Venedig, Stadt der Gondeln und der Selfie-Sticks

Vor drei Wochen war ich zum ersten Mal nach über zehn Jahren wieder in Venedig. Gut, zugegeben, Venedig gehört nicht gerade zu den Städten, die sich in jeder Dekade neu erfinden, viel verändert hatte sich nicht: Markusplatz – check, Campanile – check, Rialtobrücke – check, Gelato am Canale Grande – check, zehntausend Muscheln auf zwanzig Quadratmetern am Lido – check, herrlich freakige Venezianer, die bewundernswert tapfer die mittlerweile 10 Millionen Touristen jährlich ertragen – check. Alles noch wie immer. Neu sind einzig und allein die Selfie-Sticks.

Als ich noch ein Kind war, sprach außer Psychiatern niemand über Narzissmus. In Venedig kann man mit den Gondoliere substanzielle Diskurse zu diesem Thema führen. Die Frage „Wer reist hunderte oder tausende Kilometer nach Venedig, um hier dann sich selbst zu fotografieren?“ kann niemand besser beantworten als die Herren in den gestreiften Shirts. Sie hatten sie alle schon in der Gondel.  – Und waren vermutlich mehr als einmal in Versuchung, sie mitten auf dem Kanal wieder rauszuwerfen, wenn die sich weder die wunderschönen Paläste ansehen noch zuhören, was der Gondoliere ihnen über die Geschichte der Dogen erzählt, sondern die 1400 Jahre alte Stadt nur die Kulisse für die nächste Selbstinszenierung auf Instagram wird.

Also wer ist dieser eitle Menschenschlag, wegen dem sogar die Straßenhändler von gefälschten Handtaschen auf Selfie-Sticks umgestiegen sind (Want stick? Very long! I make cheap!), weil die sich einfach besser verkaufen?  – Wir alle sind es, der Narzissmus ist zur Epidemie des 21. Jahrhunderts geworden, man kann ihn sich leichter einfangen als eine Sommergrippe (Sie sind  also nix besonderes!).

Und wem haben wir diese Teleskopstange nun zu verdanken? Disney natürlich. Genauer gesagt dem Kanadier und Disney-Mitarbeiter Wayne Fromm, der schon vor 15 Jahren mit seiner Tochter auf Italien-Urlaub war und sich selbst auf jedem Foto haben wollte. Er fand es unzumutbar, immer andere bitten zu müssen, ihn und seine Tochter zu fotografieren (je weniger Kontakt mit Einheimischen, desto besser), also investierte er zweieinhalb Jahre (!!!) seines Lebens in diese bahnbrechende Erfindung. 2005 hatte er das Patent in der Tasche und als 2007 das erste iPhone (ein weiteres meiner absoluten Lieblingsprodukte) auf den Markt kam, gab es kein Halten mehr. Fromm gründete die Firma Quickpod und ist seither Narzissmus-Merchandise-Weltmarktführer.

Gut, er trägt vielleicht nicht allein die Verantwortung für die Selbstdarstellungs-Eskalation im Web; Facebook, Twitter und vor allem Instagram waren natürlich auch daran beteiligt, das Selfie zum Megatrend zu machen.

Der Liebe-dich-selbst-Kult der 70er Jahre ist außer Kontrolle geraten, man sehnt sich fast nach den Zeiten zurück, in denen noch Minderwertigkeitskomplexe das Hauptproblem einer Gesellschaft waren und möchte manchem Stick-Besitzer gerne hinterherrufen „Hey, kannst du dich selbst bitte ein bisschen weniger lieben – oder wenigstens woanders?“

Aber wo, denn sie sind ja schon überall? Während Urlauber früher noch den Grand Canyon, die Freiheitsstatue, das Taj Mahal oder die Rialto-Brücke fotografierten, sind das mittlerweile nur Hintergrundtapeten für Selbstportraits.

Schneewittchens Stiefmutter würde die Frage „Wer ist die schönste im ganzen Land“ längst nicht mehr einem Spiegel stellen, sondern Instagram. Und Sie wären einer ihrer Follower. Unser neu erwachtes Selbstbewusstsein tobt durch unsere Gegenwart wie Godzilla durch Tokyo. Und Venedig scheint in seiner fragilen Morbidität besonders anfällig für diese Attacken zu sein, in den schmalen Gässchen (manche sind so schmal, dass man nicht einmal mit einem aufgespannten Schirm hindurch gehen kann) und Kanälen sind die langen Stöcke noch präsenter, vor den 1000 Jahre alten Fassaden wirken sie noch absurder und lächerlicher als irgendwo sonst. Want stick? Very long! I make cheap!

In ihrem Buch “Narcissism Epidemic” stellen die Psychologen Twenge und Campbell fest, dass der Narzissmus seit den 80er Jahren ebenso explosionsartig angestiegen ist wie Fettleibigkeit. Sogar unser Ego hat also Übergewicht.

Wir halten uns für etwas besonderes, allesamt, was natürlich auch unsere Frustration erhöht, denn niemand erkennt und legitimiert ja, wie besonders wir sind, weil alle so damit beschäftigt sind, sich selbst besonders zu finden… – Vor zwanzig Jahren hätte dieser Satz noch keinerlei Sinn ergeben, und dass wir heute alle wissen, was damit gemeint ist, spricht Bände… Dieses ständige Gefühl, verkannt zu werden, anderen überlegen zu sein, aber nicht als überlegen wahrgenommen zu werden, erhöht natürlich auch unser Aggressionspotential, beeinträchtigt unsere Beziehungsfähigkeit, die Erziehung unserer Kinder….

Mit anderen Worten: wir benehmen uns wie arrogante Vollidioten und ziehen welche groß.

Die Sozialen Medien scheinen das Problem zu lösen, endlich sind wir alle „berühmt“, alle öffentlich, müssen nicht mehr publiziert werden, sondern können uns selbst publizieren, pausenlos und überall. Wer keine Selfies von sich macht, der fotografiert sein Essen, seine Kinder oder seine Wohnung, wir müssen jedenfalls alle ständig wahrgenommen, ununterbrochen „geliked“ und bestätigt werden.

Um das Problem zu beheben, müssen wir es aber erst einmal verstehen. Natürlich sind Minderwertigkeitskomplexe auch nicht besser als unser jetzt so aufgeblähtes Ego, wir müssten ein gesundes Mittelmaß finden. Der französische Philosoph Jacques Rousseau hat „amour-popre“, die Selbstliebe, die von anderen abhängig und daher ungesund und unnatürlich ist von „amour de soi“ unterschieden, einer gesunden, fast animalischen Selbstliebe, die auch Tiere haben, die angeboren und unabhängig von der Wahrnehmung Dritter ist.

In Venedig sieht man eine Menge amour-popre! Want stick? Very long! I make cheap!

Die sozialen Medien sind die leeren Kohlehydrate, nach denen sich unsere Egos verzehren, ein pures Zucker-Hoch, die ideale Plattform für den stilvollen Exhibitionisten, der nicht gerne nackt im Park steht, aber trotzdem nach Aufmerksamkeit lechzt.

Venedig hat einiges überlebt und es wird zweifellos auch die Ära der Narzissten überleben, um meinen Geisteszustand mache ich mir da mehr Sorgen.  Want stick? Very long! I make cheap! – Nein, Mann, will ich nicht! Schieb dir deinen Stick sonst wohin! Ich sehe mir hier gerade was an, das interessanter ist als ich!

Wäre die ganze Welt die Titanic (und wenn man den Klimaforschern glauben darf, sind wir das), dann wäre Venedig die Kapelle, die ungerührt bis zum Schluss im Smoking weiterspielt, stilvoll und angstfrei dem Untergang entgegensieht – und wir sind die Passagiere, die andere aus den Rettungsbooten schubsen, um selbst reinzukommen, weil wir ja so besonders sind, dass unser Überleben gesichert sein muss. Venedig versinkt in Pracht und Schönheit, der Verfall schon überall spürbar, der Leichengeruch an besonders heißen Tagen scharf in der Nase, und gerade das macht diese Stadt so unwiderstehlich, so faszinierend für all jene, die Zeit haben, hinsehen, anstatt sich selbst durch ein Smartphone zu filmen. Hier scheint an jeder Ecke in neonfarbener Schrift zu stehen: „Denk dran, du stirbst, all das hier hat irgendwann ein Ende, sogar du.“ – Gift für den Narzissten.

Vielleicht sollten wir uns einfach daran erinnern, dass Narcissus sich in der griechischen Mythologie nicht in sich selbst verliebt hat, sondern in sein Spiegelbild, in seine Reflexion. Versuchen Sie das mal, reflektieren Sie. Ist gar nicht so leicht, aber hey, Sie sind was besonderes, Sie schaffen das mit links!

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