DIY-(Welten)MACHERIN: Masih Alinejad

„I am a troublemaker – for those governments who want to put pressure on their own people and keep them silent.“ 

(Masih Alinejad)

Frauen, die um ihre Haare ein großes Gewese machen, sind mir eigentlich suspekt, aber bei Masih mache ich gerne eine Ausnahme. Die Journalistin ist Iranerin, also aufgewachsen in einem Land, in dem (besonders nach der Revolution 1979) Frauen massiven Reglementierungen unterworfen sind, mit denen sie immer wieder kollidierte. Also mit den Regeln, nicht mit den Frauen.

2008 schrieb sie einen äußerst kontroversen Artikel, in dem sie Mahmud Ahmadinejad mit einem Delphintrainer verglich, der seine Häppchen nur an die verteilt, die folgsam ihre Kunststücke machen, und musste kurze Zeit später das Land verlassen. Sie lebte erst im Londoner Exil, mittlerweile lebt sie in Brooklyn.

Mashi Auto2013 brachte sie mit einem simplen Facebook-Post etwas in Gang, das das Leben tausender Iranerinnen verändert hat. Es begann mit diesem Bild, das Masih zeigt, wie sie im Iran Auto fährt.

Was an diesem Bild so besonderes ist? Masih trägt keinen Hijab, und das ist im Iran verboten. Ich bin keineswegs gegen den Schleier für muslimische Frauen und wer sich darüber nochmal genauer informieren möchte, kann gerne noch einmal unseren Blogpost zum Thema Burka lesen, doch wogegen ich bin ist der Zwang zur Verschleierung. Im Iran werden Frauen, die keinen Hijab tragen mit Geldbußen, Gefängnis oder Peitschenhieben bestraft. Sogar Ausländerinnen, die in den Iran reisen, werden bereits im Flugzeug aufgefordert, sich zu verhüllen. Wir sprechen hier immerhin von einem Land, in dem erst vor wenigen Wochen eine junge Frau sich als Mann verkleiden musste, um ihrer Lieblings-Fußballmannschaft im Stadion zusehen zu können, weil Frauen von Sportveranstaltungen aller Art ausgeschlossen sind.

Masih schrieb unter ihr gepostetes Bild nur, sie sei sicher, dass auch andere Frauen solche Fotos von sich besäßen, bei denen sie in unbeobachteten Momenten den Schleier abgenommen und sich ein Stück „heimliche Freiheit“ erobert haben. Damit war Azadihaye yawashaki, auf Englisch „My Stealthy Freedom“ geboren, das heute fast eine Million Follower hat.  Tausende Iranerinnen haben Masih inzwischen Fotos geschickt, in denen sie sich auch die Freiheit nehmen, ohne Hijab hinauszugehen, obwohl sie damit ein Risiko eingehen.

Der Schleier ist für islamische Frauen ein emotionales, ein fast intimes Thema, das weiß Masih besser als jede andere Iranerin. Sie wurde von einem konservativen Vater erzogen, der ihr auch zuhause nie erlaubte, ohne Hijab zu sein und zusätzlich zu gefordertem Kopftuch und Mantel von ihr erwartete, draußen einen zeltförmigen Umhang zu tragen. Nur Minuten nach ihrer Geburt in Ghomikola,  einem kleinen Dorf im Norden des Landes wurden ihre Haare bedeckt und bis sie sechzehn war, nahm Masih sie gar nicht wirklich als Teil ihres Körpers wahr. Der Hijab schien mehr zu ihr zu gehören als ihre Haare.

“I used to wake up in middle of the night and touch my head to see if my scarf was there. If it had slipped off, I would find it in the dark and cover my hair before falling asleep.”

Im Laufe der Zeit werden ihr die Freiheiten, die ihre Brüder haben, die in kurzen Hosen Fußball spielen, Fahrradfahren oder schwimmen gehen können immer bewusster.  Sie wird zunehmend politisch aktiv und hinterfragt mehr und mehr die Regeln, die in ihrem Elternhaus, ihrem Freundeskreis und ihrer Schule als selbstverständlich angesehen wurden.

“It was only then that I discovered my hair. My hair had not been part of my body until then. Unveiling was a long psychological process.”

Mashi MützeSie beginnt schrittweise, nimmt den Hijab zuhause ab, trägt in der Universität und später bei ihren Außeneinsätzen als Journalistin aber Hüte oder Mützen. „Nackt“ geht sie erst im Exil auf die Straße.

Der Hijab war vor der Revolution keine Pflicht und viele iranische Frauen fühlen auch keine religiöse Verpflichtung, ihn zu tragen, dennoch steht das Weglassen des Hijab mittlerweile unter Strafe. Masihs Facebook-Aktion hat jedoch bewiesen, dass die Frauen im Iran nur auf ein Ventil gewartet haben, ihre „geheimen Freiheiten“ publik zu machen.

“There are two Irans, one is on the map – where you see women in hijab. The other is illegal Iran – where women sing, dance, take off their scarves. Everything they are banned from doing they do underground.”

Während die Haare für Frauen im Westen oft nur Ausdruck von Eitelkeiten oder Grund zu ständiger Unzufriedenheit sind, ist ihre Konnotation im Nahen Osten oft so viel schwerwiegender.  In vielen der Fotos auf „My Stealthy Freedom“ fliegen die Haare im Wind und so etwas einfaches, wie Wind oder Sonne auf dem Kopf zu spüren wird für Iranerinnen zum revolutionären Akt, weil es ihnen seit dreißig Jahren untersagt wird. Auf vielen Fotos  flattert der Schleier wie eine Fahne hinter den Frauen her, Symbol einer überfälligen Unabhängigkeitsbewegung. Selbst die weniger Mutigen, die nur ein paar Strähnen unter dem Hijab hervorblitzen lassen, setzen damit ein Zeichen des Ungehorsams und der Selbstbestimmung.

My Stealthy Freedom ist weder eine politische Organisation noch lehnt es den Hijab per se ab. Masihs Mutter und Schwester tragen ganz bewusst den Hijab, weil sie das möchten. Masih will nur, dass Frauen die Wahl haben.

“When they send their picture, it has got a message to the government of Iran: Whether you put pressure on us or not, we’re going to stand for our right and we’re going to defend our own identity.”

Mittlerweile hat Masih sich auch bereits einer zweiten „Baustelle“ im Iran angenommen: dem Gesangsverbot für Frauen. Ebenfalls seit der Revolution 1979 ist es Frauen verboten, allein auf der Bühne aufzutreten. Die Regelung wurde mittlerweile etwas verwässert, so dürfen Frauen manchmal zum Beispiel nur zu Beginn ihres Liedes von einem Chor begleitet werden und singen dann solo weiter, doch die Entwicklung in den letzten 30 Jahren war frustrierend langsam. Masih hat eine weitere Facebook-Kampagne gestartet, in der sie Iranische Frauen dazu aufruft, ihr Videos zu senden, wie sie allein (zuhause oder öffentlich) singen. Als die bekannte iranische Frauenband „Mah Banoo“  verboten wurde, habe daraufhin eine Frau einfach ein Video aufgenommen und an Masih, mittlerweile längst die bekannteste politische Aktivistin Irans, geschickt.

Ich möchte mit der Kampagne den Frauen im Iran eine Stimme geben, eine Stimme, die im Iran seit über 30 Jahren stumm geworden ist. Ich möchte ihnen die Möglichkeit geben, selber ihre zensierten Geschichten mit ihrem Gesang zu erzählen„, sagt Masih in einem Interview dazu. Sie will der westlichen Welt das Bild eines veränderten Iran vermitteln, in dem Frauen nicht wie Krähen herumlaufen und sich verstecken, sondern für ein modernes Frauenbild stehen, die die studiert haben, arbeiten, frei sind, singen.

Wenn diese Kampagne so erfolgreich wird wie „My Stealthy Freedom“, wird Masih damit wieder vielen iranischen Frauen Mut machen, die ungeliebten Grenzen des Staates zu überschreiten und die Kraft zum Widerstand zu finden. Masihs größter Verdienst ist es, dass sich mittlerweile auch iranische Männer auf Facebook für die Freiheiten ihrer Frauen und Töchter einsetzen. Masih hat den iranischen Frauen beigebracht, sich nicht mehr zu schämen, sich nicht mehr verbergen zu lassen, sich (und ihre Haare) als Teil der iranischen Zukunft zu zeigen.

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