Libanon Tagebuch I – Tag 9

Ein Gefängnis unter der Brücke: Das Leben „illegaler“ Flüchtlinge im Libanon

Zum Abschluss unseres Libanon Tagebuchs möchten wir Euch noch zeigen, wo Flüchtlinge landen können, wenn sie in Beirut auf der Suche nach Arbeit ohne Aufenthaltserlaubnis kontrolliert werden.

Das „Adlieh Retention Center“ in Beirut ist eine Kreuzung aus Tiefgarage und Guantanamo. Das unterirdische Parkhaus unter der Adlieh-Autobahnbrücke wurde schon vor Jahren zu etwas umfunktioniert, das auf den ersten, zweiten, dritten und sechsundzwanzigsten Blick verdammt einem Gefängnis ähnelt, aber keines ist und daher jeglicher rechtlicher Grundlage entbehrt.

Adlieh01Über 800 Menschen sind hier seit Wochen, Monaten, manchmal sogar Jahren gefangen, obwohl die Kapazitäten eigentlich höchstens 250 Insassen zuließen. Drei Stockwerke unter der Erde sehen sie niemals Tageslicht, können sich in vollgepferchten Zellen kaum bewegen, haben weder Privatsphäre noch Frischluft. Schlafen müssen sie auf dem Boden, Dutzende teilen sich eine einzige Toilette, über Hygiene sprechen wir lieber gar nicht.

Schon im Jahr 2000 hat der Libanon das UN-Abkommen zum Verbot von Folter und anderer Verstöße gegen die Menschenrechte zwar ratifiziert, in der Praxis sieht das jedoch anders aus. Dabei ist Adlieh noch nicht einmal ein Gefängnis, rechtlich ist es eine improvisierte Polizeistation, zu der aufgegriffene illegale Flüchtlinge, Asylbewerber oder Migranten gebracht werden. „Illegal“ ist so gut wie jeder Flüchtling oder Asylbewerber im Land, denn die hohen Kosten für Aufenthaltsgenehmigungen kann sich kaum jemand leisten.

Theoretisch darf jeder Ausländer (ebenso wie libanesische Bürger) nur 48 Stunden ohne Anklage von der Polizei festgehalten werden, danach muss er freigelassen oder einem Richter vorgeführt werden  – wohlgemerkt: theoretisch.

„Migrants, asylum seekers and refugees are detained illegally in an underground parking lot where they never see the sunlight and suffer terrible detention conditions for sometimes very prolonged periods of time, with the aim to either punish them for leaving their sponsor, entering illegally in the country, or to oblige refugees to accept their deportation to their country of origin.” (Lebanese Center for Human Rights) (CLDH) 

Adlieh02Laut dem CLDH versucht die libanesische Regierung so systematisch, die Flüchtlinge und Asylbewerber zur Rückkehr in ihre Ursprungsländer (aus denen sie aus gutem Grund geflohen sind) zu bewegen. Nach mehreren Monaten in der Tiefgaragen-Hölle akzeptieren viele eine „freiwillige Rückkehr“. Im Klartext heißt das, dass syrische Flüchtlinge, die zuhause jeden Tag bei Luftangriffen um ihr Leben fürchten, freiwillig ihrer Abschiebung zustimmen, um nicht weiter die grauenhaften Zustände in Adlieh ertragen zu müssen.

Adlieh03Es heißt auch, dass Gastarbeiter aus anderen Ländern (meistens Frauen, die als Hausangestellte in libanesischen Haushalten arbeiten und das Geld an ihre Familien in Äthiopien oder den Philippinen schicken) ausstehende Löhne nicht einfordern können. Oft wurden sie von ihren Hausherren sexuell missbraucht und können nun wegen der „freiwilligen“ Rückkehr keine Strafanzeige stellen.

Jeden Dienstag und Donnerstag ist Besuchstag. Das heißt vor der Brücke drängen sich fast noch mehr Menschen als darunter, die Menschen, die ihre Freunde und Familienmitglieder besuchen wollen. Die Insassen sind vollkommen abgeschnitten von der Außenwelt, sie wissen nicht wann Tag oder Nacht ist, und sehnen diese Besuchstage herbei. Besuchszeit ist zwischen 8 und 14 Uhr, die ersten Schlangen bilden sich bereits morgens um sechs. Stundenlang warten die Besucher ohne Toiletten, Sitzgelegenheiten oder Schatten.

“Officers distribute numbered scraps of paper that determine who gets to visit first (if at all), often arbitrarily giving preferential treatment to different groups despite when you arrived: those visiting family versus those visiting friends; those visiting men versus those visiting women; those dressed according to certain standards; and, of course, those who are Lebanese versus those who are not.”  (Anti-Racism Movement)

 

Adlieh Schlange

Nach stundenlangem Warten dürfen diejenigen, die eine Besuchserlaubnis bekommen haben, ihre Lieben für höchstens 15 Minuten sehen. Auch hier gibt es weder die Gelegenheit für Privatsphäre noch sind Berührungen erlaubt.

You may have come all the way from Tripoli, taking a bus at 5 AM in hope of seeing your son who has no access to a lawyer or even a phone call while he is detained, or you may have convinced your employer to allow you just one morning off to see your dear friend before she is deported and who you may never see again, or you may be trying to deliver water to your loved one because you know there is not even enough clean water in the prison during summertime, and despite all your hours of waiting and your pleas to General Security, you are left to return home exhausted, demoralized, alone and angrier than ever.  (Anti-Racism Movement)

Schon vor 2 Jahren gab es Proteste und Demonstrationen organisiert vom Anti-Racism Movement, über das wir auf dem Blog bereits berichtet haben und von Nasawiya, das wir ebenfalls auf dem Blog bereits vorgestellt haben. Sie werden weitergehen, bis der Libanon aufhört, seine Flüchtlinge und Migranten lebendig zu begraben.

print

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Ein Kommentar

  • Anton

    Das wäre wohl auch ein guter Ansatzpunkt für eine Hilfsinitiative. Ich habe aber beim besten Willen keine Idee wie man da überhaupt auch nur ein wenig helfen könnte….??

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.