DIY-(Welten)MACHERIN: Avery Bang

Avery baut Brücken. Nein, das ist jetzt nicht metaphorisch gemeint, sondern ganz wörtlich. Ihre Organisation „Bridges to Prosperity“ (B2P) hat über 200 Brücken weltweit gebaut, und verbindet Dörfer und Gemeinden, die sonst von der Außenwelt abgeschnitten wären, mit Zugang zu Schulen, medizinischer Versorgung und Arbeit.

Die aufregende Geschichte von B2P begann im Jahr 2001, als die Brüder Ken und Forrest Frantz in einem National Geographic Magazin dieses Bild einer kaputten Brücke über den Blauen Nil in Äthiopien sahen. Und während zehntausende andere Menschen den Artikel lasen und dieses Bild sahen, weiterblätterten und es wieder vergaßen, hatte Ken Frantz nur einen Gedanken: „Ich will diese Brücke reparieren!“

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Und wissen Sie was? Drei Monate und diverse Geldsammelaktionen in seinem Bekanntenkreis später tat er es. So war B2P geboren.

Heute, 15 Jahre später, hat B2P 200 Brücken gebaut und fast einer Million Menschen zu einem besseren Leben verholfen, und diesen Erfolg haben sie vor allem dem „Chief“ (oder besser gesagt: der „Chief-in“) zu verdanken: Avery, die mit Mitte 20 der CEO von Bridges to Prosperity wurde. Wie immer unterwegs von einem Vortrag zu einer Baustelle gab mir die Weltenmacherin während einem Flug von Brüssel nach Kigali ein Interview…..

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Mit dem Foto, das Ken Frantz in der National Geographic sah, fing alles an. Du kamst 2006 als Freiwillige zu B2P. Wusstest du von Anfang an, dass das die Arbeit ist, die du bis ans Ende deines Lebens machen willst? Was war dein „Eureka-Moment“?

why-infoIch bin im Mittleren Westen der USA aufgewachsen als Tochter eines Ingenieurs und einer unglaublich inspirierenden Mutter. Als Kind war ich Athletin, spielte Fußball für die Universität von Iowa und machte meinen Abschluss in Bauingenieurwissenschaften. Aber ich hatte kein wirkliches Ziel. Nach einem Semester in Fidschi änderte sich das und ich war mir bei meiner Rückkehr sehr bewusst, wie privilegiert ich einerseits gelebt hatte und wie wichtig es mir war, ein sinnvolles Ziel zu verfolgen. Während meiner Zeit in Fidschi sah ich eine Fußgängerbrücke, die das Leben für einen Teil der Insel, der bisher von der Schule, dem Markt und der Klinik vollkommen isoliert war, vollkommen veränderte. Das war mein Eureka-Moment: als mir klar wurde, dass etwas so simples wie eine Brücke ein ganzes Dorf so immens zum Positiven verändern konnte, und dass ich die Fähigkeiten hatte, solche Veränderungen herbeizuführen. Als ich in die Staaten zurückkam suchte ich nach Organisationen, die sich genau damit befassen und bekam so Kontakt zu Ken Frantz. Der Rest ist Geschichte.

In diesem Moment leben tausende von Menschen in Syrien unter Belagerung, eingesperrt in ihren eigenen Dörfern, ohne Zugang zu Nahrungsmittellieferungen oder medizinischer Versorgung. Du hast zahlreiche Dörfer rund um die Welt besucht, die aus ganz anderen Gründen isoliert sind. Warum sind sich so wenig Menschen bewusst über den direkten Zusammenhang zwischen Erreichbarkeit und Armut?

Der Zusammenhang zwischen Erreichbarkeit und Armut ist zwar sehr gut belegt und dokumentiert, aber nicht sehr bekannt. Ich glaube, das liegt daran, dass wir im globalen Norden der Erde einfach voraussetzen, dass es überall grundlegende Infrastrukturen gibt. Dabei sind sich die meisten Leute gar nicht im Klaren darüber, was für ein enormer Arbeits- und Kostenaufwand es ist, ein Wasserleitungssystem zu entwerfen und zu bauen, das unsere Wasserhähne zum Laufen und unsere Toiletten zum Spülen bringt. Wenige wissen die Komplexität unserer Stromversorgung oder der Heizsysteme in Gebäuden zu würdigen, den unglaublichen Aufwand, der unsere Straßennetze ermöglichte. Wenn man das ableitet auf Entwicklungsländer, auf belagerte Menschen in Syrien oder isolierte Dorfbewohner in Äthiopien, ist es vielleicht sogar menschlich, dass viele kein Mitgefühl für die Menschen empfinden können, die keinen Zugang zu so grundlegenden Notwendigkeiten haben, weil wir unsere Privilegien einfach nicht zu schätzen wissen.

Bridge

B2P hat über 180 Brücken rund um den Globus gebaut. Welche war die schwierigste, an der du je mitgearbeitet hast?

Wir haben sogar gerade unsere 200. Brücke eingeweiht und in ein paar Monaten haben wir die Marke von 1 Million Menschen erreicht, die vorher isoliert lebten und denen wir helfen konnten, ein besseres Leben zu führen. Ich muss zugeben, die zehn Jahre, die ich bei B2P dabei bin, sind wie im Flug vergangen. Jedes Projekt und jede Person hat auf ganz eigene Weise Leistungen und die Möglichkeit zu lernen mit sich gebracht. Eines der am meisten lebensverändernden Projekte, an denen ich mitarbeiten durfte, war aber mein erstes: eine Brücke in Yavina, Peru., mitten in den Anden, von Cusco aus ist man 6 Stunden mit dem Auto und dann noch einmal 8 Stunden zu Fuß unterwegs. Die Widerstandsfähigkeit der Menschen, mit denen ich mich dort anfreundete, war faszinierend und das ganze Dorf traf sich für dieses Projekt jeden Morgen bei Sonnenaufgang um freiwillig mitzuhelfen, überzeugt davon, dass sie dazu beitrugen, das Leben ihrer Kinder und deren Kinder zu verbessern. Seitdem habe ich in und mit Dörfern auf der ganzen Welt gearbeitet, aber meine Freunde in Yavina habe ich nie vergessen.

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Wieviel Kontakt habt ihr generell mit den Leuten in der Region, während ihr eine Brücke baut? Sind sie immer in den Prozess involviert und geben sie euch Feedback?

Das Einbeziehen der Dorfbewohner und auch die Einarbeitung ist der Schlüssel zur langfristigen Erhaltung unserer Brücken. Wir achten daher ganz besonders darauf, immer mit Dörfern zusammenzuarbeiten, die von Anfang an engagiert sind und sich am Prozess beteiligen, angefangen von der Planung und Konstruktion bis hin zur Einweihung und der Instandhaltung der Brücke.

Wie erfahrt ihr normalerweise, dass eine bestimmte Region dringend eine Brücke braucht? Wie wählt ihr eure nächsten Projekte aus?

Neue Länder auszuwählen ist sehr schwierig, da es weltweit tausende von Dörfern gibt, die vollkommen isoliert sind.  Wir wählen die Länder nach ihrer Bedürftigkeit aus (die machen wir an einer ganzen Reihe von Faktoren fest, u.a. auch vom Rural Access Index und ihrer Ressourcen. Innerhalb der ausgewählten Regionen arbeiten wir dann mit den Ministerien für Infrastruktur den betreffenden städtischen Behörden zusammen, um Dörfer auszuwählen, die Priorität haben. Die Dörfer mit der höchsten Bedürftigkeit besuchen wir dann und beurteilen sie danach, wie wichtig ihnen das Projekt ist, inwieweit sie den Bau und die Instandhaltung der Brücke unterstützen würden, und inwieweit es uns möglich wäre, lokale Maurer und Bauleiter auszubilden.

Verfolgst du die Entwicklung einer Region, nachdem ihr dort eure Brücke gebaut habt?

Woman on bridgeUnsere Mitarbeiter arbeiten und leben manchmal für Jahre in den betreffenden Regionen und unsere Partner-Dörfer bleiben jahrelang Teil des B2P- Konzeptes. Wir besuchen und inspizieren auch alle Brücken regelmäßig und arbeiten mit den lokalen Behörden eng zusammen, um zu gewährleisten, dass die Brücken instandgehalten werden.

Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag für dich aus und wie oft bist du überhaupt zuhause? Fühlt es sich manchmal so an, als würde das Brückenbauen für andere bedeuten, privat immer wieder Brücken abreißen zu müssen?

Ich reise wirklich ständig, deswegen verändert sich mein Alltag auch andauernd auf sehr drastische Weise. Aber ich genieße, dass ich innerhalb einer Woche einen Vortrag in London halte und dann zu einer Brückenkonstruktion in Nicaragua fliege. Diese Art der Abwechslung hilft mir sehr, nah mit unserer Mission und unseren Arbeitsabläufen verbunden zu bleiben und trotzdem informiert zu sein, was in Sachen Transportwesen und Entwicklungshilfe weltweit passiert.

Was ist dein nächstes Projekt?

Ich bin gerade auf dem Weg von Brüssel nach Kigali, um mit meinem Team an einer ganzen Reihe von Brücken zu arbeiten, die wir derzeit in Ruanda bauen. Weltweit arbeiten wir gerade an 40 Brücken gleichzeitig, die alle dieses Jahr noch fertig gestellt werden, daher ist es sehr schwierig, nur ein Projekt zu nennen.

SanLucas

Welchen Rat würdest du Frauen geben, die auch mit einer großen Idee die Welt verändern wollen, aber Angst davor haben zu scheitern?

Ich würde das gerne mit einem Zitat von John Wooden beantworten: „Failure isn’t fatal, but failure to change might be” – Scheitern ist nicht das Ende, aber die Unfähigkeit zur Veränderung könnte es sein.

Avery ist fest davon überzeugt, dass jeder Mensch ein recht auf Erreichbarkeit hat – in unserer Welt der Smartphones und rund-um-die-Uhr-Kommunikation auf sozialen Netzwerken, in der gerade Rückzugswochenenden in Klöstern groß in Mode sind, mag uns das befremdlich erscheinen, doch das macht Averys Projekte umso wichtiger. Isolation ist ein Problem, das nicht nur in Entwicklungsländern fatale Folgen hat. Wer an Averys Welt ein bisschen „mitmachen“ möchte, der kann das gerne mit einer Spende hier tun, oder vielleicht ein bisschen weiter gehen, und es wagen als Freiwilliger bei einem Projekt mitzuarbeiten? Ein Weltenmacher steckt doch in jedem von uns, oder?

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