Abrechnung mit 2016:
Ist das Glas halb voll oder halb leer?

2016 war dermaßen chaotisch und bizarr, dass ich mich streckenweise gefragt habe, ob Tarantino die Regie für dieses Jahr übernommen hat.  – Aber dann hätte es intelligentere Dialoge und einen besseren Soundtrack gehabt.

Es sei das schlimmste Jahr aller Zeiten gewesen, hört man nicht selten in den sozialen Netzwerken, und ich kann nicht umhin mich zu fragen, ob wir wirklich schon so weit sind, dass wir z.B. 1348 (Pest) oder 79 (Pompeji) schlagen? Gut, Trump jeden Tag auf allen Titelblättern und in allen Nachrichtensendungen zu sehen, bringt einen schon dazu, an das bevorstehende Ende der Welt zu glauben….

Wir wollten das Jahr 2016 jedenfalls genauer bilanzieren und sehen uns jetzt an, ob das Glas halb voll oder halb leer ist:

+ (halb voll)

  • Im Jahr 2016 haben 93% aller Kinder lesen und schreiben gelernt, das ist die höchste Rate in der Geschichte der Menschheit.
  • Ebola wurde offiziell ausgerottet und Liberia ist jetzt frei von weiteren Fällen des tödlichen Virus.
  • Die Anzahl der Todesfälle von Frauen, die während der Schwangerschaft oder im Kindbett sterben hat sich seit 1990 weltweit fast halbiert.
  • Zum ersten Mal ist die Todesstrafe in mehr als der Hälfte aller Länder weltweit verboten.
  • Norwegen entschloss sich als erstes Land zum Verbot jeglicher Abholzung.
  • Costa Rica hat dieses Jahr 100 Tage lang ausschließlich erneuerbare Energien verwendet und will 2017 das ganze Jahr ohne fossile Brennstoffe auskommen.
  • Im Juli 2016 haben 800.000 Freiwillige in Indien 50 Millionen Bäume innerhalb eines Tages gepflanzt. Außerdem haben die Bewohner von Mumbai die größte Strandsäuberung aller Zeiten durchgeführt: mehr als 400 Tonnen Müll wurden gesammelt und entsorgt.
  • Sea World hat zugestimmt, keine Orcas mehr in Gefangenschaft zu züchten.
  • Pandas wurden von der Liste der bedrohten Tierarten genommen.
  • Die WHO gab bekannt, dass die Malaria-Todesfälle um 60% zurückgegangen sind.
  • 2016 wurden in China 15 Milliarden Dollar für wohltätige Zwecke gespendet – das ist zehn Mal so viel wie noch vor zehn Jahren.
  • Die durchschnittliche Lebenserwartung in Afrika ist heute fast 10 Jahre höher als im Jahr 2000.
  • Ach ja, Warren Buffet und Bill Gates haben natürlich auch paar Trillionen gespendet (wie immer), lassen Sie mich von Zuckerberg gar nicht erst anfangen….
  • Auf dem amerikanischen Kontinent (von Kanada bis Chile) gibt es keine Masern mehr. Es ist das erste Mal, dass ein kompletter Kontinent die Krankheit eliminieren konnte.
  • Deutschland (aka Angela Merkel) nahm trotz der Widerstände im Volk und ihrer Partei und trotz massiver Angriffe der Populisten im Land weitere 300.000 syrische Flüchtlinge auf.

—  (halb leer)

    • Bono wurde von “Glamour” zur Frau des Jahres gekürt (wie konnte das passieren?).
    • Pokémon ist zurück (ohne Worte).
    • Statistisch sind im Jahr 2016 vermutlich nicht mehr Prominente gestorben als in jedem anderen Jahr, aber es fühlt sich so an:
      Alan Rickman. Harper Lee. Guido Westerwelle. George Martin. Prince. Muhammad Ali. Caroline Aherne. Gene Wilder. Leonard Cohen. Zsa Zsa Gabor. George Michael. David Hamilton. Bud Spencer. Fidel Castro. Oleg Popow. Roger Willemsen. Edward Albee. Miriam Pielhau. Doris Roberts. Hans-Dietrich Genscher. Roger Cicero. Frank Sinatra. Nancy Reagan. George Kennedy. Peter Lustig. Umberto Eco. Carrie Fisher.
    • Aleppo. Einfach nur Aleppo. Es wurde alles gesagt aber nichts getan.
    • Trump trat als amerikanischer Präsidentschaftskandidat an.
    • Trump machte im Wahlkampf jede sexistische, rassistische, ausländerfeindliche, intolerante, stupide, diskriminierende Äußerung, die man sich vorstellen kann, wirklich angegriffen wurde er aber nur für seine Frisur.

  • Trump wurde gewählt – MIT seiner Frisur!
  • Im Jahr 2016 scheint der Terrorismus fast alltäglich geworden zu sein: Orlando (49 Tote), Istanbul (45 Tote), Nizza (77 Tote), Brüssel (35 Tote) und schließlich Berlin (12 Tote).
  • Weit erschreckender als der Terrorismus an sich ist in meinen Augen jedoch unsere Reaktion darauf: Anschläge in Europa lassen uns fassungslos (wenn auch tatenlos) zurück, wir suchen schnell nach Schuldigen (meist der Staatschef des Landes, in dem der Anschlag passierte, weil er zugelassen hat, dass die bösen Muslime ins Land kommen), wenden uns rechten Parteien zu, schütteln den Kopf über den Zustand der Welt, für den wir aber natürlich keinerlei Verantwortung tragen.
    In Berlin sterben jeden Tag knapp 100 Menschen. An einem schrecklichen Tag im Dezember waren es 12 mehr. Allein durch Autounfälle starben an diesem Tag mehr Menschen in Deutschland, dennoch lassen uns die Toten des Weihnachtsmarktes eine ganze Religion, einen ganzen Kulturkreis hinterfragen. Gleichzeitig zeigen wir keine Gefühlregung, wenn fast 3000 km weiter östlich in Syrien ein ganzes Volk umgebracht und vertrieben wird, zehntausende allein in Aleppo sterben. Ebola und ZIKA wurden 2016 in ihre Schranken gewiesen, die kollektive psychische Erkrankung, die uns in Krisensituationen dazu bringt, erst eine unkontrollierte Rechtsdrehung zu vollführen, um dann doch schnell den Kopf in den Sand zu stecken, wird leider gerade zur Pandemie.
  • Brexit. Das ist das, was passiert, wenn die Teilnahmslosigkeit der Jungen auf die Borniertheit der Alten trifft. Die Briten gehören jetzt also nicht mehr zu dem Verein, der sich selbst EU nennt, und was das genau bedeutet, kann von den Torys erst wirklich erörtert werden, wenn die EU herausgefunden hat, wer sie eigentlich ist und was sie eigentlich will (außer die Form von Karotten zu normen). Aber man kann ja auf jeden Fall schon mal dagegen sein.
  • Die White Helmets bekommen nicht den Friedensnobelpreis, sondern der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos, der in seinem Land für den Frieden „kämpft“. – Kämpfen scheint für das Nobelpreiskommittee ein dehnbarer Begriff zu sein, denn Präsident Santos tut es an seinem Schreibtisch sitzend und Friedensabkommen unterzeichnend, die seine Berater vorbereiten. Inwieweit dieser „Kampf“ vergleichbar ist mit dem, was die White Helmets jeden Tag tun, muss man wohl nicht verstehen. Bitte spenden Sie für die White Helmets, wenn Sie können!
  •  Der Jemen wird im zweiten Kriegsjahr von einer grauenhaften Hungersnot heimgesucht, die kaum wahrgenommen wird – wir suchen ja Pokémons und sind schon damit beschäftigt, Syrien zu ignorieren
  • Das Oxford Dictionary hat post-truth zum Wort des Jahres 2016 gewählt. Und zwar mit Recht. – Und mit folgender Begründung:

    “It is an adjective defined as relating to or denoting circumstances in which objective facts are less influential in shaping public opinion than appeals to emotion and personal belief.”

    Was das übersetzt heißt? Es heißt, dass wir manipulierbare Idioten sind – und zwar manipulierbarer und idiotischer als jede Generation vor uns. Wir leben in der „postfaktischen“ Ära, das heißt, uns ist egal, was wahr ist, uns interessiert nur, welche Wahrheit uns am besten verkauft wird. Und über die „Social Media“, allen voran natürlich Twitter, kann man uns absolut alles verkaufen!

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