„rent-a-battlefield“ – der Holocaust in Aleppo und der Niedergang der Diplomatie

Den dritten Jahrestag der Giftgasangriffe von Ghuta vor ein paar Wochen habe ich in einem syrischen Flüchtlingscamp im Libanon verbracht. Der 21. August 2013 ist für Syrer ein so traumatisches Ereignis wie der 11. September für den Westen: er markiert eine Kehrtwende in der Wahrnehmung der eigenen Identität; den Moment, in dem nichts mehr sicher oder unmöglich schien; an dem jedem Syrer bewusst wurde, dass die Assad-Regierung vor nichts zurückschreckt, um die Oberhand zu behalten. Tausende wurden in dieser Nacht vom Kampfstoff Sarin verletzt oder getötet.

Die Diskrepanz zwischen dem, was wir im Westen an Nachrichten hören oder lesen und wie es sich anfühlt, sie hier zu erleben, ist beängstigend. Für uns war die Nachricht eine von vielen, schrecklich, sicher, aber es passiert so viel schreckliches… – abgehakt. Für die syrischen Flüchtlinge in den Zeltstädten nahe der Grenze ist nichts abgehakt. Jeden Tag und jede Nacht sind hier weitere Bomben und Luftangriffe zu hören, immer noch ist alles möglich und nichts sicher.

Das Bild der syrischen Künstlerin Diala Brisly, das die Leichen einer Mutter und Tochter darstellt, ging damals als Symbol für Ghuta um die Welt.

Was für uns fast in Vergessenheit geriet, ist für Diala noch immer gegenwärtig:

Es war ein grauenhafter Morgen damals. Ich erinnere mich genau, wie ich früh aufwachte und die Nachrichten sah. Aber die grauenhaften Nachrichten hören nicht auf, täglich gibt es neue, der Mörder regiert immer noch mein Land und niemand tut etwas dagegen.

In unserem Camp 15 km von der syrischen Grenze entfernt haben die Flüchtlinge jede Hoffnung auf eine Intervention aus dem Ausland verloren. Niemand wird Syrien retten. Wenn Obama damals, als Bilder von qualvoll am Sarin erstickten Kindern das globale Bewusstsein fluteten, nichts unternahm, dann wird er auch morgen nichts gegen das Chlor unternehmen, so lautet die kollektive Meinung der Flüchtlinge in unserem Camp. Ich wünschte, ich könnte widersprechen, aber in der Tat ist Syrien und die berühmte „Rote Linie“, die er zog aber nicht einhielt, der dunkle Punkt in Obamas Amtszeit. Vielleicht sein einziger Fehler, aber ein verheerender.

Aleppo ist das brennende Mahnmal des Versagens der westlichen Politik. Die UN hat per Definition die Pflicht, Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verhindern. Dennoch sieht sie seit Jahren tatenlos einem Genozid zu. Wobei tatenlos vielleicht das falsche Wort ist: Vier der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates beteiligen sich derzeit an Luftangriffen auf Syrien. Die USA, Großbritannien und Frankreich in ihrem undefinierbaren „Krieg gegen ISIS“ und Russland in seinem noch undefinierbaren Krieg für den Erhalt eines massenmörderischen Regimes. Als wäre das nicht schon schlimm genug stellen auch der Iran, die libanesische Hisbollah und schiitischen Milizen aus dem Irak Bodentruppen für Assad.

Viele Libanesen mit denen ich gesprochen habe, haben für die syrische Massenflucht kein Verständnis. Ein Land, das selbst gefühlt im historischen Minutentakt ausländischen Eroberern ausgesetzt war, auf dessen Boden fast ein Dutzend Besatzer ihre blutigen Spuren hinterlassen haben, spottet über den Konflikt in Syrien: „Ihr wurdet ja nicht einmal überfallen, die Syrer kämpfen ja nur gegen sich selbst! Ihr tötet euch gegenseitig! Hört doch einfach auf.“

Das Problem ist nur, dass es seit langer Zeit keinen „syrischen Konflikt“ mehr gibt. Zeit-Journalistin Andrea Böhm bringt es im Libanon auf den Punkt, wenn sie die aktuelle Situation in Syrien als „rent-a-battlefield“ bezeichnet, denn in Syrien legt sich ein Konflikt über den nächsten, Krieg auf Krieg, Subtext auf Subtext. Auf dem Rücken der 300.000 noch verbliebenen Bewohner in Aleppo, von denen fast die Hälfte Kinder sind, wird so viel mehr ausgetragen als „nur“ ein Bürgerkrieg. Aufhören scheint in niemandes Macht mehr zu liegen.

Die Geldgeber des Krieges, die USA und Russland, haben die Macht über ihre lokalen Stellvertreter längst verloren, wenn sie sie denn je hatten. Die ausgehandelte Waffenruhe war von kurzer Dauer und Assad soll sie lediglich genutzt haben, um seine Truppen besser in Stellung zu bringen. Seit Tagen wird Aleppo nun wieder fast ununterbrochen bombardiert.

Ammar al Selmo, Leiter der Zivilschutzrettung in Aleppo, sagte vor wenigen Tagen zu Reuters:

„What’s happening now is annihilation.”

Was hier gerade passiert ist eine Auslöschung. Genozid. Holocaust. Apokalypse.

Und wie reagieren wir darauf? Mit Diplomatie. Gesprächen. Verhandlungen. Wir sind ja gegen Krieg. Per se. Reden uns ein, dass es so etwas wie „den Krieg“ gibt, gegen den man sein kann, dass es in dieser Sekunde nicht hunderte vollkommen unterschiedliche Konflikte auf der Welt gibt, die sich nie mit „dem Krieg“ unter einen Hut bringen lassen, dass wir schon verloren haben, wenn wir diese grundlegende Sache nicht verstehen.

Es gibt Kriege, die nähren sich von der Diplomatie und mit unserer ganzen politisch korrekten, friedlichen Gutmenschlichkeit tun wir nichts anderes, als das Böse walten zu lassen, denn jede Verhandlung bietet Spielraum.

In New York sagte Außenminister John Kerry:

The simple reality is that we can’t resolve the crisis if one side is unwilling to do what is necessary to avoid escalation.”

Solo-Diplomatie funktioniert einfach nicht.

Was in Aleppo geschieht, darf nicht verhandelt werden, darf nicht Teil eines Kompromisses sein. Es darf kein Vertrösten bis zum nächsten Friedensgipfel geben, der zu keinem Ergebnis kommt oder zu einem, das nie umgesetzt wird. Die Diplomatie ist am 21. August 2013 gescheitert.

Jedes Land schreckt empört davor zurück, eigene Soldaten in einen Bodenkampf im Ausland zu schicken, Politiker haben Angst um ihre Wahlergebnisse und wagen nicht, dementsprechend politisch Stellung zu beziehen, doch darf wirklich ein ganzes Volk den Preis für unsere Empörung bezahlen?

Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien wurde erst mit einem Friedensabkommen beendet, nachdem NATO und UN mit Luftangriffen gegen die serbisch-bosnischen Angriffe auf Zivilisten vorgingen – und das trotz der russischen Unterstützung für die Serben. Und es gibt natürlich ganz massive Unterschiede zwischen diesen beiden Konflikten, aber eines haben sie gemeinsam:sie ließen und lassen sich nicht durch Diplomatie lösen .

Charles Lister vom Middle East Institute sagte der New York Times:

By continuing along this current path, we are sitting in hope that a genocidal dictator in Damascus is going to suddenly behave himself and we are assuming that a country that is willing to subject an UN-administered aid convoy to a brutal two-hour air attack is not playing us for fools.“

Weinende Emojis bei Bildern verbrannter Kinderleichen bringen uns nicht weiter, ebensowenig Hashtags wie #SaveAleppo. Aleppo kann nicht mehr gerettet werden, es liegt in Schutt und Asche, es geht jetzt lediglich darum, die Todesopfer so gering wie möglich zu halten.

Journalist Zouhir al-Shimale ist immer noch in Aleppo und schreibt in einer E-Mail an die Zeit:

Das ist ihre Strategie, Ost-Aleppo zurückzuerobern. Sie spekulieren darauf, dass wir, die letzten Bewohner, von hier fliehen oder sterben – damit sie die Kontrolle übernehmen können. Die Konfliktparteien begehen vor den Augen der Weltöffentlichkeit ein Kriegsverbrechen nach dem anderen. Sie wissen, dass sie das tun können. Denn niemand hält sie auf.

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