Der andere Tod in Syrien – Folter und Mord in Syriens Gefängnissen

Über Tod in Syrien lesen wir jeden Tag in der Zeitung, sehen es in den Nachrichten, setzen weinende Emojis unter Facebook-Berichte. Der Krieg hat schon hunderttausende Opfer gefordert und Millionen vertrieben.

Über den Tod in Syriens Gefängnissen hören wir weit weniger, obwohl bereits im August 2013  ein Überläufer mit dem Decknamen „Caesar“ über 53.000 Fotos (die sog. „Caesar-Fotos“) aus dem Land schmuggelte, der Syrischen Nationalbewegung übergab, die diese dann an  Human Rights Watch weitergab. 6.786 Opfer hat Caesar im Zeitraum von Mai 2011 bis August 2013 (als er aus Syrien floh) dokumentiert; untergebracht waren sie in 5 Zweigstellen des Geheimdienstes in Damaskus.

Die Brutalität eines jeden Regimes lässt sich daran ablesen, wie es seine Gefangenen behandelt. Auch wenn das Assad-Regime seit langem alle Zweifel an seiner Brutalität ausgeräumt hat, sind die neuen Fakten über die Folter in Syriens Gefängnissen dennoch schockierend.

New Doc 13

Der 86-seitige Bericht „If the Dead Could Speak: Mass Deaths and Torture in Syria’s Detention Facilities“ liefert nun Geschichten zu den Bildern.

Schon lange vor Ausbruch des Krieges waren Syriens Gefängnisse berüchtigt für die dort stattfindenden Misshandlungen. Doch der Krieg hat die Folter in den Gefängnissen professionalisiert. Amnesty International geht davon aus, dass über 17.000 Gefangene getötet wurden und zehntausende weitere täglich unter schlimmsten Bedingungen und mit täglicher Folter leben.

“Since the current crisis in Syria began in 2011, the situation has become catastrophic, with torture committed on a massive scale,”

so der Bericht von Amnesty International, der sich auf Gespräche mit 65 Ex-Häftlingen über einen Zeitraum von 5 Monaten bezieht.

“The first thing this torture does is take your dignity. It breaks the human.”  (Omar H.)

Jeder einzelne ehemalige Gefangene, der befragt wurde, bestätigt, gefoltert worden zu sein: Schläge, Nahrungs- und Schlafentzug, Elektroschocks. Sexuelle Gewalt gehört zum Alltag, ein Mann berichtete, dass ein elektronisches Gerät in seinen Anus gesteckt wurde, Frauen berichten, Vergewaltigungen werden täglich als Strafe eingesetzt.

Der neue Bericht konzentriert sich nun auf 28.000 dieser Fotos und hat in monatelanger Recherche Geschichten und Leidenswege zu den Namen und Gesichtern rekonstruiert.

„Praktisch jeder Tote auf diesen Fotos hatte Eltern, Partner, Kinder oder Freunde. Viele von ihnen haben monate- oder jahrelang nach ihren inhaftierten Angehörigen gesucht. Wir haben Dutzende Geschichten akribisch verifiziert und gehen davon aus, dass die ‚Caesar‘-Fotos authentische – und stark belastende – Beweise für Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Syrien sind.“ (Nadim Houry, stellvertretender Leiter der Abteilung Naher Osten von Human Rights Watch)

folter-syria02Es wird Zeit, dass die Mitgliedsstaaten  der Internationalen Unterstützungsgruppe für Syrien (ISSG), die sich zuletzt in Wien für einen Friedensprozess einsetzten, hier Stellung beziehen. Die Verantwortlichen dieser Menschenrechtsverletzungen müssen zur Rechenschaft gezogen werden, es darf unter dem Deckmantel nebulöser Friedensabkommen keine Immunität für Beteiligte an einem Massenmord geben. Auch Russland und der Iran, nach wie vor die zwei wichtigsten Unterstützer des Assad-Regimes, sollten ermöglichen, dass unabhängige Beobachter Zugang zu syrischen Haftanstalten bekommen, um ihre Unterstützung der syrischen Regierung vor den Wählern im eigenen Land rechtfertigen zu können.

„Wir haben keinen Zweifel daran, dass die Menschen auf den ‚Caesar‘-Fotos systematisch und in großem Umfang ausgehungert, geschlagen und gefoltert wurden. Diese Fotos zeigen nur einen Bruchteil der Menschen, die in syrischen Regierungsgefängnissen gestorben sind – und Tausende mehr erleiden derzeit das gleiche Schicksal.“ (Nadim Houry)

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