Sex und andere Dramen der arabischen Welt

1 Arab2up1Der Islam geht mit Sex in etwa so um, wie ich mit Donald Trump: Ich ignoriere ihn, der Typ existiert für mich gar nicht, hat null Stellenwert, ich beschäftige mich nicht mit ihm, höre weg, wenn andere über ihn reden, will nichts über ihn wissen, gar nicht über ihn nachdenken….. – Klappt nur leider nicht wirklich. Denn wie es meistens ist, wenn man etwas auf keinen Fall in sein Leben lassen will, erfordert die Ignoranz, die konsequente Verbannung, mehr Kraft und Aufmerksamkeit als es die friedliche Koexistenz je könnte. Der Islam hat mit der Tabuisierung von Sex auch nicht mehr Erfolg, Sex ist nämlich auf ähnlich penetrante Weise omnipräsent in unserem Alltag wie Trump.

Sex ist in der islamischen Welt ein komplexes Tabu. Er existiert nicht, ist unantastbar, im wahrsten Sinne des Wortes. Dennoch ist er überall, bestimmt alles, ist in seiner Unaussprechlichkeit ein ohrenbetäubend wortloser Soundtrack, präsent in jeder Alltagshandlung.

Gerade die totale Unmöglichkeit, ihn auszuleben, verleiht Sex in der arabischen Welt ein noch viel stärkeres Gewicht. Frauen werden verhüllt, versteckt, und stehen dennoch im Zentrum der Aufmerksamkeit; Männlichkeit, Ehre und Familienwerte definieren sich über ihre Hymen, wie wir schon in unserem Beitrag über Mona Eltahawy und ihr Buch „Headscarves and Hymens“ berichtet haben. Sie werden beobachtet, ihre Jungfräulichkeit geradezu obsessiv bewacht. Sollte jemand von Ihnen gerade an einer Erfindung arbeiten, mit der es möglich ist, einen Mikrochip in ein Hymen zu implantieren, wird er in der arabischen Welt eine Menge Geld damit verdienen.

2 BurkaFrauen werden als Quelle der Destabilisierung angesehen, nackte Haut stiftet Chaos. In manchen Gebieten hält sich hartnäckig das Gerücht, dass kurze Röcke Erdbeben auslösen können. Worüber sich in unseren Längengraden schon Betty Friedan vor über 50 Jahren beschwert hat, nämlich, dass wir nur über Männer definiert werden, ist in der arabischen Welt ganz normal: Frauen werden immer ihren jeweiligen „Besitzern“ zugeordnet, sind entweder die Tochter von X oder die Frau von Y. Absurde Fatwas werden herausgegeben: Frauen dürfen keine Bananen essen, nackt Sex zu haben ist verboten, am Arbeitsplatz darf ein Mann nur dann allein mit einer Frau in einem Raum sein, wenn diese früher seine Amme war, selbst der Orgasmus wird reglementiert… In Algerien werden Parkbänke auseinandergesägt, um Paare daran zu hindern, zu nah beieinander zu sitzen.

Sex ist also allgegenwärtig und dennoch unerreichbar in der muslimischen Welt. Das führt unweigerlich dazu, dass junge Muslime sich nach einer anderen Welt sehnen: entweder in den freizügigen, scheinbar tabulosen Westen oder ins muslimische Paradies mit seinen 49 Jungfrauen.

3 Burk2Selbstmord-Attentäter wie auch ISIS-Kämpfer werden mit dem Versprechen auf Sex rekrutiert: erstere erwarten zahllose Orgasmen im Jenseits, letztere bekommen bereits im Diesseits jesidische Sexsklavinnen zugeteilt.

Der Weg zum Orgasmus führt in der islamischen Welt also öfter über den Tod als über die Liebe.

Erlaubt sein muss auch die Frage, ob das, was sich im Nahen Osten zwischen Zwangsheirat, der Unerreichbarkeit von Verhütungsmitteln für Frauen, weiblicher Beschneidung, der Einstellung vieler Männer gegenüber der weiblichen Sexualität, Kinderehen und der totalen Unterdrückung jeglicher Lust abspielt, überhaupt als „Sex“ (und was wir darunter verstehen) bezeichnet werden kann? Da Frauen in manchen islamischen Ländern sexuelle Befriedigung verboten ist (und oft durch das Beschneiden der Klitoris auch unmöglich gemacht wird) lässt sich zumindest aus weiblicher Sicht das Sexleben einer Afghanin sicher nicht mit dem einer Mitteleuropäerin vergleichen.

4 Quote„Den Islam“ gibt es nicht im Alltag und noch weniger gibt es ihn beim Sex; eine Muslima in Dubai lebt sicherlich anders als eine in Damaskus oder in Jalalabad. Jede dieser Frauen lebt eine eigene Form des Islam, dennoch sind sie sexuell sehr viel eingeschränkter als westliche Frauen. Und das liegt keineswegs am Koran. Es gibt zahlreiche Überlieferungen des Propheten, die das ganz klar machen:

„Wenn ein Mann Sex mit seiner Frau hat, dann sollte er sich darum bemühen, sie zu befriedigen. Wenn er seine eigenen Bedürfnisse gestillt hat, sollte er nicht aufstehen, bevor nicht auch sie zufrieden ist.“

5 BibLaut Koran ist einer Frau sogar die Scheidung erlaubt, wenn ihr Mann impotent ist. – Koran und Wirklichkeit sind aber leider vollkommen verschiedene Dinge. In einer Kultur, die einmal das Monopol der erotischen Literatur innehatte, ist Sex zum Abstraktum geworden, die Erotika längst verboten.  In ihrem Roman „Honigkuss“ schreibt die syrische Autorin Salwa Al Neidi, dass eine muslimische Bibliothekarin die sündigen Werke zwischen verstaubten Antiquariats-Schinken entdeckte und sie mit One-Night-Stands in die Tat umsetzt. Salwa schreibt an einer Stelle des Buches:

„Der Scheich al-Sujuti schrieb im dreizehnten Jahrhundert ein Buch über die Kunst der Liebe eigens für die Frauen. Wenn die Leserinnen es heute läsen, würden sie kein Wort davon verstehen. Ebenso gut könnte man einem Neandertaler ein Informatikbuch in die Hand drücken.“ 

Übertrieben? Leider nein. Das einzige Erotikmagazin des Nahen Ostens „Jasad„, herausgegeben von der feministischen Aktivistin Joumana Haddad musste 2011 nach acht Ausgaben aus finanziellen Gründen abgesetzt werden. Firmen trauten sich nicht, darin zu werben, Buchhandlungen trauten sich nicht, es zu verkaufen.

Aber was ist passiert? Die arabische Welt erfuhr am Ende des neunzehnten Jahrhunderts nicht nur einen intellektuellen und politischen Zerfall, sondern auch einen sexuellen. Die Antiimperialisten, die Ende der 20er-Jahre von Ägypten aus den Nahen Osten eroberten, gaben westlichen Einflüssen die Schuld an der arabischen Libertinage. Und was man bei Angst vor Überfremdung macht, ist ja auch der westlichen Welt nicht fremd: man orientiert sich an konservativsten und traditionalistischsten Werten. In Europa sind das rechte Parteien, im Nahen Osten sind das die Wahhabiten. Während in Europa die sexuelle Revolution alte Verhaltensmuster sprengt, predigen die Wahhabiten Dogmen und sexuelle Prüderie. Der Schleier wird zum islamistischen Symbol, der Körper an sich wird politisiert und diszipliniert, der Sex wird zum Skandal.

6 HateBesonders die weibliche Sexualität wird dämonisiert. Erregte Frauen gelten als unkontrollierbar, sie verführen die Männer, locken sie in sündhaftes Verhalten, führen so über kurz oder lang zum Verfall der islamischen Wertvorstellungen…, dass Frauen gezwungen werden, sich zu verhüllen, ist hierbei noch eine harmlose Variante. Sehr viel schlimmer ist die in vielen arabischen Ländern immer noch praktizierte Genitalverstümmelung. Durch das Entfernen der Klitoris soll es Frauen unmöglich gemacht werden, sexuelle Freude zu empfinden und ihnen so jede Lust an der Verführung der Männer nehmen.

Shereen El Feki hat fünf Jahre ihres Lebens damit verbracht, die arabischen Länder zu bereisen und mit den Menschen über Sex und seine muslimische Definition zu sprechen. Sie wollte wissen, was sie tun und was sie nicht tun, was sie fürchten und was sie genießen, worüber man sprechen kann und worüber nicht, und vor allem, wie die Sexualität (und deren zahlreiche Verbote) andere Aspekte des Lebens beeinflusst.

7 ShereenSie lebt in London und Kairo und begann ihre Recherchen daher von Ägypten aus, das im Westen (zumindest im Vergleich mit manch anderen islamischen Ländern) als relativ modern wahrgenommen wird, dennoch sind dort 90% (!!) aller Frauen unter 50 Jahren beschnitten. 80% der Teenagerinnen sind beschnitten, d.h. unsere Generation war nicht nur Opfer von Genitalverstümmelung, sondern lässt diese auch an ihren Töchtern vornehmen. Und um eines ganz klar zu sagen: Diese Entscheidung treffen in den meisten islamischen Ländern die Mütter, nicht die Väter, die Entscheidung über die Beschneidung ist Frauensache. In Shereens Buch führen die Mütter meist ästhetische Gründe an, eine entfernte Klitoris sehe „ordentlicher“ aus und beschnittene Frauen seien für Männer begehrenswerter.

Auf religiöse Gründe berufen sich nur wenige, denn die religiösen Führer Ägyptens sind sich darüber einig, dass Genitalverstümmelung nicht im Einklang mit dem Koran ist, sowohl dem Islam als auch dem Christentum widerspricht, doch Tradition ist ein Trumpf, mit dem man jedes Blatt schlagen kann. Die Wahrheit ist, dass die Mütter die Klitoris als Quelle der weiblichen Libido sehen, dass sie fürchten, ein Mädchen kommt vom rechten Weg ab, bringt der Familie Schande, wenn die Klitoris nicht entfernt wird. Dass ihre Töchter so wohl nie einen Orgasmus erfahren werden, scheint nebensächlich. Tatsächlich empfinden die meisten Frauen, mit denen Shereen gesprochen hat, eine ganz andere Freude beim Sex: sie sind befriedigt, wenn ihr Mann es ist, sie wollen ihren Mann glücklich sehen, so dass er sich um die Familie kümmert, die Kinder liebt, sie als eine gute Ehefrau ansieht: „They did not see sexual pleasure as having an orgasm. They saw sexual satisfaction, for example, in that their husbands were happy in bed or that their overall life was happy in marriage, in that the kids were fed and the bills were paid and they had a roof over their head.“

Eine andere Welt, direkt vor unserer Haustür. Oder bereits einen Schritt näher? Was sich in der Silvesternacht am Hauptbahnhof in Köln abspielte, ist eine direkte Kollision der sexuellen Welten in (Nah-)Ost und West, denn tatsächlich unterscheiden sich unsere Kulturen in nichts mehr als in unserer Definition von Sex. 

In der Tat weist die Silvesternacht einige Parallelen auf mit dem, was während des Arabischen Frühlings auf dem Tahrir Square in Ägypten passierte. Dass die Täter aber Nordafrikaner waren und keine Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, spielt bei der breiten Masse der Deutschen keine Rolle, das Urteil steht fest: die Fremden, die zu Hunderttausenden da über die Grenzen strömen, haben ein „krankes“ Frauenbild, das keinesfalls tolerierbar ist. Nie gab es mehr Feministen in Deutschland als Anfang Januar. Die Rechten (als feministische Vorreiter der ersten Stunde bekannt) fühlen sich bestätigt und gehen mit stolzgeschwellter Brust auf die Straße, sie haben es ja schon immer gewusst. Aber was genau? Denn über das totale Versagen der Polizei, die Vertuschungsversuche der Obrigkeiten an diesem Tag und über die Hintergründe der Taten wird kaum berichtet. Dass Frauen in Deutschland generell Probleme haben, die Polizei zum Eingreifen bei sexuellen Belästigungen zu bringen (etwa beim Münchner Oktoberfest jedes Jahr), wird sogar noch nicht einmal am Rande thematisiert.

8 RapefugeesDie Tabuisierung von Sex betrifft aber keineswegs nur Frauen, auch Homosexuelle erfahren in islamischen Ländern unterschiedliche Schattierungen von Diskriminierung, von relativ harmlosem Spott bis hin zu Hinrichtungen. Selbst „Celebrities“ wie Mahmoud Ishtiwi sind davor nicht sicher. Der Tod des Hamas-Kommandeurs vor einigen Wochen böte Stoff für eine Telenovela: es ging um Sex und Folter in der geheimsten Muslimbruderschaft. Ishtiwi stammte aus einer traditionsreichen Familie, hatte zwei Frauen, drei Kinder und befehligte während des Krieges mit Israel 2014 über 1000 Kämpfer. Im Februar dieses Jahres wurde er erst gefoltert und dann von seinen früheren Kameraden erschossen, nachdem Gerüchte aufkamen, er sei homosexuell.

9 QassamDie Gefahr, der israelische Geheimdienst hätte dieses Geheimnis herausfinden und ihn damit erpressen können, schien untragbar. Als einer der Terroristen unter Ishtiwis Kommando schließlich gestand, Sex mit ihm gehabt zu haben, wurde der Hamas-Führer nach tagelangen Folterungen hingerichtet. Am Ende gestand er alle ihm vorgeworfenen Taten, doch Familienmitglieder behaupten, er habe das Wort „zulum“ auf seine Hand geschrieben, was so viel bedeutet, wie dass man ihm Unrecht getan habe.

Die islamische Welt ist eine Welt der sexuellen Paranoia, die unserer weniger fremd ist, als wir uns gerne einreden möchten, mit der wir uns aber dennoch auseinandersetzen müssen, denn sie kommt immer näher. Vorurteile gegen Homosexuelle, Vorverurteilungen der Frauen bei Vergewaltigungen, ein Kult um die Jungfräulichkeit von Mädchen, große Toleranz gegenüber sexueller Aktivitäten bei Jungen, die Herabsetzung der sexuellen Befriedigung von Frauen als „nicht so wichtig“, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Abhängigkeit von Frauen von ihren Ehemännern…… Vielleicht ist das islamische Frauenbild deswegen so furchteinflößend für den Westen: es ist ein überzeichnetes Spiegelbild.

 

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