Leben mit Trump 

– 2 sehr unterschiedliche Ratschläge für die neue Realität
von Pussy Riot und Daily Show Host Trevor Noah –

Trump wurde gewählt. Auch bei denjenigen von uns, die bis zuletzt darauf hofften, dass einige Container verloren gegangener Briefwahlunterlagen wieder auftauchen, die den Ausgang der Wahl verändern, oder Trump endlich einmal etwas sinnvolles tweetet wie „I was just kidding! I was having a bet with Ivanka, that’s all. Now we all had a good laugh, can please somebody take over who actually has a clue about politics?“

Er wurde gewählt und seither versuchen Journalisten und Prominente eine Strategie zu finden, wie es jetzt weitergehen soll. Die Zeitungen sind voller Meinungen, die vom Rat, sofort auszuwandern bis hin zu „ist doch alles nicht so schlimm“ reichen. Wir haben uns zwei sehr gegensätzliche Meinungen von zwei sehr gegensätzlichen Menschen ausgesucht, die wir uns heute genauer ansehen wollen: die von Nadya Tolokonnikova, Mitglied von Pussy Riot, die in Russland bereits einige Erfahrungen mit grauenhaften Wahlausgängen und egozentrischen Despoten gemacht hat, und dem Daily Show-Host Trevor Noah, der in Südafrika als Sohn eines gemischtrassigen Paares aufwuchs (was damals noch gesetzlich verboten war) und später als Stand-Up-Comedian mit Humor gegen Apartheid und Engstirnigkeit kämpfte.

Man möchte meinen, dass diese beiden viel gemeinsam haben und das haben sie vielleicht tatsächlich, doch ihre Empfehlungen zum Umgang mit Trump gehören nicht dazu.

Nadya gab der New York Times ein Interview in Miami Beach, wo sie sich ein paar Tage für die „Art Basel“ aufhielt.

“It’s important not to say to yourself, ‘Oh, it’s O.K.´!  It’s important to remember that, for example, in Russia, for the first year of when Vladimir Putin came to power, everybody was thinking that it will be O.K.”

Trump ist für Pussy Riot kein Fremder. Das letzte Video, das die Band im Oktober veröffentlichte, hieß “Make America great Again” und spricht eine klare Sprache, in dem es ausgedachte Trump-Agenten mit roten Armbinden Muslime, Mexikaner, Homosexuelle und Abtreibungsbefürworter foltern und vergewaltigen lässt. Das Video ist beleidigend – aber in Amerika im Rahmen der Pressefreiheit legal. Noch. In ihrer Heimat wurde Nadya mit ihren Bandkolleginnen genau für solche Aktionen zu zwei Jahren Haft verurteilt. Dass so etwas in Amerika passieren könnte, halten die meisten Amerikaner immer noch für unmöglich. Nadya spricht aus Erfahrung und ist anderer Ansicht:

It is a common phrase right now that ‘America has institutions. It does. But a president has power to change institutions and a president moreover has power to change public perception of what is normal, which could lead to changing institutions.”

Und als wollte Trump gleich unter Beweis stellen, dass sie damit Recht hat, gab es noch am selben Nachmittag des Interviews erste Vorstöße gegen die Pressefreiheit aus dem Trump-Lager: sein Berater Corey Lewandowski erklärte öffentlich, dass Dean Baquet, der Redakteur der New York Times, der im Oktober Auszüge aus Trumps Steuererklärungen veröffentlicht hatte, hierfür ins Gefängnis gehöre.

Verschieben sich hiermit Wertesysteme auch im Westen? Viele Anhänger Trumps waren und sind beeindruckt davon, dass er es wagt, politisch unkorrektes zu denken und zu sagen (und zu tweeten), dass er radikale Maßnahmen (Massenausweisungen von Mexikanern, Einreisestopp für Muslime etc.) nicht nur anspricht, sondern für vollkommen praktikable Lösungen für Probleme hält, die er wahrscheinlich gar nicht wirklich versteht. Wo wird die Linie gezogen werden? Was ist jemandem wie Trump heilig? Die Presse macht sich zurecht Sorgen darüber, dass sie nicht zu Trumps unantastbaren Preziosen gehört.

Und welche Auswirkungen hat das auf den Rest der Welt?

“What happens in one country makes huge influence on what’s going on in other countries. So, I didn’t want Donald Trump to be elected because it would obviously encourage authoritarian politicians around the world to be more authoritarian, and it did.”

Über autoritäre Staatsformen weiß Trevor Noah ein oder zwei Dinge. Geboren wurde er in Johannesburg und Gegenstand seiner Stand-Up-Comedy waren vor allem seine Kindheitserinnerungen im Township, seine Begegnungen mit Vorurteilen und Apartheid. Erst 2011 kam er in die Staaten und schaffte es in kürzester Zeit als wiederkehrender Korrespondent in Jon Stewarts „Daily Show“, die er 2015 schließlich von ihm übernahm.

Die Basis seines politischen Kabaretts in Südafrika war ein sublimer Humor, tiefschlagfreie, pointierte aber respektvolle Kritik am System.

America, I’ve found, doesn’t like nuance. Either black people are criminals, or cops are racist — pick one. It’s us versus them. You’re with us, or you’re against us. This national mentality is fueled by the hysteria of a 24-hour news cycle, by the ideological silos of social media and by the structure of the country’s politics. The two-party system seems to actively encourage division where none needs to exist.” 

Wo Trump ist, hat sich der Respekt längst aus dem Staub gemacht – von Trumps Seite sowieso, aber auch seine politischen Gegner verlieren mehr und mehr die Fassung ob der schieren Idiotie seiner sogenannten Ansichten.

Instead of speaking in measured tones about what unites us, we are screaming at each other about what divides us — which is exactly what authoritarian figures like Mr. Trump want: Divided people are easier to rule. That was, after all, the whole point of apartheid. 

Für viele von uns, vor allem wenn es Trump betrifft, ist der Kompromiss nur das Präludium zum totalen moralischen Ausverkauf. Ja, Obama muss in seiner ersten öffentlichen Rede nach der Wahl das Land natürlich dazu auffordern, geeint hinter Trump zu stehen, ihm eine Chance zu geben, „denn wenn Trump Erfolg hat, hat Amerika Erfolg“ – aber ist das so? Viele Amerikaner definieren den Erfolg ihres Landes auf radikal andere Weise als Trump es tut. Dürfen wir wirklich aus Respekt vor dem Amt, das er in wenigen Wochen bekleiden wird, alles vergessen, was er in den letzten Monaten über Afro-Amerikaner, Latinos, Frauen, Homosexuelle, Muslime und jede andere Minderheit, die es bis in sein vernebeltes Bewusstsein geschafft hat, vergessen?

Nicht vergessen, meint Trevor, aber einen Weg der Kommunikation finden:

We should give no quarter to intolerance and injustice in this world, but we can be steadfast on the subject of Mr. Trump’s unfitness for office while still reaching out to reason with his supporters. We can be unwavering in our commitment to racial equality while still breaking bread with the same racist people who’ve oppressed us. I know it can be done because I had no choice but to do it, and it is the reason I am where I am today.

Es wird niemanden, der diesen Blog schon länger liest, überraschen, dass Nadyas Ansichten mir näher sind als Trevors. Es gibt meiner Meinung nach Dinge und Personen, die indiskutabel sind, die keinen Raum für Kompromisse bekommen dürfen, um nicht bleibenden Schaden an der Demokratie und den Menschenrechten zu riskieren. Barrikaden sind nicht da, um sie auszudiskutieren, man muss sie besteigen bzw. überwinden (da das Wort besteigen im Zusammenhang mit Trump bei mir negative Assoziationen hervorruft).  Aber so schwer es auch fällt muss ich doch eingestehen, dass Trevor Recht damit hat, dass zornige Menschen sehr viel leichter zu manipulieren sind, dass ein geteiltes Amerika Trumps Anhänger nur stärken wird, dass wir ihm zumindest so viel Raum geben müssen, um ihn scheitern zu lassen.

When you grow up in the middle, you see that life is more in the middle than it is on the sides. The majority of people are in the middle, the margin of victory is almost always in the middle, and very often the truth is there as well, waiting for us. 

Und positiv ist immerhin, dass das mit dem Scheitern bei Trump ja nicht lange dauern kann.

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