Sinnlosmarsch nach Aleppo

Medienwirksamer geht es kaum: eine junge Frau, Mutter von zwei kleinen Kindern, beschließt, sie kann nicht mehr länger vor dem Fernseher sitzen bleiben, sondern muss „etwas tun“ und organisiert einen Marsch nach Aleppo.  –  Klingt doch gut, oder?  Dank Sozialer Medien ist die Aktion (und natürlich die Frau) innerhalb weniger Wochen in aller Munde. Sie will „die Route der Flüchtlinge rückwärts gehen“, von Berlin über die Tschechische Republik, Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Griechenland und die Türkei nach Syrien. Schnell noch ein „Manifest“ geschrieben (nennt sie auf ihrer Homepage tatsächlich so), ein Pressesprecher engagiert und los ging es am zweiten Weihnachtsfeiertag.

Die Frau ist Anna Alboth, polnische Journalistin und Bloggerin, die seit 9 Jahren mit ihrem Mann in Berlin lebt.

Bekannt wurde sie durch ihren Blog Family Without Borders, in dem sie darüber berichtet, wie sie mit Mann und Kindern durch die Welt reist (gesponsert durch diverse Product Placements auf dem Blog). Reisen planen hat die Familie drauf, so stand auch für den Marsch nach Aleppo innerhalb weniger Wochen das Crowdfunding, eine Website und eine Facebook-Kampagne. Begleitärzte werden organisiert, die Route soll auch dauerhaft von der Polizei  begleitet werden, zum optimalen Schutz der Marschierenden.

Klingt nicht mehr so gut. Spätestens da habe ich mich zum ersten Mal gefragt, was man mit all diesem Geld alles SINNVOLLES hätte tun können. Denn Anna nimmt nicht etwa Lebensmittel mit nach Aleppo oder Medikamente, warme Winterkleidung oder Spielsachen für die syrischen Kinder, sie organisiert keinen Konvoi mit Hilfsgütern. Sie marschiert, um „Aufmerksamkeit auf den Syrienkrieg zu lenken“. Entschuldigung? Der Krieg in Syrien ist der medial präsenteste Krieg in der Geschichte der gewaltsamen Auseinandersetzungen. Über keinen Krieg wurde weltweit so viel berichtet wie über Syrien, was Syrien braucht, ist nicht mehr Aufmerksamkeit, sondern mehr Hilfe!

Bitte, lauf in den Jemen, Anna, der Krieg dort braucht wirklich dringend Aufmerksamkeit!

würde ich ihr am liebsten zurufen.

In den Jemen kommt sie aber nicht rein, werden Sie mir jetzt gleich sagen, doch ich halte dagegen, dass sie auch nicht wirklich glaubt, nach Syrien zu kommen. Sie rechne damit, spätestens an der türkischen Grenze aufgehalten zu werden, so Anna gegenüber der Presse, das mache aber nichts, denn wie weit der Marsch kommt, darum gehe es gar nicht – ??? Also ein Friedensmarsch nach Aleppo, von dem die Organisatoren schon vor dem Aufbruch davon ausgehen, dass er nie in Aleppo ankommt?

Achja, und friedlich ist er leider auch nicht, denn bereits an Tag 1 gab es Konflikte unter den Marschierenden: exilierte Syrer wollten den Marsch unterstützen und die Flagge der syrischen Revolution bei sich führen – nicht mit Anna. Wozu hat man schließlich ein Manifest geschrieben? Auf dem Marsch ist nur die weiße Fahne erlaubt, um politische Neutralität zu signalisieren. –  Doch kann man, darf man politisch neutral sein im Angesicht dessen, was in Syrien passiert? Nach 600.000 Toten? Millionen Vertriebenen? Viele der Teilnehmer waren zurecht empört und distanzierten sich von der Aktion.

„If you are neutral in situations of injustice you have chosen the side of the oppressor.“Desmond Tutu

Anna lässt außer Acht, was es für Syrer bedeutet, unter weißer Fahne zu laufen: aufzugeben, sich zu ergeben.

“The hurtful memories when we had to wave the white flags when desperately trying to reach injured people in the middle of a cross fire and knowing that the white flag meant surrendering in this case…if you don’t accept how hurtful these things are for some of us and impose them on us, you are just being ignorant. i never, never, never want to need to lift a white flag again while desperately trying to reach someone who then slowly blead to death in front of me. (Zihny Zeytin)

Das ist nur einer der zahlreichen Kommentare, die auf Facebook in einer Gegenbewegung gegen den Marsch laut werden. Und es ist traurigerweise bezeichnend, dass die Meinung der syrischen Zivilbevölkerung nie zählt, wenn es um ihr Land, um ihr Syrien geht, weder bei Wahlen, noch bei Friedensverhandlungen noch hier bei diesem Marsch. Es entscheiden immer andere, was für Syrien das Beste ist – in diesem Fall ein paar europäische Backpacker.

Der Marsch ist ein weiteres Beispiel dafür, wie wenig der Westen versteht, vom Nahen Osten und vom Krieg. Unpolitisch zu sein ist ein Luxus, den sich im arabischen Raum seit Jahrzehnten niemand mehr leisten kann und darf. Der Krieg ist nicht neutral, also kann es der Frieden, wenn er denn je kommt, auch nicht sein. Der einzige Frieden, den zu erkämpfen es sich lohnt, ist der gerechte, der den Despoten und Massenmörder, der derzeit in Syrien an der Macht ist, nicht für europäische Mittdreißiger, die mal „etwas tun“ wollen, weichspülen muss.

Was Syrien braucht, ist genau das Gegenteil von Neutralität: ein Bekenntnis! Ich höre hier immer wieder von Freunden, dass sie nicht wissen, welche Seite sie unterstützen sollen, dass beide Seiten Kriegsverbrechen begangen haben, Assad tut wenigstens etwas gegen ISIS, was käme wohl nach Assad… blablabla. Für die syrische Zivilbevölkerung sind solche Äußerungen ein Schlag ins Gesicht. Was wir brauchen ist, dass Europa Stellung bezieht gegen Assad und vor allem seine russischen und iranischen Unterstützer, das „Unpolitische“ hat viel zu lange geherrscht.

Was genau bringt also dieser Marsch – außer Aufmerksamkeit für Anna Alboth? Hoffentlich die Erkenntnis, dass der grausame syrische Krieg nicht als Projektionsfläche für die (un)politische Selbstdarstellung gelangweilter Europäer herhalten sollte. Ich bin immer dafür, wenn es darum geht, „etwas zu tun“ – aber es wäre schön, wenn dieses Etwas einen anderen Sinn hätte, als das eigene Gewissen zu beschwichtigen und seinen Namen in die Zeitung zu bringen.

In Großbritannien wurde eine großartige Initiative gestartet (vor dem Civil March), der „People’s Convoy“. Nein, die Organisatoren laufen nicht nach Aleppo – sie beladen Lastwagen mit medizinischem Equipment und fahren. Weit weniger medienwirksam, zugegeben, dafür hilft es den Menschen dort aber tatsächlich.

Bitte spenden Sie, wenn Sie können.

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