Interview Mariah Al Abdeh – Women Now For Development

„I define myself as Syrian,
as a Syrian fighter for liberty and democracy.
I am also a feminist, but today I’m Syrian first.
When you are Syrian now,
you don’t have a lot of time to think what to do.“ 

(Maria Al Abdeh)

Mariah01Mariah ist eigentlich Wissenschaftlerin, aber in Zeiten von Krieg und Aufruhr müssen wir alle tun, was wir fühlen tun zu müssen, deshalb sind Mariahs Wissenschaftstage lange vorbei. Seit mittlerweile fast vier Jahren leitet sie als Geschäftsführerin die syrisch feministische Organisation Women Now for Development SFD, die Frauen und Kinder in Syrien und im Libanon unterstützt. Trotz ihrer regelmäßigen Grenzgänge (im wörtlichen und im übertragenen Sinne), nahm sie sich Zeit für ein Interview.

Hier gibt es eine leicht gekürzte und ins Deutsche übersetzte Ausgabe des Interviews, im englischen Original und in voller Länge finden sie es hier.

* * *

SFD wurde 2012 gegründet und unterstütze damals zehn Familien. Kannst du uns mehr über die Anfänge von SFD erzählen?

Aktivistin und Autorin Samar Yazbek

Aktivistin und Autorin Samar Yazbek

Die Organisation wurde 2012 gegründet, im zweiten Jahr der Syrischen Revolution. Die Initiative wurde gestartet von der berühmten syrischen Schriftstellerin Samar Yazbek, die aus Damaskus fliehen musste, weil sie 2011 Teil des friedlichen Widerstandes war, der Freiheit und Demokratie in Syrien forderte. Nach einem Jahr im Pariser Exil kehrte Samar nach Nord-Syrien zurück und musste mit ansehen, wie die friedliche Revolution zum Krieg geworden war und wie besonders Frauen in ländlichen Gebieten am meisten unter dem Konflikt zu leiden hatten. Viele dieser Frauen waren über Nacht zur Alleinverantwortlichen für die Versorgung der Familie geworden und das in einem Land, in dem Sicherheit und Stabilität immer rarer wurden. Samar half diesen verwitweten Frauen, die Geschäfte ihrer verstorbenen Männer weiterzuführen, um damit sich selbst und ihre Familien versorgen zu können.

Der Krieg hatte bereits begonnen, als Women Now seinen Anfang nahm. Was waren die größten Hindernisse, die überwunden werden mussten, um die Organisation zu etablieren?

SFD begann als nationale Initiative voller Revolutionsgeist und mit der Intention, alle syrischen Frauen Teil eines neuen, freien Syriens werden zu lassen. Leider wurde aus der friedlichen Revolution ein schrecklicher Krieg und das ursprüngliche Projekt hat mit großen Herausforderungen zu kämpfen, vor allem was die Sicherheit betrifft. Meine syrischen Kolleginnen arbeiten unter Besatzung, Luftangriffen, ohne sauberes Trinkwasser oder Elektrizität. Auch die Teilung des Landes ist ein riesiges Problem und die Tatsache, dass es im Moment fast unmöglich ist, die Grenzen zu überqueren, also aus Syrien heraus- oder nach Syrien hineinzukommen. Das bedeutet, dass ein großer Teil unserer Arbeit und fast unsere ganze Kommunikation vom Internet und den sozialen Medien abhängig sind.

„Außerdem sollte nicht vergessen werden, dass sich die Frauen außer mit den Auswirkungen des Krieges auch mit den Folgen von 50 Jahren Korruption und Entwicklungsstillstand konfrontiert sehen. Ein Großteil der Frauen hat keinerlei Schul- oder Berufsausbildung, weil sie schon lange vor dem Krieg nie die Möglichkeit dazu bekommen haben.“

Mariah03

Wie bist du selbst zu SFD gekommen

Ich denke, mein feministisches Engagement hat dazu geführt, mich auch für Women Now zu engagieren. Im Sommer 2013 besuchte ich Nord-Syrien, um dort mit traumatisierten Kindern zu arbeiten. Samar und ich hielten uns im selben Gebiet auf, ohne einander zu treffen. Gemeinsame Freunde haben uns dann einander vorgestellt, weil sie wussten, dass wir beide eine identische feministische Weltsicht haben, und dann ging alles sehr schnell. Samar schlug das Projekt vor, ich war sofort davon begeistert, und heute, über 3 Jahre später, haben wir 112 Mitarbeiterinnen.

Frauen in Syrien und den Nachbarländern zu unterstützen war immer euer Hauptanliegen. In welcher Form nehmen Frauen in Syrien überhaupt am Gesellschaftsleben teil und hat der Krieg die spärlichen feministischen Ziele, die der Arabische Frühling gebracht hat, wieder zunichte gemacht?

Schon seit den Anfängen der Revolution im März 2011 waren Frauen eng in den Kampf um Freiheit eingebunden. Das Resultat dieser aktiven Rolle ist, dass sie gefangen genommen, gefoltert, sexuell missbraucht und getötet wurden. Dennoch gab die Revolution, vor allem in ihrer frühen, friedlichen Phase, den Frauen auch ein großes Gefühl der Macht, erstmals spielten sie politisch und sozial eine Rolle. Als die Revolution dann zum blutigen Krieg wurde, wurden die Frauen die Hauptleidtragenden. Der Anstieg von Radikalisierung und Militarisierung führt dazu, dass die Freiheiten der Frauen immer weiter beschnitten werden und ihre Bildungschancen rapide sinken. Selbst in den Gebieten, die unter der Kontrolle der Opposition stehen, wird den Frauen ihr Recht versagt, am politischen Prozess teilzunehmen.

Der Arabische Frühling per se hat nicht zur Erreichung feministischer Ziele geführt, vielmehr war er ein Kampf aller Syrer um Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Dieser Kampf ist nicht vorbei und wir versuchen, Frauen zu seinem Mittelpunkt zu machen. Meiner Meinung nach ist es jedoch voreilig, die Früchte des Arabischen Frühlings nach nur 5 Jahren zu beurteilen. Die Situation für alle Syrer wird täglich schlimmer, nicht nur die der Frauen.

„Begriffe wie Freiheit, Respekt oder Verantwortung existieren nicht mehr. Die Revolution dauert immer noch an und ein neues System aufzubauen, mit neuen sozialen Strukturen, wird Jahrzehnte dauern.“

Kvinna till Kvinna supports a newly opened center for women in Killis, Turkey, near the Syrian border. Here, Syrian refugee women receive support and education and are also provided with a kindergarten. Photo: SFD Killis Center.

Kvinna till Kvinna supports a newly opened center for women in Killis, Turkey, near the Syrian border. Here, Syrian refugee women receive support and education and are also provided with a kindergarten. Photo: SFD Killis Center.

SFD besteht aus vielen verschiedenen Initiativen, die von Landwirtschaftsprojekten bis zu mobilen Schulen in Bussen, von der Herstellung von Milchprodukten bis zur Reparatur eines Feuerwehrautos reichen. Ist das der Grund, warum große Organisationen wie die UN oft darin versagen, den Menschen in Krisengebieten wirklich zu helfen, weil ihre Hilfe nicht individuell und “maßgeschneidert” genug ist? Hast du auch manchmal das Gefühl, dass die UN eine Lösung für vollkommen verschiedene Probleme weltweit verteilen will?

Als sog. Graswurzelbewegung haben wir den Finger natürlich mehr am Puls der Zeit und sind den Menschen, denen geholfen werden muss, näher als eine internationale Organisation je sein kann. Wir können auf die Bedürfnisse der Frauen hören und unsere Programme darauf abstimmen. In diesen unbeständigen Zeiten ist das in Syrien natürlich ein großer Vorteil. Auch wir haben unsere Abläufe in den letzten Jahren immer wieder neu abgestimmt. Früher hatten wir eine große Bandbreite an Projekten, mittlerweile haben wir aber unseren Fokus klar auf die schulische und berufliche Bildung von Frauen gelegt. Natürlich sind aber auch unserer Flexibilität Grenzen gesetzt. Die UN verteilt vielleicht zwar nicht nur eine Lösung für alle, aber dennoch ist ihr Engagement in Syrien problematisch. Wir waren Teil einer Kampagne die Besatzung von Daraya [Link zu uns] zu brechen, einer Stadt, die seit 2012 aufgrund der Belagerung durch das Regime keinerlei Unterstützung erhalten hatte. Zusammen mit “The Syria Campaign” machten wir uns über eine Versorgung der Stadt von der Luft aus stark. Kürzlich erreichte nun ein erster Konvoy in vier Jahren die Stadt, die Trucks hatten aber kein Essen, sondern Medizin dabei, doch das ist nicht die Art von Hilfe, die dort am Allerdringendsten gebraucht wird, denn die Leute verhungern da jeden Tag! Seitdem sind zwar auch Essenslieferungen angekommen, aber nicht annähernd genug, um die Zivilbevölkerung zu ernähren. Das ist nur ein Beispiel von vielen dafür, wie stark große Institutionen, nicht nur aber auch die UN, von Genehmigungen der Regierung abhängig sind und daher oftmals jenseits der tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen arbeiten.

Mehr als 100 Frauen arbeiten mittlerweile für SFD, die meisten von ihnen in Syrien und im Libanon. Wie gefährlich ist ihre Arbeit? Waren sie direkt betroffen von Luftangriffen oder Bodengefechten?

Wir sind sehr glücklich, dass mittlerweile 112 Frauen und 10 Männer fest für uns arbeiten. Die Team-Mitglieder, die sich in Syrien aufhalten, sind natürlich immer in Gefahr, da sie regelmäßig unter Beschuss stehen.

„Als vor einigen Monaten jedoch die Waffenruhe in Kraft trat, stieg die Zahl der Frauen in unseren Zentren rapide an. Die Frauen sind unglaublich widerstandsfähig. Sie sind die wirklichen Heldinnen dieses Krieges.“

Der Großteil deiner Arbeit findet in Syrien und im Libanon statt. Wie schätzt du die Zukunft ein? Wird der Libanon unter der Flüchtlingsflut zusammenbrechen? Wie lange kann der Krieg in Syrien noch weitergehen?

Der Libanon hat eine unvorstellbare Zahl von syrischen Flüchtlingen aufgenommen, das wäre eine große Belastung für jedes Land, ganz zu schweigen von einem, das selbst mit so vielen innenpolitischen Problemen zu kämpfen hat. Wir sollten in diesem Kontext aber nicht davon ausgehen, dass der Libanon am Rande des Zusammenbruchs steht. Die gegenwärtige Situation ist alles andere als einfach, das ist wahr, aber für die syrischen Flüchtlinge gibt es kaum Alternativen. Die Europäer haben ihre Grenzen geschlossen und tausende von Flüchtlingen ertrinken im Mittelmeer. Deswegen war und ist der Libanon die erfolgversprechendste Option für syrische Flüchtlinge.

Das Krieg kann noch eine lange Zeit dauern, trotzdem machen wir uns bereits Gedanken, was danach passieren wird. Irgendwann wird er enden, und darauf müssen wir vorbereitet sein. Es wird essentiell für die syrischen Frauen sein, besonders für diejenigen, die sich während des Krieges weiterentwickelt und Fähigkeiten erworben haben, zurückzukehren und beim Aufbau eines sicheren und demokratischen Landes zu helfen. Unsere Vision ist eine syrische Gesellschaft, in der alle Menschen in den Genuss von Menschenrechten, Würde, Freiheit und Gerechtigkeit kommen. In dieser neuen syrischen Gesellschaft werden Frauen eine bedeutsame und aktive Rolle in politischer, sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht führen.

SFD verfolgt einen integrativen Ansatz bei der Emanzipation der Frauen, was bedeutet, dass es wichtig für euch ist, auch die Männer in diesen Prozess einzubinden, weil es nur dann möglich ist, tatsächliche kulturelle, soziale und wirtschaftliche Unabhängigkeit für Frauen zu erreichen. Während ich dem generell zustimmen würde, glaube ich doch, dass das ein sehr schwer zu erreichendes Ziel in arabischen Ländern mit einer langen anti-feministischen Geschichte ist. Wie sind deine Erfahrungen?

Unsere Erfahrung in den Zentren zeigt, es ist essentiell, wenn sich die Leben der Frauen nachhaltig verändern sollen, dass auch die Männer und Kinder der Frauen in den Prozess eingebunden werden müssen. Wenn es also möglich ist, bieten wir in den Zentren auch Kurse für Männer und Jugendliche an. Das war nicht von Anfang an so vorgesehen, sondern mit den Frauen besprochen und als sinnvoll angesehen. Natürlich müssen die Männer sich in unseren Zentren an die Regeln halten und dürfen die Ausbildung der Frauen in keiner Weise behindern.

Sewing is one of the crafts that the center organises trainings in. This, so the women will be able to support their families financially. Photo: SFD Killis Center.

Sewing is one of the crafts that the center organises trainings in. This, so the women will be able to support their families financially. Photo: SFD Killis Center.

Generell sollte gesagt werden, dass es Unterschiede gibt zwischen dem, was im Westen unter Feminismus verstanden wird und der Interpretation in der arabischen Welt. Der westliche Feminismus sieht es als wünschenswert, wenn Frauen unter sich diskutieren und Beschlüsse fassen. In arabischen Ländern hingegen sind Frauen immer unter sich, es gibt eine strikte Geschlechtertrennung im sozialen Miteinander. In patriarchalischen Systemen sind es sehr oft auch die Männer, die verstehen lernen müssen, was Frauenrechte bedeuten und was getan werden muss, um Frauen eine Teilnahme am politischen Leben zu ermöglichen.

Mariah04Was sind die nächsten Pläne für SFD?

In den kommenden 3 Jahren werden wir vor allem die Arbeit in unseren 8 bereits existierenden Zentren weiterführen und ausbauen. Außerdem wollen wir 4 neue Zentren bauen und unsere Arbeit auf die Türkei ausweiten. Während die große Mehrheit unserer Nutznießerinnen im Libanon syrische Frauen sind, wird allen Frauen in der Region Hilfe angeboten, ganz egal, ob sie Syrerinnen, Libanesinnen oder Palästinenserinnen sind. Sie sind im Libanon Randgruppen und oft ebenso verletzlich wie die syrischen Flüchtlinge.

Außerdem wollen wir eine Reihe neuer Aktivitäten starten mit einem Schwerpunkt auf den Gebieten Recherche und Rechtsbeistand, um die Interessen von Frauen in nationalen und internationalen Foren besser vertreten zu können. Dieser Teil unserer Arbeit ist essentiell, denn die Herausforderungen, denen syrische Frauen gegenüber stehen, müssen auf der internationalen Agenda eine höhere Priorität bekommen. Daher wollen wir auch unbedingt ein internationales Frauen-Solidaritäts-Netzwerk aufbauen.

* * *

Wer die Projekte von Mariah und SFD unterstützen möchte, kann das hier ganz bequem mit ein paar Klicks (auch per Paypal) tun. SFD wird auch uns beim Bau unserer Zeltschule unterstützen!

 

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