Kinder an die Macht – die brennenden Autoreifen von Aleppo

“We’re coughing and our lungs are inflamed from all the smoke, but this is much better than having to see a constant show of shelling and killing.” 

(Huzeifa Dahman, activist)

Aleppo scheint weiter weg als je zuvor. Im Westen beschäftigt man sich mit Trump, Amokläufen und den Terroranschlägen in Europa. Alles ist wichtiger und näher als der Krieg in Syrien. Er ist zur Routine, zur politischen Gegebenheit geworden, ganz heimlich still und leise vielleicht sogar zu einem Stück Normalität, also wozu Zeit damit verschwenden? Es müssen immerhin Pokémons gejagt werden.

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Hilfsorganisationen schätzen, dass immer noch fast 300.000 Menschen im Osten der einst zweitgrößten Stadt Syriens eingeschlossen sind, mittlerweile vollkommen umstellt von der Syrischen Armee. Assads Männer werden unterstützt von der russischen Luftwaffe und iranischen Milizen. Seit Wochen sind die Menschen in dem von den Rebellen besetzten Gebiet abgeschnitten von der Außenwelt, ohne Essen oder medizinische Versorgung, dafür unter russischem Dauerbombardement.

Aleppo02Seit Jahren ist Aleppo zweigeteilt, ähnlich wie Berlin ein Sinnbild für einen Kampf größerer Dimensionen, ausgetragen auf den Rücken der Menschen einer einzelnen Stadt. Sowohl für die Rebellen im Osten als auch für das Assad-Regime im Westen ist Aleppo ein strategisch wichtiger Faktor, der nicht aufgegeben werden darf.

Moskau verhandelte bereits mit Washington über die Rahmenbedingungen eines Friedensabkommens, doch es kam zu einer erneuten Spaltung, als Russland letzte Woche verkündete, es wolle Hilfskorridore einrichten, ohne die UN oder die Vereinigten Staaten zu informieren. Spätestens seit dem Abschuss eines russischen Helikopters auf dem Rückweg zur Luftwaffenbasis in Latakia über der nordsyrischen Provinz Idlib sind alle diplomatischen Bemühungen gescheitert. Nach Angaben der russischen Behörden habe der Hubschrauber Hilfsgüter nach Aleppo geflogen, auf den Videoaufnahmen der Absturzstelle ist jedoch zu sehen, dass er auch Raketen an Bord hatte.

Die Bevölkerung von Aleppo hat nun zu einer besonderen Form der Selbstverteidigung gegriffen: Überall in den Rebellengebieten werden alte Autoreifen verbrannt, damit die schwarzen, übelriechenden Rauchwolken die Sicht der russischen Kampfflugzeuge behindern. Vor allem die Kinder sind hierbei aktiv, haben endlich das Gefühl, etwas tun zu können, nicht hilflos ausgeliefert zu sein.

Rami Jarrah, ein Journalist vor Ort, hält diese Aktion für äußerst effektiv:

„It’s causing confusion for the jets and a diversion for the offensive on the ground that aims to break the siege. Everyone is doing it but to participate in the resistance this is really the only thing the children can do.“

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Die Dämpfe sind alles andere als gesund, der Gestank unerträglich, aber immer noch besser als ständige Luftangriffe und Bombardements. Wieder einmal muss Syrien sich selbst helfen, weil sich die Großmächte in Polemik verlieren. Während wir unseren Kindern beibringen, nicht mit Streichhölzern zu spielen, versuchen die syrischen Kinder ihr Leben eben damit zu retten. Sie sind zur Verteidigungslinie in Aleppo geworden.

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Die Befreiung Aleppos muss nicht nur ein humanitärer, sondern auch ein politischer Imperativ werden. Wenn sich die Geschichte von Homs wiederholt (über den Rebellenführer Abdul Baset al-Saroot aus Homs haben wir bereits berichtet), stünde Aleppo eine fatale Zukunft bevor. Der Fall Aleppos würde auch den Fall der letzten Rebellen-Hochburg bedeuten, eines wichtigen Symbols für die Opposition, und einen unschätzbaren strategischen und moralischen Vorteil für das Assad-Regime.

Aleppo05Doch alles können wir nicht den Kindern in Aleppo überlassen. Der internationale Druck auf Russland muss erhöht werden, die Luftangriffe umgehend einzustellen. Der Krieg in Syrien darf nicht aus unserem Bewusstsein verdrängt werden, Bilder von Kriegsruinen und Verletzten dürfen nicht einer allgemeinen Desensibilisierung zum Opfer fallen.

Mit dem Verlust Aleppos würden auch die (ohnehin mageren) Chancen auf Friedensverhandlungen verloren gehen. Während wir nach Lösungen im West-Format suchen, geht es In der Stadt derweil jeden Tag um Leben und Tod. Es fehlt in Aleppo an allem: Nahrung, medizinischer Versorgung, Trinkwasser….. und bald werden auch die Autoreifen knapp.

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