„Womanophobia“
und die Heuchelei um den Burkini

Über die mittlerweile exilierte iranische Aktivistin Masih Alinejad und ihre phantastische Initiative „My Stealthy Freedom“ haben wir bereits berichtet. Vor wenigen Wochen hat sie eine Rede vor dem Europäischen Parlament gehalten – haben Sie davon gehört? Nein, und Sie brauchen auch nicht zu googeln, denn außer einem youtube-Video werden Sie nichts finden; keine Zeitung fand es der Mühe wert, einen Artikel darüber zu schreiben, dass eine Frau ein paar Dinge beim Namen nennt: unsere Heuchelei, wenn wir uns empört gegen das Burkini-Verbot in Frankreich auflehnen, aber kommentarlos zusehen, wie Frauen in zahlreichen islamischen Ländern durch den Zwang, Schleier zu tragen, unterdrückt werden. Da niemand sonst es tut, finden wir es umso wichtiger,  hier auf dem Blog ihre phantastische Rede (leicht gekürzt) zu posten. Es geht ihr darin vor allem darum, dass wir solche Angst haben, als islamophob zu gelten, dass wir gar nicht bemerken, wie sehr wir „Womanophobia“ täglich ignorieren, ja womöglich sogar unbewusst bestärken.

Gegen ein Kopftuch zu sein ist in Europa dogmatisch, intolerant, rechts. Pfui! Aber Masih ist nicht gegen den Hijab, sie ist gegen den Hijab-Zwang, der im Iran herrscht und diesen Zwang zu tolerieren, ihn nicht einmal zu hinterfragen, ist unsererseits weder besonders weltoffen noch multikulturell, es ist schlicht ignorant.

In ihrer Rede vor dem Europäischen Parlament sagt sie: „Alle Frauen, die ich kenne, tragen Hijab: meine Schwestern, meine Mutter, meine Tanten, alle. Mein Traum wäre es, hier in Europa an der Seite meiner Mutter die Straße entlang gehen zu können, ohne seltsame Blicke auf ihr Kopftuch von islamophoben Menschen, und Seite an Seite mit ihr im Iran die Straße entlang gehen zu können, ohne dass ich verhaftet werde, weil ich keinen Hijab trage!“

In ihrer Rede prangert sie westliche Politikerinnen an, die widerspruchslos Hijab tragen, wenn sie den Iran besuchen und sich auf „Respekt vor der Kultur der Iraner“ beziehen, aber auf die Barrikaden gehen, wenn Frankreich Regeln für Bademode aufstellt:  „Warum wurde das Burkini-Verbot nach weniger als einem Monat in Frankreich wieder abgeschafft, die Hijab-Pflicht im Iran jedoch besteht seit 38 Jahren! Es liegt daran, dass unser Kampf gegen den Hijab-Zwang einfach ignoriert wird. Wir, die Frauen des Iran, werden in diesem Kampf vollkommen alleingelassen. Ich habe mit vielen Politikerinnen aus aller Welt zu tun, die schon den Iran besucht haben, Catherine Ashton zum Beispiel. Kürzlich sah ich auch ein Bild von Ségolène Royal der französischen Umweltministerin auf einem Iranbesuch, mit Kopftuch und einem strahlenden Lächeln, ohne den geringsten Protest. Und das während die Welt (einschließlich mir selbst) sich empörte gegen das Burkini-Verbot in Royals eigenen Land.“

Laut Masih gibt es vier Argumente, mit denen dieses Verhalten immer wieder gerechtfertigt wird:

  1. Die Hijab-Pflicht im Iran ist ein GesetzDas Burkini-Verbot war auch ein Gesetz in Frankreich, dennoch haben wir alle dagegen protestiert. Die Sklaverei war einmal ein Gesetz, wenn niemand dagegen protestiert hätte, wären Afro-Amerikaner immer noch Sklaven.
  2. Sie sagen uns, der Hijab ist ein kulturelles Problem, wir tragen ihn, um den Iranern Respekt zu zollen. Nein! Wir sprechen hier über einen Zwang! Wie könnte ein Zwang Teil unserer Kultur sein? Ein siebenjähriges Mädchen wird gezwungen, sich zu verhüllen und Sie nennen das ein kulturelles Problem? Sie respektieren nur die Kultur derer, die Frauen alle Rechte absprechen.
  3. Sie behaupten, der Hijab sei ein inländisches Problem. Das ist falsch! Die iranische Regierung zwingt ALLE Frauen, Hijab zu tragen, alle Touristinnen, alle Politikerinnen, alle Iranerinnen, also auch die, die außerhalb des Iran leben und ihre Botschaft aufsuchen wollen. Wie kann es da ein inländisches Problem sein? – Und war denn das Burkini-Verbot nicht auch ein inländisches, auf Frankreich beschränktes Problem? Dennoch empörte sich die ganze Welt darüber. Solange also die iranische Regierung alle Frauen der Welt zwingt, sich zu verhüllen, wenn sie den Iran besuchen, müssen auch alle Frauen der Welt gemeinsam gegen diesen Zwang vorgehen, mit einer Stimme.

Punkt vier ist mein absolutes Lieblingsargument und ich bin Masih unglaublich dankbar, dass sie es so deutlich angesprochen hat:

  1. Sie sagen, der Nahe Osten habe größere Probleme als das Kopftuch. Wissen Sie was? Das weiß ich selbst. Ich musste mein Land verlassen, weil ich gegen eben diese „größeren Probleme“ kämpfte. Aber wer hat festgelegt, dass die Hijab-Pflicht ein kleines Problem ist? Wir kämpfen nicht gegen ein Stück Stoff, wir kämpfen um die Menschenwürde. Wir kämpfen für unsere Identität. Denn ab ihrem siebten Lebensjahr muss ein iranisches Mädchen, wenn sie auf die Straße gehen will, jemand anders sein. Und seien Sie ehrlich, jede einzelne von ihnen: wenn Sie sich morgens fertig machen um das Haus zu verlassen, denken Sie an die großen Probleme der Welt? Nein, Sie denken an ihr Erscheinungsbild, an Ihre Kleidung, wie Sie aussehen. Denn es geht um Ihre Identität. Also wie könnte der Hijab-Zwang eine Lappalie sein?  Für mich ist der Hijab eine Mauer, und wir müssen sie gemeinsam niederreißen. Ich habe niemanden gebeten, in mein Land zu kommen und die iranischen Frauen zu retten. Über 60% aller Studierenden im Iran sind Frauen, wir sind intelligent genug, um selbst für unsere Rechte einzutreten. Worum ich Catherine Ashton und alle anderen Politikerinnen bitte, wenn sie in mein Land kommen, ist, für ihre eigene Würde einzutreten! Denn wenn iranische Politikerinnen in Ihr Land kommen und Sie sie bäten, den Hijab abzulegen, um die europäische Kultur zu respektieren, würden sie sich weigern! Deswegen bin ich der Ansicht, dass europäische Politikerinnen Heuchlerinnen sind. Sie protestieren in Frankreich gegen das Burkini-Verbot weil sie der Ansicht sind, dass man Frauen nicht vorschreiben darf, was sie zu tragen haben, aber wenn dasselbe im Iran passiert, geht es nur um Geld. Es ist kein kulturelles Problem! Die Hijab-Pflicht ist das sichtbarste Symbol der Unterdrückung der Frau und wir müssen sie beenden!

Wir leben in einer Welt, in der eine Barbie mit Hijab auf CNN gezeigt wird. Aber wenn Millionen von iranischen Frauen dazu gezwungen werden, einen Schleier zu tragen, sind das keine Nachrichten.

Und warum? Weil die Leute (besonders in Zeiten von Donald Trump) nicht als islamophob gelten wollen. Aber wir müssen diesen Leuten klar machen, dass nicht wir es sind, die Islamophobie erzeugen. Gerade wenn sie gegen Islamophobie vorgehen wollen, müssen Sie an unserer Seite sein und Diskriminierungen offen ansprechen. Im Westen ist es in, über den Hijab zu sprechen, weil wir zeigen wollen, wie weltoffen wir sind. Aber über die Hijab-Pflicht im Iran wollen wir nicht sprechen, die wollen wir unter dem Deckmantel des Iran Deals begraben, denn wir sind auf die guten Beziehungen mit dem Iran angewiesen. Gegen Frankreichs Gesetzgebung können wir also protestieren, aber nicht gegen die eines Diktators? Die westlichen Medien machen sich so viele Gedanken über Islamophobie, aber haben Sie schon mal von „Womanophobie“ gehört? Im Nahen Osten haben die Regierungen Angst vor Frauen! Wir machen ihnen Angst! Meine Regierung hat Angst vor meinen Haaren! Das ist auch eine Phobie, aber wir sprechen nie darüber!  In meinem Land ist es mir nicht gestattet zu singen – und ich habe übrigens eine sehr schöne Stimme! Es ist mir nicht erlaubt, mich zu verlieben, aber Männer dürfen vier Ehefrauen haben. Ich darf nicht Fahrradfahren, ich kann keine Führungsposition einnehmen, ich kann nicht das Sorgerecht für mein Kind haben, dabei war ich eine alleinerziehende Mutter! Wenn ich eine Ausbildung machen will, brauche ich die Einwilligung meines Vaters oder meines Ehemannes! Auch um einen Pass zu bekommen oder ins Ausland zu fahren brauche ich die Zustimmung eines Mannes! Das ist die Sharia in unserem Land und das darf nicht totgeschwiegen werden!!

Und weil nichts über das Original geht, hier Masih vor dem Europäischen Parlament wie sie leibt und lebt…..

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