Die grünen Busse von Aleppo – und was jetzt?

Für viele Menschen im Westen war es eine Erleichterung: Es ist vorbei. Endlich. Aleppo ist befreit.

Doch das einzige, was tatsächlich aufgehört hat, sind die fast stündlichen Posts auf Facebook, die jeden Tag größer und blutiger werdenden Bilder auf den Titelseiten der Zeitungen.

Mit dem Ende der Kämpfe ist der Winter über Aleppo eingebrochen. Über den weißen Staub zerstörter Gebäude legte sich eine Schneedecke, machte es uns noch einfacher, zu verdrängen, was dort geschehen ist. 4000 Jahre hat Aleppo standgehalten, nun wurde es zu einer dystopischen Ruine.

In einem Konvoi grüner Busse mit dem Konterfei Assads werden die Menschen „evakuiert“ – als wäre der Krieg ein Tsunami gewesen und man müsste die Menschen nur ins Trockene bringen. Doch in Syrien gibt es keine trockenen Gebiete mehr, keinen Flecken, der vom Krieg unangetastet blieb, sie werden von Aleppo nach Idlib evakuiert, um dort in kürzester Zeit wieder unter Beschuss zu sein – im Auftrag des Mannes, dessen Bild auf ihrem Bus ist.

Niemand denkt hier, dass etwas vorbei ist.

Hat Assad nun also gewonnen?

Aleppo war strategisch ein wichtiger Sieg für Assad (nicht umsonst haben sich alle Parteien bis zuletzt an diese Stadt geklammert), allerdings ist fraglich, ob wirklich Assad sie erobert hat. Seine stark dezidierten Truppen waren den Rebellen hoffnungslos unterlegen und der „Sieg“ in Aleppo geht weit mehr auf das Konto seiner Verbündeten Iran und Russland. Die massiven Bombenangriffe Russlands und die Bodentruppen der irangesteuerten Milizen (darunter Schiiten aus dem Irak und Afghanistan und nicht zu vergessen die libanesische Hisbollah) haben den Rebellen in Aleppo den Todesstoß gegeben.

Ist die Niederlage der Rebellen in Aleppo gleichbedeutend mit der Niederlage der Revolution?

Nein. Assads Armee prahlt zwar damit, die wichtige Achse Damaskus-Homs-Aleppo zurückerobert zu haben, aber nicht einmal seine Anhänger glauben wirklich, der Sieg in Aleppo könnte das Land stabilisieren. Die ursprünglichen Gründe für die Revolution, die Unterdrückung des Volkes durch das Regime, werden mit jedem Tag, den der Krieg andauert, deutlicher und unleugbarer. Die Ursachen der Proteste waren weder ideologischer noch religiöser Natur, so sehr westliche Medien jetzt auch oft einen anderen Eindruck vermitteln wollen. Die Menschen gingen auf die Straße gegen politische Unterdrückung, wirtschaftliche Not, Menschenrechtsverletzungen, Arbeitslosigkeit, Armut und Korruption – also mehr als nachvollziehbare Forderungen. Je mehr Syrien blutet, desto mehr wird es darauf bestehen, nicht umsonst geblutet zu haben.

Ist der Krieg dann jetzt bald vorbei?

Nein. Weder sind die Rebellen im Land besiegt, noch hat das sog. „Kalifat“ ISIS aus dem Land vertrieben. Die Rebellen kontrollieren immer noch Teile des Südens und Nordwestens, vor allem den neuen Brennpunkt Idlib. Der Sieg in Aleppo hat Assad in seiner Kriegsstrategie des Einsperrens, Aushungerns und Aus-Der-Luft-Bombardierens bestätigt, es ist anzunehmen, dass er und seine Verbündeten den Krieg gegen das eigene Volk (das Assad pauschal als regimefeindlich und daher vogelfrei ansieht) weitermacht und die Unterstützung von Russland und dem Iran garantiert ihm auch nahezu unbegrenzten Waffennachschub.

Wer hat die Halebbiner (so heißen die Einwohner der Stadt, da Aleppo auf Arabisch „Hallab“ heißt) unterstützt?

Die Liste der Länder, die in Syrien mitmischen ist lang, aber dennoch waren die Halebbiner völlig allein. Bis zuletzt klammerten sich viele an die Hoffnung, wenn es nur schlimm genug würde, wenn das Regime nur weit genug gegangen wäre, würde die Welt entscheidend eingreifen – doch das hat sie nicht.

Ist der Krieg zu kompliziert, um wirklich Stellung beziehen zu können?

Das ist die Einstellung vieler, nicht zuletzt auch der Teilnehmer des Aleppo-Marsches. Es sei angeblich unmöglich, die überlagerten Forderungen und Konflikte der einzelnen Parteien zu verstehen, man müsse sich da „als Außenstehender“ raushalten, höre ich immer wieder.

Ist es kompliziert? Ja. Die vier Haupt-Konfliktparteien im Land sind Assad, ISIS, die Rebellen und die Kurden. Hinter jeder dieser Parteien stehen regionale und internationale „Strippenzieher“, die sich einmischen und denen die eigenen Interessen weit mehr am Herzen liegen als die der Syrer. Ironischer Weise sind die Parteien sich ihrerseits darin uneins, für wen oder gegen wen sie kämpfen.

In der Tat haben die westlichen Beobachter, die 2011 bereits den unmittelbar bevorstehenden Sturz des Assad-Regimes prophezeiten, nicht verstanden, dass eben dieses Regime sogar den Aufstand gegen sich selbst für eigene Zwecke missbrauchen konnte: nämlich indem es eben die Gräben in der Bevölkerung, die sich bei den Aufständen aufgetan hatten, systematisch vertiefte, unüberbrückbar machte. Es ist auch richtig, dass sich der Konflikt durch eine geopolitische Problemlawine rasend schnell in einen Stellvertreterkrieg („Rent-a-battlefield“) verwandelt hat. Der Westen sah und nahm den einfachen Ausweg: in Syrien bekämpfen sich böse Dschihadisten und ein böser Diktator, da hält man sich besser raus. Und als dann auch noch ISIS dazukam…..

Der Kreis schliesst sich zum 11. September

Doch die Frage ist, ob wir es uns wirklich leisten können zu glauben, uns aus Konflikten lediglich deswegen, weil sie kompliziert sind, heraushalten zu dürfen. Wir leben in einer ständig komplizierter werdenden Welt und wenn wir ihr nicht vollkommen ausgeliefert sein wollen, unser Mitspracherecht und unsere Stimme behalten wollen, dürfen wir vor komplexen Themen nicht zurückschrecken und sie als Ausrede für Neutralität benutzen.

Ist die FSA noch aktiv?

Ja. Die Geschichte der Freien Syrischen Armee ist eine besondere: Sie bildete sich aus den Reihen von Geheimdienst, Polizei und Armee – also Menschen, die an der Niederschlagung der Demonstrationen beteiligt waren und dann übergelaufen sind um sich dem Regime entgegenzustellen. Gerade weil sie von der „anderen Seite“ kommen, sind sie heute vielleicht die entschlossensten Regimegegner.

Wie kam es zum Stellvertreterkrieg?

Krieg (besonders einer, bei dem es um die großen heroischen freiheitlichen Ziele geht) hat auf viele eine magische Anziehungskraft. 2012 machten sich Dschihadisten aus aller Welt auf den Weg nach Syrien, man könnte fast von einer ideologischen Mobilmachung sprechen. Assad unterband das nicht etwa, sondern begnadigte sogar in Syrien gefangene Dschihadisten, um ihnen zu ermöglichen, sich den Rebellen anzuschließen. Weil er so ein Menschenfreund ist? Kaum. Er wollte die Aufständischen radikalisieren (was ihm auch gelang) und im Ausland diskreditieren (was ihm ebenfalls gelang). Al-Qaida wollte bei diesem Spaß natürlich auch nicht nur auf der Tribüne sitzen und bildete im Januar desselben Jahres die Al-Nusra-Front. Dann sahen kurdische Gruppen ihre Chance, im allgemeinen Chaos, das doch früher oder später zu einer Neuordnung führen muss (oder? ODER?) mehr Autonomie zu erkämpfen. Nachdem sich alle gegen ihn zu verbünden schienen, suchte dann Assad seinerseits Hilfe im Ausland und…… voilà: Stellvertreterkrieg.

Wie viel Macht hat Assad denn tatsächlich über seine Verbündeten?

Hinter Assad stehen der Iran, Russland, die libanesische Hisbollah und irakische Milizen. Hinter ISIS stehen Dschihadisten aus aller Welt. Die Rebellen werden von den Golfstaaten, der Türkei, Jordanien und den USA unterstützt. Hinter den Kurden stehen die USA. Wer hat hier also das Sagen?

Jedenfalls nicht Assad. Damaskus kann die ausländischen „Unterstützer“ nicht mehr kontrollieren, er ist selbst zum Stellvertreter geworden, alle wichtigen Entscheidungen werden im Iran und in Russland getroffen. Vielleicht gewinnt er diesen Krieg irgendwann, aber es kann gut sein, dass ihm Syrien dann bereits nicht mehr gehört.

Assad tut zumindest etwas gegen ISIS. Oder?

Das höre ich immer wieder. Assad tut etwas gegen ISIS. Als hätte er sich das ausgesucht, als täte er es aus reinem Altruismus, als hätte er sich gegen ISIS positioniert und nicht umgekehrt. Als könnte das je relativieren, was er seinem eigenen Volk antut. Wer also immer noch glaubt, Assad sei unsere beste Waffe gegen die Extremisten, dem sei gesagt, dass es weltweit kein politisches Feuchtbiotop gibt in dem Extremismus schneller wächst und gedeiht als das von Assad, Putin und Konsorten geschaffene. Also wenn Sie auch alles andere nicht kümmern mag (Sie wissen schon, das unappetitliche Zeug wie Ermordung und Vertreibung des eigenen Volkes, religiöse Unterdrückung, Menschenrechtsverletzungen usw.), so sollte Ihnen doch wenigstens klar sein, dass Assad der falsche Verbündete ist bei dem, was die Medien immer den „Kampf gegen den Terror“ nennen. Der neue US-Präsident macht die Sache natürlich nicht leichter, denn er hat nicht nur keinerlei Berührungsängste mit dem syrischen Regime, sondern verstärkt auch noch das falsche Bild der meisten, man müsse sich im Syrienkonflikt entweder für Assad oder ISIS entscheiden:

„Ich mag Assad überhaupt nicht, aber Assad tötet ISIS. Russland tötet ISIS.“

Welche Rolle spielen die sozialen Medien in diesem Krieg?

Die Sozialen Medien bringen uns ja angeblich näher zusammen. Empathiesteigernd sind sie aber augenscheinlich dennoch nicht, denn obwohl sich die humanitäre Katastrophe in Aleppo buchstäblich vor unseren (am Display fixierten) Augen abspielte, obwohl sogar 7jährige täglich von ihrem Elend twitterten, tat die Welt…. ähm….. Moment mal…. ach nein, es war tatsächlich nichts. Aleppo war die Bankrotterklärung unseres kollektiven Gewissens. Wenn man vergleicht, wie viele Menschen Anfang des neuen Jahrtausends gegen den Irakkrieg demonstriert haben, zeigt das, wie oberflächlich unser „Interesse“ an Syrien ist, wir konsumieren die Bilder, beschäftigen uns aber nicht mit dem Problem. Es ist vielleicht für uns etwas Besonderes, dass Facebook, YouTube und Twitter erstmalig in der Geschichte der Menschheit quasi einen Krieg-Live-Stream anbieten, der Isolation der Halebbiner hat das aber keinen Abbruch getan. Wenn überhaupt, dann machen es die Sozialen Medien nur leichter für Russland und Konsorten, eine breite Öffentlichkeit mit „postfaktischen“ Fehlinformationen zu manipulieren.

Ist eine diplomatische Lösung noch denkbar?

Nein. Das war sie im Grunde noch nie. Assad und seine Verbündeten haben zu keinem Zeitpunkt ernsthaftes Interesse an einer Beendigung des Krieges gezeigt. Die Rebellen sind in Assads Augen „Terroristen“ und mit denen verhandelt man bekanntlich nicht. Eine politische Lösung würde sehr wahrscheinlich Assads Absetzung beinhalten, deswegen wird er das mit allen Mitteln (und dank seiner Unterstützer hat er deren viele) verhindern wollen.

Was bedeutet die Konterrevolution für den arabischen Raum?

Es ist die Zeit der Konterrevolution, aber das heißt nicht, dass die arabischen Regimes ihre Macht auf ewig gesichert haben. Die Konterrevolution kann, darf nicht das Ende der nahöstlichen Geschichte sein.

„And, not the least, for those of us who dared dream of seeing a noble revolution come to fruition. Aleppo will be a bleak reminder of how costly and at times seemingly unattainable Freedom and Justice can be. We mourn our memories, our comrades, our loved ones.
We mourn our naiveté, our ignorance, our ideologies.
But, make no mistake, we do not mourn our debt to the fallen; our determination to see justice through; or our hope for a better Syria.
This story has not ended.“ 

(Taha Bali)

Wie geht es jetzt weiter?

Wie bisher: mit Krieg. Die Rebellen werden weiter unter Druck geraten und sich dadurch auch weiter radikalisieren (wie in Idlib bereits geschehen). Die Syrer und Syrerinnen werden weiterhin zwischen den beiden Seiten zerrieben werden. Die humanitäre Lage wird sich weiter verschlechtern, es werden weitere Flüchtlingswellen aus Syrien in die Nachbarländer strömen. Und für das Assad-Regime und seine Verbündeten wird das weiterhin keinerlei Konsequenzen haben. Ausschlaggebend für die Dauer des Krieges wird vor allem sein, wie lange die Geldgeber der Rebellenbewegung (vor allem USA, Libyen, Katar, VAE) noch in diesen Konflikt investieren wollen.

Ertragen haben die Syrer bisher unglaubliches:

  • Hunderttausende haben Angehörige und ihre Heimat, ihr ganzes Hab und Gut verloren
  • Von Lebensmitteln bis zu Blutkonserven wurde unter Lebensgefahr alles Mögliche in die besetzten Gebiete geschmuggelt
  • Politische Magazine wurden heimlich gegründet, um gegen die Propaganda des Regimes vorzugehen
  • Ärzte wurden zu Tode gefoltert, weil sie Rebellen medizinisch versorgten
  • Lehrer wurden zu Tode gefoltert, weil ihr Lehrplan nicht regimekonform war
  • Revolutionäre wurden von Extremisten entführt
  • Regimetreue wurden von den Rebellen entführt

Vor allem aber haben sie ausgeharrt. Monate-, jahrelang ausgeharrt. Sie blieben trotz Hunger, Chaos, Fassbomben, Wassermangel, Terroranschlägen und Dschihadisten – weil sie an etwas glaubten und waren unvorstellbar kreativ, hilfsbereit und tapfer in der Erduldung dieses Horrors.

Wir kommen zurück, Aleppo!“ steht an den Häuserwänden der Ruinen, selbst die Halebbiner, die zur Flucht gezwungen wurden, die beim besten Willen nicht mehr ausharren konnten, wollen sich nicht geschlagen geben, ihre Stadt nicht aufgeben und hätten das auch nicht, wenn man sie unterstützt hätte. Aleppo ist „gefallen“ sagt man im Kriegsjargon, aber das stimmt nicht. Es ist nicht gefallen wie ein Kind auf einer Eisplatte ausrutscht. Es wurde mit unvorstellbarer Wucht in einen Abgrund gestoßen. Und wir haben zugesehen.

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