Libanon Tagebuch I – Tag 3 (Giraffen)

Image6Heute waren wir in Shatila, einem (vor allem palästinensischen) Flüchtlingslager über das ich auf dem Blog bereits berichtet habe. Shatila liegt mitten im Hisbollah-Gebiet, deswegen konnte ich da nur begrenzt Bilder machen (und auch nur heimlich vom Dach des Hauses aus), aber die wenigen sprechen für sich. Der einzige „Bus“ (ein brauner, klappriger Kombi mit knapp 12 Sitzplätzen) darf auch nicht fotografiert werden, er fährt ohne Fahrplan, hat weder Nummer noch einen sonstigen Hinweis über sein Ziel, man wird also nicht eben ermutigt, hierherzukommen.

42.000 Flüchtlinge leben hier auf einem (nein, ich habe mich nicht verschrieben, in Zahlen: 1 !!!) Quadratkilometer! Die äußerst instabilen Bauten wachsen daher immer weiter in die Höhe. Ich habe mich heute mit Fadi getroffen, der vor 3 Jahren mit 2 Freunden und 15.000$ die Organisation ZEITOONEH gegründet hat. Mittlerweile arbeiten 75 Leute Tag und Nacht daran, den Flüchtlingen in Shatila das Leben halbwegs erträglich zu machen.

KlassenzimmerIn 16 Klassenräumen wie diesem werden in Schichten 1000 Schüler unterrichtet, es gibt mittlerweile eine kleine Bibliothek und einen Theaterraum, wo Jugendliche ermutigt werden, ihre traumatischen Erlebnisse auf der Bühne umzusetzen.

Ihre Hauptaufgabe sieht die Organisation in zwei Programmen:

  • RELIEF: Relief ist eine Art Allround-Notfallversorgung. Frauen und Jugendliche kommen zu Fadi und seinen Mitarbeitern bei häuslicher Gewalt, Problemen mit Vermietern oder schlicht wenn sie zu wenig Geld für Nahrungsmittel oder einen Arztbesuch haben,
  • SMALL GRANTS: Wer sich um einen Mikro-Kredit bewirbt, ist bereits einen Schritt weiter. Vor allem Frauen werden ermutigt, zahlreiche Kurse bei Zeitooneh zu besuchen und sich mit dem, was sie dort erlernt haben, ein eigenes Geschäft aufzubauen.

DSC_0151Schon vor Ausbruch des Krieges war Shatila überfüllt. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber man schätzt, dass damals 20.000 Menschen auf diesem engsten Raum gelebt haben – seit Ausbruch des Krieges sind über 20.000 weitere hinzugekommen. Die Palästinensischen Flüchtlinge aus Syrien haben oft Probleme, sich im Chaos und Schmutz Shatilas zurechtzufinden. In Damaskus haben Palästinenser zwar auch unter sich gelebt (ähnlich wie China Town in NYC), doch das Gebiet war gepflegt und sauber, sie konnten ihre eigenen Geschäfte betreiben und Häuser bauen. Syrer haben gerne im Palästinensergebiet eingekauft und es gab gute Kontakte. Shatila ist ein Ghetto und die einzige Gemeinsamkeit mit China Town sind die Mietpreise. Für die 16 Klassenzimmer mit ein paar winzigen Büros darüber bezahlt Fadi jeden Monat 10.000$ Miete. Die „Hochbauten“ entstehen so, dass die Vermieter mehr und mehr Geld an den Flüchtlingen verdienen wollen und deswegen immer wieder ein Stockwerk (wenn man es denn so nennen will, es wirkt eher wie gestapelte Käfige) auf das andere setzt. Bei jedem Besuch in Shatila sind die Häuser höher, die Menschen eingepferchter.

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Fadi

Fadi und seine Mitarbeiterin Sherry erzählen mir eine Menge Erfolgsgeschichten. Da ist Arafat, 14, der vor zwei Jahren einen Fotokurs besucht hat und nun als Fotograf arbeitet, sogar schon eine Ausstellung in Kanada hatte. Er hat es herausgeschafft aus Shatila. Da ist Shasa, ein neunzehnjähriges Mädchen, dessen Vater ihr verbieten wollte, eine Ausbildung bei Zeitooneh zu machen und die eine Woche lang in Hungerstreik ging und schließlich gewann: sie durfte ihre Ausbildung beenden und hat heute ein eigenes Geschäft in der Türkei. Auch sie hat es herausgeschafft. Denn es gibt keine Lösung für Shatila, außer Flucht. Zeitooneh hilft den Kindern, eine Ausbildung zu machen und den Frauen Jobs zu finden, damit sie weggehen können – denn so weit das Auge reicht sieht man Menschen, Stromleitungen, Wäsche und Chaos, aber nirgendwo Zukunft.  Zukunft muss woanders sein.

Auch Shatila bekommt keinerlei Unterstützung von der UN. Bislang finanziert es sich ausschließlich durch die Spenden von Irish Aid und Save the Children, zwei internationalen Organisationen mit vielen Projekten, die weit prestigeträchtiger und einfacher sind als Zeitooneh, weswegen Fadi und seine Kollegen auch in der ständigen Angst leben, im nächsten Monat Menschen abweisen zu müssen. Fadi und ich haben vereinbart, in Verbindung zu bleiben und ich hoffe, dass uns etwas einfällt, wie wir Shatila von Deutschland aus unterstützen können.

Morgen geht es hier natürlich wieder um unsere Zeltschule (es gibt nur soooo viele Menschen, die Hilfe brauchen, dass es schwer ist, nicht zu versuchen, sich zu zerreißen) und ich stelle Euch Ranim und ALPHABET genauer vor und wir sprechen darüber, was in unserer Schule genau unterrichtet wird, wie die Abläufe sind usw. Bis morgen!

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Ein Kommentar

  • Anton

    Wie immer bei Jilll: großartige Performance ?!!! Bei den Labtops gehts auch endlich vorwärts, mittlerweile habe ich schon 5 Stck.?

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