Parveena in Afghanistan und der tödliche Feminismus des Westens

„It’s like having a flower, or a rose. You water it and keep it at home for yourself, to look at it and smell it. It [a woman] is not supposed to be taken out of the house to be smelled.”

(Syed Ghaisuddin, Taliban Minister of Education)

Parveena war so eine afghanische Rose, die außerhalb des Hauses duftete. Mit ihren fünf Kindern und einer kleinen Gruppe anderer Frauen war die 28jährige auf dem Heimweg von ihren Eltern in Jalalabad, also sie von zwei bewaffneten Männern, deren Gesichter hinter Kufiyas verborgen waren, gestoppt wurden. Die Männer blickten in die Runde der Frauen, alle mit blauen Burkas verhüllt.Parveena NYTWer ist Parveena, die Tochter von Sardar?“ Niemand antwortete. Einer der Männer tat etwas, was in Afghanistan eigentlich undenkbar ist: mit dem Lauf seiner Kalaschnikow hob er die Burka einer der Frauen an, um ihr Gesicht zu sehen. Das weibliche Gesicht ist in Afghanistan ein sehr viel größeres Tabu als eine Kalaschnikow. Es war Parveena. Sie griff nach dem Lauf der Waffe und erwiderte: „Wer will das wissen?“ Doch der Mann hatte ihr Gesicht erkannt und feuerte elf Kugeln in ihren Körper. Vor ihren Kindern und Freundinnen wurde ein Exempel statuiert.

Das war 2013. Parveena starb, weil sie Polizistin war, und bei weitem nicht die einzige in Afghanistan, die ermordet wurde, es gab allein im Jahr 2013 noch fünf weitere. Weibliche Polizistinnen stehen weit unten in der Werteskala der konservativen afghanischen Gesellschaft, etwa auf einer Stufe mit Huren.

Warum sie dann als Polizistinnen arbeiten, fragen Sie? Weil der Westen es sich in den Kopf gesetzt hat, die armen Afghaninnen zu emanzipieren – lebendig oder tot.

Als das Land noch von den Taliban kontrolliert wurde, eroberten bereits die huschenden blauen Gestalten die feministischen Medien: Da muss jemand gerettet werden! Da muss jemand emanzipiert werden! –  Also, weg mit der Burka, her mit dem Feminismus (oder jedenfalls der westlichen Variante davon). Eine Flut an Programmen und Initiativen brach über das Land herein, Frauenhäuser, Mädchenschulen, Berufsprogramme…. Über die Vereinbarkeit mit Religion und Kultur (oder wenigstens mit dem Alltagsleben der Frauen) denken wir dann irgendwann später nach.

Als das Taliban-Regime 2001 fiel, war Afghanistan tatsächlich einer der Orte auf der Welt, an denen Frauen das Leben am schwersten gemacht wird: kein Zugang zu Bildung, öffentliche Züchtigung ist erlaubt, die Burka ist Pflicht und wenn sie das Haus verlassen, sollen sie von ihrem Vater oder Ehemann begleitet werden…..

Verstehen Sie mich nicht falsch: dass die Situation der Frauen in Afghanistan verbessert werden muss, steht außer Frage. Dass unsere ignoranten westlichen Wege oft die falschen sind, aber auch.

Auch 15 Jahre später hat sich wenig getan, immer noch  rangiert Afghanistan in Punkto Frauenrechte ganz unten bei den Entwicklungsländern: Zwangsehen, Kinderehen, Schulbildung höchstens bis zum elften Lebensjahr, in Pashtun-Gebieten dürfen Frauen nach wie vor noch nicht allein auf die Straße.

Aber das ist ja alles nicht so schlimm, denn: es gibt jetzt Polizistinnen! Dass die dringend gebraucht werden, war im Westen schnell klar und wurde anhand solcher Diagramme nachgewiesen:

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Dass die repressiven Ansichten über Frauen aber nicht auf die Taliban beschränkt, sondern tief in der afghanischen Gesellschaft verwurzelt sind und dem sexuellen Konservatismus ganz und gar zuwider laufen, schien zunächst einmal kein Thema zu sein.

Frauen zu Polizistinnen auszubilden stand ganz oben auf der ToDo-Liste westlicher Regierungen und Geldgeber. Afghaninnen, die täglich unterschiedlichsten Formen der Gewalt ausgesetzt waren, würden sich eher weiblichen Uniformträgern anvertrauen und bei ihnen Schutz suchen, so die Argumentation. Doch wer sollte die afghanischen Polizistinnen beschützen?Darüber wurde nicht gesprochen.

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Polizistinnen entehren in den Augen vieler Afghanen ihre Familien ebenso wie Prostituierte es tun. Als Frauen ohne Ehre  werden sie häufig von ihren männlichen Kollegen sexuell belästigt und missbraucht, von ihren Familien verstoßen. Deswegen werden nur verzweifelte Frauen, die keine andere Möglichkeit zum Überleben sehen, Polizistinnen. Sie sind meist sehr arm, können weder lesen noch schreiben, befinden sich in einer Notsituation. Wenn eine Frau hier zum Beispiel Witwe wird, muss sie den Bruder ihres verstorbenen Mannes heiraten (auch wenn der bereits verheiratet ist), wer sich weigert hat nicht viele Optionen.

Auch Parveena war in so einer Notsituation. Ihr Mann war Invalide, ihre Eltern konnten die Familie kaum unterstützen und mit fünf Kindern musste sie also irgendeine Arbeit finden. Sie besuchte ein Seminar in Jalalabad, der größten Stadt im konservativen Osten des Landes, in dem Stammesrecht noch häufig mehr Gewicht hat als die Regierungsgesetze.

Afghan PolicewomenDas vor über einer Dekade bescheidene Ziel des Westens, 5000 Polizistinnen landesweit zu etablieren, ist nach wie vor unerreichbar. Von den 169.000 afghanischen Polizisten sind auch nach zahlreichen Rekrutierungsaktionen und Abermillionen Dollar westlicher Geldgeber weniger als 2% Frauen. Das liegt nicht nur daran, dass Frauen ihren guten Ruf (und das ist alles, was Afghaninnen haben) verlieren, wenn sie sich dem Polizeicorps anschließen, sondern auch daran, dass die Frauen schlecht ausgebildet sind, oft allein in einem Meer von Männern arbeiten müssen und Diskriminierung und sexueller Nötigung ausgesetzt sind. Es ist leicht für vorgesetzte männliche „Kollegen“, die Lage der Frauen auszunutzen, ihnen mit der Einbehaltung ihres Gehalts oder der Versetzung in eine weit von ihrer Familie entfernte Gegend zu drohen ist einschüchternd genug. Die meisten Frauen widersetzen sich ihren Kollegen daher nicht, haben Angst, sich zu beschweren oder das Fehlverhalten der Männer zu melden. Auch Parveena war die einzige Frau in ihrer Polizeistation.

Nur wenige Monate vor ihrem Tod sagte sie in einem Interview:

I am the only female where I work, I don’t talk to anyone, I don’t give anyone my phone number or take anybody’s phone number. I just come at 8 and leave at 12 and then take the leftover food that people don’t eat for my kids.

Die Polizistinnen sehen sich auch einer Vielzahl ganz praktischer Probleme gegenüber: viele Polizeistationen haben zum Beispiel keine Umkleideräume, weil ihre männlichen Kollegen bereits in Uniform zur Arbeit kommen. Die Frauen aber arbeiten oft heimlich und sind darauf angewiesen, sich auf den Revieren umzuziehen, um nicht bereits auf dem Weg von oder zur Arbeit Angriffen ausgesetzt zu sein.

Wali Khan, Parveenas jüngerer Bruder, war einer der wenigen Eingeweihten, denn Parveena erzählte nur der engsten Familie von ihrem Job, hielt es überall sonst geheim:

“She was doing the job secretly. Then a year ago one of our relatives who was in the Taliban found out and he told people.”

Denn auch wenn Ehemann und Vater damit einverstanden sind, dass eine Frau arbeitet, ist man in Afghanistan noch lange nicht auf der sicheren Seite. Es braucht sich nur ein Familienmitglied in seiner Ehre verletzt zu fühlen oder jemand denunziert die Frau an die Taliban, schon ist ihr Leben in Gefahr.

Das Stigma einer Polizistin ist so unverzeihlich, dass Parveenas Vater keinen der sechs Mullahs im Dorf bewegen konnte, sie zu beerdigen oder die Gebete für sie zu sprechen. Die Taliban setzen die Mullahs unter Druck, um Familien wie Parveenas selbst diese letzte Ehre zu versagen.

Parveenas Vater bringt es auf den Punkt:

“Who killed her? God knows, God knows better than I. Everyone is pulling a shawl on their face and calling themselves Taliban.” 

Policewomen desertFehlende Polizistinnen sind nicht Afghanistans vorrangiges Problem, ebenso wenig ist es die Burka. Unsere Maßstäbe lassen sich nicht überall importieren, anwenden, aufoktruieren. In den letzten 15 Jahren haben wir die Probleme der Frauen in Afghanistan nicht gelöst, sondern nur verändert, und uns dann damit gebrüstet, Fortschritt und Emanzipation in ihre Steinzeit gebracht zu haben. Doch was wir gebracht haben sind nur neue Probleme, und zwar solche, die die Frauen nicht kennen, mit deren Umgang sie keinerlei Erfahrung haben. Und dann haben wir sie damit allein gelassen.

Ein westlicher Diplomat, der mehrere Jahre in Afghanistan gelebt hat, der aber nicht genannt werden möchte, weil es für die Regierung ein so brisantes Thema ist, sagte gegenüber der New York Times in einem Interview:

“It’s the absurdity of imposing our liberal Western beliefs. It’s easy for us to put these women out there and tout their accomplishments, but then we leave, cut them loose, and what happens to them?” 

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