Münchner Kinder machen Schule. Zeltschule.

Von syrischen Flüchtlingen wollen die meisten Deutschen nichts mehr hören. Viel zu schwierig das Thema, man nähert sich schnell dem politisch-unkorrekten und eigentlich denken sowieso alle das gleiche: Soll den Syrern geholfen werden? Ja! Bei uns? Bitte nicht…. Und da Kinder ja grundsätzlich immer das ganz genau mitbekommen, was eigentlich NICHT für ihre Ohren bestimmt ist, ist das auch der Soundtrack, der die „Flüchtlingskrise“ (allein das Wort spricht Bände) für unsere Kinder vertont.

Die Tumblingerschule möchte aber gerne eine andere Melodie spielen, deswegen haben Eltern und Lehrer gemeinsam den Verein „Zeltschule e.V.“ (www.zeltschule.de) gegründet.

Jammern und Schimpfen kann jeder. Wir wollen helfen. Und siehe da: es stellte sich heraus, das kann auch jeder! 

Bei unserem Projekt Zeltschule ist der Name auch das Programm:  In der Bekaa-Ebene im Libanon soll eine Schule gebaut werden – von den Münchner Kindern für die syrischen Flüchtlingskinder. Geht nicht, meinen Sie? Geht nicht gibt’s nicht bei uns. Denn genau der Beweis, dass (fast) alles möglich ist, dass jeder etwas tun und verändern kann, liegt uns Gründern der Zeltschule besonders am Herzen. Nicht ein Gefühl der Machtlosigkeit soll unseren Kindern vorgelebt werden, als wären wir Spielball globaler Entscheidungen, die wir nicht oder nur begrenzt nachvollziehen können; sondern ein Gefühl von privilegiertem Tatendrang:

Uns geht es gut, wir haben das Glück, in einem Land zu leben, in dem kein Krieg herrscht, in dem wir freien Zugang zu Bildung haben und die Möglichkeit, weniger Begünstigten zu helfen. Mehr noch: die Verpflichtung, zu helfen. 

 Über den Syrienkrieg und seine Folgen haben wir hier auf dem Blog schon öfter berichtet:

Fünf Jahre dauert der Krieg nun schon und es ist kein Ende in Sicht. Seit fünf Jahren leben über eineinhalb Millionen Syrer in libanesischen Flüchtlingslagern, in einer Art verzerrter Realität, die eigentlich gar nicht sein dürfte, an deren Existenz wir uns nicht widerspruchslos gewöhnen dürfen. Darum ging es mir vor allem bei der Gründung der Zeltschule: um den Widerspruch. Um das Aufbegehren gegen einen unmenschlichen Zustand, der nicht hingenommen werden darf.

Im Libanon leben zwischen 500.000 bis 700.000 Flüchtlingskinder (genaue Zahlen gibt es nicht), nur etwa ein Drittel hat sporadisch Zugang zu einer Schule. Eine ganze Generation syrischer Kinder (wohlgemerkt: Genau die Generation, die nach dem Krieg Syrien wieder aufbauen soll!) wird zu Analphabeten. Eltern sind mit ihren Familien in den Libanon geflohen um festzustellen, dass dort, wo sie sich endlich in Sicherheit wähnten, gar nichts sicher ist, dass weder ihre Nahrungsversorgung, noch ihre medizinische Versorgung noch die Bildung ihrer Kinder gewährleistet ist. Wer noch gesund und kräftig genug ist, versucht deswegen, es nach Europa zu schaffen.

Mein Papa sagt, die kommen alle zu uns, weil sie reich werden wollen, ist ein Satz, den ich von den Kindern hier öfter gehört habe. Durch die Wiederholung wird er aber nicht wahrer. „Die“ wollen nicht reich werden. Die wollen überleben. Die wollen sicher sein. Die wollen durchatmen können. Die wollen, dass wenigstens ihre Kinder eine Chance auf „Normalität mit Abstrichen“ haben. Sie hätten lieber in ihrem eigenen Kulturkreis, in Ländern, die ihnen weniger fremd sind als das unsere, das Ende des Krieges in Syrien abgewartet, doch durch die instabile Lage Libanons und das völlige Versagen der westlichen Politik bezüglich der notwendigen Hilfsleistungen waren sie gezwungen, lebensgefährliche Reisen gen Westen auf sich zu nehmen. Hätte die EU das Ausmaß der Katastrophe nicht jahrelang ignoriert, wäre es zu diesen Massenfluchten nie gekommen.

Finanziert wird unser Projekt nicht etwa von Microsoft oder Apple, der Stadt, der UN oder irgendwelchen Großsponsoren (obwohl wir die natürlich jederzeit willkommen heißen würden!). Nein, finanziert werden wir durch die Familien und Geschäfte im Viertel rund um die Schule, unsere Partnerliste wird täglich länger. Zeltschule e.V. hat sich dafür in Zusammenarbeit mit der Tumblingerschule eine Menge kleine Aktionen einfallen lassen: die Klassen haben Pausenverkäufe veranstaltet, also selbstgebackenes oder im Werkunterricht gebasteltes in der Pause an die jeweils anderen Klassen verkauft. „Books for Books“ wurde ins Leben gerufen, eine Aktion, bei der alle Tumblingerkinder ihre bereits gelesenen Bücher mit in die Schule bringen, wo sie gesammelt, geordnet und dann beim Projekttag am 4.6. verkauft werden, so dass die Schüler sich günstig mit neuem Lesestoff eindecken können und der gesamte Erlös der Aktion in Schulbücher für die Zeltschule investiert werden kann. Lehrer spenden persönliche Dinge von sich, die zusammen mit Spenden umliegender Geschäfte versteigert werden. Kindergärten und KiTas aus dem ganzen Viertel produzierten Bastelsachen, die in einem kleinen Kreativmarkt verkauft werden. Die Zweit- und Drittklässler der Tumblingerschule sowie die Vorschulkinder des St. Andreas-Kindergartens bemalten 30qm Zeltplane, die zu einem Teil der Schule wird, um etwas Farbe in die Tristesse der Zeltstädte zu bringen. Die Eltern übernehmen das Buffet und den Verkauf.

Und was können Sie tun? Am Samstag, 4.6. vorbeikommen, unbedingt!

Oder spenden. Oder beides?

Ich durfte einen sehr schönen Vormittag lang die Turnhalle der Tumblingerschule „besetzen“ und nacheinander kamen alle Klassen zu mir herunter zu einem Vortrag über den Libanon und die Lebenssituation der syrischen Kinder. Alle Kinder waren sehr interessiert, haben viele Fragen gestellt und von nicht wenigen Eltern wurde ich in den Tagen danach auf dem Pausenhof angesprochen, dass der Libanon nun ein regelmäßiges Thema beim Abendessen ist und unsere Grundschüler sehr oft an Eltern und ältere Geschwister Informationen weitergeben, die diese selbst noch nicht kannten. So soll es sein, learning by doing, und wenn das „Doing“ etwas ist, das Flüchtlingskindern eine Chance auf Bildung gibt, ist das natürlich umso besser. Wer uns hierbei unterstützen möchte, ist herzlich willkommen. Mit Ihrer Hilfe ist unsere Zeltschule nur der Anfang.

“Jeder kann etwas tun.  

Wir machen Schule.

Machen Sie mit!”

 

Auch das BR hat in der Abendschau am 1.6.2016 über uns berichtet.

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