Warum mögen Sie Hillary Clinton nicht? – Wir sagen es Ihnen…..

„I understand why Donald Trump is so unpopular.
He earned it the old-fashioned way,
by being obnoxious, insulting and offensive.
But why is Hillary Clinton so unpopular?“

(David Brooks)

Wenn ich jedes Mal einen Euro bekommen würde, wenn Freunde (und Freundinnen) mir 01hillarysagen, dass sie Hillary nicht mögen, hätte ich inzwischen hundert Zeltschulen im Libanon.

„Ich wähle sie, aber sympathisch ist sie mir nicht gerade.“

„Sie ist das kleinere Übel.“

„Ich mochte sie schon nicht, als sie noch First Lady war.“

Wieso höre ich das immer wieder?

Hillary wird mit einer Leidenschaft gehasst, die in der amerikanischen Politik selten ist. Schon 1996 schrieb Henry Louis Gates für den New Yorker seinen berühmten Artikel „Hating Hillary“, in dem er die Dämonisierung der damaligen First Lady salonfähig machte:

“Like horse-racing, Hillary-hating has become one of those national pastimes which unite the élite and the lumpen. There is just something about her that pisses people off.” 

Es gibt weit mehr bösartige Hillary-Witze im Netz als Trump-Witze – gut, das mag auch damit zusammenhängen, dass Trumps eigenes Verhalten dermaßen parodistisch ist, dass er es Satirikern schwer macht, es noch weiter ad absurdum zu führen.

Die US-amerikanische Comedienne Jena Friedman brachte es in einem ihrer Programme auf den Punkt:

“Americans have more words for why we hate Hillary than Inuits have for snow.”

02hillaryDas habe natürlich keinesfalls etwas damit zu tun, dass Hillary eine Frau sei, fügt sie trocken hinzu.

Fraglos ist, dass sie nicht nur gehasst wird, weil sie eine Frau ist, sondern dass auch die Art des Hasses, die Frauen entgegen schlägt, eine andere ist. Kein männlicher Kandidat muss seine Frisur, seine Fähigkeiten im Bett, seine Kleiderwahl oder die Erziehung seiner Kinder rechtfertigen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass Obamas oder Bushs Schenkel in deren Wahlkämpfen von ihren Gegnern je zum Thema gemacht wurden:

Woher kommt dieser Hass und wieso lassen wir ihn zu, tolerieren ihn, lachen darüber, machen sogar mit?

03hillaryUmfragen bestätigen immer wieder, dass Hillary die meist-bewunderte Frau in Amerika ist. In den letzten 23 Jahren war sie 20mal auf Platz 1 und hat damit Frauen wie Mutter Teresa oder Eleanor Roosevelt hinter sich gelassen. Ebenso bestätigen dieselben Umfragen immer wieder, dass 60% der Menschen Hillary nicht mögen? – Dieses Paradoxon sagt eine Menge aus über Frauen in Machtpositionen.04hillary

Intellektuell und moralisch scheint sie unangreifbar, seit 30 Jahren setzt sie sich in wechselnden Rollen als Aktivistin und Politikerin, als Anwältin und Senatorin, als Feministin und First Lady für das Gemeinwohl und für Minderheiten ein; wir sind uns darüber einig, dass sie die bestqualifizierte, intelligenteste Kandidatin aller Zeiten ist, also woher kommt das Bedürfnis, sie persönlich anzugreifen?

Charisma vermissen wir an ihr; diese undefinierbare, zwar eigentlich sächliche Eigenschaft, die wir aber zweifellos männlich belegt haben. Rebecca Traister stellte in ihrem Portrait von Hillary Clinton für den New Yorker kürzlich eine substantielle Frage:

“It’s worth asking to what degree charisma, as we have defined it, is a masculine trait. Can a woman appeal to the country in the same way we are used to men doing it?”

In anderen Worten heißt das, dass wir Hillary dafür bewundern, dass sie hochintelligent, souverän, selbstbewusst und eloquent ist – und müssen dennoch (oder gerade deshalb?) andere Defizite finden, weil sie eine Sache definitiv nicht ist: ein Mann…

Die New Yorker Komikerin Michelle Wolf wirft Hillary vor allem vor „uninspiring“ zu sein:

 “Her name would be a good safe word!”

Haben Sie sich mal gefragt, wie viele „inspirierende“ männliche Politiker Sie kennen? Also meine Liste ist sehr, sehr kurz….

04ahillaryElizabeth Word Gutting hat im Mai in einem wunderbaren Artikel über Hillary erklärt, dass viele junge Wähler die Bedeutung einer solchen Kandidatin gar nicht mehr nachvollziehen können. Hillary gehört zu einer Generation, in der Frauen ohne Mann keine Kredite aufnehmen oder Geschäfte eröffnen konnten. Noch in den 70er Jahren wurde eine Frau ohne Mann nur als halber Mensch angesehen (Sie werden argumentieren, dass das auch heute noch in vielerlei Hinsicht der Fall ist, und ich gebe Ihnen durchaus recht, doch immerhin nicht mehr in juristischer Sicht). Dass eine Frau aus eben dieser Generation es fast sogar geschafft hat, zur mächtigsten Frau der Welt zu werden, ist nicht das Durchbrechen der vielzitierten Glasdecke, sondern nichts weniger als die Zerstörung einer Grenze, die mindestens aus Beton war.

Ohne die kühle Souveränität, manchmal als Arroganz ausgelegt, Selbstsicherheit und diesen undurchdringbaren Panzer aus Intellekt, den wir so „unsympathisch“ finden, hätte sie das nie durchgehalten. Elizabeth Word Gutting bringt es in ihrem Artikel auf den Punkt:

And yes, I also love that she is always the last woman standing. She has survived ceaseless attacks. It must get very tiring, and yet she never flags. She has been called a bitch and a witch and characterized as Lady Macbeth. She’s shrill, she shouts, she barks. She’s uninspiring, she’s unlikable and she’s not exciting the base. Sometimes I think that many people in this country are still scared to see a powerful woman. But I am more ready for her than ever.

Jena Friedman regte an, in einem Experiment zu testen, wie viel Prozent der Amerikaner „lieber einen twitternden Asteroiden, der in die amerikanische Demokratie einschlägt, an der Spitze der Macht sähen als eine Frau„. Dieses Experiment wurde vor drei Tagen durchgeführt, es nannte sich Präsidentschaftswahl.

Hillary sei wie eine Zahnspange, sagte Jena Friedman in der Daily Show: „Hillary is like braces. They’re awkward, painful, you don’t want to be seen with them. But they get the job done.”

27CclintonBWorauf sie damit hinaus will, ist natürlich so simpel wie erschreckend. Der Grund, warum Sie Hillary nicht mögen, ist der: sie ist eine Frau und wir leben in einer sexistischen Gesellschaft. Ende der Geschichte. Es ist komplizierter als das? Nein, ist es nicht. Es kommt nur erschwerend hinzu, dass Hillary nicht irgendeine Frau ist: sie ist unabhängig und von sich überzeugt, stark und furchtlos, laut und penetrant, mit beißendem Humor, verwirrenden Schachtelsätzen, festen Überzeugungen und schrägen Hosenanzügen. Sie mögen sie nicht? Das ist kein Problem, denn ihr wohl größter Verdienst ist, dass sie Ihre Sympathie nicht braucht, Hillary wollte nie gemocht werden, weil ihr mit Sicherheit lange vor uns klar war, dass Frauen zwar alles erreichen können – aber dabei gemocht werden können sie nicht. Das ist die Glasdecke für die nächste Generation.

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3 Kommentare

  • Jan

    Wenn der einzige Grund sie nicht zu mögen der ist, dass sie eine Frau ist, wie kann es dann sein, dass ich Angela Merkel mag, aber Hillary Clinton nicht? Tut mir Leid, aber das ist Unsinn, Rückzug in ein Opferklischee um von anderen Punkten abzulenken. Moralisch scheint sie unangreifbar? Oha, ich hoffe einfach mal, dass Sie nicht besonders viel von ihr wissen bzw. mitgekriegt haben, sonst würde das für mich ein doch recht fragwürdiges Licht auf Ihren moralischen Kompass werfen.
    Gibt es Menschen, die sie tatsächlich nur deshalb nicht mögen, weil sie eine Frau ist? Sicherlich, da habe ich keine Zweifel. Das aber als einzigen möglichen Grund darzustellen ist einfach nur vollkommen lächerlich.

    • Das liegt daran, dass Merkels Politik sich nicht über ihr Frausein definiert, Merkel passt sich mit ihren Themen und ihrem Verhalten nahtlos in die männlichen Politiker ein, sie macht keine feministische Politik. Hillary hat 30 Jahre feministischen Aktivismus hinter sich, anders als Merkel ist sie laut, spröde, unangepasst, übt sich grundsätzlich nicht in vornehmer Zurückhaltung. – Und ja, sie ist moralisch unangreifbar, denn wenn Sie sich ansehen, was sich Politiker wie JFK oder Reagan (die noch heute zu den beliebtesten Präsidenten gehören) straffrei und mehr oder weniger unbeachtet von Volk und Presse an „Rechtsumgehungen“ vor und während ihrer Präsidentschaft geleistet haben, ist es gerade zu lächerlich, auf welcher Ebene man Hillary wegen gelöschter Mails angreift.
      Sicher gibt es andere Gründe, Hillary nicht zu mögen – der relevante Punkt ist aber, dass man bei Männern über eben diese Punkte hinweg sieht (wie der Wahlausgang ja gezeigt hat).

      • Jan

        Genau solche Reduzierungen komplexer Zusammenhänge auf einfache Vorwürfe die man seinen Gegnern an den Kopf werfen kann sind es, die einen Präsident Trump erst möglich gemacht haben.
        Dass andere auch Dreck am Stecken haben macht Hillary selbstverständlich keineswegs moralisch unangreifbar. „Man“ sieht keineswegs bei Männern über diese Punkte hinweg. Bei jeder Wahl gab es auch einen Mann der verloren hat, und kein Mann – auch die Beispiele JFK und Reagan (die im Übrigen selbstverständlich auch Kritiker haben) – hat eine Wahl einstimmig gewonnen.
        Gelöschte E-Mails sind ja nur ein kleiner Punkt, da gibt es jede Menge mehr.
        Ich habe auf Hillarys Sieg gehofft, auch wenn ich sie nicht mag. Hätte ich wählen dürfen hätte sie meine Stimme gekriegt. Aber Ihre Argumentation hier finde ich absolut kontraproduktiv.
        Ein Kommentar zur Wahl, dem ich nahezu uneingeschränkt zustimmen kann (insbesondere die zweite Hälfte), und bei dem ich hoffe, dass Politiker in Deutschland daraus lernen für die anstehende Bundestagswahl:
        https://www.youtube.com/watch?v=GLG9g7BcjKs

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