Diala – die Flucht nach der Flucht

In ihrer kleinen Wohnung in Beirut bin ich immer über den Koffer gestolpert, der gepackt neben  ihrer Wohnungstür stand. Sie war immer bereit zur Flucht – dabei hatte sie genau die doch eigentlich schon hinter sich. Wer es aus Syrien heraus und in den Libanon geschafft hat, sollte sich doch sicher fühlen, sollte angekommen sein, oder?

Angekommen ist sie in Beirut nie; Autobomben, Demonstrationen, Streiks, Anfeindungen, Müll, Chaos, Diskriminierung. Der Libanon ist kein Land, in dem Syrer sich dauerhaft niederlassen, sich ein neues Leben aufbauen können. Der Libanon ist ein Übergang, eine Notlösung, die mittlerweile für viele Flüchtlinge mehr Not als Lösung darstellt.

Komm mit mir, habe ich mehr als einmal zu ihr gesagt, hier kannst du nicht bleiben. Eigentlich kann niemand auf Dauer hier bleiben. Aber sie wollte nicht fliehen, nicht noch einmal, sich nicht noch einmal bei Nacht und Nebel aus einem Land stehlen in ein anderes, nicht gewollt sein. Ganz offiziell sollte diesmal alles sein, ein bewilligter Asylantrag, eine abgesegnete Einreise. Noch bis Ende 2017 hätte sie Zeit gehabt, so lange ist ihr syrischer Pass gültig, auf dessen Foto sie noch Hijab trägt und bei dessen Ausstellung von Krieg noch keine Rede war, doch plötzlich ging alles ganz schnell: Frankreich war die Tür, die sich öffnete.

Seit zwei Monaten nun lebt die syrische Künstlerin Diala Brisly, die uns maßgeblich bei unserem Zeltschule-Projekt unterstützt hat, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Marseille. Eine Sponsor-Familie hat sie aufgenommen, wenn wir skypen sitzt Diala jetzt im Zimmer eines Teenager-Sohnes der Familie, weil ihr eigenes keinen Internetanschluss hat, der immer präsente Straßenlärm von Beirut wurde ersetzt durch totale Stille. Wenn ich sie damit aufziehe, dass sie jetzt wohnt, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, erwidert sie lachend, dass es hier sogar Füchsen und Hasen zu langweilig ist. Ein fremdes Bild, aber sie wirkt auch in dieser neuen Kulisse vertraut: sie ist immer noch sie selbst. Wenn ich etwas immer an ihr bewundert habe, dann das: ihre Fähigkeit, auch inmitten eines Hurrikans immer noch ganz bei sich zu sein.

Unser Gespräch führten wir bei Windstille:

Wie sieht dein neues Leben in Frankreich aus und fühlt es sich wirklich schon wie ein neues Leben an?

Die Familie, die mich aufgenommen hat, ist unglaublich. Ich werde hier behandelt wie eine weitere Tochter. Ich lebe in einem kleinen Dorf in der Nähe von Marseille. Hier ist nicht viel geboten, aber genau das brauche ich nach dem sich ständig selbst überholenden Leben in Beirut, hier kann ich endlich zur Ruhe kommen und mich aufs Malen konzentrieren.

Du kannst also auch in Frankreich weiterhin als Künstlerin tätig sein?

Da ich immer als Freiberuflerin gearbeitet habe und auch im Libanon bereits alle meine Bilder in den Westen verkauft habe (es wäre mir gar nicht gestattet gewesen, sie im Libanon zu verkaufen) hat sich beruflich für mich nicht viel geändert. Ich tue das, was ich in Beirut auch getan habe, und habe schon Projekte bis Ende 2017. Was sich geändert hat, ist, dass ich jetzt mehr Freiheiten habe, andere Künstler zu treffen und mich auszutauschen, das genieße ich sehr.

Wir haben oft darüber gesprochen, dass in Beirut immer ein gepackter Koffer hinter deiner Tür stand. Das Gefühl, jeden Moment zur Flucht bereit sein zu müssen, hat dich nie verlassen. Ist der Koffer jetzt weg?

Er ist nicht weg, aber er ist ausgepackt und auf meinem Schrank verstaut. Noch habe ich keine endgültige Aufenthaltsgenehmigung, ich habe aber tatsächlich das Gefühl, dass das nur eine Frage der Zeit ist und sehe dem relativ entspannt entgegen. Ich habe nach sehr langer Zeit zum ersten Mal wieder das Gefühl, mich niederlassen zu können, ein echtes Leben führen zu können, anstatt ständig auf dem Sprung zu sein, ständig über meine Schulter zu sehen.

Trotzdem war der Abschied vom Libanon nicht leicht. Du hattest engen Kontakt mit vielen syrischen Flüchtlingen und hast dich besonders für die Kinder in den Lagern immer sehr verantwortlich gefühlt.

Ja, der Abschied von den Kindern hat mir das Herz gebrochen. Sie haben mich gefragt, wann ich wieder komme, wann wir wieder gemeinsam malen, und ihnen die Wahrheit zu sagen war nicht einfach, trotzdem habe ich es natürlich getan. Sobald meine Aufenthaltssituation geklärt ist und ich die nötigen Papiere habe, werde ich in den Libanon reisen und „meine“ Kinder besuchen. Bis dahin ist es eine wunderbare Lösung für mich, von hier aus etwas beitragen zu können, indem ich die Wandbemalungen für deine Schulen mache und du sie mitnimmst. So kann ich trotzdem noch für meine Kinder malen und ihnen ein Stück von mir schicken.

Dialas Gemälde an unserer 1. Zeltschule

Kannst du genauer erzählen, was du gerade für die drei neuen Schulen, die wir im Februar bauen wollen, tust?

Nachdem ich die Maße der Zelte von dir bekommen habe, habe ich begonnen, einen Holzrahmen in der Größe der Zeltwände zu bauen, die ich bemalen soll. In diesen Rahmen werde ich die Leinwände spannen und sie bemalen, damit du sie dann – getrocknet – mitnehmen kannst. Ich kann es kaum erwarten bis du dann zurückkommst, und mir Bilder der fertigen Schulen zeigst!

Und im Sommer kommst du nach München…..

Ja, darauf freue ich mich sehr. Ich werde mit den Kindern der Tumblingerschule, die das Zeltschule-Projekt überhaupt erst möglich gemacht haben, gemeinsam eine Mauer ihres Schulhofes bemalen. Ich staune immer noch über die Bilder des Abschlussgottesdienstes der Schule letztes Jahr, die du mir geschickt hast:  meine Bilder, projiziert auf eine große Leinwand in einer christlichen Kirche, direkt neben dem Kreuz. Eine muslimische Künstlerin als Teil eines christlichen Gottesdienstes. Wenn das möglich ist, wenn wir so weit sind, dann macht mir das viel Hoffnung für die Zukunft.

print

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.