Jemen – Hungersnot ohne Lobby

– Wie Saudi-Arabien ein Land verhungern lässt und es niemanden interessiert-

Im Jemen tobt einer dieser Kriege, über die man nicht spricht. Es ist eine universelle journalistische Wahrheit, dass es Kriege gibt, in denen jeder militärische Schachzug dokumentiert wird, die es täglich auf die Titelseiten schaffen (und damit zumindest theoretisch den Druck auf die Politik erhöhen, sie zu beenden) und Kriege, die wir über Wochen und Monate vergessen. Seit eineinhalb Jahren führt der Jemen nun schon einen dieser vergessenen Kriege (wir haben darüber berichtet).

Doch mittlerweile leidet das Land nicht nur unter den gewaltsamen Konflikten, sondern vor allem auch an einer schrecklichen Hungersnot.

Rund 27 Millionen Einwohner hat der Jemen, über die Hälfte davon hat nicht genug zu essen. Allein 1,5 Millionen Kinder sollen laut Save the Children an akuter Unterernährung leiden, das bedeutet nicht nur ein stark gehemmtes Wachstum und eine verlangsamte Entwicklung, es bedeutet auch, dass diese Kinder ein zehnmal höheres Risiko haben, an Infektionskrankheiten zu sterben. Und vor allem bedeutet es Schmerzen, Hunger tut nämlich weh.

Salem Abdullah Musabih, 6, lies on a bed at a malnutrition intensive care unit at a hospital in the Red Sea port city of Hodaida, Yemen September 11, 2016. REUTERS

Dabei ging es dem Land schon vor dem Krieg alles andere als gut. Jemens Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten war allseits bekannt, schon vor dem Konflikt hatte das Land eine der höchsten Unterernährungsraten bei Kindern weltweit. Rund 90% der Nahrung muss der Jemen aus dem Ausland einführen und nicht wenige Stimmen haben bereits vor Ausbruch des Krieges davor gewarnt, dass eine Blockade zu einer humanitären Katastrophe führen könnte. Heute ist es soweit, die Katastrophe ist da.

Wenn die Situation so schlimm ist, wieso strömen dann nicht Millionen jemenitischer Flüchtlinge nach Europa?
Die Antwort ist so simpel wie erschreckend: die Jemeniten sind eingesperrt. Als der Krieg am 26. März letzten Jahres begann, wurden alle Häfen, Flughäfen und Grenzübergänge umgehend geschlossen, die Blockade beschränkt sich also nicht nur auf Güter, sondern auch Menschen können das Land weder betreten noch verlassen.

Wieso also steht das nicht auf allen Titelseiten?
Das ist eine gute Frage… Jemens Todesrate ist weit unter der der Syrer, aber daran liegt es nicht allein. Der Krieg im Kongo hatte Millionen Todesopfer, der im Südsudan „nur“ einige Zehntausend, dennoch war die Medienaufmerksamkeit vergleichbar gering. Die Menge an Blut scheint nicht entscheidend, sondern wessen Blut es ist und wer es vergießt.

Es gibt keine gute Heldengeschichte im Jemen, das Land wird ausgehungert und aus der Luft beschossen von Saudi Arabien; auf dem Boden bekriegen sich eigene politische Fraktionen untereinander. Der einzig greifbare Bösewicht (Saudi Arabien) wird unterstützt von Großbritannien und den USA, eignet sich daher also nicht wirklich zur medialen Kreuzigung im Westen.

Umso wichtiger ist die Arbeit von Journalistin und Dokumentarfilmerin Nawal Al Maghafi, die ich durch Jemen-Expertin Prof. Barbara Wally kennenlernte:

Ich bewundere die Dokumentaristin Nawal Al Maghafi, die schon früher in den gefährlichsten Gegenden des Jemen unterwegs war, um die Welt über die Vorgänge im Jemen zu unterrichten, auch Houthis, alQaida und Südländer interviewt und somit mehr Verständnis für den Jemen geschaffen hat.

Nawal war die erste, die ein Interview mit dem abgesetzten Präsidenten Ali Abdullah Salih  führte; sie reiste inkognito, bewaffnet mit einem AK47 und  mit einem 13jährigen Houthi-Führer an ihrer Seite durch den Jemen und sammelte Aussagen vieler Familien, die Angehörige im Krieg verloren hatten. Ihre Filmausrüstung versteckte sie unter traditioneller jemenitischer Kleidung.

Am erschütterndsten ist dennoch ihr neuer Dokumentarfilm, für den sie zwei Monate lang die jemenitische Ärztin Ashwaq Muharram begleitete.

Nachdem die meisten internationalen Hilfsorganisationen das Land verlassen haben oder selbst von der Blockade betroffen sind, ist Ashwaqs „mobile Klinik“ (ihr Auto, das sie mit Medikamenten und Nahrungsmittel füllt, die sie aus eigener Tasche bezahlt) für viele Jemeniten die einzige Hoffnung. Selbst die erfahrene Ärztin ist von den Zuständen geschockt:

„I’m seeing the same thing I used to watch on TV when the famine unfolded in Somalia. I never thought I would see this in Yemen.“

Sie selbst hat ebenfalls einen hohen Preis für diesen Krieg bezahlt: ihr Mann ist herzkrank und brauchte dringend Medikamente, die es im Jemen nicht mehr gibt. In einer Klinik in Sanaa wurde sie als Ärztin und Ehefrau mit ihrer eigenen Hilflosigkeit konfrontiert, als es selbst im Krankenhaus nichts mehr gab, mit dem sie ihrem Mann hätte helfen können. Schweren Herzens schickte sie ihn und ihre beiden Kinder nach Jordanien. Sie selbst ist geblieben, versucht eine unhaltbare Stellung zu halten, eine Ärztin in einem Land mit immer weniger Medizin. Ohne ihre Familie kämpft sie allein gegen eine Hungersnot wie der Jemen sie noch nie erlebt hat und kommt täglich ans Ende ihrer Kräfte.

„I am tired as a doctor, as a mother, and as a wife.“

Mich hat selten ein Dokumentarfilm so tief berührt wie der dieser beiden beeindruckenden Frauen: Nawal, die nicht wegsehen kann und Ashwaq, die nicht weggehen kann.

Wir haben hier auf dem Blog schon wiederholt über den Jemen berichtet, auch über die Organisation YERO, die sich um jemenitische Straßenkinder kümmert. Auch bei YERO ist die Situation verheerend und Dr. Anisa Glander hat mir folgenden Hilferuf von Nouria Nagi weitergeleitet:

Dear Anisa,

(…)  because of the war we lost a lot of sponsors we need sponsors we need  support for the children families with food and medication as everything is getting very expensive also we support people who have lost their jobs due to the war,,,,,, at the moment we are doing our best to keep open ,, we have rents salaries,,,, expenses,,, and so on,, whenever we get a donation we help the needy with basic need  (…) we also had over 10 children who have finished their high school and need to go to universities but we can not help them ,,, I’m doing my very best…. bless you,, keep well .

Nouria

Doch ohne mediale Aufmerksamkeit ist das Auftreiben von Spenden fast unmöglich. Dr. Anisa Glander stößt bei ihrem Versuch, für ihre Organisation Felix Arabia International Unterstützer zu finden ständig auf taube Ohren:

Wo und wie immer ich versuche, Hilfsorganisationen für Spenden zu gewinnen, sie zu motivieren, werden meine Bitten mit der mir unverständlichen Bemerkung abgelehnt, dass „andere Länder jetzt wichtiger seien“. Sind die hungrigen Kinder im Jemen weniger wichtig, verdursten sie weniger qualvoll, entzünden sich ihre unversorgten Wunden weniger schmerzvoll?

Ein Ende des Krieges (und damit der Blockade) ist nicht abzusehen, auch Barbara Wally berichtet mir von einer Verschlimmerung:

„Die Lage im Jemen eskaliert sowohl auf der politischen wie auf der humanitären Ebene. Die Bombardierung einer Trauerfeier in Sanaa durch die Saudi-Luftwaffe, bei der ein Teil der gemäßigten Spitzen der Houthis getötet wurde, wird zu einer Verhärtung der Positionen führen und weitere Friedensverhandlungen erschweren. Die USA haben ihre verdeckte Teilnahme am Krieg aufgegeben und sind nach der Bombardierung von Radarstationen der Houthis an der Rotmeerküste direkte Kriegspartei. Die humanitäre Lage verschlechtert sich von Tag zu Tag und die Blockaden der Lebensmittelzufuhr sowie die jüngst erfolgte Verlagerung der jemenitischen Zentralbank von Sanaa nach Aden, verschärfen die Notlage der 23 Millionen Menschen, die unter der Houthi-Saleh-Regierung leben. Vor allem Kinder sind gefährdet, den Hungertod zu sterben oder bleibende Schäden durch Mangelernährung zu erleiden.” 

Hunger ist ein qualvoller, schmerzhafter, langsamer Tod. Im Jemen steht er tausenden von Kindern bevor, wenn wir die Medien bestimmen lassen, was „wichtig“ ist, was uns kümmern sollte, was eine Rolle spielt.

Für uns ist das Schicksal der Jemeniten sehr wichtig, es kann gar nicht genug über das Leid der Bevölkerung berichtet werden, deswegen freuen wir uns sehr über den Gast-Kommentar von Dr. Anisa Glander über die aktuelle Situation:

JEMEN

Ein unbekanntes oder vergessenes Land?

Spielball machthungriger Großmächte, oder die solche sein wollen?

Nie versiegender Absatzmarkt für Waffenhändler und sprudelnde Einnahmequelle für Kriegsverdiener?

Weltweit berichten Medien pausenlos über die erschütternden Zustände in Syrien, Afghanistan und jetzt auch Haiti. Hilfsorganisationen überbieten einander mit professionell zusammengestellten Lieferungen von Nahrungsmitteln und medizinischer Fürsorge …

Ganz selten und auch dann nur in zwei Sätzen im Rundfunk oder einigen Zeilen in den Printmedien wird Jemen erwähnt, wenn eine Rakete auf ein für Veranstaltungen vorgesehenes Gebäude trifft, in dem eine Trauerfeier stattfindet  – und 150 Tote und 500 Verletzte zu beklagen sind. Es wird auch noch erwähnt, dass die Rakete von der saudischen Allianz fehlgeleitet worden war. Berichtet wird auch, wenn ein US Flugzeug irrtümlich ein Spital zertrümmert oder eine Hochzeit von versehentlich abgeschossenen Granaten zum Begräbnis wird. Nicht mitgeteilt wird, dass der Jemen täglich erbarmungslos bombardiert wird, die Bevölkerung schwer traumatisiert und am Verhungern ist, es fast kein Trinkwasser mehr gibt. Es scheint niemanden zu bekümmern, dass auch Hilfe seitens der im Ausland lebenden Verwandten und Freunde gar nicht möglich ist, weil der Flughafen gesperrt und die Häfen blockiert sind.

Ist eine derartige Situation, sind solch erschütternde Umstände nicht aktuell, nicht interessant, für Journalisten nicht berichtenswert?  Sollte es wahr sein, dass Peymann, der so umstrittene Direktor des Wiener Burgtheaters Recht hatte, als er Journalisten als die inkompetentesten und ignorantesten Menschen bezeichnete, die er kennen gelernt hat? Sind die jetzt mutwillig zerschossenen, mehr als tausend Jahre alten Prachtbauten, Kleinode architektonische Kunst und ein unwiederbringliches Kulturgut im Jemen weniger wertvoll als die historischen Stätten in Syrien? Wo sind lautstarke Proteste der UNESCO?

Arabisten und Ethnologen, die im Jemen waren, aber auch andere arabische Länder bereisten, bestätigen, dass die Jemeniten „anders“ sind. Dies zeigt sich ein weiteres Mal, leider unter sehr traurigen Umständen. Die Jemeniten wollen ihr Land nicht verlassen, sie flüchten nicht, sie versuchen, solidarisch mit dem Ärgsten irgendwie fertig zu werden, teilen auch das letzte Stück Brot und den letzten Schluck Wasser. Ihre Solidarität sollte ein Beispiel für andere Länder sein.

print
Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.