Abschied von einem Feministen

Dass es mir (und vielen anderen) so schwer fallen wird, mich von diesem Präsidenten zu verabschieden, hat nichts mit Hillary zu tun. Sie wird einen guten Job machen. Aber vielleicht ist genau das der Unterschied: für die Clintons, Bushs, Reagans, Carters, Kennedys… ist es ein Job, während ich Obama heute noch abnehme, dass es für ihn eine Mission war.

Bill Clinton wurde der „erste schwarze Präsident“ genannt, die Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison schrieb 1998 sogar für den New Yorker, er sei “blacker than any actual black person who could ever be elected in our children’s lifetime.

Nur sechs Jahre später betrat Obama (praktisch aus dem Nichts) die politische Bühne. Dabei gab es wohl niemanden in Amerika, der für einen Präsidentschaftskandidaten noch ungeeigneter, der breiten Masse „unverkäuflicher“ schien als er:  Ein abwesender kenianischer Vater, den er mit zehn Jahren zuletzt gesehen hat. Ein halbes Dutzend afrikanische Halbgeschwister. Eine alleinerziehende (weiße) Mutter aus Kansas, die Anthropologie studiert und in Hawaii lebt, weil dort Mischehen (anders als im Rest der Vereinigten Staaten) erlaubt sind. Ein indonesischer Stiefvater (seine Mutter heiratete in zweiter Ehe Lolo Soetoro) mit dem er vier Jahre in Jakarta lebt. Eine Jugend bei den Großeltern in Hawaii, als er 1971 ohne seine Mutter aus Indonesien zurückkehrt.

Familie war für Obama seine gesamte Kindheit und Jugend über eine äußerst brüchige Textur; seine Kindheit ein personeller, religiöser und kultureller Plural; seine Identität ein Spielball im Gezeitenwechsel des turbulenten Lebens seiner Mutter. – Aussichtslos, dass so einer Präsident werden kann. Oder?

Seine juristische Karriere begann er nach dem Harvard-Studium als Praktikant von Michelle, und vielleicht ist das noch viel ausschlaggebender für seine Sichtweise auf Frauen als seine emanzipierte Mutter, denn mit Michelle begann sein Leben in einer wirklichen Familie.

“Growing up without a dad, I spent a lot of time trying to figure out who I was, how the world perceived me, and what kind of man I wanted to be. It’s easy to absorb all kinds of messages from society about masculinity and come to believe that there’s a right way and a wrong way to be a man. But as I got older, I realized that my ideas about being a tough guy or cool guy just weren’t me. They were a manifestation of my youth and insecurity. Life became a lot easier when I simply started being myself.” 

Er wuchs auf mit einer unabhängigen Mutter, heiratete eine unabhängige Frau und traf die bewusste Entscheidung, unabhängige Töchter zu erziehen. Seine Vaterschaft spielt in seinem Leben eine weit größere Rolle als im Leben vieler anderer Staatsoberhäupter, Kinder nicht nur zu haben sondern selbst zu erziehen ist für ihn ein definierendes Merkmal seiner Männlichkeit. Er hat sogar ein wunderschönes Kinderbuch mit dem Titel „Of Thee I sing“ für seine Töchter geschrieben, das ich nur allen Eltern empfehlen kann.

An seinem 55. Geburtstag, seinem letzten als Präsident der Vereinigten Staaten, tat er (nicht zum ersten Mal) etwas Radikales: Er veröffentlichte ein Essay mit dem Titel „This is what a feminist looks like“.

Er schreibt darüber, wie sehr er den „kurzen Weg zur Arbeit“ im Weißen Haus genossen hat, denn das gab ihm die Zeit, seine Töchter aufwachsen zu sehen, er schreibt über eine seiner (und meiner) Heldinnen Shirley Chisholm, er schreibt über Michelles Balanceakt zwischen ihren Ansprüchen an eine eigene Karriere und an sich selbst als gute Mutter. Vor allem aber schreibt er über die Verantwortung der Männer.

“It is absolutely men’s responsibility to fight sexism too. And as spouses and partners and boyfriends, we need to work hard and be deliberate about creating truly equal relationships.” 

Er habe hart daran gearbeitet, die politische Kulisse für Frauen einfacher zu machen, doch es gebe eine Menge anstehender Veränderungen, die nichts mit Gesetzesentwürfen zu tun haben, sondern im Gegenteil viel mehr damit, dass wir Änderungen in unseren eigenen Weltanschauungen vornehmen müssen., damit seine (und unsere) Töchter ein freieres Leben führen können.

Yes, it’s important that their dad is a feminist, because now that’s what they expect of all men.

Es ist keineswegs das erste Mal, dass Obama sich konkret zum Feminismus bekennt. Erst vor zwei Monaten hielt er eine eindringliche Rede im Weißen Haus zu dem Thema:

Das Radikale an seinem Essay an seinem Geburtstag ist das Publikationsorgan: Er hat es für GLAMOUR geschrieben, eines dieser „Frauenmagazine“, die (oft zu Recht) als trivial und infantil belächelt werden, seit es sie gibt. Dennoch sind es eben diese Magazine, die Frauen lesen, und daher auch das Medium, das er bewusst (und wieder einmal ohne Standesdünkel) wählte.

Wenn also Clinton der erste schwarze Präsident war oder ihm zumindest den Weg geebnet hat, dann ist es nur recht und billig hier anzuerkennen, dass Obama der erste feministische Präsident war, der den Weg für die erste Frau im Weißen Haus ebnete. Nicht für Hillary. Sondern für seine Töchter. Und für unsere.

„I want all of our daughters and sons to see that this, too, is their inheritance. I want them to know that it’s never been just about the Benjamins; it’s about the Tubmans too. And I want them to help do their part to ensure that America is a place where every single child can make of her life what she will. – That’s what twenty-first century feminism is about: the idea that when everybody is equal, we are all more free.“

Thank you, Mr. President! You will be missed!

 

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