Fairuz – Stimme des Libanon

Fairuz ist im Libanon eine Art Kreuzung aus Madonna und Mutter Beimer, Diva und Landesmutter zugleich. Bis heute kann man der 82jährigen kaum entgehen wenn man im Libanon Taxi fährt, Radio hört oder in einem Restaurant sitzt. Ihre Musik ist überall, eng verwoben mit der Geschichte des Landes. Manchmal möchte man fast glauben, die Liebe zu Fairuz ist das einzige, was die Libanesen generations- und religionsübergreifend gemeinsam haben; das Bekenntnis zu ihrer Musik kommt einer nationalen Identität so nah, wie es in einem zerrissenen Land wie dem Libanon eben möglich ist.

Fairuz wurde 1934 in einem kleinen Dorf in der Nähe von Beirut als Nouhad Haddad geboren, doch schon als sie noch ein Baby war zog sie mit ihrer Familie in ein kleines Haus in Zuqaq al-Blat, einem ärmlichen Viertel Beiruts. Ihre Wohnung bestand aus einem einzigen Zimmer im Erdgeschoss, Küche und Bad teilten sie sich mit vier weiteren Familien im Haus. Ihr Vater ist syrisch-orthodox und ihre Mutter eine maronitische Katholikin – das ist deswegen so erwähnenswert, weil ihre katholische Herkunft ihren Erfolg im religiös komplexen Libanon nur umso erstaunlicher macht.

„Mein größter Wunsch war es, im Radio zu singen. Man hatte mir gesagt, dort würde man 100 libanesische Pfund im Monat verdienen  ($21.00), das war für mich unvorstellbar. Aber es dauerte eine lange Zeit, bis ich zum ersten Mal einen 100-Pfund-Schein in der Hand hatte.“ 

In ihrer Kindheit konnte sich die Familie gar kein eigenes Radio leisten, wenn Nouhad Musik hören wollte, setzte sie sich in den Innenhof, um durch das offene Fenster der Nachbarn Radio hören zu können. Sie liebte besonders  die Musik von Laila Mourad aus Ägypten und Asmahan aus Syrien, zwei Sängerinnen, die damals sehr berühmt waren und deren Lieder sie sich nach Gehör beibrachte und wieder und wieder sang.

Entdeckt wurde sie schließlich vom Lehrer Muhammad Fleifel, der sie in der Schule singen hörte und ihr Talent sofort erkannte. Er brachte ihr „Tadschwīd“, die hohe Kunst der Koranintonation auf Hocharabisch bei. Bei einer seiner Aufführungen war Halim alRumi anwesend, Leiter der größten libanesischen Radiostation. alRumi war ausschlaggebend für Fairuz‘ Karriere, nicht nur weil er der erste war, der sie im Radio spielte, sondern vor allem, weil er sie Assi Rahbani vorstellte, einem Polizisten und leidenschaftlichen Freizeit-Komponisten, der später nicht nur Fairuz‘ Ehemann und Vater ihrer 4 Kinder wurde, sondern ihre berühmtesten und erfolgreichsten Lieder komponierte.

Ihr erster gemeinsamer Song „Itab“ (Schuld) machte die 17jährige 1952 über Nacht berühmt und alRumi verpasste ihr den Künstlernamen Fairuz, was übersetzt „Türkis“ heißt, weil ihre Stimme ihn an die Brillanz und Präzision eines Edelsteins erinnerte.

Der Rest ist (eine im Libanon tausendfach erzählte) Geschichte. 1954 heiratete sie Rahbani, nur ein Jahr später wurden sie von einem ägyptischen Radiosender eingeladen und verbrachten fünf Monate in Kairo, damals dem musikalischen Epizentrum des Nahen Ostens.

1957 hat sie ihren Auftritt vor großem Publikum: am Fuß der sechs großen Säulen des Jupiter-Tempels in Baalbek, geflutet von blauem Scheinwerferlicht, vor der größten Menschenmenge, die sich dort je versammelt hatte, sang sie „Lubnan Ya Akhdar Hilo“, oh grüner, süßer Libanon.

Selbst Menschen, die damals noch gar nicht auf der Welt waren, haben mir schon von diesem „magischen Moment“ erzählt, er ist aus der libanesischen Geschichte nicht wegzudenken. Von da an bereiste sie Orte, von denen sie in ihrer Kindheit nur träumen konnte, gab Konzerte in Damaskus, Bagdad, Algier, Kairo, Rio de Janeiro, Buenos Aires, New York, San Francisco, Los Angeles, Las Vegas’, Montreal, London, Paris…. Sie hat Goldene Schlüssel unzähliger Städte, selbst den von Jerusalem. Sie spielte für König Hassan II. in Marokko und König Hussein von Jordanien, doch trotzdem blieb sie stets vor allem eine Sängerin des Volkes, des gesamten arabischen Volkes.

Selbst heute, in größter Verzweiflung, sind es Texte von Fairuz und dem syrischen Dichter Nizar Qabbani, den sie sehr verehrte, die die Bewohner an die Wände ihrer zerstörten Häuser schreiben.

„We will be back, oh love“ (berühmter Fairuz-Song)

„Love me, away from lands of sadness & repression,
away from our city which is full of death.“
(Gedicht von  Nizar Qabbani)

Während des blutigen Bürgerkrieges in den 70er Jahren, der den Libanon zweiteilte,  trat sie nur noch im Ausland auf, weil sie nicht Partei ergreifen und verhindern wollte, von irgendeiner Seite für deren politische Zwecke instrumentalisiert zu werden. Ihre Beliebtheit bei den Libanesen hat das nur gesteigert.

“No country can cease to exist. The stones don’t walk.”

Selbst die Anschuldigungen ihres abtrünnigen Sohnes Siad Rahbani vor einigen Monaten, Fairuz sei eine Unterstützerin des radikalislamischen Hisbollah-Chefs Scheich Hassan Nasrallah, hat dem keinen Abbruch getan. Die Loyalität der Libanesen zur „Mutter der libanesischen Nation“ ist groß und 80 Jahre unpolitisches Leben wogen weit schwerer als die Behauptungen ihres Sohnes, der mit seinem Interview zu diesem Thema viel Geld verdiente. Von Fairuz gab es hierzu (natürlich) keinen Kommentar, sie lebt zurückgezogen in Beirut, singt jeden Karfreitag in der Kirche und spricht niemals mit der Presse.

In einem Land, das sich im freien Fall befindet, ist Fairuz eine Konstante, ein Bindeglied, eine Projektionsfläche, auf der sich die Hoffnungen der koptischen Christen ebenso spiegeln wie die der schiitischen Hisbollah-Anhänger, der sunnitischen Syrer oder den Saudi-Arabern. In der Bewunderung für ihre Musik herrscht Einigkeit. Frieden. Der Libanon braucht dringend eine neue Fairuz.

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