DIY-(Welten)MACHERIN: Krithi Karanth

Ich habe ein äußerst ambivalentes Verhältnis zu Tierschützern. Nicht zu Tieren, wohlgemerkt, nur zu Tierschützern. Und Veganern. Und Republikanern. Und Disney-Filmen. Und Til Schweiger. Aber ich schweife ab, bleiben wir bei den Tierschützern. Wenn mir jemand in der Fußgängerzone eine Sammelbüchse für streunende Hunde auf Mallorca oder herrenlose Katzen in Rumänien unter die Nase hält, bekomme ich kurz Schnappatmung: What the fuck?? Wie kann man für Hunde sammeln, wenn jeden Tag zehntausende Kinder verhungern?

Und um dem ewigen Tierschützer-Argument „Menschen können selbst etwas an ihrer Situation ändern, Tiere sind hilflos“ zuvorzukommen: das kann nur jemand sagen, der noch nie in einem brasilianischen Slum oder einem libanesischen Flüchtlingslager war. Glauben Sie mir, die Menschen dort sind auch hilflos!

Wie dem auch sei, Krithi Karanth löst mein Problem auf eleganteste Weise: Sie ist eine Tierschützerin, die Wert darauf legt, dass die Menschen nicht zu kurz kommen. Um Elefanten zu schützen, darf man nicht ganze Dörfer von fruchtbaren Ländern vertreiben, um Artenschutz durchzusetzen, darf man nicht Menschen ihre Lebensgrundlage entziehen. Tierschutz funktioniert nur im Einklang mit den Menschen, nicht über sie hinweg.

Krithi ist Biologin, Naturschützerin und Inderin, was sie in eine mehr als schwierige Lage bringt, denn in Indien treffen im wahrsten Sinne des Wortes Welten aufeinander: 1,2 Milliarden Menschen, unzählige bedrohte Tierarten und eine Ökonomie, die es sich eigentlich nicht leisten kann, Land als Tierschutzreservate zur Verfügung zu stellen. Wie soll das gutgehen?

Krithi wurde ihr Beruf in die Wiege gelegt, und das meine ich ganz wörtlich, denn sie ist die Tochter des bekannten Naturschützers und Tiger-Forschers Ullas Karanth. Sie war auf ihrer ersten Wilderness-Expedition, als sie gerade ein Jahr alt war, ihrem ersten Leoparden begegnete sie mit drei. Krithi selbst machte ihren Abschluss in Yale und war nach ihrer Rückkehr nach Indien zunächst einmal schockiert von dem frappierenden Mangel an harten Fakten über die Situation der Wildtiere und ihre Koexistenz mit den Menschen in Indien.

I’m amazed at the lack of widespread data. My idea is to map and predict risks for conflict over an entire landscape. We are visiting about 2,000 villages across a 2,700-square-mile area that surrounds some of southwest India’s important parks to get a true sense of what is and isn’t working, not just a handful of isolated incidents.

Es scheint fast so, dass es immer nur zwei Fronten gab: die Tierschützer und auf der anderen Seite die indische Bevölkerung, die in weiten Teilen des Landes unter den Tieren leidet. Krithis Idee war nun die Vermittlung zwischen diesen beiden Fronten, basierend auf umfassenden Studien, wie Mensch und Tier geholfen werden kann. In einem der bevölkerungsreichsten Hot Spots der Welt beobachtet sie die Interaktion zwischen Wildtieren und Landbewohnern, weil sie überzeugt ist, eine Lösung kann nur durchgesetzt werden, wenn sie beiden zugutekommt, wenn der Tierschutz nicht den Blick auf die Probleme der Einwohner versperrt.

We must provide good, fair compensation to landholders near parks so they don’t retaliate when species move through and destroy crops. We need local support and tolerance to ensure that sanctuaries and the species inside them survive.“ 

Der Verlust von Lebensräumen, Wilderei und der illegale Handel mit Tieren hatten auf manche Arten dramatische Auswirkungen, doch umgekehrt hatten Wildtiere in anderen Gebieten auch ebenso negative Effekte auf die Bevölkerung.

In manchen Dörfern verlieren die Bauern fast 95% ihres Getreides an Wildtiere, sie können ihre Kinder nicht zur Schule schicken und kaum ihr Überleben sichern; in anderen Gebieten wiederum wird ein gewisser Verlust  bereits in die Kalkulation eingerechnet und hingenommen. Aus diesem Grund beschäftigt Krithi über 150 „Hilfswissenschaftler“, um mit Dorfbewohnern zu sprechen und Daten über die unterschiedlichen Situationen zu sammeln. Wovon hängen die großen Differenzen im Ausmaß der Schädigungen ab? Ist die Entfernung zum nächsten Naturschutzgebiet ein Faktor? All das sind Fragen, denen vor Krithi nie nachgegangen wurde.

„The volunteers I take into the field are often urban dwellers who are very disconnected from nature and rural India. The experience gives them a whole new appreciation for the challenges of conservation and the reality of people who live in these landscapes.“ 

Bauern, die um ihre magere Ernte fürchten, sind aber bei weitem nicht die einzigen Faktoren, die im Konflikt mit dem Naturschutz liegen. Neu erschlossene Minen, Industrieanlagen und die Verlegung weiterer Stromleitungen gehören zu Indiens Power-Wachstum dazu und vertragen sich schlecht mit dem Tierschutz. Krithi weiß, dass alle diese Dinge notwendig für Indien sind, kämpft jedoch um Ausgewogenheit:

„Money lifts people out of poverty, but there has to be a balance. If it’s all about economic growth at the expense of the few parks we have left, wildlife will disappear.“

Seit 2009 hat sie mit der Unterstützung ihrer „Hilfswissenschaftler“ über 15.000 Haushalte in Indien befragt. Doch die Organisation, mit der sie zusammenarbeitet, die Wildlife Conservation Society (WCS), tut mehr als nur Daten zu sammeln. Wenn Bauern oder Dorfbewohner durch Wildtiere Schaden erlitten haben, ihre Häuser beschädigt sind oder Teile ihrer Ernte zerstört wurde, können sie sich an die WCS wenden. Mitarbeiter kommen vorbei, um sich den Schaden anzusehen, helfen dabei, den Papierkram auszufüllen und suchen mit den Betroffenen nach einer Lösung.

 “The idea is not to replace the government, we’re just trying to help people not get frustrated and retaliate against the wildlife. Helping them file the papers for the process will go a long way in building goodwill.” 

Krithi hofft, dass es eines Tages möglich ist, dass Mensch und Tier in Indien nicht nur koexistieren, sondern sogar nebeneinander wachsen und gedeihen. Dafür ist aber gegenseitige Rücksicht notwendig, d.h. dass wir uns bewusster werden müssen, was unsere Art zu leben und auch unsere Art zu reisen angeht (der Tourismus in Indien, ganz besonders der Tiger-Tourismus, trägt massiv zur Gefährdung der Tiere bei), dass aber das Wohl der Menschen nicht hinter das der Tiere gestellt werden darf, wie das zum Beispiel bei Zwangsräumungen ganzer Dörfer passierte, die einfach „umgezogen“ wurden, um an deren Stelle Naturschutzparks zu errichten.

Karanth

Krithi Karanth

Krithi hat sich nicht gerade einen einfachen Job ausgesucht, denn in keinem anderen Land der Welt leben so viele Menschen und so viele Wildtiere zusammen. Wer Mensch und Tier zur friedlichen Ko-Existenz bringen will, kann in Indien mehr Versöhnungsarbeit leisten als irgendwo sonst auf der Welt. Aber Krithi liebt ihren Job und es wächst auch bereits eine dritte Generation heran: Krithis Tochter ist vier und begleitet ihre Mutter auf allen Exkursionen, gerade hat auch sie ihren ersten Leoparden gesehen.

„No place on the planet has this many people and this much wildlife coexisting. It can persist if enough people care and fight to preserve it. This is not a country you can write off.“ 

 

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