Interview mit unserem Zeltschule-Lehrer Yehya Alfares

Wenn ich Leuten unser Zeltschulen-Projekt vorstelle, ist eine der ersten Fragen immer: „Und wer soll in diesen Schulen unterrichten?“

Wenn ich dann erkläre, dass es in fast allen Flüchtlingscamps in der Bekaa-Ebene auch Lehrer gibt, die sehnsüchtig darauf warten, die Kinder wieder unterrichten zu können, wenn man ihnen nur die Möglichkeit dazu gäbe, ist die Überraschung meist groß.

Diese Vorurteile sind kein deutsches Phänomen. Auch unser libanesischer Fahrer Hamad war überrascht, dass unter den Flüchtlingen Akademiker sind, Anwälte, Lehrer, Ärzte, Ingenieure…..

Viele Menschen, hier und im Libanon, haben die Vorstellung, die syrischen Flüchtlinge hätten vorher auch in Armut gelebt, hätten vorher auch keinen Zugang zu Bildung gehabt, hätten gewissermaßen einen Slum gegen einen anderen getauscht. Vermutlich weil ihr Elend für uns leichter mit anzusehen ist, wenn wir uns das einreden. „Die kennen es ja nicht anders.“

Doch, die kennen es anders. Die Lebensbedingungen in Syrien waren durchaus mit denen in Mitteleuropa vergleichbar und für die Familien, mit denen ich in den Camps gesprochen habe, ist es ebenso unfassbar, sich jetzt hungernd und frierend in einer provisorischen Zeltstadt wiederzufinden, wie es das für uns wäre, wenn wir heute bei Nacht und Nebel und Bombenhagel aus unserem Land fliehen müssten.

Stellvertretend für viele andere wunderbare, starke Menschen, die mich jeden Morgen lächelnd im Camp empfangen haben, obwohl eine schier bodenlos scheinende Traurigkeit manchmal hinter dem Lächeln fast greifbar war, möchte ich den Lehrer unserer ersten Zeltschule, Yehya Alfares, etwas genauer vorstellen. In seiner Heimatstadt Homs war er Mathematiklehrer und floh mit seiner Frau und seinen drei Kindern vor dreieinhalb Jahren in den Libanon.

* * *

Kannst du einen normalen Tag für deine Familie in Homs beschreiben, ehe der Krieg ausbrach?

Wir haben ein sehr ruhiges Leben geführt, uns viel mit den Großeltern und der Familie getroffen, die Kinder haben Freunde eingeladen….. Es war kein aufregendes oder besonderes Leben, aber es war voller Freude und Liebe und einem Gefühl der Sicherheit und Stabilität. Wir dachten, das würde auch so weitergehen.

Wie sah ein normaler Tag aus, nachdem der Krieg begonnen hatte?

Tage nach Kriegsbeginn war unser Leben schon vollkommen auf den Kopf gestellt, geprägt von Gewalt und Unfreiheit. Unser Alltag existierte nicht mehr, die Kinder konnten nicht mehr zur Schule, jeder Einkauf war ein lebensgefährliches Risiko. Niemand traute sich mehr etwas gegen das Regime zu sagen aus Angst vor Verhaftung und Folter, man hatte das Vertrauen in seine Mitmenschen verloren. Es war furchtbar. Für die Menschen, die jetzt noch dort sind, ist es sicher noch schlimmer geworden.

Wann und wie seid Ihr aus Homs geflohen?

Wir sind im Mai 2013 geflohen, haben unser Zuhause bei den brutalen Luftangriffen verloren. Jede Nacht gab es Bombardierungen und Gewehrsalven. Es war so schlimm wie nie zuvor. [Anmerkung Jill: Homs war drei Jahre unter Besatzung, von Mai 2011 bis Mai 2014. Im März 2013 verstärkte das Assad-Regime die Angriffe auf die von den Rebellen besetzten Gebiete, im April marschierte außerdem noch die libanesische Hisbollah in Homs ein und unterstützte Assad mit Bodentruppen.] Wir sind über die Berge geflohen, abseits der Straßen. Es war unglaublich schwierig mit den Kindern, meine Frau war verletzt und wir hatten ständig Angst…… Und wir waren sehr verbittert, erfüllt vom Schmerz über die Ungerechtigkeit, aus unserem Land, unserem Zuhause vertrieben worden zu sein. Es war eine sehr dunkle Zeit.

Unterricht in der Zeltschule

Hast du noch Familie oder Freunde in Homs und ist es möglich, Kontakt zu halten?

Wir haben noch ein paar wenige Freunde in Homs, aber es ist fast unmöglich, mit ihnen zu kommunizieren. Von unserer Familie dort hat niemand überlebt.

Wie waren die ersten Monate im Libanon? Wart Ihr sofort in einem Camp? Habt Ihr Unterstützung von der UN oder einer anderen Organisation bekommen?

Die ersten Monate waren furchtbar, traurig, unwirklich. Ich versuche, mich nicht daran zu erinnern. Wir haben erst versucht, Fuß zu fassen, eine Wohnung und Arbeit zu finden, aber die Flüchtlingsgesetze im Libanon machen das unmöglich. Schließlich mussten wir uns in einem Camp niederlassen, um überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Von ALPHABET haben wir Hilfe in Form von Lebensmitteln erhalten und seit wir die Schule haben, hat das auch meinen Kindern geholfen, dieses Vakuum aus Hoffnungslosigkeit, das uns an manchen Tagen umgibt, zu durchbrechen.

Wie sind deine Kinder mit den drastischen Veränderungen in ihrem Leben zurechtgekommen? Was vermissen sie am meisten? Was vermisst du am meisten?

Meine Kinder…. sie können einfach nicht fassen, wie sehr sich unser Leben verändert hat. Die Angst, diese ständige, allumfassende Angst…. Meine Frau und ich versuchen ihnen dabei zu helfen, zu vergessen und sich der neuen Situation anzupassen, aber es ist hart. Meine Kinder vermissen ihr Zuhause, Stabilität, einen Ort, an dem man einfach glücklich und sicher spielen kann. Und meine Frau und ich, wir vermissen unser Land, das Heim, das wir uns gemeinsam aufgebaut haben und in dem wir alt werden wollten, all die schönen Dinge in unserem Leben. Am meisten vermissen wir aber die wunderschönen Zukunftspläne, die wir für unsere Kinder hatten, über das Leben, das sie einmal führen werden und das nun fast unmöglich geworden ist.

Was bedeutet es für dich, in einem ALPHABET-Camp zu sein, das jetzt eine Schule hat?

Eine Schule bedeutet, dass das Leben zu uns zurückgekommen ist, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für unsere Kinder. Das ist alles, was wir im Moment haben, an das wir uns klammern. Wir leben in einer Zeit, in der in der Politik die Zukunft von Kindern gegen Bodenschätze und politisches Kalkül aufgewogen wird, ALPHABET und unsere neue Schule sind der Silberstreif am Horizont für uns. Der Schule verdanken wir es, dass unsere Kinder nicht als Analphabeten aufwachsen müssen sondern die Chance haben, mit ihren eigenen Händen ein besseres Syrien aufzubauen, wenn der Krieg vorbei ist.

Willst du nach Kriegsende nach Syrien zurückkehren? Wird es sich noch nach Zuhause anfühlen oder sind zu viele schmerzliche Erinnerungen damit verbunden?

Ja, ich kehre nach Syrien zurück, nach Homs, was immer aus ihm geworden ist, wie immer es bis dahin aussehen mag. Ich liebe mein Land und der Krieg hat diese Liebe nur vertieft. Natürlich haben wir grauenvolle, schmerzhafte Erinnerungen, Trauer im Herzen und Narben am Körper, aber wir werden versuchen, darüber hinweg zu kommen und in einem besseren Syrien ein besseres, freieres, gerechteres Leben zu führen.

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