu verfolgen, könnte der 29-jährige im Gefängnis enden.

Unsere Unterhaltung wird kurz unterbrochen als wir Nayla Geagea vorübergehen sehen. Geagea ist eine Freundin von Dib und hat die letzten zehn Jahre für das libanesische Rechtssystem gearbeitet. Sie versucht, ruhig zu bleiben, doch sagt, dass es ein besonders schwieriger Tag war – oder, wie wir später herausfinden werden, ein karriereverändernder Tag. Wenn man in einem Land wie dem Libanon lebt, sagt sie, muss man sich seine Schlachten aussuchen. Damit verschwindet sie auch schon wieder, doch wir vereinbaren, uns bald zu treffen und über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Zurück auf Bar Mikhaels Hauptstraße sehe ich mich um und bin umgeben von jungen Menschen – einander zugewandt, trinkend, rauchend, lachend. Vor zwei Jahren haben sie noch in Gemmayzeh getrunken, der Straße gleich neben Bar Mikhael, die das In-Viertel war ehe die Leute in die Nachbarschaft weiterzogen.  Noch früher tranken sie in Hamra und Monnot; sie tranken hinter grünen Türen, in Bunkern, in ihren Autos.

No matter where or when, one thing is clear: this is a country of drinkers. Here people drink without an end in sight. They party hard, drive recklessly, smoke intensely, and talk loudly. It tells the story of a people longing to forget their reality, a people wanting to be transported to a parallel existence where they can worry less, fear less, fight less, and not care one bit about the future, or whether there will be one at all. It tells the story of a people who have lost hope.

“Wir sind alle nur Kinder; Kinder mit Falten”, sagt mir Omar Habib. “Wir haben zwar eine Ahnung von unserer Realität, aber wir ignorieren sie. Da ist dieses Gefühl von Unwohlsein, das die Leute dazu treibt, unter einer Glasglocke zu leben und unvorsichtige Dinge zu tun.“ Habib ist ein Marketing-Berater und ehrenamtlich für „Civil Society“ tätig. Er kam vor einigen Jahren in den Libanon zurück, nachdem er fast sein ganzes Leben im Ausland verbracht hatte. Er war sich darüber im Klaren, was für eine Herausforderung das Leben in einem Land wie dem Libanon ist, doch er wollte zurück zu seinen Wurzeln und einen positiven Beitrag leisten.

libanon-beirut-selbstmordattentatHabib sagt, er ist glücklich hier und will nicht mehr weg, was ihn, verglichen mit seinen Freunden und den vielen Leuten, mit denen ich für diesen Beitrag gesprochen habe, zu einer Ausnahme in diesem Land macht. Auch er fühlt unter den jungen Leuten diesen Drang zu gehen, besonders unter Studenten. „Fast alle von ihnen wollen das Land verlassen sobald sie ihren Abschluss haben. Sie sind verwirrt und depressiv.“ Und er fügt hinzu: „Letztendlich kannst du jemandem, dessen Cousin gerade durch  eine Autobombe ums Leben gekommen ist, nicht vorwerfen, dass er das Land verlassen will.“

To stay then is to fight. To stay here means that you need to fight all the time.

Man kämpft für Elektrizität, für Wasser, für Land, für Freiheit. Man kämpft gegen Korruption, Unterdrückung, Ungerechtigkeit. Man kämpft wegen Geschichte, Gott, Grenzen, Wahlen, Weltrekorden, Jungfräulichkeit, der Zukunft. Manchmal kämpft man sogar um das Recht zu leben. Kämpfen, könnte man sagen, ist ein Teil der libanesischen Kultur.

Letztendlich ist dieses kleine Land an der Ostküste des Mittelmeeres getränkt in einer Flut von Kämpfen. Hier wurden schon Schlachten ausgetragen, ehe das Land überhaupt gegründet wurde. Der Libanon war immer – und ist auch immer noch – ein Schlachtfeld für einander gegenüberstehende Fronten, sowohl regional als auch global. Es ist und bleibt die Bühne, auf der unterschiedlichste fremde Machthaber ihre Konflikte austragen. Kriege wurden hier geführt und unzählige Zivilisationen haben ihre Spuren hinterlassen. Die Kanaaniter, die Phönizier, die Assyrer und die Babylonier waren hier; ebenso die Perser, die Griechen, die Römer und die Ottomanen. In der jüngeren Vergangenheit endete einer der wichtigeren Konflikte mit der Gründung des modernen Libanon im Jahr 1941.

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Morgen geht es weiter mit der Geschichte des Libanon, die auch nach 1941 nicht weniger turbulent war!

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