DIY-(Welten)MACHER: Nicholas Kristof und Sheryl WuDunn

Heute stellen wir zum ersten Mal ein (Welten)Macher-Paar vor: Nicholas Kristof, New York Times-Kolumnist, zweifacher Pulitzer-Preisträger und Sklavenbesitzer und seine chinesisch stämmige Frau Sheryl WuDunn, die ebenfalls für die NYT schreibt, ebenfalls einen Pulitzerpreis hat und ihren Mann beim Kauf von zwei Sklavinnen unterstützt hat.

Aber lassen Sie mich bitte am Anfang der Geschichte der beiden beginnen: gerade frisch verheiratet wurde das Paar Ende der 80er Jahre von der New York Times nach China geschickt, um dort über das Massaker am Tian’anmen-Platz, am Platz des Himmlischen Friedens zu berichten. Der Auftrag war für beide lebensverändernd, wie Sheryl später berichtet:

„We were horrified by what we saw in Tiananmen. But then we went roaming in the countryside a year or two afterwards and started finding all this stuff we had never heard about: the infanticide, with 30 million baby girls missing in the Chinese population.“

Sie fanden heraus, dass in China jede Woche mehr Mädchen sterben, weil man ihnen den Zugang zu medizinischer Behandlung verwehrt, als am Platz dem Himmlischen Friedens gestorben sind – trotzdem war letzteres eine Titelgeschichte, für die sie den Pulitzerpreis bekamen, während von den Abertausenden sterbenden Mädchen niemand berichtet.

1996 kam der zweite Weckruf für Shannon und Nick: sie waren in Kambodscha unterwegs und wurden in einem kleinen Dorf in der Nähe von Phnom Penh Zeugen einer Versteigerung auf dem Dorfplatz: die Jungfräulichkeit eines Teenager-Mädchens wurde öffentlich zum Verkauf angeboten. Besonders verstörend fand Nick die Anwesenheit mehrerer Polizisten, die nicht etwa das Mädchen beschützten, sondern dafür sorgten, dass sie nicht weglaufen konnte:

“The main difference from 19th-century slavery was that all these girls would be dead of Aids by their twenties. I was really shaken by how open it was, how blatant. It wasn’t underground slavery, it was like what a cutting plantation would have been 150 years earlier.“

Weitere acht Jahre vergingen mit zahlreichen Reisen und dem Sammeln von Fakten über etwas was Sheryl und Nick schließlich nicht Genozid, sondern “gendercide” nennen, weil es ein gezieltes Auslöschen von Frauen zum Ziel hat, ehe sie 2014 nach Kambodscha zurückkehren und in einem Bordell in Poipet im Nordwesten für 307 US-Dollar zwei fragile Mädchen namens Srey Neth und Srey Momm kaufen. Sie bekommen sogar eine Quittung. Beide Mädchen hatten keine Ahnung, wie alt sie waren, wurden von Nick und Sheryl aber auf etwa 14 Jahre geschätzt. Das Paar brachte die Mädchen zurück in ihr Heimatdorf auf der anderen Seite Kambodschas und unterstützte sie dabei, langsam wieder in die Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden. – Prostituierte zu kaufen und dann nach Hause zu bringen mag wie eine sehr extreme Methode aussehen, um gegen die Unterdrückung von Frauen zu kämpfen, doch Nick und Sheryl kamen während ihrer jahrelangen Recherchen zu dem Schluss, dass nur extreme Maßnahmen gegen ein Verbrechen wie den „gendercide“ wirksam sind.

So entstand ihr bahnbrechendes Buch „Half the Sky“ (bennannt nach dem chinesischen Sprichwort „Women hold up half the sky“).

Sie fassten darin zusammen, was ihnen während ihrer monatelangen Recherche immer klarer wurde: die weibliche Sklaverei ist ein weltweites Problem mit vielen Gesichtern. Jedes Jahr verschwinden mindestens 2 Millionen Mädchen aufgrund von Diskriminierung, sexueller Sklaverei, Ehrenmorden, Vergewaltigung als Kriegsstrategie, Genitalverstümmelung, dem Ausschluss von medizinischer Versorgung und Bildung. Sie weiteten ihre Recherchen von China und Kambodscha nach Indien, Korea, Japan und schließlich Afrika aus. Überall schienen Zusammenhänge zu bestehen.

„Over the years we began to think about the thread between all of this. We realized there was a societal attitude that doesn’t allow women to be active members of society, that doesn’t treat them like human beings. That’s the link: the disregard of women as human beings.“

Grausam aber wahr. Weltweit. 1780, auf dem Höhepunkt des amerikanischen Sklavenhandels, wurden 80.000 Sklaven von Afrika nach Amerika transportiert. Eine humanitäre Katastrophe. Nick und Sheryl machen in ihrem Buch aber darauf aufmerksam, dass heute mehr als zehnmal so viele Frauen, über 8 Millionen jährlich, über internationale Grenzen verkauft werden, auch in europäischen und amerikanischen illegalen Bordellen gefangen gehalten und zur Prostitution gezwungen werden, ohne dass es jemanden interessiert. Über 60 Millionen Frauen weltweit werden vermisst – eine unglaubliche Zahl.

“The equivalent of five jumbo jets‘ worth of women die in labor each day. Every 10 seconds a girl somewhere in the world is pinned down, her legs pulled apart and a part of her genitals cut off, mainly without anesthetic.”

Wenn also mehr Frauen aufgrund ihrer Weiblichkeit getötet werden, als Juden im Dritten Reich aufgrund ihrer Religion oder Sklaven im 18. Jahrhundert aufgrund ihrer Hautfarbe, warum lesen wir nicht jeden Tag in der Zeitung davon, warum ist das nicht Thema auf jedem politischen Gipfel, nicht auf Seite 1 in jedem Parteibuch? Nick hat eine einfache Antwort darauf: weil Männer entscheiden, was wichtig ist, was berichtenswert ist.

And it’s partly that our definition of what constitutes news is a legacy of the perspective of middle-aged men. It may well be that one major reason why high-school girls drop out of school around the world is that they have trouble managing menstruation, and probably one reason nobody has cottoned on to this is that people who run aid organizations and write about it have never menstruated.“

Es ist verdammt schwierig, die Menschen dazu zu bringen, sich für alltägliches wie die Unterdrückung von Frauen, Missbrauch, Prostitution, Mädchenhandel etc. zu interessieren. Das haben wir alles schon x-mal gehört, da winken wir gelangweilt ab, selbst Frauen. Um sich eine Zeitung oder gar ein Buch zu kaufen, brauchen die Leute mehr Drama. Doch Nick und Sheryl kommt zugute, dass sie ihr Handwerk gelernt haben, in ihrem Buch werden nicht Zahlen und Fakten gebetsmühlenartig rezitiert, sondern wir lernen Menschen kennen, einzelne Menschen und ihre Lebensberichte, z.B. Rebecca Lolosoli aus Kenia:

Zahlreiche Prominente wie Susan Sarandon, Meg Ryan, Olivia Wilde, Diane Lane, Hilary Clinton, America Ferrera und Eva Mendez haben das Buch gelesen und unterstützen die Initiative, mittlerweile gibt es ein „Half the sky MOVEMENT“, und genau darum geht es Nick und Sheryl: ihre 20jährige schockierende Recherche soll nicht einfach von uns konsumiert und dann ins Bücherregal gestellt werden, um dort zu verstauben. Wir sind Teil des „gendercides“, also müssen wir auch Teil der Lösung werden.

„This is not rocket science. This is not a problem that is unsolvable, that we have to invent something new. It just takes political will!“

So ist es, die Frage ist nur: haben wir diesen politischen Willen? Nick und Sheryl wollen uns für die Sache der Emanzipation (die wir mit Mütter-Rente und Kindergeld-Erhöhungen verbinden, die in vielen Ländern der Welt jedoch eine Frage von Leben und Tod ist) rekrutieren und lassen hierbei auch keine Ausreden gelten. Am Ende ihres Buches gibt es eine lange Liste von Aktionen, die jeder einzelne von uns unternehmen kann, es gibt sogar eine Liste von Dingen, die innerhalb der nächsten 10 Minuten getan werden können:

FOUR STEPS YOU CAN TAKE IN THE NEXT TEN MINUTES

  1. Go to www.globalgiving.org or www.kiva.org and open an account.
  2. Sponsor a girl or a woman through Plan International, Women for Women International, World Vision, or American Jewish World Service.
  3. Sign up for e-mail updates on www.womensenews.org and a similar service, www.worldpulse.com
  4. Join the CARE Action Network at www.can.care.org.

Wer sich, wie z.B. Diane Lane, Olivia Wild und Eva Mendez direkt vor Ort als Freiwillige engagieren möchte, kann sich hier bei Half the Sky ansehen, was es für Möglichkeiten gibt. Besonders an die Mütter unter Ihnen möchte ich besonders appellieren, die große humanitäre Katastrophe unseres Jahrhunderts nicht zu ignorieren, es könnte dazu führen, dass Ihre Kinder Ihnen Fragen stellen, wie unsere Eltern sie unseren Großeltern gestellt haben: „Was hast du während des Krieges getan?“

Seit ich selbst Kinder habe, versuche ich mir immer wieder das Zitat von Desmond Tutu vor Augen zu halten, das wir Eltern uns nicht bewusst genug machen können:

„The hand that rocks the cradle, rules the world.“

“Half the sky“ ist ein wunderbares Buch, bitte lesen Sie es, schenken Sie es jedem Menschen weiter, den Sie kennen, lassen Sie sich inspirieren.

Wenn überhaupt, habe ich nur zwei ganz kleine Kritikpunkte: das Buch wirft die Frage auf „ist der Islam misogynistisch?“ und kommt zwar richtigerweise zu der Antwort, dass er das per Definition nicht ist, die historische Begründung dieser These ist aber sehr oberflächlich und den sonst so ausführlichen Recherchen der beiden Autoren nicht würdig.

Und der zweite Kritikpunkt wäre, dass im Buch die Unterdrückung der Frau in der Dritten Welt thematisiert wird – während unsere erste Welt ungeschoren davon kommt. Uns über die politische Bedeutung der Ungerechtigkeiten in unserem direkten Umfeld und unserer eigenen Biografie bewusster zu werden, ist meiner Ansicht nach aber ebenso wichtig. Die geniale Germaine Greer hat es mal wieder auf den Punkt gebracht:

Melinda Gates found it „a brutal awakening“. Where can she have been? 


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