To Stay is To Fight (Teil 2)

Heute geht es weiter mit Ibrahim Nehmes Essay über die Geschichte einer faszinierenden Stadt: Beirut. Wer Teil 1 am Dienstag verpasst hat, kann ihn hier nachlesen.

Nach dem Fall des Osmanischen Reiches am Ende des Ersten Weltkrieges, waren Großbritannien und Frankreich begierig darauf, die Hinterlassenschaften zwischen sich aufzuteilen. Das Sykes-Picot-Abkommen, benannt nach seinen zwei Verfassern,  dem britischen General Mark Sykes und dem französischen Diplomaten François Georges-Picot, definierte die neuen Kontrollgebiete im Nahen Osten.

Sykes-Picot-Abkommen von 1916

Die Briten hatten zionistischen Politikern Versprechungen gemacht, einen jüdischen Staat in Palästina zu etablieren, während im Libanon-Gebirge die Maroniten, eine christliche Sekte, sich mit den Katholiken zusammenschlossen, die schon seit langem ihre Territorien vergrößern wollten. Zu den vergleichsweise kleinen Regionen der Maroniten fügten die Franzosen die Küstenstädte Tripolis, Beirut, Sidon und Tyros hinzu, die früher alle zur osmanischen Provinz von Beirut gehörten. Ganz zuletzt wurde auch noch die fruchtbare Bekaa-Ebene dazu gerechnet, die früher zur osmanischen Provinz Damaskus gehörte. Und so war der Libanon geboren.

Als das Land 1943 seine Unabhängigkeit von Frankreich erklärte, sorgte eine ungeschriebene Übereinkunft, bekannt als der National Pact dafür, dass der Konfessionalismus das Regierungssystem wurde. In diesem einzigartigen System ist die politische und institutionelle Macht proportional zwischen den einzelnen Religionsgemeinschaften aufgeteilt, basierend auf der Größe der jeweiligen Gemeinschaft.

Der Konfessionalismus sollte nur eine Übergangslösung darstellen, doch heute, über 80 Jahre später, ist er immer noch da, obwohl er auch heute noch ist, was er damals war: eine ungeschriebene Übereinkunft. Die Befürworter des Systems führen ins Feld, dass so die friedliche Co-Existenz verschiedener religiöser und ethnischer Gruppen ermöglicht werden konnte, indem es jeder Gruppe die Macht gab, die ihr nach ihrer Größe zustand, während die Gegner behaupten, es sei nichts als ein Werkzeug, das Chaos erzeugen soll – Chaos als Strategie, um die gesamte Region zu destabilisieren. Und genau dieses heimtückische „Chaos“ hat die willkürlichen Verschiebungen der Grenzen und Vertreibung der Menschen ermöglicht. Chaos, das erreicht wurde durch die Trennung der Menschen voneinander, die zuvor Jahrtausende zusammengelebt haben und dem Verhindern jeglicher Einheit. Chaos, herbeigeführt durch das bewusste Verwässern der Geschichte, das die Menschen dem Wissen beraubt, wer sie sind und woher sie kommen. Und auch Chaos, das wächst, weil die Unterstützung des anhaltenden konfessionalistischen Systems den Konflikt zwischen den verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen weiter vertieft.

Im Februar 2005 wurde Premierminister Rafiq al-Hariri bei einem Bomben-Attentat umgebracht, dem auch 22 weitere Menschen zum Opfer fielen.

26 Mar 2010, Beirut, Lebanon --- Lebanon, Beirut, Martyrs Square, Lebanese in front of Rafik Hariri's grave, Lebanese Prime Minister assasinated in 2005 --- Image by © Ludovic Maisant/Hemis/Corbis

Hariri, ein Geschäftsmann ehe er zum Politiker wurde, war eine zentrale Figur in der libanesischen Politik und die treibende Kraft hinter dem Wiederaufbau Beiruts nach dem Bürgerkrieg. Es gab viele Unstimmigkeiten zwischen ihm und der Regierung in Damaskus und sein gewaltsamer Tod führte daher zu zahlreichen Demonstrationen, in denen den syrischen Machthabern die Schuld an seiner Ermordung gegeben und auch der Abzug syrischen Einsatzkräfte im Libanon gefordert wurde. Der syrische Geheimdienst hatte seit den 90er Jahren die völlige Kontrolle über das politische System im Libanon.

Thousands of Lebanese opposition protesters gather during a demonstration near to the Mohammed Al Amin Mosque in Martyrs Square, central Beirut, Lebanon, Monday March 14, 2005. Hundreds of thousands of Lebanese people answered an opposition call for a massive protest to demand a full Syrian troop withdrawal, resignations of security chiefs and an international investigation into the death of former Premier Rafik Hariri.(AP Photo)

Die Demonstrationen, die als die Zedernrevolution in die Geschichte eingingen, erreichten in einem großen Marsch am 14. März 2005 ihren Höhepunkt. Es war der größte zivile Protest in der Geschichte Libanons, über eine Million Libanesen gingen auf die Straße, um Freiheit, Souveränität und Unabhängigkeit zu fordern.

Für viele Libanesen war dies ein inspirierender Tag, der bewies, dass unterschiedliche politische Fraktionen, die teilweise während des Krieges tödliche Schlachten gegeneinander geführt hatten, zusammenkommen und vereint für ein besseres Libanon einstehen können. Doch die inspirierende Energie dieses Tages hielt nicht lange an. Die Revolution war zwar insoweit erfolgreich, als dass sie Syriens Truppen (immerhin 14.000 Soldaten) aus dem Libanon vertrieben, doch ihre politische Kraft kam zu einem Stillstand als eben die Politiker, die am 14. März auf dem Podium das Wort geführt hatten, nun die Früchte ernten wollten. Das führte zu neuen Konflikten, die die Spaltungen im Land und die Spannungen zwischen den politischen Blöcken nur vertieften.

Mein Freund Habib (siehe Teil 1) sagt von sich selbst, er sei beeinflusst von den Schriften des säkularen Denkers und Politikers Antoun Saadeh, der gegen die Kolonisation war, die Großsyrien in Substaaten aufbrach. Habib erklärt mir, dass nach Saadehs Philosophie Kulturen nur das Produkt endloser Interaktionen über einen langen Zeitraum seien. „People interact with each other and they start taking some of each other’s languages, habits, and customs. When they coexist in a single territory, they share food, music, and crafts.

Er betont noch einmal, wie ausschlaggebend das Element der Interaktion in der Formung einer Kultur ist und vergleicht nationale Identität mit einer Suppe, bestehend aus vielen Zutaten, die über einen längeren Zeitraum gekocht werden.

„A soup is not made in one minute, which is how Lebanon was made. A couple of politicians met and, voila, we have a country!”

Habib ist der Ansicht, die Hauptbeschäftigung jeder diktatorischen politischen Macht sei es, die Menschen, die sie regiert, von der Macht fernzuhalten. Das kann sie zum Beispiel auch dadurch, dass sie die Menschen daran hindert, sich zu vereinen. In der neuen Video-Installation meines Freundes und Filmemachers Dib (siehe Teil 1) geht er genau diesem Konzept auf den Grund. In seinem Film nutzt er die Diskussion des homosexuellen Paares ob sie nach eineinhalb Jahren Beziehung immer noch ein Kondom benutzen sollten als Analogie, um seine Position im Palästina-Israel-Konflikt zu zeigen. eine-mauer-trennt-israel-und-palaestinaDib ist der Ansicht, die Mauer wurde nicht errichtet weil die Israelis Angst vor den Palästinensern haben, sondern weil sie befürchten, Israelis würden sich unter die Palästinenser mischen, sich verlieben, heiraten, Kinder bekommen: eine Kraft, die für Israel  als jüdische Nation eine Bedrohung darstellen könnte.

Habib ist der Ansicht, aufgrund seiner persönlichen Geschichte von Teilung und Vertreibung vielleicht nicht überraschend, dass die Menschen unserer Region eine Identitätskrise entwickelt haben:

“Our biggest problem today is that we still don’t know who we are as a nation, we’ve let religion become our identity.” 

Nayla Geagea (siehe Teil 1) und ich verabreden uns drei Wochen nach unserem Zufallstreffen in Mar Mikhael. Sie erzählt mir, dass sie gerade eine sehr schwierige Zeit durchmacht, ihre Möglichkeiten abwägt, sich fragt, ob sie weiterhin als Anwältin tätig sein will.  Sie hinterfragt, ob das, was sie tut, irgendeine Bedeutung hat und hat das Gefühl, in einem Teufelskreis verlorener Schlachten gefangen zu sein:

“It takes a lot of experience. You have to hit a lot of walls and dead ends before you can actually understand how things work in this country.” 

Ein Grund für ihre Frustration scheint der unglaubliche Schock zu sein, realisiert zu haben, wie schlecht die Situation des Landes tatsächlich ist.

Nayla erzählt mir, dass eine Diskussionsrunde an dem ein Schweizer Akademiker als Sprecher teilnahm, sehr inspirierend war. Der Schweizer stellte den Konfessionalismus seines Landes vor. Die Schweiz hat ebenfalls mehrere ethnische Gruppen, die es schaffen, relativ harmonisch zu ko-existieren. Und obwohl es unmöglich ist, das Schweizer System vollständig auf den Libanon anzuwenden, war er der Ansicht, dass der Libanon davon profitieren könnte, indem sich das Land das Konzept, das er die „Kultur der Kompromisse“ (die Kernphilosophie des Schweizer Systems) nannte, zu eigen mache. Nach Ansicht des Schweizers brauchen Länder, die aus unterschiedlichen ethnischen oder religiösen Gruppen zusammengesetzt sind, eine gemeinsame Kultur der Kompromisse, um einen Raum zu schaffen, in dem alle zusammenleben können; ganz besonders dann, wenn es vorher tiefe Differenzen gab. Dieses Konzept bewegte Nayla tief. Sie erzählt, dass es sie dazu gebracht hat, ihre eigene Unfähigkeit, Kompromisse einzugehen, zu reflektieren. Ihrer Meinung nach ist es nämlich genau das, was sie als Anwältin in einem Land, das so komplex und kompliziert ist wie der Libanon, scheitern lässt.

“You can’t deal with matters as either black or white.” 

17-Beirut-CornicheNach meinem Treffen mit Nayla nehme ich mir ein Taxi zur Corniche, Beiruts Strandpromenade. Auf dem Weg dahin werden wir angehalten und ein Verkehrspolizist kontrolliert die Papiere des Taxifahrers. Es ist nur eine Routinekontrolle, doch der Fahrer ist wütend.

Er beschwert sich lautstark darüber, wie in einem Land, das vollkommen außer Kontrolle zu sein scheint, die Autoritäten sich mit Dingen wie Fahrzeugkontrollen beschäftigen können. Schließlich dreht er das Radio auf und dieses Mal singt Fairuz und ihre Stimme bestimmt die Atmosphäre im Wagen bis wir an der Corniche ankommen. Hier ist der wahre Schmelztiegel der Stadt. Menschen mit allen möglichen Lebenshintergründen, sozialen Klassen, Religionen oder ethnischen Gruppen kommen hierher, um ihre Sorgen abzuwaschen. Sie joggen, spielen, rauchen Shisha, trinken Kaffee, flirten, sehen auf den Ozean, chillen. Hierher kommt die Stadt um Atem zu holen.

„It’s a place for everyone. In many ways, the Corniche has come to represent what Lebanon has so far failed to embrace: the richness of its diversity. Here, no compromises are made. No battles are fought.“

* * *

Dies war eine (von uns etwas gekürzte) Übersetzung von Ibrahims wunderschönem Essay über die Stadt Beirut, die in Zeiten der Flüchtlingskrise immer relevanter wird. Das Original kann hier bei The Towner nachgelesen werden.

 

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