„Mommy Dearest“ und andere Dämonen, die wir überwinden müssen

Die einzige Beziehung, die im Leben einer Frau noch komplizierter ist als die zu Männern, ist die zu ihrer Mutter. Oder? Eine lebenslange Ambivalenz, ständige Wellenbewegungen zwischen tiefster Intimität und bodenloser Verständnislosigkeit fluten die ungekappten emotionalen Nabelschnüre zwischen Mutter und Tochter.

Niemand versteht mich so gut wie meine Mutter.

Niemand kritisiert mich so hart wie meine Mutter.

Meine Mutter ist meine beste Freundin.

Die hat doch keine Ahnung.

Mit unseren Müttern bewegen wir uns ständig in Extremen, es scheint kein Raum für Mittelwege zu existieren. Seit Christina Crawfords Abrechnung mit ihrer Mutter Joan Crawford „Mommy Dearest“ im Jahr 1978 machen immer öfter Promikinder ihre Mütterkonflikte öffentlich. So auch Rebecca Walker, Tochter der Aktivistin und Pulitzer-Preisträgerin Alice Walker, die vor allem für ihr großartiges Buch „Die Farbe Lila“ bekannt wurde.

Bilder von Mutter und Tochter wie dieses sind bei den Walkers selten, die beiden Frauen haben ein mehr als zwiespältiges Verhältnis.

Rebecca ist „bi“ in jeder Beziehung: sie hat zwei Rassen, zwei Religionen und fühlt sich zu beiden Geschlechtern hingezogen. 1969 wurde sie als Rebecca Leventhal geboren, als Tochter des weißen jüdischen Anwalts Melvyn Leventhal und einer Leitfigur der schwarzen Feminismusbewegung – zugegeben, es gibt einfachere Starts ins Leben. Wie es zu Alice Walkers Schwangerschaft kam (sie war eine lebenslange Gegnerin der Mutterschaft, bezeichnete sie als „moderne Sklaverei der Frau“) ist ungeklärt (wie war das nochmal mit den Bienchen und den Blumen?), doch Rebecca war nun einmal da und das Paar schnell getrennt.

Wieso Rebeccas Mutterthema interessant für uns sein soll, wo wir doch jeder unser eigenes haben? Weil sie neben der Auseinandersetzung darüber, wer wen wann zutiefst verletzt hat oder nicht zusätzlich noch politische Differenzen haben: Alice ist ein Sinnbild für die zweite Welle des Feminismus, während Rebecca eine der bekanntesten Vertreterinnen der dritten Welle ist.

Feminismus-Wellen? What?

Ja, genau. Während im (ohnehin seltenen) Alltagsgebrauch nur von „dem Feminismus“ gesprochen wird, ist es tatsächlich nicht so einfach (wie könnte es auch, das haben sich ja schließlich Frauen ausgedacht!).

Es gibt drei Wellen:

  • Die erste Welle startete 1848 mit den Suffragetten und drehte sich fast ausschließlich um das Wahlrecht für Frauen
  • Die zweite Welle nahm ihren Anfang 1968 mit den Protesten bei der Wahl der „Miss America“. Die zweite Welle hatte es in sich, sie war nicht nur sehr viel präsenter in den Medien und weiter verbreitet, sie hatte auch statt einem klar definierten, weit gestreute Ziele, jeder schien ein ganz eigenes Thema zu haben, Einflüsse aus der Psychologie, der Philosophie und dem Neo-Marxismus wurden plötzlich zu der einen „Frauenfrage“. Verhütung und Abtreibung waren zentrale Themen, Hausfrauen wollten den Arbeitsmarkt erobern; generell wird die zweite Welle daher als anti-Mutterschaft und Anti-Mann angesehen.
  • Die dritte Welle nahm ihren Anfang im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends und versucht Brücken zu schlagen zwischen der scheinbaren Radikalität mancher Thesen, die Frauen und Männer verschreckt haben. Das Motto der dritten Welle ist: alles ist okay. Während Schminke und High Heels in der zweiten Welle noch verpönt waren, nehmen die modernen Feministinnen nun für sich in Anspruch, alles ließe sich vereinbaren, man könne mit jeder Lebensentscheidung (auch mit der, Hausfrau und Mutter sein zu wollen, PushUp-BHs zu tragen, sich die Lippen aufspritzen zu lassen etc.) Feministin sein.

Tatsächlich haben die drei Wellen wenige Überschneidungspunkte außer diesen:

Ihre Vertreterinnen

  • waren jeweils unzufrieden mit ihren Müttern bzw. Töchtern,
  • scheinen immer wieder bei Null anzufangen und
  • scheinen zu jeglicher Kommunikation unfähig zu sein.

Wenn zwei solche feministische Ikonen in einer Familie zusammentreffen, ist deren Familiengeschichte zwar ein für die Außenwelt interessantes Sinnbild der feministischen Fackelübergabe, für die direkt Beteiligten aber selten spaßig.

Rebecca schrieb in jungen Jahren bereits zwei Memoiren, und wie das eben so ist mit den Biographien von Mittzwanzigerinnen, sind auch ihre in erster Linie eine Abrechnung mit der Mutter. 2008 verfasste sie den Artikel How my mother’s fanatical views tore us apart für die Daily Mail, in dem sie Alice vorwirft, dass deren radikaler Feminismus jede Facette ihrer Kindheit – ja, mehr noch ihres ganzen Lebens – infiltriert habe. Sie durfte nicht mit Puppen spielen, wurde selten liebevoll umsorgt, sondern früh zu Selbständigkeit erzogen von einer Mutter, die auch Rebecca gegenüber immer betont habe, dass sie Mutterschaft eigentlich ablehne.

Eine sehr viel engere Beziehung baute Rebecca zu ihrer weißen, jüdischen Stiefmutter auf (der zweiten Frau ihres Vater), die eine begeisterte Hausfrau und Mutter ihrer insgesamt 5 Kinder war, täglich Apfelkuchen backte und keine Schulaufführung verpasste.

Als Erwachsene hatte Rebecca den Wunsch, selbst Mutter zu werden, empfand aber auch große Zweifel, für deren Existenz sie ihrer Mutter die Schuld gab:

„But there was something else, too, a question common – if not always conscious – to women or my generation, women raised to view motherhood with more than a little suspicion. Can I survive having a baby? Will I lose myself – my body, my mind, my options – and be left trapped, resentful, and irretrievably overwhelmed?” 

Heute ist sie Mutter und sieht darin (anders als ihre eigene) ihre große Erfüllung. Den Feminismus (zumindest dessen Definition von Alice) hält sie für ein überholtes Experiment, das tausende von Frauen ihrer eigenen Generation um die Mutterschaft betrogen hat:

I believe feminism is an experiment, and all experiments need to be assessed on their results. Then, when you see huge mistakes have been paid, you need to make alterations. 

Hm.

Liebe Rebecca,

sei doch bitte nicht so eine Heulsuse. Du hast (wie viele Frauen unserer Generation) vermutlich vergessen, wie Frauen in gar nicht allzu ferner Vergangenheit  gelebt haben, wie viel wir dem Mut und dem Kampfeswillen von Frauen wie deiner Mutter schulden. Wir sind verwöhnte Gören, die ihre Energien auf Diäten, Osteopathen, PEKiP, Mom Blogs und anderen Mist konzentrieren können, denn für das Wahlrecht haben (Gott sei Dank) ja andere gesorgt, läge es an uns, würden wir es wohl nie bekommen. Die Barrikaden sind einfach so verdammt hoch und man würde eine Folge Shopping Queen verpassen…….. Kann sein, dass dir das noch niemand gesagt, Rebecca, aber ALLE Mütter kritisieren ihre Töchter, ALLE Mütter verletzen sie (und umgekehrt). Mütter kritisieren an ihren Töchtern die Kleidung, die Frisur, die Berufswahl, den Mann, den Erziehungsstil……. – Werd‘ erwachsen!

Deine Mutter hatte Angst vor der Mutterschaft? Dazu hatte sie allen Grund, denn noch immer ist es eine Tatsache, dass sie Frauen in die totale wirtschaftliche und sexuelle Abhängigkeit treibt. Die Pinkmalerei von Frauen wie dir, die Verleugnung jeglichen negativen Aspekts der Mutterschaft (der Selbstverlust, die Belastung der Beziehung, der Stress, der Erwartungsdruck, die Verantwortung….) schadet Frauen sehr viel mehr als der Realismus deiner Mutter.

Frauen können nicht beides tun, sie können nicht für die Frauenrechte kämpfen UND Apfelkuchen backen, sie können nicht wunderbare Bücher schreiben UND ein Halloween-Kostüm nähen…. Wir müssen akzeptieren, dass es gefährlich ist, uns einzureden, wir könnten beides. Töchter müssen lernen zu vergeben (und hoffen, dass unsere Töchter uns auch eines Tages vergeben) und einzusehen, dass wir immer die Mütter wollen, die wir nicht hatten…..

Die Britische Psychoanalytikerin Susie Orbach eröffnete in London 1967 das „Women’s Therapy Center“, ist Buchautorin und Psychoanalytikerin, Feministin und Mutter, berät Unternehmen in Frauenfragen, hat an der großen internationalen Dove-Kampagne mitgearbeitet und trennte sich nach dreißig Ehejahren von ihrem Mann, um in einer Beziehung mit der Autorin Jeanette Winterson zu leben. Man sollte meinen, sie kennt sich mit Frauen aus. Doch auf die Frage, ob sie ihren Sohn und ihre Tochter gleichberechtigt erzogen hat, gesteht sie ehrlich, dass dies definitiv nicht der Fall sei und bringt das Problem auf den Punkt:

„Ein banales Beispiel: wenn mein Sohn auf eine Leiter kletterte, war mir das nicht recht, ich hatte Angst um ihn. Aber ich habe dieses Gefühl unterdrückt und es ihm erlaubt. War meine Tochter waghalsig, habe ich schnell Stopp gerufen. Ich glaube, Mütter tendieren intuitiv dazu, ihre Söhne Grenzen austesten zu lassen und ihren Töchtern Grenzen aufzuzeigen. Alles, was Söhne tun, ist ein Wunder, alles, was Mädchen tun, ein potenzielles Problem. Der Sohn ist eben wie der Mann ein fremdes, exotisches Wesen. Die Tochter ist ein Spiegelbild.“

[(Black Cool )] [Author: Rebecca Walker] [Feb-2012] (Taschenbuch)


Neu ab: EUR 19,74 Auf Lager
gebraucht ab: EUR 19,74 Auf Lager

Im Tempel meines Herzens (Taschenbuch)


Preis: Price Not Listed
Neu ab: 0 Nicht auf Lager
gebraucht ab: EUR 0,53 Auf Lager

Das Lächeln der Vergebung (Gebundene Ausgabe)


Neu ab: EUR 10,21 Auf Lager
gebraucht ab: EUR 0,55 Auf Lager

print
Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.