Libanon Tagebuch I – Tag 8 (Giraffen)

Heute möchte ich Euch Hamad vorstellen, unseren Fahrer. Es ist unmöglich, einen Mietwagen zu bekommen, mit dem man in die Bekaa-Ebene fahren darf und auch die meisten regulären Taxifahrer winken ab, wenn man ihnen die Camps als Ziel nennt, weil sie Angst vor den zahlreichen Milizen auf dem Weg dorthin haben, Kontrollen könnten bedeuten, stundenlang festzusitzen. Deswegen brauchten wir einen privaten Fahrer, der für unser Projekt zwar nur Kopfschütteln übrig hatte, aber für 100$ am Tag auch Richtung Syrien fuhr. Hamad ist Libanese und auf unserer ersten Fahrt zum Camp haben wir von ihm viel gehört, was einem auch aus Deutschland bekannt vorkommen kann:

  • Was wollt Ihr denn in den syrischen Camps?
  • Uns geht es auch schlecht, wer hilft uns?
  • Wieso bleiben die Syrer nicht in ihrem Land?
  • Wir haben nicht genügend Platz und Geld für so viele Flüchtling!
  • Als bei uns Krieg war, sind wir auch nicht alle nach Syrien geflohen!
  • …….

DSC_0326Da die Fahrt schon ohne von Milizen aufgehalten zu werden fast eineinhalb Stunden dauert, war es keine Option für ihn, zurück zu fahren und uns am Abend wieder abzuholen, er musste wohl oder übel (und äußerst ungern) bleiben. Den ersten Tag verbrachte er 20m entfernt vom Camp bei einem libanesischen Melonenhändler, von wo aus er skeptisch unseren Arbeitstag beobachtete. An Lilith hatte er von Anfang an einen einen Narren gefressen und an dem ersten Tag war sie praktisch das einzige Bindeglied, besuchte ihn immer wieder, aß Melonen mit ihm und kam dann zu uns zurück. Die Einladung zum Essen der Campbewohner schlug er aus.

Auf dem Rückweg an diesem ersten Tag hatte er tausend Fragen, die alle schon ganz anders klangen:

  • Wie lange waren die Kinder in dem Camp denn schon ohne Schule?
  • Bei den Flüchtlingen sind auch Lehrer? Er dachte, das wären alles nur ungelernte Taugenichtse.
  • Gibt es auf so engem Raum keine Auseinandersetzungen?
  • Sind die Kinder immer so aufgeschlossen?

DSCN0358Am zweiten Tag war er plötzlich eine Mischung aus selbsternanntem Bodyguard und Assistent, saß immer noch bei seinem Freund dem Melonenhändler und beobachtete alles, doch ich brauchte nur Blickkontakt herzustellen und er war sofort da, half beim Befestigen der Leinwand für Dialas Gemälde und bestand darauf, mich in den Farbenladen in Anjar zu begleiten, als ihr die Orange ausgegangen war.

Seit dem dritten Tag isst er mit uns im Camp, er zieht sich zwar nicht die Schuhe aus (eine Respektsbekundung, die ein Libanese, wenn er die Zeltbaracke eines Syrers betritt für unnötig hält), aber hält sich bei Diskussionen beim Essen über syrische Politik höflich zurück und bedankt sich danach für die leckeren Speisen. Gestern war er sogar bei seinen regelmäßigen Trips um „Essen für Lilith“ (er ist der Ansicht, dass sie viel zu dünn ist und hat es sich zum Ziel gesetzt, sie aufzupeppeln bis wir zurückfliegen) zu besorgen etwas länger weg und kam diesmal mit so viel zurück, dass wir es zum Essen der Campbewohner dazugelegt haben (ein großes Mezze) und gemeinsam aßen.

DSCN0369Er hat lange nicht mehr gefragt, warum ich hier bin, warum ich jeden Tag in die Camps will und das finde ich sehr ermutigend, auch für Deutschland und die bevorstehende Arbeit beim Fundraising für die nächste Zeltschule und für Hilfe für Shatila. Es braucht offensichtlich nicht viel, um sogar sehr überzeugten Gegnern die verzweifelte Lage der Menschen hier begreiflich zu machen. Man muss es nur mal gesehen haben.  –  Und dabei helfen in Deutschland hoffentlich die über 400 Fotos, die Lilith und ich gemacht haben…..  🙂

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