Libanon Tagebuch I – Tag 4 (Giraffen)

2016-08-15 11.27.48Schon vor einigen Wochen habe ich euch versprochen, Euch Ranim Ganama, eine Freundin, die für unser Projekt sehr wichtig ist, vorzustellen. Ranim ist selbst Syrerin und ist mit ihrem Mann und ihren drei (mittlerweile erwachsenen) Kindern vor 5 Jahren in den Libanon gekommen. Ursprünglich hatte die Familie eine gutgehende Apotheke in Damaskus, doch als Ranim in den Libanon kam (anders als viele andere Flüchtlinge mit etwas Startkapital) war ihr schnell klar, dass sie etwas tun musste, um ihre Landsleute in dieser Krise zu unterstützen. So entstand vor dreieinhalb Jahren ALPHABET und mittlerweile gibt es dank Ranim 10 Zeltschulen (mit unserer bald die elfte).

2016-08-15 12.10.26Im Libanon darf nicht jeder einfach Schulen bauen, man braucht die offizielle Erlaubnis der Regierung und Alphabet ist eine der wenigen Organisationen, die diese Erlaubnis haben. Unicef z.B. darf zwar „Jugendzentren“ bauen (in denen Musik gemacht oder gemalt wird), sie dürfen dort aber nicht unterrichten. Ohne Ranims Hilfe bei der Organisation und Planung und ohne die offizielle Erlaubnis von ALPHABET wäre unsere Zeltschule also nicht möglich, deswegen möchte ich sie euch in diesem Interview etwas genauer vorstellen.

2016-08-15 07.09.14Die meisten Fotos, die ihr hier im Tagebuch seht, sind übrigens von einer extra für diesen Zweck eingeflogenen Fotografin, die Gott sei Dank zu ihrem 8. Geburtstag letzte Woche eine Kamera geschenkt bekommen hat, denn da Ranim, Diala und ich arbeiten müssen und Rebekka filmen muss, könnten wir euch sonst nicht so viele Eindrücke zeigen.2016-08-15 11.19.34

* * *

Wie viele syrische Kinder in der Bekaa-Ebene können momentan nicht zur Schule gehen?

200.000 – und wir sprechen hier vom Bekaa-Tal allein, wie viele es in Libanon gesamt sind, weiß keiner.

Wieviele sind es in unserem Camp?

In dem Camp, in dem wir gemeinsam eure Schule bauen, leben 130 Kinder, fast alle davon im schulpflichtigen Alter. Wie du es wolltest werden wir die Schule groß genug bauen, dass wir (in Schichten natürlich) alle davon unterrichten können.

2016-08-15 12.16.38Welche Fächer werden an ALPHABET-Schulen unterrichtet?

Arabisch, Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften.

Kein Koran-Unterricht?

Nein, wir weigern uns, Koran-Unterricht zu geben, da wir Flüchtlinge ganz verschiedener muslimischer Richtungen haben. Seltsamerweise hat das in den dreieinhalb Jahren, in denen wir schon Schulen bauen, auch noch nie jemand von den Eltern beanstandet, obwohl in den Camps durchaus auch sehr konservative Familien leben.

Ich habe bei der Recherche nach arabischen Kinderbüchern kaum welche gefunden, die sich nicht auf die Haddithe beziehen, ist das auch hier ein Problem?

Ja, das ist ein riesiges Problem, deswegen sind wir sehr dankbar für die Kinderbücher, die du mitgebracht hast, so etwas gibt es hier nicht. Die einzigen Kinderbücher, die auf dem Markt sind (und das sind ohnehin sehr wenige und die sind sehr teuer) sind Koran-Gleichnisse, die für Kinder aufgearbeitet wurden.

2016-08-15 12.43.29Wieviele Kinder hier im Camp müssen arbeiten?

Bei ALPHABET tun wir alles, damit die Kinder gar nicht arbeiten müssen. Wir versuchen, die Familien mit zusätzlichen Lebensmitteln zu versorgen, so dass die Kinder nicht aufs Feld müssen, zumindest während der normalen Schulpflicht bis zum 14. Lebensjahr. Danach müssen schon einige ihre Familien unterstützen.

(Wie auf Kommando fährt gerade in diesem Moment ein Laster vor, der ein halbes Dutzend Teenager-Mädchen zur Gurkenernte abholt)

Eure Schulen haben Präsidenten, kannst du uns darüber mehr erzählen?

Wir versuchen, die Kinder früh politisch zu erziehen. Allah weiß, dass wir das in Syrien nicht hatten. Wir wollen, dass die Kinder sich in Schülervertretungen wählen lassen und abstimmen, was ihnen wichtig ist und wie man es erreichen könnte. Nach jeder solchen Sitzung bekomme ich dann vom Schülerpräsidenten eine Liste von Themen und Wünschen, die von Schulmaterialien bis hin zu dem Wunsch, doch vielleicht mal einen Ausflug zum Schwimmen machen zu können reicht. Natürlich können wir nicht alles erfüllen, aber es geht uns darum, dass Kinder sich demokratisch organisieren und über Probleme und Wünsche lösungsorientiert sprechen lernen.


Kennst du alle Kinder in allen zehn Schulen?2016-08-15 12.18.30

Fast alle. Das hier ist z.B. Bukal, ich kenne sie seit Jahren. Ihre Mutter hat acht Kinder und es war für sie von vornherein klar, dass sie nur in ein Camp geht, in dem es eine Alphabet-Schule gibt, weil sie will, dass ihre Kinder eine Ausbildung bekommen. Sie hat mehrmals das Camp gewechselt und ist uns praktisch hinterher gezogen, um das sicherzustellen.

Bekommt Ihr in irgendeiner Form Unterstützung von der UN?

Nein, gar nichts. Sie hängen hier überall ihre Schilder auf, aber das bedeutet nur, dass sie hier waren, um die Flüchtlinge und die Zelte zu zählen und zu erfassen (deswegen auch die aufgesprühten Zahlen auf den Zelten), aber dabei geht es nur um die Registrierung der Flüchtlinge, Hilfe bekommen wir keine.

Die Stimmung ist hier relativ positiv, ist das immer so?

2016-08-15 12.29.24Sie freuen sich über deinen Besuch, sie sind aufgeregt, weil sie wissen, dass wir deswegen ab Ende der Woche eine Schule haben, das bedeutet allen hier sehr viel und nährt die Hoffnung auf ein Stück mehr Normalität. Generell versuchen alle Familien stark zu sein und optimistisch zu bleiben, dass der Krieg bald endet, aber es ist schwer. Vor allem für die Menschen, die neu aus Syrien kommen und schreckliches erlebt haben. Manchmal kommen Flüchtlinge ins Camp und starren die ersten drei Monate nur mit leerem Blick auf die Zeltwände, versuchen zu realisieren, was für eine Kehrtwendung ihr Leben gemacht hat, wie sie das ihren Kindern erkläre sollen. Fremde leben hier auf engstem Raum zusammen, oftmals traumatisierte Fremde, wie friedlich und hilfsbereit die Menschen dennoch untereinander sind, sagt eine Menge über unser Volk aus.

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